„IDEOLOGISCHER" UMGANG HUBEN WIE DRÜBEN
Anna Seghers - eine Tagung an der Universität Potsdam
Es ist schon merkwürdig. Da meint man, die Anna Seghers und ihre Texte ziemlich gut zu kennen und wird doch immer wieder überrascht, welche interessanten neuen Blicke sich auf die Autorin und ihr Werk ergeben. Im November letzten Jahres fand die 5. Jahrestagung der Anna Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz e.V statt. Den Auftakt bildete die Verleihung des Anna Seghers-Preises durch ihre Kinder, Ruth und Pierre Radvanyi, im Literarischen Colloquium in Berlin-Wannsee. Den Preis erhielt in diesem Jahr Marion Tietze. Danach begann dann die internationale wissenschaftliche Konferenz an der Universität Potsdam zum Thema: Anna Seghers Firauenbilder.
Die Eröffnungsreden und Grußworte machten dabei deutlich, daß diese internationale Konferenz für das Institut für Germanistik, für die Universität und für die Städte Potsdam und Berlin ein wichtiges kulturelles Ereignis war. So unterschiedlich die Refe- rentmnen aus Italien, Kroatien, den USA und Deutschland, so vielfältig die Zugänge zum Thema. In einer Reihe von Beiträgen wurde Anna Seghers in verschiedene Kontexte gestellt, um das ihr Eigene deutlicher her-
Auch der Sohn Anna Seghers', Pierre Radvanyi, kam zur Thgung nach Potsdam. . Foto: Fritze
vortreten zu lassen. Hilke Veth (Hamburg) referierte über Schriftstellerinnen in der Weimarer Republik, die neben der Seghers agierten. Beate Schmeichel-Falkenberg (Möllingen) entwarf Bilder der Situation, in der sich Frauen im Exil befanden. Sie zeigte deren besondere Schwierigkeiten, aber auch die praktische und damit produktive Bewältigung der Exilsituation durch Hauen. Interessante Einblicke ergaben sich auch in dem Beitrag von Christiane Zehl Romero (Massachusetts, USA), die Anna Seghers und Simone de Beauvoir vergleichend nebeneinander stellte.
Ein zweiter thematischer Schwerpunkt galt den sich in den Tbxten der Seghers offenbarenden Frauenbildern. Unter diesem Aspekt untersuchten Simonetta Sanna (Sassari, Italien) „Der Ausflug der toten Mädchen“, Eva Kaufmann (Berlin) „Sagen
von Artomis“, „Transit und „Die Toten bleiben jung“, Ute Karlavans (Kastav, Kroatien)
„Das wirkliche Blau". Sehr anregend in diesem Zusammenhang erschienen die Ausführungen von Mar- gnd Bircken (Potsdam). Beobachtungen und Deutungsvorschläge zur Namensgebung der Frauenfiguren bei Seghers stellte sie unter das Thema „Marie(n)bilder m Seghers frühen Erzählungen".
Schließlich ging es in einer Podiumsdiskussion um Seghers-Bilder in der Schule, um Rezeptionsweisen, Umgangsweisen mit der Autorin Anna Seghers in der DDR und der Bundesrepublik vor 1989 und um Unterrichtsprojekte, die heute von Lehrerinnen, Lehrern und Schülern in Ost und West unternommen werden. Hartmut Jonas z.B. hatte Lehrpläne und Unterrichtshilfen der DDR aus den vergangenen 30 Jahren untersucht und festgestellt, daß trotz einer sich herausbildenden interessanten Seg- hers-Philologie der Diskurs in der Schule immer von schulpolitischen Setzungen überformt wurde. So fanden strukturalisti- sche oder rezeptionsästhetische Orientierungen der Literaturwissenschaft keinen Eingang in die Lehrpläne. In der Debatte mit den Lehrern, die sich in der DDR um Anna Seghers 1 Werke bemüht hatten, wurde aber deutlich, daß die „inszenierte Wirklichkeit“ der Lehrpläne und Unterrichtshilfen ergänzt werden müßte um die empirische Dimension des Schulalltags.
Aus westdeutscher Sicht stellten sich die Schwierigkeiten im Umgang mit der Seghers anders dar. Im Vortrag von Christa Degemann, die Lesebücher untersucht hatte, wurde deutlich, daß auch hier ein „ideologischer“ Umgang eine produktive Auseinandersetzung eher verstellt bzw. durch Nicht-Anwesenheit literarischer Texte von Seghers gar nicht erst ermöglicht hatte. Die Ausstellung zum 95. Geburtstag der Schnftstellerin „Anna Seghers - Werk und Bild“ in der Stadt- und Landesbibliothek begleitete die Tägung. Für die Ausstellung
konnten Frank Wagner und Margrid Bircken auf Erstausgaben der Seghers-Ge- denkstätte und des Archivs der AdK Berlin und Brandenburg zurückgreifen, auch auf Privatfotos der Tochter, die zum Tteil erstmals öffentlich gezeigt wurden. Eine Lesung mit Margarete Hannsmann und die Vorführung des Films „Im Exil in Mexiko“ rundeten die Tägung ab, bei deren Organisation und Durchführung sich vor allem Mitarbeiter der „Abteilung“ Literaturwissenschaft im Institut für Germanistik der Philosophischen Fakultät I und namentlich Dr. Margrid Bircken hervorgetan haben. Dr. Bircken wurde darüber hinaus in den Vorstand der Anna Seghers- Gesellschaft gewählt.
Marianne Lüdecke
EUROPÄISCHE
r a Tgs*
Die Fakultät für Kultur und Fremdsprachen der französischen Universität Amiens und die Philosophische Fakultät I der Universität Potsdam arbeiten künftig auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages zusammen. Die Dekane beider Fakultäten, Prof. Dr. Jacques Darras (links) und Prof. Dr. Knut Kiesant, Unterzeichneten kürzlich den Vertrag in Potsdam. Anwesend war gleichfalls die Leiterin des Centre d‘ Etudes Medievales, Prof. Dr. Danielle Buschmger (rechts), aus Amiens. Wie sie hat auch Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski, Inhaber des Lehrstuhls für Mediävistik/Altere deutsche Literatur des Institutes für Germanistik der
Netty Reilmg - die spätere Anna Seghers - mit ihrer Mutter Hedwig, geb. Fuld. Repro: Fritze
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