OHNE VISIONEN KANN EUROPA NICHT ENTSTEHEN
Rita Süßmuth lieferte Politik aus erster Hand
Vor einem Rückfall in Kleinstaaterei warnte die Präsidentin des Deutschen Bundestages und ranghöchste Vertreterin deutscher Politik an der Universität Potsdam. Sie tat dies im Rahmen der bereits 1993 von Prof. Dr. Wilhelm Bürklin aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ins Leben gerufenen Reihe „Politik aus erster Hand“, indem sie im vollbesetzten großen Hörsaal in Babelsberg-Griebnitzsee erklärte: „Es ist einfach nicht mehr möglich, als einzelner Staat auf die Herausforderungen der Weltpolitik zu reagieren. Nehmen Sie z.B. die Wanderungsbewegung von Süd nach Nord, von Ost nach West, die Sicherung von Atomkraftwerken oder den CO z -Aus- stoß - was könnte die Bundesrepublik da ohne die Einigung mit anderen Staaten schon anfangen?“
„Europa als Chance und Herausforderung“ lautete das Thema Rita Süßmuths in Potsdam. Und um die Chancen und Herausforderungen auch in einer klaren Entwick- lungslinie aufzuzeigen, griff die Referentin weit zurück: an den Anfang Europas, als der englische Premierminister Sir Winston
Churchill erklärte, „Es gibt keine Alternative zu Europa“ und meinte, „Es gibt keine Alternative zum Frieden“. Denn begonnen habe die europäische Mission, so Süßmuth, als Friedensmission, nicht als Binnenmarktvision.
Die heute auch in Deutschland oft einseitige Fixierung auf die Wirtschaftsperspektive ist der Bundestagspräsidentin denn auch zu einseitig: „Freiheits-, Friedens- und Wirtschaftsfragen sollten als Einheit gesehen werden, deren Nutzen sich eben nicht genau quantifizieren läßt“, erklärte sie. Folglich lautete ihre Antwort auf die Frage, ob wir denn heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, Europa noch brauchen, eindeutig „ja". Zwar nicht dafür, jede Apfelgröße einheitlich festzulegen; aber um die großen, grenzübergreifenden Fragen zu regeln, ginge es nicht ohne eine gemeinsame Wirtschafts- und Außen- sowie Sicherheitspolitik. Daß dabei auch eine einheitliche Währung zur Erhöhung der wirtschaftlichen Schlagkraft unverzichtbar
sei, machte Rita Süßmuth am Beispiel von Konkurrenzmärkten - wie der NAFTA Amerikas, Kanadas und Mexikos oder dem asiatischen Markt - deutlich.
Trotz ihres engagiert vorgetragenen Plädoyers für Europa verhehlte die Bundestagspräsidentin die Schwächen des derzeitigen Systems nicht: So bezeichnete sie die Haltung Europas bezüglich Jugoslawiens als jämmerlich, monierte sie die immer stärkere Bürokratisierungswut und forderte wirklich entscheidungskräftige gemeinsame Gremien. Im Hinblick auf die Universitäten erinnerte Süßmuth an die immer noch viel zu wenigen Austauschstudenten (nur sechs Prozent der deutschen Studierenden absolvieren einen TM ihres Studiums im Ausland). Hier läge noch ein großes Potential, aus dem Weitoffenheit geschöpft werden könne. Und die Wissenschaftler als die „geistige Elite Deutschlands" forderte sie schließlich auf, keine planlose Elite zu sein, sondern auch in bezug auf Europa Visionen mit Wissen um das Machbare zu verbinden. Hg.
Prof. Dr. Rita Süßmuth
Foto: Tbibukeit
GUTE BEZIEHUNGEN GEFESTIGT
Gedanken- oder kopflos?
Der amerikanische Gesandte Robert L. Earle (Zweiter von links) war am 13. Dezember Gast des Institutes für Anglistik und Amerikanistik der Philosophischen Fakultät I. Earle ist in der U. S. Botschaft zuständig für Wissenschaft, Kultur sowie Medien und ist Vorsitzender der deutsch-amerikanischen Fulbright-Kommission. Gleichzeitig beteiligt er sich in der amerikanischen Botschaft in Bonn in leitender Funktion an der Gestaltung der bilateralen Beziehungen und am amerikanischen Engagement für die europäische Integration und Sicherheitsstruktur. Bei seinem Besuch in Potsdam wurde er vom Rektor der Universität, Prof. Dr. Wolfgang Loschelder (links), Vertretern der Philosophischen Fakultät I, speziell des Institutes für Anglistik und Amerikanistik mit der geschäftsführenden Direktorin Prof. Dr. Hildegard L.C. Tbistram (Mitte) und ihrem Stellvertreter Prof. Dr. Achim Hoffmann (rechts) an der Spitze, empfangen. Im Anschluß an dieses Gespräch, dem auch der stellvertretende Kulturattache der amerikanischen Botschaft Scott Rauland (Zweiter von rechts) beiwohnte, hatten Studierende, Mitarbeiter der Universität und Interessierte aus Stadt und Region die Möglichkeit, einen Vortrag Robert L. Earles über „Values and the American Identity " zu hören. Er widmete sich darin der aktuellen Werte-Debatte in den USA und erläuterte, warum er die demokratische Identität der USA für grundlegender als die ethnische oder kulturelle Identität hält.
Hg./Foto: Tribukeit
Lange und intensiv hatten sich Studierende und Mitarbeiter der Uni, aber auch Künstler aus Berlin und dem Senegal mit ihren künstlerischen Ideen auseinandergesetzt und diesen dann in der Ghndower Ziegelei Gestalt gegeben. Durch ihre Initiative konnte schließlich im April 1995 der Plastikgarten auf dem Gelände des Universitätskomplexes Golm zur Freude vieler eingeweiht werden. Für jede Skulptur fanden sie einen speziellen Platz, neben Bäumen, auf einer Rasenfläche oder am Haus. Die Werke seien weniger als Dekorationsstücke, vielmehr als Zeichen, die auf Begegnung warteten, geschaffen worden, sagte Prof. Dr. Meike Aissen- Crewett, Inhaberin des Lehrstuhls für Grund- schulpädagogik/Lembereich musisch-ästhetische Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästhetische Erziehung, bei der Eröffnung des Plastikgartens. Offensichtlich gibt es Menschen, die solche Zeichen nicht verstehen können oder wollen. Was muß in den Köpfen und Hirnen jener Vandalen vorgegangen sein, die die Skulptur der Studentin Kerstin Grüner zerstörten?
B.E./Foto: Tbibukeit
PUTZ 1/96
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