Heft 
(1.1.2019) 01
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ERINNERUNGEN AN EIN GEMEINSAMES KULTURERBE

Tagung des Moses Mendelssohn Zentrums zuHalacha und Bürgerrecht"

Nach dem Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland gibt es in der Bundesrepublik nur noch wenige jüdische Mitbürger; für orthodoxe Juden gar ist deutscher Boden fast durchgängig tabu. Um so bemerkenswerter empfanden über 40 Vertreter aus Wissenschaft, Politik, Justiz und Verwaltung eine internationale Tägung des Moses Mendelssohn Zentrums an der Universität Potsdam (MMZ), die an ein gemeinsames deutsch-jüdisches Kulturerbe erinnerte. Unter dem TitelHalacha und Bürgerrecht wurde hier der maßgebliche Beitrag deutsch-jüdischer Rechts­gelehrter am Aufbau des Staatswesens, der Demokratie und des Fortschritts im Deutschland des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts aufgezeigt. Weitere Mitveranstalter dieser Tägung, die im Cent­rum Judaicum neben der neuen Synagoge in Berlin stattfand, waren die Universität Potsdam, die Hum­boldt-Universität zu Berlin, die Bar-Ilan-Universität, Ramat Gan/Israel und die Deutsch-Israelische Juristenvereinigung. Als Schirmherr fungierte Dr. Hans Otto Bräutigam, der Minister für Justiz und für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg.

Erhielt die Moses Mendels­sohn-Medaille: der Präsident des Bundesverfassungs­gerichts a.D. Prof Dr h.c. Emst Benda. Foto: Fritze

Um den Grad der Assimilation der im Deutschland des 19. und 20. Jahrhunderts bis zum Beginn des nationalsozialistischen Tterrorregimes lebenden jüdischen Rechts­gelehrten ermessen zu können, ist es wich­tig, sich zumindest ansatzweise mit dem jüdischen Rechtsverständnis zu befassen. Genau dies geschah auf der Tägung, die sich in einem ersten Tfeil mit Halacha, Na­turrecht und Bürgerrecht befaßte und in ei­nem zweiten mit dem Beitrag jüdischer Ju­risten für die deutsche Rechtsgeschichte. Halacha bezeichnet die Gesamtheit jüdi­scher Religionsgesetze und stellt den reli­gionsgesetzlichen Tteil der talmudischen Li­

teratur dar. So ist es nach halachischem Recht z.B. geboten, den Sabbat zu halten, keine Nichtjuden zu heiraten, kurz: das den Juden in der Bibel, dem Tälmud und der Responsenliteratur gegebene Recht einzu­halten. Das sich daraus ergebende Rechts­verständnis beruht demnach auf göttlichen Wurzeln und kann von Menschen nicht an­getastet oder verändert werden. Der Glau­be sichert seine Durchführung. Juden in Israel und orthodoxe Juden in den USA le­ben selbstverständlich auch heute noch nach halachischem Recht; und so wurde auf der Tägung versucht, die Anwendung dieses Rechts in modernen Rechtsfragen zu klären. In medizinethischen Fällen bei­spielsweise - bei Organspenden oder der

Entscheidung lebensrettender Maßnah­men wie Bluttransfusionen oder künstlicher Beatmung - könnte es zwischen halachi­schem und modernem Bürgerrecht durch­aus unaufhebbare Gegensätze geben.

Im zweiten Tteil der Tägung ging es dann um dieProdukte einer Befreiung von der Halacha oder - je nach Standpunkt - um die Verwässerung des Judentums, den Bruch mit der jüdischen Religion. Es wur­den jüdische Juristen und ihre Beiträge zur modernen deutschen Rechtsgeschichte im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert be­leuchtet. Dabei zeigte sich, daß dieser Bei­trag ein maßgeblicher war, obwohl die deutsch-jüdischen Rechts­gelehrten auch im Kaiser­reich noch aufgrund ihrer re­ligiösen Abstammung große Schwierigkeiten hatten, in Staatsämter zu gelangen. Eine ordentliche Universi­tätsprofessur, ein Richter­oder gar ein Ministeramt ka­men für Juden, auch wenn sie getauft waren, nur selten in Frage. Doch sie lieferten ihren Beitrag zur Entwick­lung des deutschen Rechts­verständnisses trotzdem: So konnte Prof Dr. Jörn Eckert von der Universität Potsdam zeigen, daß die aus dem Kaiserreich stam­menden klassischen Kommentare zum Handelsrecht von Juden geschrieben wur­den. Und zwar überwiegend von Praktikern - nicht von Professoren -, denen sich der Gesetzgeber anschloß. Andere Beiträge, z.B. von Prof. Dr. Johann Braun/Universität Passau, Prof. Dr. Hermann Kiener/Berlin, Prof. Dr. Julius H. Schoeps/Universität Pots­dam oder Prof. Dr. Claus Bärsch/Universi- tät Gesamthochschule Duisburg, befaßten sich mit linksliberalen, progressiven deutsch-jüdischen Rechtsgelehrten und Politikern im deutschen Kaiserreich und ihrem Beitrag für die Entwicklung des deut­schen Rechtssystems. Eduard Gans, Hein­rich Bernhard Oppenheim, Gabriel Riesser

Gästeschar: Das Centrum Judaicum neben der Neuen Synagoge in Berlin war Veranstaltungsort für die internationale Gästeschar.

Foto: Fritze

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und Hans Kelsen sind Namen, die für die­se Entwicklung stehen.

An den tragischen Kontext, daß der Nieder­gang des deutschen Rechtssystems mit den Nationalsozialisten auch zu einer völli­gen Entrechtung der Juden führte und schließlich sogar ihre systematische Er­mordung legalisiert wurde, erinnerten vie­le der die Tägung miteröffnenden Festgäste. Grußworte sprachen mit Dr. Hans Otto Bräutigam der Minister der Justiz und für Bundes- und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg, Jerzy Kanal, der Vor­sitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Prof. Dr. Nahum Rakover, der stellvertreten­de Generalstaatsanwalt des Staates Israel, Prof. Dr. Wolfgang Loschelder, Rektor der Universität Potsdam, und Prof. Dr. Julius H. Schoeps, der Direktor des MMZ und Initia­tor der Tägung.

Den Festvortrag der Eröffnungsveranstal­tung hielt Prof. Dr.h.c. Ernst Benda, der Prä­sident des Bundesverfassungsgerichts a.D.. Er widmete sich dem ThemaHugo Preuß und Gerhard Leibholz - Von der Wei­marer Verfassung zum Grundgesetz und gab damit Einblick in eine intensive Ausein­andersetzung seinerseits mit dem Beitrag deutsch-jüdischer Juristen zum Werden des deutschen Staates und Rechtssystems. Für seine Beschäftigung mit den Problemfel­dern deutsch-jüdischer Geschichte und die Förderung des Dialoges zwischen der Bun­desrepublik Deutschland und dem Staat Is­rael erhielt Prof. Dr.h.c. Ernst Benda denn auch von Prof. Dr. Julius H. Schoeps die Moses Mendelssohn-Medaille verliehen. Schoeps dazu:Sie haben in vielerlei staat­lichen Ämtern und als Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Ihr Wir­ken darauf gerichtet, das von der Vergan­genheit schwer überschattete deutsch-jüdi­sche Verhältnis im Sinne eines Bekennens zur Geschichte einer Normalisierung zuzu­führen. Ernst Benda ist somit der sechste, der die erstmals 1993 verliehene Moses Mendelssohn-Medaille des Moses Men­delssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien erhalten hat. Hg.

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