BILDER ALS QUELLEN DER ERZIEHUNGSGESCHICHTE
Zur Jahrestagung 1995 der Historischen Kommission der DGfE
Bilder sind für uns heute scheinbar alltägliche Selbstverständlichkeiten. Wir leben in einem „visuellen Zeitalter“ und sind umgeben von einer wahren „Bilderflut“: in Zeitungen und Zeitschriften, auf Plakatwänden und in Fotoalben, im Kino und im Fernsehen. Daß die Bilder dabei zu unterschiedlichen Zwecken eingesetzt werden, ist uns meistens bewußt: zur Illustration und Abbildung, zu Werbung und Dokumentation, zu Unterhaltung und Erinnerung. Gleichwohl hat die historische Forschung erhebliche Schwierigkeiten, Bilder als Quelle für geschichtliche Epochen und Fragestellungen zu „lesen“. Insofern stieß das Thema „Bilder als Quellen der Erziehungsgeschichte“ der diesjährigen, mit über 80 Teilnehmern seit längerem größten Jahrestagung der Historischen Kommission der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) auch außerhalb der Kommission auf erfreulich große Resonanz.
Die noch jüngere Diskussion über den historischen Quellenwert von bildlichen Darstellungen (Bilder, Zeichnungen, Fotos) wird gegenwärtig mit breitem interdisziplinären Interesse geführt. Dies zeigte sich nicht zuletzt in der Tätsache, daß sich während der Konferenz Bildungshistoriker unterschiedlichster Provenienz zu wissenschaftlich teilweise kontrovers geführten Diskussionen zusammenfanden. Vom Vorstand der Historischen Kommission (Prof. Dr. Hanno Schmitt, Potsdam; Prof. Dr. Christoph Lüth, Potsdam; Prof. Dr. Hans Jürgen Apel, Bayreuth) in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl Historische Pädagogik I der Universität Potsdam organisiert und in den Räumen des Pädagogischen Landesinstituts Brandenburg (PLIB) durchgeführt, fand die Tägung großzügige finanzielle Unterstützung durch die Universität Potsdam.
Zentral war in allen Beiträgen die Hage nach dem Quellenwert und der Quellenkritik bildlicher Darstellungen. Dabei zeigte sich, daß der methodische Zugang zu dieser bislang wenig bzw. nur zu Illustrationszwecken beachteten Quellengattung mindestens ebenso vielgestaltig ist wie das überlieferte Material selbst. Von einer fundierten, allgemein anerkannten historischen Bildkunde, die Grundsätze und Methoden der Analyse und quellenkritischen Bearbeitung von Bildern als historische Quelle zum Gegenstand hat, kann man zumindest für den Bereich der Erziehungsund Bildungsgeschichte noch nicht sprechen. Doch die z.T. noch jüngeren Wissenschaftler zeigten mit ihren Referaten auf der Tägung Ansätze dazu.
Insofern war es für den Verlauf der Tägung ein Glücksfall, daß Heike Tälkenberger
(Stuttgart) in ihrem Eröffnungsvortrag „Historische Erkenntnis durch Bilder? Zur Methode und Praxis der Historischen Bildkunde" ein Raster bereits erprobter und ausgewiesener Methoden der historischen Bildkunde entwickelte und an Beispielen erläuterte. Diese methodisch fundierte Bildanalyse zur Erforschung histonscher Fragestellungen zeigte, wie mehrdimensional diese Quellengattung ist und daß sie deshalb aus verschiedensten Perspektiven „zum Sprechen“ gebracht werden muß. Tälkenberger unterschied aus der Perspektive der Realienkunde, der Ikonologie, der seriellen Ikonographie, der Fünktionsana- lyse, der Semiotik und der Rezeptionsästhetik den Blick auf „das“ Bild. Dabei berücksichtigte sie dessen Darstellung, Motivgeschichte, Produktion und Distribution, soziale Entstehungsbedingungen, Funktion, Rezeption und historische Bedeutung. Dieses Raster machte deutlich, daß so die unterschiedlichen Bedeutungsebenen einer bildlichen Darstellung durch Verschachtelung und komplementäre Ergänzung verschiedener Interpretationsansätze erfaßt und begriffen werden können. Das Bild, das ja nicht nur realitätsabbildend, sondern auch realitätsstiftend ist, wird somit als „Ganzes“ interpretiert, verknüpft mit anderen historischen Fragestellungen und nicht nur wegen eines Tteilaspektes herangezogen. Insofern müsse nach Tälkenberger der Bildbegriff erweitert werden vom Kunstwerk zum visuellen Zeichen. Das wiederum ermögliche, die Phantasieproduktion einer Gesellschaft und damit das (historische) Bewußtsein zu erfassen.
Zur kritischen Wertung bedarf das Bild nicht selten der Ergänzung und/oder Berichtigung durch andere (schriftliche) Quellen der Überlieferung. Das zeigte auch Rolf Winkeier (Freiburg) anhand des Gemäldes „Jobs als Schulmeister“ (1845) von Johann Peter Hasenclever modellhaft. Diese Problematik prägte auch die noch folgenden Beiträge in der Plenumsveranstaltung und in den Arbeitsgruppen zu „Quellenbeständen", „Bilder(n) als Unterrichtsmedium", „Fallstudien aus dem 18. Jahrhundert" und „Reformpädagogik“.
Jörg-W Link, Flank Tosch
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Das Bild ist im Original 21 cm lang und IS cm hoch. In einer 1780 erschienenen Erklärung heißt es u.a,: „Bei dem Dienstmädchen leitet man die Unterredung auf dienen und herrschen, befehlen und gehorchen, Unterschied der Stände, gegenseitige Pflichten der Dienstboten und Herrschaften; Erzählungen von guten und schlechten Domestiken, und wie es ihnen gegangen; Beispiele von Kindern, die guten Bedienten schlecht begegneten, und wie es ihnen gegangen: Verhältnis der Kinder gegen das Gesinde; Unterschiede der Kleidung des Dienstmädchens und der Mutter; woher er komme. Niemand muß sich über seinen Stand kleiden. Niemand muß mehr ausgeben, als er einnimmt. " (Aus: Trapp. Ernst Christian: Versuch einer Pädagogik. Berlin 1780, S. 90)
PUTZ 8/95
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