WIE ENTSTEHT INFORMATION?
Zu einer Plenarsitzung der Akademie der Wissenschaften in Potsdam
„Information ist das, was wir nicht wissen, nachdem wir alles berücksichtigt haben, was wir wissen.“ So lautete eines der Resümees, die der Chemie-Nobelpreisträger und Direktor des Max-Planck-Instituts für biophysikalische Chemie in Göttingen, Prof. Dr. Manfred Eigen, in einem wissenschaftlichen Vortrag vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften hielt. Eingebettet war dieser Vortrag in die erste Plenarsitzung, welche die mathematisch-naturwissenschaftliche Klasse der Akademie in diesem Jahr durchführte. Sie fand in Brandenburg, genauer gesagt an der Universität Potsdam, statt und erfreute sich eines regen Teilnehmerinteresses.
Nach den Worten von Prof. Dr. Hubert Markl als dem Präsidenten der Akademie möchte man es künftig zu einer guten Tradition werden lassen, sich zumindest einmal jährlich in Form von Veranstaltungen in Wissenschaftseinrichtungen des Landes Brandenburg der wissenschaftlichen Öffentlichkeit vorzustellen. Wir nehmen die Vertretung Berlins und Brandenburgs ernst“, betonte Markl. Diese Worte wurden sowohl vom Staatssekretär des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Prof. Dr. Friedrich Buttler, als auch von Rektor Prof. Dr, Rolf Mitzner erfreut aufgenommen. Während Buttler die Ehre hervorhob, die jeder Universität durch eine Sitzung einer solch „anerkannten, disziplin- übergreifenden Wissenschaftsorganisation“ zuteil werden würde, erklärte Mitzner, daß man sich an der Universität Potsdam durchaus auch als ein Tteil der Berliner Wissenschaftslandschaft fühle.
Im Anschluß an diese einleitenden Bemerkungen galt die Aufmerksamkeit der versammelten berlin-brandenburgischen Wissenschaftler dann ungeteilt Manfred Eigen. Der Chemienobelpreisträger, der außerordentliches Mitglied der Akademie ist und von ihren Mitgliedern 1994 mit der Helm- holtz-Medaille gewürdigt wurde, hat grundlegende theoretische Arbeiten über die chemischen Selbstorganisationsprozesse bei der Entstehung des Lebens verfaßt. Auch entwickelte er experimentelle Methoden zur Analyse molekulargenetischer Reaktionen, die weltweit Beachtung fanden und finden.
An der Universität Potsdam trug der Vortrag von Manfred Eigens den Titel: Wie entsteht Information?“ Diese Frage beantwortete er zunächst mit dem Zentralen Nervensystem. Das Gehirn als zentrales Denkorgan könne als (vorläufige?) Endstufe der Information gesehen werden, das diese zu ihrer Entstehung aktuell zwar benötige. Doch stellte Eigen klar fest, daß Information auf jeden Fall vor dem Entstehen dieses zentralen Denkorgans dagewesen wäre - und das seit circa vier Milliarden Jahren, was in etwa dem Alter des Planeten Erde entspricht. Der Wissenschaftler setzte in der Folge die frage nach der Entstehung von Information
nahezu identisch mit der frage nach der Entstehung von Leben. Wie also entsteht Leben? Durch genetische Information auf molekularer Ebene oder, anders ausgedrückt, durch die entgegengesetzte Kopie des genetischen Informationsträgers DNA einer Zelle in eine R-DNA, Aber, so Manfred Eigen, wenn nun bei dieser komplementären Paarbildung im Zuge der Herstellung von DNA und R-DNA keinerlei Fehler passieren würden, dann könnte letzten Endes auch nichts Neues entstehen. Folglich sei die Entstehung von Information auf Mißbildungen, auf Mutationen, auf Katastrophen angewiesen. Wenn keine Fehler gemacht werden können, ist alles im Gleichgewicht, kann nichts Neues und somit auch keine Information entstehen. Wenn allerdings zu viele Fehler gemacht werden können, geht das große Ganze, der Zusammenhalt, verloren, und kann auch nichts Neues entstehen“, erläuterte der Chemiker.
Genetische Information entstehe also durch Selektion, deren Reproduktion nicht in ein Gleichgewicht übergeht. Somit lautet die Grundvoraussetzung für die Definition von Information, daß sie wirklich immer wieder neu entstehen muß und nicht einfach nur dasein kann. „Die Semantik der Information ist Selbsterhaltung“, erklärte Manfred Eigen, Die betrachteten molekulargenetischen Prozesse seien folglich auch selbsterzeugend und somit autokatalytisch, was jedoch glücklicherweise nicht bedeute, daß sie fehlerlos abliefen.
Berechnungen und Manipulationen des Funktionsmechanismus der Evolution führen Prof. Dr. Eigen und andere Wissenschaftler mittlerweile auch experimentell an sogenannten „Evolutionsmaschinen“ durch. Darauf basierend, übertragen sie ihre Erkenntnisse auf andere Systeme, z.B. auf Immunsysteme und das Zentrale Nervensystem. „Dies ist u.a, im Hinblick auf Immunkrankheiten oder Virenerkrankungen des Körpers und dessen eventuelle Heilungschancen von Interesse“, teilte der Referent mit. Doch zog er ebenfalls eine Verbindungslinie zu Sprachen als den kommunikativen Informationsträgern der Menschen und erklärte: „Die Sprachen sind nach ganz ähnlichen Kriterien organisiert wie die uni-
Das Siegel der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften geht auf Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) zurück; es stellt einen Adler dar, der - die wissen- schafthche Erkenntnis symbolisierend - zum Sternbild des Adlers emporschwebt.
verseile genetische Sprache.“ So ließen sich dabei - ausgehend beispielsweise von einer Analyse der Symbolfrequenzen unserer Sprache - Rückschlüsse auf die Entstehung von Information im Gehirn des Menschen ziehen. Möglicherweise können sich die Wissenschaftler auf ihrer Suche nach der Entstehung von Information ja auch der Struktur und Funktion unseres Denkorgans annähern, über das sie derzeit noch zu wenig wissen, um die frage, wie Information im menschlichen Gehirn entsteht, sicher beantworten zu können. Hg.
Chemie-Nobelpreisträger Prof Dr Manfred Eigen vor der mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Potsdamer Universität Foto: Rüffert
PUTZ 3/95
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