ERSTES KOLLOQUIUM DES INSTITUTES FÜR KUNSTWISSENSCHAFTEN E.V.
Sein erstes Kolloquium führte vor einiger Zeit das sich in Gründung befindende Institut für Kunstwissenschaften e.V. der Universität Potsdam durch. Das Thema: „Die erzählerische Dimension: eine Gemeinsamkeit der Künste.“ Gerade mit dieser Problematik reihten sich die Veranstalter in die Vielzahl regelmäßig aufkommender Diskussionen zum Erzählbegriff ein. Die Blickrichtung jedoch erschien lohnend - eine Konzentration auf das Erzählen in traditionell nichterzählenden Künsten. Film, Musik, Plastik, Bildende Kunst, Malerei rückten ins Zentrum der Betrachtung. Die sich bald ergebende Frage lautete: „Wird überhaupt erzählt und wie?“ Deren positive Beantwortung schloß die Übertragbarkeit des Terminus, dessen notwendige Erweiterung und die Abwendung von althergebrachten Sichtweisen ein.
Der Einladung zum wissenschaftlichen Disput waren zahlreiche Gäste gefolgt. Sie kamen nicht nur von der hiesigen Bildungsstätte, sondern auch aus Berlin, Konstanz, Leipzig, Köln und vertraten in ihrer Zusammensetzung die Vielfalt akademischer Beschäftigungsgruppen. Das ausrichtende Institut ist entstanden aus einer Forschungsabteilung der Akademie der Künste in der ehemaligen DDR. Die Kunstwissenschaftler verschiedenster Disziplinen hatten seinerzeit einerseits mit den Künstlern der Akademie, andererseits an Themen zur Kunst des 20. Jahrhunderts gearbeitet. Nach positiver Evaluation durch den Wissenschaftsrat und der Empfehlung, die Gruppe in konzentrierter Form weiterzuerhalten, bot sich über „Zwischenetappen" die Chance einer Anbindung an die Universität Potsdam.
Als nunmehrige Direktorin der Einrichtung fungiert Prof. Dr. Helene Harth, Dekanin der Philosophischen Fakultät I und Inhaberin der Professur für französische und italienische Literatur. Träger des Instituts wird der Verein „Institut für Kunstwissenschaften“ sein, dessen Gründung auf einer ersten Versammlung am 6. Juni 1994 in Potsdam vorbereitet worden ist. Ihm angehören sollen perspekti-
„SPUR DER
In Anlehnung an den Titel eines bekannten DDR-Romanes nannten die Potsdamer Kabarettisten Am Obelisk ihr neues Programm „Spur der Scheine". Nach eigenen Aussagen wechseln spielerische Gesellschaftsanalyse, Selbstironie, böshumorige Schlagerparodien mit schrägen Prophezeiungen ebenso rasant wie Akteure und Publikum ihre Rollen. Das satirische Bühnenspiel in der Regie von Rolf Mey-Dahl gestalten Gisbert-Peter Terhorst, Hans J. Finke, Michael Ranz und Gretel Schulze (v.l.n.r.). Nach der Premiere am 29. Januar 1995 steht das Stück auch am 22., 23. und 24. Februar jeweils um 20 Uhr wieder auf dem Spielplan. Die Karten können unter 0331/291069 telefonisch bestellt werden. Sie kosten zwischen 18 und 25 DM, für Studierende unter der Woche 10 DM. zg.
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visch das Land Brandenburg, wissenschaftliche Hochschulen, weitere wissenschaftliche und künstlerische Institutionen sowie interessierte Künstler und Wissenschaftler. Die gegenwärtigen Forschungsvorhaben zur Narrativik in den nichtnarrativen Künsten erfahren bereits jetzt eine Förderung vom Land Brandenburg und befinden sich an der Uni im Status von Drittmittelprojekten.
Die Angehörigen des Instituts sind teilweise mit Lehraufträgen in den Studienbetrieb eingebunden. So bieten z.B. der Filmspezialist Dr. Jörg Schweinitz und der Kunsthistoriker Dr. Hilmar Frank Veranstaltungen zur „Einführung in die Filmanalyse“ bzw. zur „Einführung in die kunstgeschichtliche Bildanalyse“ an. Dabei wird auch ein Anliegen der Universität deutlich. Ihr Bestreben ist es u.a., die der kunstübergreifenden Arbeit inhärenten innovativen Aspekte auch für die philosophischen Fakultäten fruchtbar zu machen.
„Diesen eingeschlagenen Weg gilt es fortzusetzen", so Prof. Harth. „Das Institut für Kunstwissenschaften e.V. wird seinen Beitrag dazu leisten - nicht zuletzt durch nachfolgende Kolloquia.“ Geplant sind sie zunächst einmal jährlich. P.G.
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WEGE ZUR JÜDISCHEN GESCHICHTE
Verena Dohrn las aus Reiseessays
Einblick in die Entstehung zweier Reisebücher gewährte die Autorin Verena Dohrn (Bremen u. Hannover) zu Anfang des Jahres an der Universität Potsdam. Im Rahmen des Moses Mendelssohn Kolloquiums „Reisen und Schreiben. Wege zur jüdischen Geschichte“ sprach die promovierte Literaturwissenschaftlerin, Historikerin und Slavistin über ihre Bücher „Reise nach Galizien“ (1991) und die „Baltische Reise“ (1994). Die beiden Reiseessays sind das gelungene Resultat zweier Reisen, die die Autorin mit dem Auto und zu Fuß (als „Rucksacktouristin“) in die Ukraine und ins Baltikum führten. Die politische Umbruchzeit bot vielfältige Chancen zur Wahrnehmung von Menschen und ihrer Umgebung. Der Ansatzpunkt und das Ziel für Verena Dohrn ist die jüdische Geschichte. So stellte sie ihren zumeist zufällig gefundenen Gesprächspartnern - „ich hatte nur wenig Adressen im Gepäck“ - überall die gleiche Fragen: „Können Sie sich an Juden erinnern, die hier gelebt haben? Haben Sie Juden gekannt? Leben heute noch Juden hier?“ Überrascht habe sie die Bereitwilligkeit vieler Menschen, ihre Fragen zu beantworten oder ihr anders weiterzuhelfen. Mit einigen stehe sie bis jetzt in telefonischem oder brieflichem Kontakt. Was sie sah und hörte, habe sie „täglich einfach niedergeschrieben, egal, ob im Cafe, auf einer Parkbank oder am Straßenrand“. Von Tonbandaufzeichnungen sei sie abgegangen; diese Technik störe die Nähe im Gespräch.
Das rekonstruierende und reflektierende Schreiben sei erst die zweite Stufe ihrer Arbeit, so Verena Dohm. Als hilfreiches theoretisches Rüstzeug erwiesen sich ihre im Studium erworbenen Kenntnisse. Wichtig ist ihr auch die Auseinandersetzung mit Mythen (z.B. dem in Deutschland verbreiteten Mythos Baltikum) und Verklärungen der Vergangenheit. Reisebücher verschiedenster Schriftsteller stellen ein weiteres Hilfsmittel dar. Grenzländer üben auf die Autorin eine große Faszination aus. In diesen Gebieten herrsche eine Gleichberechtigung der Kulturen unabhängig von deren Größe, und der Mensch bilde den Bezugspunkt. Zugleich treten Widersprüche offener zutage.
Die Diskussion konzentrierte sich vor allem auf die Frage, was die Autorin mit ihrem Schreiben erreichen wolle. „Die Kenntnisnahme der osteuropäischen Kultur in Deutschland war immer schwierig. Vielfach herrschte Arroganz dem Ostjuden gegenüber. Ich möchte rekonstruieren, was ausgelöscht wurde, und dies in Erinnerung bringen“, lautete die Kernaussage der Autorin. Daß die Beschäftigung mit jüdischer Geschichte in politisches Engagement münden sollte, for-
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