POLITIK AUS ERSTER HAND
Die PDS-Bundestagsabgeordnete Christa Luft sprach an der Universität
Nachdem in den vergangenen Semestern mehrere männliche Politikergrößen in der Reihe „Politik aus erster Hand“ das Wort hatten, eröffnete die PDS-Bundestagsabgeordnete Christa Luft am 1. Februar nun eine Vortragsserie prominenter Politikerinnen Deutschlands, die auf Initiative von Prof. Dr. Wilhelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Potsdamer Universität zu Fragen der Zeit sprechen. ,Von der Zentralverwaltungs- zur Marktwirtschaft - Transformationserfahrungen in Ostdeutschland“ - so hieß das Thema, zu dem Christa Luft vier Thesen zur Diskussion stellte.
„Der Übergang von der Zentralverwaltungswirtschaft zur Marktwirtschaft wurde und wird von den meisten Ostdeutschen als undemokratisch und wenig marktwirtschaftlich erlebt“, so die erste These der früheren DDR-Wirtschaftsministerin in der Modrow-Regierung. Dies lag ihrer Erfahrung nach am mangelnden Einfluß der Bürger in den Neuen Bundesländern an diesem Prozeß. 80 Prozent von ihnen fühlten sich dabei mehr in der Objektrolle. Die Ursachen dafür seien einerseits im niedrigen Informationsniveau von seiten der beiden deutschen Regierungen im Wahljahr 1990 zu sehen, andererseits gab es auch von Seiten der Bevölkerung keine Bereitschaft, die von einigen Oppositionspolitikern damals schon vorgetragenen Bedenken wahrzunehmen.
Als Gründe nannte Christa Luft die „D- Mark-Narkotisierung" und die Tatsache, daß sich das DDR-System moralisch diskreditiert hatte. Daher wurden alle Versuche einer eigenständigen DDR skeptisch abgelehnt. Die erste Weichenstellung für die schnelle Transformation der DDR-Wirt- schaft in die Marktwirtschaft sah Christa Luft in der Währungsunion. Ihrer Meinung nach hatte diese Union rein politische Ziele und beruhte nicht auf ökonomischen Überlegungen, da schließlich die Arbeitsproduktivität der DDR unter der der Bundesrepublik gelegen habe und ohne Anpassungschancen gewesen wäre.
Die zweite Weichenstellung, das Treuhandgesetz, kritisierte die Politikerin vor allem wegen der schnellen, radikalen Privatisierung, die anstelle des Erhalts industrieller Kerne, wie des Eisenhüttenkombinats-Ost, und deren zeitweise Überführung in staatliche Hände, praktiziert worden wäre. Dies hätte es, beispielsweise mit VW in der Vergangenheit auch in der Bundesrepublik gegeben. Auch die Rezessionsphase sei bei der raschen Privatisierung nicht genügend beachtet worden. „Es war klar, daß dies zu einem schnellen Verlust an materiellen und
Qualifikationspotentialen führen mußte“, schloß sie ihre erste Negativbilanz ab. Trotz der mittlerweile guten marktwirtschaftlichen Infrastruktur im Osten Deutschlands könne man noch nicht von einer funktionierenden Marktwirtschaft sprechen. So die zweite These von Christa Luft. Der Wettbewerb als Konstitutiv dieser Wirtschaftsform sei durch die Art und Weise der Privatisierung wenig entfaltet worden. Denn: 85 Prozent der ostdeutschen Betriebe sind an westdeutsche Unternehmen verkauft worden, oft gleich im ganzen Stück an den westdeutschen Konkurrenten. Damit sei die Wirtschaft in den Neuen Bundesländern zu einer „Dependence-Ökono- mie" geworden,
Wenn mehr als die sechs Prozent ostdeutscher Betriebe an ausländische Unternehmen verkauft worden wäre, stünde der Osten ihrer Meinung nach heute nicht nur als Absatz- sondern auch als Produktionsgebiet da. Doch so, wie die Transformation gelaufen ist, habe es keinen Wettbewerbsschub gegeben, der Wettbewerb sei eher geschwächt worden, lautete die Position der Politikerin. Zudem fehle den Ostbetrieben die Möglichkeit zur Preiskonkurrenz. Und angesichts des Rückganges des Forschungs- und Entwicklungspotentials von 100 auf 13 Prozent könne auch nicht von einer Innovationskonkurrenz im Osten Deutschlands gesprochen werden.
„Die Transformation der Zentralverwaltungswirtschaft in die Marktwirtschaft geschah fast ausschließlich als Abwicklung statt als Adaption leistungsfähiger Potentiale“, hieß die dritte These Christa Lufts. Als Beispiele nannte sie die ehemaligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) als eine Struktur, die ihrer Ansicht nach im nächsten Jahrtausend in der europäischen Landwirtschaft die vorherrschende Betriebsform sein wird. Das System der Sekundärrohstofferfassung (SERO) und die Lehrwerkstätten waren für die Politikerin weitere Bestandteile eines DDR-Erbes, welches der neue Staat hätte erhalten müssen, Statt dessen wäre „eine im Westen kritisierte Bürokratie kritiklos auf den Osten übertragen worden ... Für die Transformation wurde die wirtschaftlich teuerste und menschlich demütigendste Form gewählt", faßte sie ihre dritte These zusammen und bezeichnete dies provokant als „größte Vernichtung von Human- und Sachkapital zu Friedenszeiten in Deutschland“ .
In ihrer vierten These machte Christa Luft deutlich, daß wirtschaftliche Erfolge im Osten nicht am Ttempo der Privatisierung zu messen seien, sondern daß nur ein selbst
tragender Aufschwung erfolgreich sein könne. Daß dies noch lange nicht erreicht ist, machte sie an eindrucksvollen Zahlen deutlich: Bei einer achtprozentigen Steigerung jährlich hätten die neuen Bundesländer erst in 20 Jahren das Industrialisierungsniveau des Westens von 1993 erreicht, und von 1000 Einwohnern im Osten sind nur 43 in der Industrie beschäftigt. Der Aufschwung in den Neuen Bundesländern beruhe nicht auf einem hohen Export oder einer erhöhten Binnennachfrage, sondern vor allem auf den finanziellen Transferleistungen aus dem Westen, Um das zu ändern, dürfe man nicht allein auf die Kräfte des Marktes hoffen. „Hier ist der Staat als Geburtshelfer der Marktwirtschaft gefragt“, forderte Christa Luft und nannte als mögliche Maßnahmen eine aktive Arbeitsmarktpolitik, Investitionszulagen in Verbindung mit der Schaffung und dem Erhalt von Arbeitsplätzen sowie eine Innovationsoffensive.
In der nachfolgenden Diskussion machte die Politikerin noch einmal deutlich, warum sie in ihrer Analyse der DDR-Ökonomie von einer Zentralverwaltungs- und nicht von einer Planwirtschaft spreche. So hätte von den Betrieben überhaupt nicht geplant werden können, weil die Festpreise keine realen Preise waren und auch die Wechselkurse mit dem Ausland nicht der tatsächlichen Relation entsprachen. So sei eine Defizitwirtschaft entstanden, durch die der Begriff der Planwirtschaft unnötig diskreditiert wurde,
Christa Luft zeigte sich zuversichtlich, daß sich die Ostdeutschen - ohne Nostalgie - langsam ihrer Stärken und Potentiale wieder bewußt werden und die Akzeptanz westdeutscher Muster schwächer werde. Wenn Deutschland besser werden soll als die alte Bundesrepublik und DDR zusammen, müssen sich die Ostdeutschen selbstbewußter einmischen“, so ihr abschließendes Plädoyer. Markus Wicke
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Politik aus erster Hand konnten Interessierte durch die Referentin Prof. Dr. Christa Luft erfahren, die heute für die PDS im Bundestag sitzt und von 1989-90 als Stellvertretenn des letzten DDR-Ministerpräsidenten Modrow fungierte.
Foto: zg.
PUTZ 3/95
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