Heft 
(1.1.2019) 09
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DIE STUDIENSITUATION AN DER UNIVERSITÄT POTSDAM AUS STUDENTISCHER SICHT

Die junge Universität Potsdam erfreut sich bei Studierenden aus Ost und West großer Beliebtheit. Anziehend wirken die guten Betreuungsverhältnisse an einer kleinen, überschaubaren Hochschule, und auchdie Aufbruchstimmung wird immer wieder in Verbindung mit der Pots­damer Universität genannt. Der Jurastu­dent Thilo Seelbach ist einer derjenigen, die nach Potsdam wechselten und die Vor-, aber auch Nachteile einer Universi­tät im Aufbau nun am eigenen Leib erfah­ren. Nachfolgend seine Eindrücke:

Nach vier Semestern Jurastudiums in Mainz und zwei Auslandssemestern in Dijon (Frankreich) bin ich nun seit drei Semestern Student der juristischen Fakultät in Pots­dam. Mir bietet sich eine komplett neue Studienerfahrung. Der Unterricht in Pots­dam ist viel intensiver. Vorlesungen gewin­nen selbst in einem Fach wie Jura, dem eine solche Konzeption eher fremd ist, einen Gesprächscharakter. Vor allem in Wahlfä­chern ist der Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden stark ausgeprägt. Das hat den Vorteil, daß sich die Geschwindigkeit der Vorlesungen nicht an einem statisch vorgeplanten Zeit-Soll orientiert. Vielmehr werden Vorlesungen dort beschleunigt, wo ein fundiertes Wissen, respektive ein gutes Verständnis gegeben ist. Dadurch verbleibt

UNIRADIO SUCHT PRAKTIKANTEN

Das UniRadio Berlin-Brandenburg be­findet sich mittlerweile in seiner Vor­produktionsphase. Im Produktions­studio der Potsdamer Uni in Golm wer­den fleißig Beiträge konzipiert und vor­bereitet. Nun ist im fbam der Potsda­mer Redaktion eine Praktikantenstelle freigeworden. Wer also Interesse an ei­ner ein- bis dreimonatigen Einführung in die praktische Radioarbeit hat und dafür auch während des Semesters etwas Zeit erübrigen kann, der sollte sich bei den redaktionellen Mitarbei­tern des UniRadios in der Arbeitsstel­le Medienpädagogik (Ttelefon 0331/ 977-2004 oder -2175) oder im Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (unter Telefon 0331/977-1496) melden. Eine intensive journalistische Betreu­ung wird geboten. Und wer lediglich einmal in das UniRadier'\hinein- schnuppern möchte, kann gerne an den wöchentlichen Redaktionssitzun­gen teilnehmen (immer montags, um 19.00 Uhr im Haus 1 bei der Arbeits­stelle Medienpädagogik in Golm). Hg.

Vom Park Babelsberg mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer erreichbar: das Hauptgebäude des Uni-Standortes Bahelsberg-Griebnitzsee. Foto: Seelbach

die nötige Zeit zur Klärung kursspezifischer Schwierigkeiten. Zusätzlich werden in den Hauptbereichen universitäre Arbeitsgrup­pen und Repetitorien, die gewissermaßen Nachhilfe zum Vorlesungsstoff geben, angeboten.

Den Alptraum überfüllter Hörsäle findet man in Potsdam nicht. Jeder findet Stuhl und Tisch. Gleichwohl kann auch über die Schattenseiten der Potsdamer Studien­situation nicht hinweggegangen werden. So gibt es mitunter beträchtliche Lücken im Bestand der Potsdamer Universitätsbiblio­thek. Die Situation etwa der juristischen Fachbereichsbibliothek in Babelsberg ist von Extremen gekennzeichnet. So gibt es einerseits einen gut fundierten Bestand an juristischen Grundwerken. Mitunter kann aus dem Bestand sogar entliehen werden. Andererseits gibt es einen Bücherbestand, der für Studenten quasi nutzlos ist. Darun­ter fallen erstens solche Werke, bei denen ein krasses Mißverhältnis zwischen zahlen­mäßiger Anzahl des Werkes und dessen geringer Bedeutung im Studium besteht - beispielhaft sei hier der Kommentar zur Grundbuchordnung genannt.

Zweitens ist ein Großteil des Bücherbestan­des in einem Magazinversteckt, zu dem Studenten keinen Zugang haben. Von der Möglichkeit der Bestellung wird nur selten Gebrauch gemacht, vermutlich auch des­halb, weil gar nicht bekannt ist, was sich alles in dem Magazin befindet. Schließlich gibt es beachtliche Lücken im Bereich spe­zieller Fachliteratur, vor allem im Wahlfach­bereich. Fremdsprachige Literatur ist so gut wie nicht vorhanden. In Vorlesungen ange­kündigte Anschaffungen wichtiger Literatur lassen in der Praxis sehr lange auf sich war­ten. So müssen spezielle Gebiete an der reichhaltig ausgestatteten Bibliothek der Freien Universität in Berlin recherchiert wer­den.

Mobilität und Flexibilität ist auch zwischen den einzelnen Universitätskomplexen ge­fragt. Das Konzept der interdisziplinären Kommunikation der Universität Potsdam

scheitert in der Praxis oftmals an der verhee­renden Verkehrssituation zwischen den ein­zelnen Universitätsstandorten. Wer etwa von Babelsberg kommend an einer interessan­ten Literaturvorlesung, einer philosophi­schen Veranstaltung am Neuen Palais teil­nehmen oder gar in Golm einer sportlichen Aktivität nachgehen möchte, mußte bisher bei Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zwei-, beziehungsweise dreimal umsteigen - die gleplante Zugverbindung zwischen Golm, Am Neuen Palais und Babelsberg- Griebnitzsee bringt hoffentlich Besserung. Während zwischen den Standorten Golm und Am Neuen Palais auch bisher schon wenigstens eine öffentliche Verkehrsverbin­dung bestand, ist in Babelsberg selbst die Tfeilnahme an verschiedenen Veranstaltun­gen des gleichen Studienfaches oftmals mit Schwierigkeiten verbunden. Die schlechte Verbindung zwischen den Standorten Park Babelsberg und Babelsberg-Griebnitzsee erfordert eine gute halbe Stunde Fahrtzeit, also mehr Zeit, als zwischen zwei Vorlesun­gen zur Verfügung steht. Auch das Pendeln per Auto bietet keine unproblematische Al­ternative, da die sowieso ungenügende Zahl der Parkplätze während der Sommer­ferien durch zahlreiche Absperrungen zu­sätzlich verringert wurde.

Zahlreiche Bau- und Sanierungsarbeiten stö­ren zwar momentan den universitären Stu­dienbetrieb, vermitteln aber gleichzeitig das gute Gefühl des Aufbruchs und zeugen von einer hoffnungsvollen Zukunft. Sicherlich kann der Aufbau einer Universität, hinter dem die Annahme einer schwierigen Her­ausforderung auf seiten der Lehrenden, aber auch der Lernenden steht, nicht wie die Re­novierung von Universitätsbauten beschleu­nigt werden. Dank einem unermüdlichen Enthusiasmus ist in Potsdam bislang schon vieles bewirkt worden. Diese Dynamik des Aufbruchs sollte auch weiterhin beibehalten werden. Dabei muß allerdings der Anschluß an die Zukunft vor dem Hintergrund perma­nent wechselnder Herausforderungen stets im Auge behalten werden. Thilo Seelbach

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PUTZ 9/95