Heft 
(1.1.2019) 03
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UNENDLICHE GESCHICHTE MIT VIELEN UNBEKANNTEN

Uni Potsdam von mangelndem Verkehrskonzept der Landeshauptstadt betroffen

Die Uni wird solange nicht in den Köpfen der Potsdamer existieren, wie deren vier Enklaven außerhalb des Stadtzentrums derart schlecht verkehrstechnisch erreichbar sind. Unzumutbare Radwege, inklusive des Verbots, die Parks zu durchfahren, keine Nutzung des Traumobjekts S- Bahn für die Verbindung der vier Uni-Komplexe, ein unerschlossenes Straßenbahn- und Busnetz, das die Fahrzeit zwischen zwei Semina­ren bis zu über drei Stunden anwachsen lassen kann, sind alles andere als optimal. Der Student Stefan Zellmer bringt es auf den Punkt. Zur Zeit herrschen auf Potsdams Straßen, Wegen und Schienen katastrophale Zustände. Davon betroffen sind leider auch Studierende und Mitarbeiter der hier angesiedelten Universität. Sie hoffen seit langem auf eine günstige Verbindung zwischen den Hochschulstandorten Am Neuen Palais, Golm, Griebnitzsee und Park Babelsberg. Gegenwärtig gilt es jedoch, sich mit dem Chaos zu arrangieren. Das bedeutet, daß allein die Fährt von der August-Bebel-Stra- ße zum eigentlich nahe gelegenen Park Babelsberg schon mal eine Stunde dauern kann. Das Zurücklegen der Strecke Golm-August-Bebel-Straße gerät gar oftmals zur mehrstündigen Odyssee.

Um selbst etwas zur Lösung des Problems beizutragen, rief der Senat der Alma mater bereits vor Jahren eine Kommission für Ver­kehrsplanung ins Leben. Deren Leitung hat heute die Romanistin Prof. Dr. Helene Harth inne. Das Bestreben aller um sie Versam­melten ist es, zunächst die jeweiligen Verantwortungsträger wenigstens zu ge­meinsamen Gesprächen zusammenzufüh­ren.Diese Unterredungen sollten dann in der Konsequenz ein koordiniertes Handeln nach sich ziehen, sagt sie. Die bisher er­reichten Ergebnisse sind allerdings vorerst eher bescheiden,

Immerhin existiert nun ein Forschungspro­jekt am Lehrstuhl für Wirtschafts- und So­zialgeographie, das eine Bedarfsermittlung aufgrund der Verkehrsströme zum Inhalt hat. Die Untersuchung soll mit konkreten Resultaten bis zum Ende des Jahres abge­schlossen sein,

Jetzt leuchtet ein weiterer Hoffnungsschim­

mer am Horizont. Die Deutsche Bahn-AG unterbreitete das Angebot, die Regional­züge von Nauen im Ein-Stunden-Rhythmus nach Griebnitzsee durchfahren zu lassen. Notwendige Voraussetzung: die Sanierung des betreffenden Bahnsteigs. Völlig offen dabei ist die Finanzierung. Die Kassen der Uni sind leer, und auch die Stadt Potsdam kann nicht zahlen. Prof. Harth dazu:Die Sanierungsmaßnahme würde ca. 70-80.000 DM kosten. Dieser Betrag erscheint ver­gleichsweise gering. Vielleicht gelingt es uns doch noch, Unternehmen wie die Bahn- AG oder Sponsoren für das Vorhaben zu gewinnen.

Einen Erfolg gibt es dennoch, Am S- Bahn­hof Griebnitzsee wird ein südlicher Uinnel- ausgang gebaut. Den dafür notwendigen Vertrag hat Oberbürgermeister Horst Grämlich mit der Deutschen Bahn-AG un­terzeichnet. Nutznießer wären vor allem die südlich der Bahnlinie lebenden Babelsber­

ger Einwohner und natürlich die Studenten. Und das sind in der Juristischen 1617 und in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaft­lichen Fakultät 986 junge Leute (WS '94/95). Sie alle warten auf die Fertigstellung der Unterführung. Die Verantwortung hierfür liegt in den Händen der Stadt. Die Bahn-AG zeigte sich kürzlich dazu wenig informiert. So war deren Pressestelle in Potsdam auch nach viertägiger Recherche nicht in der Lage zu klären, warum zum Beispiel seit einiger Zeit ein Fußgängertunnel am S- Bahnhof Griebnitzsee vernagelt ist. Fazit: Die langen Umwege bleiben den Betroffe­nen wohl auch weiter erhalten.

Ganz hoch in der Gunst der Studierenden stehen Fahrräder. Die dazugehörigen Rad­wege zählen zu den Seltenheiten der mär­kischen Landeshauptstadt. Pläne zu deren Schaffung gibt es - sie reichen bis ins näch­ste Jahrtausend. Bleibt zu hoffen, daß zu­mindest die gerade zugesagte Realisierung des im Rahmen von ÄBM-Leistungen an­gedachten Radweges vom Neuen Palais durch die Lindenallee nach Eiche/Golm wirlich 1996 vonstatten geht!

Die Hochschulleitung selbst favorisiert eine Vernetzung der Uni-Standorte auf dem Schienenwege. Aber auch anderen Varian­ten verschließt sie sich nicht. Prof. Dr. Ernst Schmeer, Direktor des Instituts für Berufs­pädagogik/Berufliche Fachrichtungen Elektro- und Metalltechnik der Einrichtung, bietet eine solche. Er schlägt den Einsatz von Solar-Bussen vor, Die Idee dazu ent­stand in zahlreichen Gesprächen mitsei­nen Studenten, letztlich aber durch die wis­senschaftliche Beschäftigung mit regene­rativen Energien. Erst nach und nach erhielt die ProjektskizzeNeues universitäres Verkehrssystem in Potsdam deutliche Kon­turen. Sie stellt nun aber ein phantastisches Modell zukunftsorientierter Nahverkehrs­technologie dar. Ihr zugrunde liegt die Ab­sicht, die vier Uni-Standorte spätestens bis zum Jahr 2000 mit Solar-Bussen zu verbin­den. Das ist Prof. Schmeer allerdings zu langfristig.Ich möchte unbedingt noch in diesem Jahr mit konkreten Realisierungs- Arbeiten beginnen", drängt er. Die Konditio­nen hierfür sind auch klar: ein bestätigtes Konzept und eine gesicherte Finanzierung. Die für ihn so interessanten Niederflur-Bus- se hat er bereits 1992 auf der Hannover- Messe gesehen. Sie gleichen im Outfit den gewohnten Verkehrsmitteln und bieten für ca. 40 Personen Platz. Einziger Unter­schied: An der Rückfront existiert eine Batterieausladefläche, die für den Busfahrer mittels einer Klappe zugänglich ist. Der Austausch der Batterien erfolgt dann in weniger als fünf Minuten an einer zu bau-

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Das illegale Überqueren der Gleise am Bahnhof Griebnitzsee gehört dazu. Nun ist der Tunnel-Durchgang völlig gesperrt. Neue Ideen müssen her... Foto: Thbukeit

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PUTZ 3/95