DIE STUDIENSITUATION AN DER UNIVERSITÄT POTSDAM AUS STUDENTISCHER SICHT
Die junge Universität Potsdam erfreut sich bei Studierenden aus Ost und West großer Beliebtheit. Anziehend wirken die guten Betreuungsverhältnisse an einer kleinen, überschaubaren Hochschule, und auch „die Aufbruchstimmung“ wird immer wieder in Verbindung mit der Potsdamer Universität genannt. Der Jurastudent Thilo Seelbach ist einer derjenigen, die nach Potsdam wechselten und die Vor-, aber auch Nachteile einer Universität im Aufbau nun am eigenen Leib erfahren. Nachfolgend seine Eindrücke:
Nach vier Semestern Jurastudiums in Mainz und zwei Auslandssemestern in Dijon (Frankreich) bin ich nun seit drei Semestern Student der juristischen Fakultät in Potsdam. Mir bietet sich eine komplett neue Studienerfahrung. Der Unterricht in Potsdam ist viel intensiver. Vorlesungen gewinnen selbst in einem Fach wie Jura, dem eine solche Konzeption eher fremd ist, einen Gesprächscharakter. Vor allem in Wahlfächern ist der Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden stark ausgeprägt. Das hat den Vorteil, daß sich die Geschwindigkeit der Vorlesungen nicht an einem statisch vorgeplanten Zeit-Soll orientiert. Vielmehr werden Vorlesungen dort beschleunigt, wo ein fundiertes Wissen, respektive ein gutes Verständnis gegeben ist. Dadurch verbleibt
UNIRADIO SUCHT PRAKTIKANTEN
Das UniRadio Berlin-Brandenburg befindet sich mittlerweile in seiner Vorproduktionsphase. Im Produktionsstudio der Potsdamer Uni in Golm werden fleißig Beiträge konzipiert und vorbereitet. Nun ist im fbam der Potsdamer Redaktion eine Praktikantenstelle freigeworden. Wer also Interesse an einer ein- bis dreimonatigen Einführung in die praktische Radioarbeit hat und dafür auch während des Semesters etwas Zeit erübrigen kann, der sollte sich bei den redaktionellen Mitarbeitern des UniRadios in der Arbeitsstelle Medienpädagogik (Ttelefon 0331/ 977-2004 oder -2175) oder im Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (unter Telefon 0331/977-1496) melden. Eine intensive journalistische Betreuung wird geboten. Und wer lediglich einmal in das UniRadier'\hinein- schnuppern möchte, kann gerne an den wöchentlichen Redaktionssitzungen teilnehmen (immer montags, um 19.00 Uhr im Haus 1 bei der Arbeitsstelle Medienpädagogik in Golm). Hg.
Vom Park Babelsberg mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar: das Hauptgebäude des Uni-Standortes Bahelsberg-Griebnitzsee. Foto: Seelbach
die nötige Zeit zur Klärung kursspezifischer Schwierigkeiten. Zusätzlich werden in den Hauptbereichen universitäre Arbeitsgruppen und Repetitorien, die gewissermaßen „Nachhilfe“ zum Vorlesungsstoff geben, angeboten.
Den Alptraum überfüllter Hörsäle findet man in Potsdam nicht. Jeder findet Stuhl und Tisch. Gleichwohl kann auch über die Schattenseiten der Potsdamer Studiensituation nicht hinweggegangen werden. So gibt es mitunter beträchtliche Lücken im Bestand der Potsdamer Universitätsbibliothek. Die Situation etwa der juristischen Fachbereichsbibliothek in Babelsberg ist von Extremen gekennzeichnet. So gibt es einerseits einen gut fundierten Bestand an juristischen Grundwerken. Mitunter kann aus dem Bestand sogar entliehen werden. Andererseits gibt es einen Bücherbestand, der für Studenten quasi nutzlos ist. Darunter fallen erstens solche Werke, bei denen ein krasses Mißverhältnis zwischen zahlenmäßiger Anzahl des Werkes und dessen geringer Bedeutung im Studium besteht - beispielhaft sei hier der Kommentar zur Grundbuchordnung genannt.
Zweitens ist ein Großteil des Bücherbestandes in einem Magazin „versteckt“, zu dem Studenten keinen Zugang haben. Von der Möglichkeit der Bestellung wird nur selten Gebrauch gemacht, vermutlich auch deshalb, weil gar nicht bekannt ist, was sich alles in dem Magazin befindet. Schließlich gibt es beachtliche Lücken im Bereich spezieller Fachliteratur, vor allem im Wahlfachbereich. Fremdsprachige Literatur ist so gut wie nicht vorhanden. In Vorlesungen angekündigte Anschaffungen wichtiger Literatur lassen in der Praxis sehr lange auf sich warten. So müssen spezielle Gebiete an der reichhaltig ausgestatteten Bibliothek der Freien Universität in Berlin recherchiert werden.
Mobilität und Flexibilität ist auch zwischen den einzelnen Universitätskomplexen gefragt. Das Konzept der interdisziplinären Kommunikation der Universität Potsdam
scheitert in der Praxis oftmals an der verheerenden Verkehrssituation zwischen den einzelnen Universitätsstandorten. Wer etwa von Babelsberg kommend an einer interessanten Literaturvorlesung, einer philosophischen Veranstaltung am Neuen Palais teilnehmen oder gar in Golm einer sportlichen Aktivität nachgehen möchte, mußte bisher bei Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zwei-, beziehungsweise dreimal umsteigen - die gleplante Zugverbindung zwischen Golm, Am Neuen Palais und Babelsberg- Griebnitzsee bringt hoffentlich Besserung. Während zwischen den Standorten Golm und Am Neuen Palais auch bisher schon wenigstens eine öffentliche Verkehrsverbindung bestand, ist in Babelsberg selbst die Tfeilnahme an verschiedenen Veranstaltungen des gleichen Studienfaches oftmals mit Schwierigkeiten verbunden. Die schlechte Verbindung zwischen den Standorten Park Babelsberg und Babelsberg-Griebnitzsee erfordert eine gute halbe Stunde Fahrtzeit, also mehr Zeit, als zwischen zwei Vorlesungen zur Verfügung steht. Auch das Pendeln per Auto bietet keine unproblematische Alternative, da die sowieso ungenügende Zahl der Parkplätze während der Sommerferien durch zahlreiche Absperrungen zusätzlich verringert wurde.
Zahlreiche Bau- und Sanierungsarbeiten stören zwar momentan den universitären Studienbetrieb, vermitteln aber gleichzeitig das gute Gefühl des Aufbruchs und zeugen von einer hoffnungsvollen Zukunft. Sicherlich kann der Aufbau einer Universität, hinter dem die Annahme einer schwierigen Herausforderung auf seiten der Lehrenden, aber auch der Lernenden steht, nicht wie die Renovierung von Universitätsbauten beschleunigt werden. Dank einem unermüdlichen Enthusiasmus ist in Potsdam bislang schon vieles bewirkt worden. Diese Dynamik des Aufbruchs sollte auch weiterhin beibehalten werden. Dabei muß allerdings der Anschluß an die Zukunft vor dem Hintergrund permanent wechselnder Herausforderungen stets im Auge behalten werden. Thilo Seelbach
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PUTZ 9/95