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(1.1.2019) 08
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CHEMISCHE REAKTIONEN - MOLEKULAR GESTEUERT?

Aus dem Forschungsprogramm des Lehrstuhls für Theoretische Chemie

haben, und sie macht auch umfassend Gebrauch von den modernen Hilfsmitteln der Visualisierung und Simulation, wie Molekülgrafik oder Molecular Modelling. Die Entwicklung wird jedoch nicht allein durch die wachsenden technischen Mög­lichkeiten, sondern vielmehr durch neue theoretische Konzepte und Methoden ge­prägt.

Das Forschungsprogramm der Gruppe ist so angelegt, daß zu allen genannten Aufga­ben Beiträge geleistet werden können, und zwar auf einem Gebiet, das man seit etwa zehn Jahren als molekulare Reaktionsdyna­mik bezeichnet und das sich mit den bei chemischen Reaktionen vor sich gehen­den molekularen Elementarprozessen be­faßt. Dabei'interessieren Fragen wie: Wel­che Wechselwirkungskräfte bestimmen Mechanismus und Ablauf eines Prozesses und wie hängen diese Kräfte von der Struk­tur der beteiligten Moleküle ab? Welche Rolle spielen Anregungen bestimmter Be­wegungen der reagierenden Moleküle? Wie lassen sich Erkenntnisse zu den bei­den erstgenannten FYagen zur Entwicklung vereinfachter, aber dennoch zuverlässiger Berechnungsverfahren ausnutzen? Die Strategie dabei ist, grundlegende Phäno­

Diskussion am Computer: Prof. Dr. Lutz Zülicke und Gastwissenschaftierin Francesca Ragnetti von der Universität Rom. Foto: Fritze

nen Grund natürlich auch darin, daß dafür die leistungsfähigsten, genauesten Metho­den einzusetzen sind, ohne gar zu lange Rechenzeiten in Kauf nehmen zu müssen. Einen Schwerpunkt der Arbeiten bilden Untersuchungen der Struktur, der Spek­tren und der Fragmentierungsprozesse gewisser Verbindungen, die in der Chemie der oberen Erdatmosphäre und in der Astrochemie eine Rolle spielen. So wird vermutet, daß die Radikale FCO und CICO bei den durch FCKW (Fluor-Chlor-Kohlen- wasserstoffe) ausgelösten Prozessen des Ozonabbaus auftreten. Über beide Spezi­es ist sehr wenig bekannt, und es besteht großes Interesse daran, zuverlässige Infor­mationen über ihre Spektren und ihr Re­aktionsverhalten zu bekommen, um sie si­cher nachweisen und mögliche Reaktions­abläufe in der oberen Erdatmosphäre si­mulieren zu können. Es gelang den Potsda­mer Theoretikern, im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts in Zusammenarbeit mit Färtnern an der Universität Bonn spek­troskopische Daten für die beiden genann­ten Radikale vorauszusagen und auch er­ste Ergebnisse von Abschätzungen der Geschwindigkeit ihres Zerfalls zu erhalten.

Das gleiche Projekt um­faßt auch Arbeiten in Ko­operation mit Partnern an der Universität Lei­den über die Photodis­soziation von Radikalen. Hier interessiert u.a. das NH 2 -Radikal, das in in­terstellaren Wolken und in der Koma von Kome­ten auftntt und dessen Photodissoziationsrate man kennen muß, um Rückschlüsse auf die Entstehungsgeschichte der Kometen ziehen zu können. Da diesen Daten experimentell schwer beizukommen ist, fällt theoretischen Vor­aussagen eine Schlüs­selrolle zu.

Seit 1993 gibt es an der Universität Pots­dam eine Theoretische Chemie, so wie dieses Fach an den meisten deutschen Universitäten heute zum festen Bestand­teil des Fächerspektrums der Chemie gehört. Das Gebiet umfaßt alle Konzeptio­nen und Methoden, die in ihrer Gesamt­heit die chemischen Phänomene be­schreiben, von mikroskopischen (mole­kularen) bis zu makroskopischen Dimen­sionen, und es besitzt einen interdiszipli­nären Charakter, indem Chemie, Physik, Mathematik und Informatik ineinander- greifen. Die Forschungsgruppe des Lehr­stuhlinhabers, Prof. Dr. Lutz Zülicke, her­vorgegangen aus einem der ehemaligen chemischen Akademie-Institute in Berlin- Adlershof, befaßt sich mitmolekularer Chemie, also mit chemischen Strukturen und Prozessen auf molekularer Ebene.

In der Theoretischen Chemie kommt es zunächst darauf an, die grundlegenden chemischen Phänomene zu verstehen und die ungeheure Vielfalt des chemischen Erfahrungs- und Datenmaterials, man den­ke nur an die strukturelle Vielgestaltigkeit von Molekülen,' zu systematisieren. Die Tragfähigkeit der methodischen Basis zeigt sich dann darin, daß auch ungewöhnliche" Strukturen und Wechselwirkungen, die den traditionellen chemi­schen Regeln nicht entspre­chen, einbezogen werden können. Solche Fälle treten beim Vordringen in Berei­che, in denen chemische Prozesse unter extremen Be­dingungen ablaufen, etwa bei hohen Temperaturen, in starken Strahlungsfeldern oder im Weltraum häufig auf.

Eine wesentliche Aufgabe besteht ferner in der Auswer­tung des Informations­gehalts instrumental-analy­tischer Meßgrößen. Und schließlich muß die Theorie zu Voraussagen fähig sein - nicht um das Experiment überflüssig zu machen, son­dern als methodische Alternative dort, wo Experimente zu schwierig, zu aufwendig und damit zu teuer oder gegenwärtig über­haupt noch nicht durchführbar sind. Die Lösung dieser Aufgaben erfordert metho­disch komplizierte und sehr umfangreiche Berechnungen. Die Theoretische Chemie gehört daher zu den Disziplinen, die viel von der rasanten Entwicklung der Compu­ter- und Kommunikationstechnik profitiert

mene anhand von Fallstudien an interes­santen konkreten Systemen zu untersu­chen. Als solche wählten die Wissenschaft­ler kleine Moleküle, elektrisch neutral oder geladen, die als Zwischenprodukte in ver­schiedenen praktisch relevanten Reaktio­nen auftreten oder zumindest vermutet werden und über die man bisher wenig weiß. Daß kleine, vornehmlich dreiatomige Systeme im Vordergrund stehen, hat sei­

Einen weiteren langjährigen Arbeits­schwerpunkt bilden Wechselwirkungen in elektrisch geladenen molekularen Syste­men. Solche Ionen sind nahezu allgegen­wärtig in Natur und Technik. Man findet sie im Weltraum, in Flüssigkeiten, in heißen Gasen und Plasmen. Gegenwärtig laufen, ebenfalls unterstützt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, Arbeiten über Strukturen und Zerfallsprozesse von kat-

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