Heft 
(1.1.2019) 08
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NOCH IM SCHWEBEZUSTAND

Grundlagenprobleme der Sonderpädagogik beraten

Nicht alle Mädchen und Jungen sind in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen in der Schule so zu folgen, daß sie zufriedenstellende, gute oder gar sehr gute Leistungen erbringen. Die Ursachen dafür sind höchst unterschiedlich. Bei einigen Kindern sind regelrechte Lembehinderungen festzustellen, größtenteils hervorgerufen durch Schä­den in der frühgeburtlichen Entwicklungsphase, aber auch sozial bedingt. Daraus re­sultieren Lembeeinträchtigungen, die insbesondere im muttersprachlichen Bereich, in der Mathematik und in den Rremdsprachen auftreten. Betroffen sind jene Fächer, die intensive Denkleistungen erfordern, um zu Ergebnissen zu gelangen. Bei lembe- hinderten Schülerinnen und Schülern liegt zumeist erhebliches allgemeines Schul­versagen vor - sie versagen am sogenanntenNormbegriff. So jedenfalls definieren es die Wissenschaftler.

Im Interesse dieser Kinder muß nach ei­nem erstellten Gutachten von den Eltern entschieden werden, ob der Schulbesuch in einer Allgemeinen Förderschule, außer­halb Brandenburgs als Lernbehinderten­schule bezeichnet, oder in einer Schule mit mtegrativen Klassen fortzusetzen ist. Prof. Dr. Gerda Siepmann, Inhaberin des Lehr­stuhls für Lernbehindertenpädagogik im Institut für Sonderpädagogik der Philoso­phischen Fakultät II, plädiert vehement dafür, hier wie anderswo stärker vorbeu­gend zu wirken. Sie ist davon überzeugt, daß dieLernbehindertenpädagogik ohne präventive Förderung, ohne Frühbetreu­ung und Frühförderung heute nicht mehr zeitgemäß ist'. Dies bekräftigten auch die 160 Tteilnehmer des kürzlich an der Univer­sität Potsdam durchgeführten dreitägigen wissenschaftlichen SymposiumsGegen­wärtige und zukünftige Aufgaben in der Lernbehindertenpädagogik.

Die Wissenschaftler und Praktiker beschäf­tigt in dem Zusammenhang zunehmend die Frage, ob die Integration von Lernbe­hinderten eine gut gewählte Zielrichtung ist und welche Problemzonen damit ver­bunden sind. Aus Gerda Siepmanns Sicht bestehtüberhaupt kein Zweifel daran, daß die Integration als eine Zielperspektive anzusehen ist." Wer dies nicht erkenne, hätte zu wenig Verständnis für die Betroffe-

Diese Gefäße aus Ziegelton fertigten Kinder im m der Ziegelei Glindow.

nen. In manchen Fällen ist der Schulbe­such in der Allgemeinen Förderschule sinnvoll, weil diese derzeit noch mit der besseren Personal- und Methodenkompe­tenz ausgestattet ist. Wenn hingegen in den anderen Schulen die Voraussetzungen und Bedingungen bezüglich Gestaltung und Sozialisation gegeben sind, ist dort die In­tegration gut realisierbar, so die Wissen­schaftlern. Da niemand von einer gesamt­gesellschaftlichen Regulierung ausgehen könne, seien schon jetzt die autonomen Entscheidungen der Schulen gefragt. Damit den Entwicklungstendenzen, veren­gerte Schülerzahlen in den kommenden Jahren, Rechnung getragen werden kann, ist selbstverständlich auch ein Nachden­ken über die Zukunft der Förderschulen angesagt. In Brandenburg gibt es derzeit 65. Denkbar sei die Kooperation verschie­dener Schultypen mit Klassen lernbehin- derter Schüler unter einem Dach. In die­sem Kontext zeigt sich Dr. Martin Rudnick vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg erfreut über die Aktivitäten des 1991 gegründeten Institutes für Sonderpädagogik an der Uni­versität Potsdam.

Unabhängig von der endgültigen Festle­gung der Struktur der Sonderpädagogik, dies geschah bisher noch nicht,muß jeder Lehrer mit dem erforderlichen Sachver-

der 1. Integrativen Sommerwerkstatt 1995 Foto: Trihukeit

Setzt sich engagiert für die Lernbehinderten­pädagogik ein: Prof. Dr. Gerda Siepmann.

Foto: Tribukeit

stand auf diesem Gebiet ausgestattet sein", erläutert Gerda Siepmann die Notwendig­keit des an der Universität Potsdam ange­botenen Aufbaustudienganges Sonderpä­dagogik mit den Fachrichtungen Geistig­behindertenpädagogik, Körperbehinder­tenpädagogik, Lernbehindertenpädago­gik, Sprachbehmdertenpädagogik, Verhal- tensgestörtenpädagogik sowie im Bedarfs­fall Hörgeschädigten- und Sehgeschädig­tenpädagogik. Die bereits im Schuldienst Tätigen erwerben so, auf ihren pädagogi­schen Erfahrungen aufbauend und in en­ger Verbindung von Theorie und Praxis, eine zusätzliche Qualifikation. Wenn aller­dings tragende Säulen des Institutes - wie die Professuren für Geistig- und Körperbe­hindertenpädagogik - weiterhin nicht be­setzt sind, stelle dies nach Meinung von Institutsdirektor Prof. Dr. Herbert Goetze eine Bedrohung dar.

Das in Zusammenarbeit vom Institut für Sonderpädagogik und dem Fachverband für Behindertenpädagogik veranstaltete Symposium unterstützte Überlegungen der Beteiligten, wie finanzielle Mittel im Inter­esse der Kinder einzusetzen sind, etwa im Ffühförderbereich. Professor Siepmann hält es wie ihre Fachkollegenfür dnngend ge­boten, über weiterreichende Unterrichts­konzepte nachzudenken, die solches Ler­nen ermöglichen, welches Motivationen wieder aufbaut. Ganzheitliches und hand- lungsonentiertes, die gesamte Persönlich­keit ansprechendes Lernen müsse in den Schulen Einzug halten. Ebenso wichtig sei es, soziales Lernen in den Vordergrund zu stellen. Und nicht zuletzt thematisierten die Konferenzteilnehmer die berufliche Vorbe­reitung, Ausbildung und Eingliederung von Lernbehinderten. All das in die Praxis um­gesetzt, würde das Selbstbewußtsein die­ser Kinder und Jugendlichen stärken und ihre Sachkompetenz erhöhen. B.E.

PUTZ 8/95

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