STUDIOSI
QUER DURCH DEN SINAI
Eine Studentenexkursion in das Land der Pharaonen
Ägypten - Land aller Träume, Land der Pharaonen. Eine Exkursion der Universität Potsdam während des vergangenen Wintersemesters ermöglichte 20 Studenten die Sicht auf dieses Land. Aber würden wir dieses Ägypten finden? Bekämen wir eine Chance, hinter die Fassaden blicken zu dürfen? Was würde uns erwarten? Das Reiseziel wohlbemerkt war nicht Ägypten, sondern der Sinai - ein Trenngebiet inmitten der Kontinente Asien und Afrika, eingeschlossen vom Mittelmeer und dem Roten Meer.
Der Transport mit dem Kamel ist typisch für den Sinai und faszinierte die studentischen Exkursionsteilnehmer aus dem brandenburgischen Potsdam. Foto: Weiland
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Daß diese Reise sehr fruchtbare Ergebnisse hervorrufen mußte, war aus einem Grund bereits vorher zu erwarten. Dr. Christian Tietze aus dem Historischen Institut organisierte die Exkursion interdisziplinär. Sein Ziel war es, den Geschichtsbereich mit anderen Bereichen zu verknüpfen. Nicht nur Geschichtsstudenten sollten privilegiert sein, an einer Exkursion diesen Ranges teilzunehmen. Um den wissenschaftlichen Überblick zu erweitern, koppelte Dr. Tietze bereits im Vorfeld die Bereiche Politik, Geographie und Sozialwissenschaften mit dem Geschichtsbereich. Der Exkursion, die hauptsächlich vom DAAD, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, finanziert wurde, kamen somit weitere Mittel aus den Universitätsbereichen zugute.
Der Sinai - verschiedenartig in seiner Landschaft, seinen Menschen, dem Lebensrhythmus. Mit europäischen Maßen kann man hier nicht messen. Erst muß man die Denkweise der Ägypter verstehen und akzeptieren, doch auch dann ist es noch nicht einfach, die Probleme zu begreifen, die dieses Land prägen. Vorausschauend wurden von Dr. Tietze Vorträge organisiert, die uns diesen wichtigen Einstieg vereinfachten. Probleme wurden hierbei offengelegt, die uns ein weites Spektrum ägyptischen Denkens offenbarten. Hierbei wurde kein Thema ausgespart. Dr. Nastansky, der Leiter des DAAD Kairo, sprach über das Bildungssystem in Ägypten, Dr. Claus von der Gesellschaft für "technische Zusammenarbeit
äußerte sich zu Fragen der Entwicklungshilfe, Dr. Pflugrad-Abdel Aziz über deutsche Architekten in Ägypten und Herr Wenzel von der deutschen Botschaft zu Fragen der Innen- und Außenpolitik Ägyptens.
Auf unserer Reise gen Osten konnten wir direkt vor Ort Probleme erfahren. So wurde beispielsweise eine Stadt nahe Kairo im sozialistischen Baustil mitten in die Wüste gesetzt. Sie ist nicht bezogen, weil die Gelder für eine Wasserleitung nicht ausreichten. Das war Anlaß, über Infrastruktur, Planungsansätze und Zielvorstellungen zu diskutieren.
Zwei läge lang hielten wir uns in Zagazig, einer Großstadt im Ostdelta, auf, wo Dr. Tietze die Ausgrabung einer antiken Tfempelanlage der Katzengöttin Bastet leitet. In der landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Zagazig diskutierten wir mit Studenten über ihr Leben und ihre Hoffnungen. Hier kamen wir erstmals in direkte Berührung mit den Einwohnern des Landes. Gerade weil der Altersunterschied nicht bemerkbar war, kam es zu lebhaften Diskussionen und Gesprächen.
Weil der Sinai ein Gebiet ist, daß vielfältiger nicht sein könnte, teilten wir uns in drei Arbeitsgruppen. Eine Gruppe fuhr in den kargen Norden, der von Tourismusführern noch völlig ausgespart geblieben ist. Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit der Oase Faran. Hier stand in antiker Zeit ein Bischofssitz, der in den Grundbausteinen noch sichtbar ist. Am Katharinenkloster
schließlich hielt sich unsere dritte Gruppe auf, um hier das Leben der Mönche zu beobachten und die Bibliothek in Augenschein zu nehmen, die den zweitumfangreichsten Bücherschatz nach dem Vatikan besitzt.
Jeder Student hatte eine spezielle Aufgabe, die es zu bearbeiten galt. Aus diesem Grund hatten wir uns geteilt. Jeder sollte in Ruhe seiner Aufgabe nachgehen können. Die Nordgruppe fuhr beispielsweise in ein Beduinenmuseum, um sich dort nähere Informationen über das Leben der ehemaligen Nomaden einzuholen. Auch gelang es ihnen, Gespräche mit „echten" Beduinen zu führen, die sehr aufschlußreich waren. Die Gruppe, die sich der Besichtigung der Oase Faran verschrieben hatte, beschäftigte sich hauptsächlich mit der genauen Besichtigung des Bischofssitzes und der ökologischen Probleme vor Ort. Auch hier wurden intensive Gespräche geführt, die in einer Sammlung der Arbeiten nachzulesen sein werden. Im Katharinenkloster beschäftigte man sich mit der Musik. Einige Studenten hörten die Choräle der Mönche. Das heißt, daß sie tatsächlich an einem Gottesdienst teilnehmen durften. Auch die Bibliothek durfte besucht werden, die normalen Klosterbesuchern verwehrt bleibt. Daß dies möglich wurde, verdanken wir dem Sprachumfang unserer Arabistin Dr. Renate Schmidt, die uns bei vielen Übersetzungsproblemen zur Seite stand. Letztlich jene Studenten, die den Süden bereisten, hatten Arbeit und Freizeit eng miteinander gekoppelt. Sie räumten Strände von Plastikflaschen leer, besichtigten Müllverbrennungsanlagen und schnorchelten im Roten Meer, einem an Korallen und verschiedenen Fischarten reichen Gewässer. Sie nahmen Wasserproben und werteten sie aus. Außerdem machten sie sich mit dem sogenannten Storchenprojekt vertraut. Über ihre Arbeit ist ein kurzer Film gedreht worden, der bei den Teilnehmern der Exkursion einzusehen ist.
Nach einer Woche trafen wir uns alle am Katharinenkloster wieder und beendeten die Route durch den Sinai gemeinsam. Wichtig für uns alle war gewesen, daß wir die Bevölkerung beobachten konnten, Gespräche vor Ort führten und dadurch unserer konkreten Aufgabenstellung wesentlich näher kamen.
Bereits im Januar diesen Jahres fanden wir uns erneut zusammen, um unsere Arbeiten vorzustellen, die ein rundes Bild vom Sinai gezeichnet haben. Wir danken Dr. Renate Schmidt, Dr. Bernd Tbchochner und nicht zuletzt Dr. Christian Tietze für die fachkundige Begleitung.
Über die Reise wird es eine Ausstellung in den Räumen der Universität geben, die voraussichtlich Ende Apnl zu sehen sein wird.
Anett Weiland
PUTZ 3/95
Seite 29