NOCH IM SCHWEBEZUSTAND
Grundlagenprobleme der Sonderpädagogik beraten
Nicht alle Mädchen und Jungen sind in der Lage, dem Unterrichtsgeschehen in der Schule so zu folgen, daß sie zufriedenstellende, gute oder gar sehr gute Leistungen erbringen. Die Ursachen dafür sind höchst unterschiedlich. Bei einigen Kindern sind regelrechte Lembehinderungen festzustellen, größtenteils hervorgerufen durch Schäden in der frühgeburtlichen Entwicklungsphase, aber auch sozial bedingt. Daraus resultieren Lembeeinträchtigungen, die insbesondere im muttersprachlichen Bereich, in der Mathematik und in den Rremdsprachen auftreten. Betroffen sind jene Fächer, die intensive Denkleistungen erfordern, um zu Ergebnissen zu gelangen. Bei lembe- hinderten Schülerinnen und Schülern liegt zumeist erhebliches allgemeines Schulversagen vor - sie versagen am sogenannten „Normbegriff“. So jedenfalls definieren es die Wissenschaftler.
Im Interesse dieser Kinder muß nach einem erstellten Gutachten von den Eltern entschieden werden, ob der Schulbesuch in einer Allgemeinen Förderschule, außerhalb Brandenburgs als Lernbehindertenschule bezeichnet, oder in einer Schule mit mtegrativen Klassen fortzusetzen ist. Prof. Dr. Gerda Siepmann, Inhaberin des Lehrstuhls für Lernbehindertenpädagogik im Institut für Sonderpädagogik der Philosophischen Fakultät II, plädiert vehement dafür, hier wie anderswo stärker vorbeugend zu wirken. Sie ist davon überzeugt, daß die „Lernbehindertenpädagogik ohne präventive Förderung, ohne Frühbetreuung und Frühförderung heute nicht mehr zeitgemäß ist“'. Dies bekräftigten auch die 160 Tteilnehmer des kürzlich an der Universität Potsdam durchgeführten dreitägigen wissenschaftlichen Symposiums „Gegenwärtige und zukünftige Aufgaben in der Lernbehindertenpädagogik“.
Die Wissenschaftler und Praktiker beschäftigt in dem Zusammenhang zunehmend die Frage, ob die Integration von Lernbehinderten eine gut gewählte Zielrichtung ist und welche Problemzonen damit verbunden sind. Aus Gerda Siepmanns Sicht besteht „überhaupt kein Zweifel daran, daß die Integration als eine Zielperspektive anzusehen ist." Wer dies nicht erkenne, hätte zu wenig Verständnis für die Betroffe-
Diese Gefäße aus Ziegelton fertigten Kinder im m der Ziegelei Glindow.
nen. In manchen Fällen ist der Schulbesuch in der Allgemeinen Förderschule sinnvoll, weil diese derzeit noch mit der besseren Personal- und Methodenkompetenz ausgestattet ist. Wenn hingegen in den anderen Schulen die Voraussetzungen und Bedingungen bezüglich Gestaltung und Sozialisation gegeben sind, ist dort die Integration gut realisierbar, so die Wissenschaftlern. Da niemand von einer gesamtgesellschaftlichen Regulierung ausgehen könne, seien schon jetzt die autonomen Entscheidungen der Schulen gefragt. Damit den Entwicklungstendenzen, verengerte Schülerzahlen in den kommenden Jahren, Rechnung getragen werden kann, ist selbstverständlich auch ein Nachdenken über die Zukunft der Förderschulen angesagt. In Brandenburg gibt es derzeit 65. Denkbar sei die Kooperation verschiedener Schultypen mit Klassen lernbehin- derter Schüler unter einem Dach. In diesem Kontext zeigt sich Dr. Martin Rudnick vom Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg erfreut über die Aktivitäten des 1991 gegründeten Institutes für Sonderpädagogik an der Universität Potsdam.
Unabhängig von der endgültigen Festlegung der Struktur der Sonderpädagogik, dies geschah bisher noch nicht, „muß jeder Lehrer mit dem erforderlichen Sachver-
der 1. Integrativen Sommerwerkstatt 1995 Foto: Trihukeit
Setzt sich engagiert für die Lernbehindertenpädagogik ein: Prof. Dr. Gerda Siepmann.
Foto: Tribukeit
stand auf diesem Gebiet ausgestattet sein", erläutert Gerda Siepmann die Notwendigkeit des an der Universität Potsdam angebotenen Aufbaustudienganges Sonderpädagogik mit den Fachrichtungen Geistigbehindertenpädagogik, Körperbehindertenpädagogik, Lernbehindertenpädagogik, Sprachbehmdertenpädagogik, Verhal- tensgestörtenpädagogik sowie im Bedarfsfall Hörgeschädigten- und Sehgeschädigtenpädagogik. Die bereits im Schuldienst Tätigen erwerben so, auf ihren pädagogischen Erfahrungen aufbauend und in enger Verbindung von Theorie und Praxis, eine zusätzliche Qualifikation. Wenn allerdings tragende Säulen des Institutes - wie die Professuren für Geistig- und Körperbehindertenpädagogik - weiterhin nicht besetzt sind, stelle dies nach Meinung von Institutsdirektor Prof. Dr. Herbert Goetze eine Bedrohung dar.
Das in Zusammenarbeit vom Institut für Sonderpädagogik und dem Fachverband für Behindertenpädagogik veranstaltete Symposium unterstützte Überlegungen der Beteiligten, wie finanzielle Mittel im Interesse der Kinder einzusetzen sind, etwa im Ffühförderbereich. Professor Siepmann hält es wie ihre Fachkollegen „für dnngend geboten, über weiterreichende Unterrichtskonzepte nachzudenken, die solches Lernen ermöglichen, welches Motivationen •wieder aufbaut“. Ganzheitliches und hand- lungsonentiertes, die gesamte Persönlichkeit ansprechendes Lernen müsse in den Schulen Einzug halten. Ebenso wichtig sei es, soziales Lernen in den Vordergrund zu stellen. Und nicht zuletzt thematisierten die Konferenzteilnehmer die berufliche Vorbereitung, Ausbildung und Eingliederung von Lernbehinderten. All das in die Praxis umgesetzt, würde das Selbstbewußtsein dieser Kinder und Jugendlichen stärken und ihre Sachkompetenz erhöhen. B.E.
PUTZ 8/95
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