Heft 
(1.1.2019) 08
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greifen. In anderen Fällen bleibt als Mittel, sich praktische Zukunftshoffnungen zu bewahren, die Zuflucht zum moralischen Appell an Einsicht und guten Willen. Die Idee etwa, globale Probleme lokal zube­wältigen, ist, wie Krätke zeigt, in den Struk­turen angelegt (249). Die den Strukturen immanente Idee kann gleichwohl unreali­sierbar sein. Sie als praktischen Imperativ zu formulieren, zeigt dann aber zumindest Humor. Erhard Stölting

Stefan Krätke,Stadt, Raum, Ökonomie. Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeogra­phie, Ein Lehrbuch, Basel, Boston, Ber­lin: Birkhäuser Verlag 199S, Reihe Stadt­forschung aktuell Bd. 53, 38,- DM.

ZUR PERSON ALFRED NOBELS

Wer es sich zur Aufgabe gesetzt hat, eine Biographie zu schreiben, muß zunächst einmal Quellen ausfindig machen: Auf­zeichnungen von persönlichen Äußerun­gen der interessierenden Person, Zeitzeu- genbenchte über sie und ihr Werk, Sekun­därliteratur etc. Je umfangreicher das Quel­lenmaterial ist, desto größer ist die Chan­ce, ein genaues und differenziertes Bild entwickeln zu können. Im Falle von Alfred Nobel hat ein Biograph das Glück, auf des­sen beachtliche Korrespondenz zurück­greifen zu können. Von Alfred Nobel selber stammt der Satz:Ein Einsiedler ohne Bü­cher und Tinte ist ein schon im Leben to­ter Mann." - Allein 218 Briefe an die Östereicherin Sofie Hess, mit der er 18 Jah­re lang ein Verhältnis hatte, sind uns aus dieser Zeit erhalten, desweiteren zahlrei­che Briefe an seine Eltern und Brüder, sei­ne Freundin Bertha von Suttner und an Geschäftspartner sowie sein DramaNe­mesis". In seinem BuchAlfred Nobel - Idealist zwischen Wissenschaft und Wirt­schaft" greift Kenne Fant sehr oft auf diese Quellen zurück und zitiert großzügig aus ihnen: Immerhin machen die Zitate knapp ein Drittel seiner insgesamt 480 Seiten star­ken Biographie aus und erlauben dem Le­ser einen anschaulichen Einblick sowohl in den Geschäftsmann als auch in die Privat­person Alfred Nobel.

Allerdings erschöpft sich eine Biographie nicht allein in Zitaten. Lebenslauf und -werk sollen schließlich auch behandelt werden. Leider gelingt das Kenne Fant nicht sehr überzeugend. So wird zwar Alfred Nobel als Erfinder des Dynamits bezeichnet, eine knappe und klare Definition dafür sucht man jedoch vergeblich. Man wird mit den BegriffenNitroglyzerin undSprengöl konfrontiert, ohne zu erfahren, daß es sich dabei um genau den gleichen Stoff han­delt. Auch sonst tappt der Leser häufig im Dunkeln. Etwa wenn von dem künstleri­

schen Thlent des Rektors der Universität, an der einer von Alfred Nobels Ahnen stu­diert hat, die Rede ist und spekuliert wird, ob Alfreds Vater dieses Tälent womöglich geerbt habe. Erst zwei Absätze später lüf­tet sich das Geheimnis um diese scheinbar nichtgenetische Vererbung, wenn man von der Ehe des besagten Ahnen mit der Toch­ter dieses Rektors erfährt, somit der Rek­tor ebenfalls ein Vorfahr von Alfred Nobel war und seine Begabung gemäß der übli­chen Vererbungstheorie an Alfreds Vater weitergeben konnte. Wer jedoch bereit ist, über solche Unsauberkeiten und eine Viel­zahl anderer vermeidbarer Unklarheiten hinwegzusehen, anstatt das Buch verärgert zur Seite zu legen, weiß am Ende doch sehr viel über Alfred Nobel, sein Geschick als Unternehmer, seine Angst vor finanziel­ler Not, sein soziales Engagement, seine menschliche Einsamkeit, die ihn immer wieder in der Arbeit Zuflucht suchen ließ, und der intensiven Beziehung zu seiner Verwandtschaft. ade

Kenne Fant,Alfred Nobel, aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt, Birk­häuser Verlag AG, 1995, 480 Seiten mit 35 sw-Abbildungen, 58,- DM.

ERZIEHUNG OHNE ENDE?

Die Schule ist mit Sicherheit auf dem Weg an ihr Ende, wenn sie keinen Sinn mehr hat. Was kann der Schule alsSpiegel ge­sellschaftlicher Überzeugungen wieder Sinn verleihen? In seinem neuen Buch ant­wortet Neil Postman darauf: Es ist der Glaube anGötter! (Aber gleich seine Ein­schränkung dazu: Natürlich nicht der Glau­be an den Gott!)

Der Mensch ist dieGötterschaffende Spe­zies und deshalb brauchen wir die Götter für unsere Lebensbewältigung, selbst wenn sie alle noch so unvollkommen sind. Was hat das mit Schule und Erziehung zu tun? Schüler haben gemeinsame Götter. Die schulische Erziehung schafft mit je­dem Schüler eine Öffentlichkeit, der die Frage nach der Orientierung des Einzel­nen äußerst wichtig ist: Wo steht der Einzel­ne? Wo will er hin? Die Schule muß heute lehren, wie man mit seinem erlangten Wis­sen am besten lebt. Wenn die Erziehung nicht zu einer bloßen Technik verkommen will, muß sie die überall gegenwärtigen Götter für ihre Zwecke ausnutzen.

Wenn Götter und Schule Zusammenhän­gen, welche Begründungen gibt es dann heute noch für die Existenz der Schule? Da ist zuerst derGott der ökonomischen Nützlichkeit. Wer gut lernt, bekommt ei­nen guten Job. Alsdann derGott des Kon­sums": Wer einen guten Job hat, kann sich etwas leisten. Und nicht zuletzt derGott der Technologie", der den Glauben an den

ewigen Fortschritt der Menschheit wach­hält. Könnte das Ende der Schule bzw. der Erziehung kommen, wenn Lernen nur noch durch das Fernsehen möglich wäre und das Kind entscheiden könnte, was es lernen will? Theoretisch ja. Aber: Schule hat nichts mit Nur-Informationsvermittlung zu tun, denn gerade ihr psychologischer Aspekt - wo und wie lernen die Kinder, sich in der Gruppe zu verhalten? - macht sie auch heu­te noch unentbehrlich. Oder sollte es zu­künftig nur noch um eine selbstbestimmte Computer-Autonomie gehen? Alle diese Götter führen demzufolge in eine Sackgas­se! Das (absehbare?) Ende der Erziehung fordert zum Überleben neue Formen der Erziehung. Dabei stellt sich die Rrage: Wel­ches Wissen ist uns wann und wie sicher? Schon in seinem letzten Buch (Das Tfech- nopol, 1992) sah Postman den Ansatz für eine Neuorientierung der Gesellschaft im Bildungswesen. Im jüngsten Buch favori­siert er nun drei Hauptfächer, von denen jedes mit seinem sprachlichen und ge­schichtlichen Hintergund gelehrt werden sollte. (Das immer wiederkehrende Pro­blem der Sprache als ,!Welt-Macherin" mit dem deutlichen Bezug zu Wittgensteins Überlegungen wird von ihm im letzten Ka­pitel des Buches, diesmal anhand von Kor- zybskisAllgemeiner Semantik, die sich mit dem Verhältnis der Wörter zu den Nicht-Wörtern beschäftigt, dargestellt.) Deutlich erkennbar ist Postmans Anleh­nung an die antikenLehrprogramme: Erstens soll die Archäologie dem Schüler die Bedeutung der Welt an sich verdeutli­chen; mit der Anthropologie geht es zwei­tens um die Vermittlung von Sitten und Gebräuchen, aber auch Toleranz soll damit gefördert und die Bedeutung der lebenden Kulturen veranschaulicht werden; und schließlich steht drittens die Astronomie für die Klärung der Frage: Sind wir allein im Universum und wissen wir überhaupt, wozu wir hier sind? Gerade das letzte Fach sieht er als Schlüssel für eine Erziehung zur Verantwortung, Ehrfurcht und Ver­pflichtung des Einzelnen gegenüber der Welt und dem Leben.

Der aufmerksame Leser sieht am Ende des Buches ein Problem: Postman führt unter dem Aspekt ,Wo ist Tfechnologie hilf­reich? die von ihm erst verteufelte Ttechno- logie wieder in die Erziehungspraxis ein. Sicherlich ist in diesem 'Zugeständnis' mehr ein Appell an das ausgewogene Ver­hältnis zwischen klassischer Pädagogik und den modernen Erziehungsformen als die Problematisierung der Frage: Geht es also doch nicht ohne den Computer? zu sehen. Der Epilog faßt Postmans (gegen­wärtigen) Standpunkt so zusammen: Es muß zukünftig um eine Schulbildung mit nichttrivialen Zielen gehen, um ein Lernen mit spiritueller und ernsthafter intellektuel-

PUTZ 8/95

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