Heft 
(1.1.2019) 01
Einzelbild herunterladen

OHNE VISIONEN KANN EUROPA NICHT ENTSTEHEN

Rita Süßmuth lieferte Politik aus erster Hand

Vor einem Rückfall in Kleinstaaterei warn­te die Präsidentin des Deutschen Bundes­tages und ranghöchste Vertreterin deut­scher Politik an der Universität Potsdam. Sie tat dies im Rahmen der bereits 1993 von Prof. Dr. Wilhelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftli­chen Fakultät ins Leben gerufenen Reihe Politik aus erster Hand, indem sie im vollbesetzten großen Hörsaal in Babels­berg-Griebnitzsee erklärte:Es ist ein­fach nicht mehr möglich, als einzelner Staat auf die Herausforderungen der Weltpolitik zu reagieren. Nehmen Sie z.B. die Wanderungsbewegung von Süd nach Nord, von Ost nach West, die Sicherung von Atomkraftwerken oder den CO z -Aus- stoß - was könnte die Bundesrepublik da ohne die Einigung mit anderen Staaten schon anfangen?

Europa als Chance und Herausforderung lautete das Thema Rita Süßmuths in Pots­dam. Und um die Chancen und Herausfor­derungen auch in einer klaren Entwick- lungslinie aufzuzeigen, griff die Referentin weit zurück: an den Anfang Europas, als der englische Premierminister Sir Winston

Churchill erklärte,Es gibt keine Alternati­ve zu Europa und meinte,Es gibt keine Alternative zum Frieden. Denn begonnen habe die europäische Mission, so Süßmuth, als Friedensmission, nicht als Binnenmarkt­vision.

Die heute auch in Deutsch­land oft einseitige Fixierung auf die Wirtschaftsperspek­tive ist der Bundestagspräsi­dentin denn auch zu einsei­tig:Freiheits-, Friedens- und Wirtschaftsfragen sollten als Einheit gesehen werden, de­ren Nutzen sich eben nicht genau quantifizieren läßt, er­klärte sie. Folglich lautete ihre Antwort auf die Frage, ob wir denn heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, Europa noch brauchen, eindeutigja". Zwar nicht dafür, jede Apfelgröße einheitlich festzulegen; aber um die großen, grenzübergreifenden Fragen zu regeln, ginge es nicht ohne eine gemeinsame Wirtschafts- und Außen- so­wie Sicherheitspolitik. Daß dabei auch eine einheitliche Währung zur Erhöhung der wirtschaftlichen Schlagkraft unverzichtbar

sei, machte Rita Süßmuth am Beispiel von Konkurrenzmärkten - wie der NAFTA Ame­rikas, Kanadas und Mexikos oder dem asia­tischen Markt - deutlich.

Trotz ihres engagiert vorgetragenen Plädoy­ers für Europa verhehlte die Bundestags­präsidentin die Schwächen des derzeitigen Systems nicht: So bezeichnete sie die Haltung Eu­ropas bezüglich Jugoslawiens als jämmerlich, monierte sie die immer stärkere Bürokratisie­rungswut und forderte wirklich entscheidungskräftige gemein­same Gremien. Im Hinblick auf die Universitäten erinnerte Süß­muth an die immer noch viel zu wenigen Austauschstudenten (nur sechs Prozent der deut­schen Studierenden absolvieren einen TM ihres Studiums im Ausland). Hier läge noch ein großes Potential, aus dem Weitoffenheit geschöpft werden könne. Und die Wissen­schaftler als diegeistige Elite Deutsch­lands" forderte sie schließlich auf, keine planlose Elite zu sein, sondern auch in be­zug auf Europa Visionen mit Wissen um das Machbare zu verbinden. Hg.

Prof. Dr. Rita Süßmuth

Foto: Tbibukeit

GUTE BEZIEHUNGEN GEFESTIGT

Gedanken- oder kopflos?

Der amerikanische Gesandte Robert L. Earle (Zweiter von links) war am 13. Dezember Gast des Institutes für Anglistik und Amerikanistik der Philosophischen Fakultät I. Earle ist in der U. S. Botschaft zuständig für Wissenschaft, Kultur sowie Medien und ist Vorsitzender der deutsch-amerikanischen Fulbright-Kommission. Gleichzeitig beteiligt er sich in der amerikanischen Botschaft in Bonn in leitender Funktion an der Gestaltung der bilateralen Beziehungen und am amerikanischen Engagement für die europäische Integration und Sicherheitsstruktur. Bei seinem Besuch in Potsdam wurde er vom Rektor der Universität, Prof. Dr. Wolfgang Loschelder (links), Vertretern der Philosophischen Fakultät I, speziell des Institutes für Anglistik und Amerikanistik mit der geschäftsführenden Direktorin Prof. Dr. Hildegard L.C. Tbistram (Mitte) und ihrem Stellvertreter Prof. Dr. Achim Hoffmann (rechts) an der Spitze, empfangen. Im Anschluß an dieses Gespräch, dem auch der stellvertretende Kulturattache der amerikanischen Botschaft Scott Rauland (Zweiter von rechts) beiwohnte, hatten Studierende, Mitarbeiter der Universität und Interessierte aus Stadt und Region die Möglichkeit, einen Vortrag Robert L. Earles überValues and the American Identity " zu hören. Er widmete sich darin der aktuellen Werte-Debatte in den USA und erläuterte, warum er die demokratische Identität der USA für grundlegender als die ethnische oder kulturelle Identität hält.

Hg./Foto: Tribukeit

Lange und intensiv hatten sich Studierende und Mitarbeiter der Uni, aber auch Künstler aus Berlin und dem Senegal mit ihren künstlerischen Ideen auseinandergesetzt und diesen dann in der Ghndower Ziegelei Gestalt gegeben. Durch ihre Initiative konnte schließlich im April 1995 der Plastikgarten auf dem Gelände des Univer­sitätskomplexes Golm zur Freude vieler einge­weiht werden. Für jede Skulptur fanden sie einen speziellen Platz, neben Bäumen, auf einer Rasenfläche oder am Haus. Die Werke seien weniger als Dekorationsstücke, vielmehr als Zeichen, die auf Begegnung warteten, ge­schaffen worden, sagte Prof. Dr. Meike Aissen- Crewett, Inhaberin des Lehrstuhls für Grund- schulpädagogik/Lembereich musisch-ästheti­sche Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästheti­sche Erziehung, bei der Eröffnung des Plastik­gartens. Offensichtlich gibt es Menschen, die solche Zeichen nicht verstehen können oder wollen. Was muß in den Köpfen und Hirnen jener Vandalen vorgegangen sein, die die Skulptur der Studentin Kerstin Grüner zerstörten?

B.E./Foto: Tbibukeit

PUTZ 1/96

Seite 5