greifen. In anderen Fällen bleibt als Mittel, sich praktische Zukunftshoffnungen zu bewahren, die Zuflucht zum moralischen Appell an Einsicht und guten Willen. Die Idee etwa, globale Probleme lokal zu ‘bewältigen’, ist, wie Krätke zeigt, in den Strukturen angelegt (249). Die den Strukturen immanente Idee kann gleichwohl unrealisierbar sein. Sie als praktischen Imperativ zu formulieren, zeigt dann aber zumindest Humor. Erhard Stölting
Stefan Krätke, „Stadt, Raum, Ökonomie. Einführung in aktuelle Problemfelder der Stadtökonomie und Wirtschaftsgeographie“, Ein Lehrbuch, Basel, Boston, Berlin: Birkhäuser Verlag 199S, Reihe Stadtforschung aktuell Bd. 53, 38,- DM.
ZUR PERSON ALFRED NOBELS
Wer es sich zur Aufgabe gesetzt hat, eine Biographie zu schreiben, muß zunächst einmal Quellen ausfindig machen: Aufzeichnungen von persönlichen Äußerungen der interessierenden Person, Zeitzeu- genbenchte über sie und ihr Werk, Sekundärliteratur etc. Je umfangreicher das Quellenmaterial ist, desto größer ist die Chance, ein genaues und differenziertes Bild entwickeln zu können. Im Falle von Alfred Nobel hat ein Biograph das Glück, auf dessen beachtliche Korrespondenz zurückgreifen zu können. Von Alfred Nobel selber stammt der Satz: „Ein Einsiedler ohne Bücher und Tinte ist ein schon im Leben toter Mann." - Allein 218 Briefe an die Östereicherin Sofie Hess, mit der er 18 Jahre lang ein Verhältnis hatte, sind uns aus dieser Zeit erhalten, desweiteren zahlreiche Briefe an seine Eltern und Brüder, seine Freundin Bertha von Suttner und an Geschäftspartner sowie sein Drama „Nemesis". In seinem Buch „Alfred Nobel - Idealist zwischen Wissenschaft und Wirtschaft" greift Kenne Fant sehr oft auf diese Quellen zurück und zitiert großzügig aus ihnen: Immerhin machen die Zitate knapp ein Drittel seiner insgesamt 480 Seiten starken Biographie aus und erlauben dem Leser einen anschaulichen Einblick sowohl in den Geschäftsmann als auch in die Privatperson Alfred Nobel.
Allerdings erschöpft sich eine Biographie nicht allein in Zitaten. Lebenslauf und -werk sollen schließlich auch behandelt werden. Leider gelingt das Kenne Fant nicht sehr überzeugend. So wird zwar Alfred Nobel als Erfinder des Dynamits bezeichnet, eine knappe und klare Definition dafür sucht man jedoch vergeblich. Man wird mit den Begriffen „Nitroglyzerin“ und „Sprengöl“ konfrontiert, ohne zu erfahren, daß es sich dabei um genau den gleichen Stoff handelt. Auch sonst tappt der Leser häufig im Dunkeln. Etwa wenn von dem künstleri
schen Thlent des Rektors der Universität, an der einer von Alfred Nobels Ahnen studiert hat, die Rede ist und spekuliert wird, ob Alfreds Vater dieses Tälent womöglich geerbt habe. Erst zwei Absätze später lüftet sich das Geheimnis um diese scheinbar nichtgenetische Vererbung, wenn man von der Ehe des besagten Ahnen mit der Tochter dieses Rektors erfährt, somit der Rektor ebenfalls ein Vorfahr von Alfred Nobel war und seine Begabung gemäß der üblichen Vererbungstheorie an Alfreds Vater weitergeben konnte. Wer jedoch bereit ist, über solche Unsauberkeiten und eine Vielzahl anderer vermeidbarer Unklarheiten hinwegzusehen, anstatt das Buch verärgert zur Seite zu legen, weiß am Ende doch sehr viel über Alfred Nobel, sein Geschick als Unternehmer, seine Angst vor finanzieller Not, sein soziales Engagement, seine menschliche Einsamkeit, die ihn immer wieder in der Arbeit Zuflucht suchen ließ, und der intensiven Beziehung zu seiner Verwandtschaft. ade
Kenne Fant, „Alfred Nobel“, aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt, Birkhäuser Verlag AG, 1995, 480 Seiten mit 35 sw-Abbildungen, 58,- DM.
ERZIEHUNG OHNE ENDE?
„Die Schule ist mit Sicherheit auf dem Weg an ihr Ende, wenn sie keinen Sinn mehr hat“. Was kann der Schule als „Spiegel gesellschaftlicher Überzeugungen“ wieder Sinn verleihen? In seinem neuen Buch antwortet Neil Postman darauf: Es ist der Glaube an „Götter“! (Aber gleich seine Einschränkung dazu: Natürlich nicht der Glaube an den Gott!)
Der Mensch ist die „Götterschaffende Spezies“ und deshalb brauchen wir die Götter für unsere Lebensbewältigung, selbst wenn sie alle noch so unvollkommen sind. Was hat das mit Schule und Erziehung zu tun? Schüler haben gemeinsame Götter. Die schulische Erziehung schafft mit jedem Schüler eine Öffentlichkeit, der die Frage nach der Orientierung des Einzelnen äußerst wichtig ist: Wo steht der Einzelne? Wo will er hin? Die Schule muß heute lehren, wie man mit seinem erlangten Wissen am besten lebt. Wenn die Erziehung nicht zu einer bloßen Technik verkommen will, muß sie die überall gegenwärtigen Götter für ihre Zwecke ausnutzen.
Wenn Götter und Schule Zusammenhängen, welche Begründungen gibt es dann heute noch für die Existenz der Schule? Da ist zuerst der „Gott der ökonomischen Nützlichkeit“. Wer gut lernt, bekommt einen guten Job. Alsdann der „Gott des Konsums": Wer einen guten Job hat, kann sich etwas leisten. Und nicht zuletzt der „Gott der Technologie", der den Glauben an den
ewigen Fortschritt der Menschheit wachhält. Könnte das Ende der Schule bzw. der Erziehung kommen, wenn Lernen nur noch durch das Fernsehen möglich wäre und das Kind entscheiden könnte, was es lernen will? Theoretisch ja. Aber: Schule hat nichts mit Nur-Informationsvermittlung zu tun, denn gerade ihr psychologischer Aspekt - wo und wie lernen die Kinder, sich in der Gruppe zu verhalten? - macht sie auch heute noch unentbehrlich. Oder sollte es zukünftig nur noch um eine selbstbestimmte Computer-Autonomie gehen? Alle diese Götter führen demzufolge in eine Sackgasse! Das (absehbare?) Ende der Erziehung fordert zum Überleben neue Formen der Erziehung. Dabei stellt sich die Rrage: Welches Wissen ist uns wann und wie sicher? Schon in seinem letzten Buch („Das Tfech- nopol“, 1992) sah Postman den Ansatz für eine Neuorientierung der Gesellschaft im Bildungswesen. Im jüngsten Buch favorisiert er nun drei Hauptfächer, von denen jedes mit seinem sprachlichen und geschichtlichen Hintergund gelehrt werden sollte. (Das immer wiederkehrende Problem der Sprache als ,!Welt-Macherin" mit dem deutlichen Bezug zu Wittgensteins Überlegungen wird von ihm im letzten Kapitel des Buches, diesmal anhand von Kor- zybskis „Allgemeiner Semantik“, die sich mit dem Verhältnis der Wörter zu den Nicht-Wörtern beschäftigt, dargestellt.) Deutlich erkennbar ist Postmans Anlehnung an die antiken „Lehrprogramme“: Erstens soll die Archäologie dem Schüler die Bedeutung der Welt an sich verdeutlichen; mit der Anthropologie geht es zweitens um die Vermittlung von Sitten und Gebräuchen, aber auch Toleranz soll damit gefördert und die Bedeutung der lebenden Kulturen veranschaulicht werden; und schließlich steht drittens die Astronomie für die Klärung der Frage: Sind wir allein im Universum und wissen wir überhaupt, wozu wir hier sind? Gerade das letzte Fach sieht er als Schlüssel für eine Erziehung zur Verantwortung, Ehrfurcht und Verpflichtung des Einzelnen gegenüber der Welt und dem Leben.
Der aufmerksame Leser sieht am Ende des Buches ein Problem: Postman führt unter dem Aspekt ,Wo ist Tfechnologie hilfreich?“ die von ihm erst verteufelte Ttechno- logie wieder in die Erziehungspraxis ein. Sicherlich ist in diesem 'Zugeständnis' mehr ein Appell an das ausgewogene Verhältnis zwischen klassischer Pädagogik und den modernen Erziehungsformen als die Problematisierung der Frage: Geht es also doch nicht ohne den Computer? zu sehen. Der Epilog faßt Postmans (gegenwärtigen) Standpunkt so zusammen: Es muß zukünftig um eine Schulbildung mit nichttrivialen Zielen gehen, um ein Lernen mit spiritueller und ernsthafter intellektuel-
PUTZ 8/95
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