Heft 
(1.1.2019) 01
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ALS WÄR ES KEINEM ERNST MIT DER KUNST

Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett hielt ihre Antrittsvorlesung

Wenn man zu dem Schluß komme,daß musische Erziehung ein Modell ist, das in je­der Beziehung nach rückwärts führt, das gerade wegen der Erweckung unerfüllbarer Erwartungen eines bestenfalls idealistischen, wenn nicht gar totalitären, Menschen­bildes letztlich den unkontrollierten Ausbruch politischer Irrationalität in der Vergan­genheit beförderte, dann solle man das mißverständliche Adjektivmusisch aus dem aktuellen pädagogischen Denken und Handeln streichen. Diese Gedanken äußerte Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett, Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik/ Lembereich musisch-ästhetische Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästhetische Erzie­hung in der Philosophischen Fakultät II, in ihrer Antrittsvorlesung Ende vergangenen Jahres. Die Wissenschaftlerin gab ihrem Vortrag den TitelWas heißt und zu welchem Ende studiert man musisch-ästhetische Erziehung?.

Die Bezeichnungmusisch-ästhetische Er­ziehung hält die Professorin für unglück­lich, sie plädierte vielmehr fürästhetisch- aisthetische Erziehung. Gemeint sind die ästhetischen Fächer Kunst, Musik und Sport, verbunden mit ästheti­scher Erziehung als Wahrnehmungserzie- hung. In ihrer Vorlesung entwickelte Meike Ais­sen-Crewett das Gegen­konzept zur musischen Erziehung in dem von ihr abgelehnten Sinne.

Sie siedelte den Beginn dieses Gegenmodells 1795 bei Friedrich von Schiller an. In seinen BriefenÜber die ästhe­tische Erziehung des Menschen vertritt er die Überzeugung, daß sich der Mensch ein Reich ästhetischer Freiheit er­schaffen muß und kann.

Erziehung würde des­halb nur als ästhetische Erziehung möglich sein.

Weiter erläuterte die Referentin, wie sich im 19. Jahrhundert die Gesellschaftsbezogen- heit der ästhetischen Erziehung zur Abkehr von der Gesellschaft in der musischen Bil­dung verkehrte.Der universale Anspruch der ästhetischen Erziehung, den Menschen zum Menschen zu bilden, ihn also in Frei­heit zu setzen, wird eingeschränkt auf eine schichtenspezifische Anpassung, in der die kulturkritische Beteuerung zu einer rhetori­schen Attitüde verkommt, so die Hoch­schullehrerin. Auf diese Weise verliere Kunst die Hebelfunktion, mit der sich etwas bewegen lasse.

Die Auseinandersetzung mit der Geschich­te veranlaßte Meike Aissen-Crewett dazu, eine realistische Einschätzung der Wirkun­gen von Kunst anzumahnen. Mit Bezug auf Theodor Adorno, der ästhetische Erzie­hung und ästhetische Erfahrung untrenn­bar miteinander verband, bezeichnete sie

die Herausbildung der Fähigkeit, ästheti­sche Erfahrungen zu sammeln, als das Ziel der ästhetischen Erziehung. Daraus leitete die Vortragende ab:Aufgabe der ästhe­tischen Erziehung als sinnliche Wahrneh­mungserziehung ist die Ausbildung sinnlicher Wahrnehmungsmöglich­keiten, der Wahrneh­mungskritik und des Wahrnehmungsgenus­ses. Aisthetische Erzie­hung erweitere das Ge­genstandsfeld der ästhe­tischen Erziehung über Kunstwerke hinaus auf alle Gegenstände und Artefakte der gestalteten wie auch der natürlichen, sozialen und ökonomi­schen Umwelt. Die äs- thetisch-aisthetische Er­ziehung betrachtete Mei­ke Assen-Crewett nicht als ein Lerngebiet oder didaktisches Feld neben anderen, sondern als einesin einer eigen­tümlichen Weise querstehend zu der Ge­samtheit der übrigen Lernbereiche mit de­nen sie zugleich konfrontiert und verzahnt ist. Diese Erziehung gehe andere Wege als das sonst in der Schule praktizierte Lernen. Ästhetisch-aisthetisches Lernen sei ange­wiesen auf die Langsamkeit, auf das Ver­weilen, auf die Subjektivität und Affektivität des Lernenden. Es sei mehr als Sinnes­wahrnehmung, nämlich zugleich ästheti­sches Denken und Erkennen wie auch ein Lernen der Nähe zu den Dingen. Die Pro­fessorin setzte dabei aufdie verschüttete Kraft und das kritische Potential ästheti­scher Bildung, Ohne Resignation, jedoch mit der Aufforderung, ernst mit den Künsten und der ästhetisch-aisthetischen Erziehung zu machen, zitierte sie Friedrich Hölderlin: Man hat schon so viel gesagt über den Einfluß der schönen Künste auf die Bildung des Menschen, aber es kam immer heraus, als wär es keinem ernst damit. B.E.

Über jüdische Erfahrungen

Jüdische Erfahrung in den Kulturen Großbritanniens und Nordamerikas nach 1945 lautet der Titel einer Vortragsreihe, die vom Institut für Anglistik und Amerika­nistik der Philosophischen Fakultät I in Verbindung mit den Jüdischen Studien im Wintersemester 1995/96 an der Universi­tät Potsdam durchgeführt wird. Die von der Inhaberin der Professur für Neuere und Neueste Englische Literatur, Prof. Dr. Beate Neumeier, initiierte Veranstaltung befaßt sich mit unterschiedlichen Aspek­ten jüdischer Erfahrung in der britischen und in der amerikanischen Kultur der Gegenwart und richtet sich an Studieren­de sowie an interessierte Gasthörer. Eine vergleichende Untersuchung der Thema- tisierung jüdischer Erfahrung durch Künstler in beiden Kulturen erscheint von besonderer Bedeutung, da traditionell zu­meist die jüdische Erfahrung in der ame­rikanischen Kultur im Zentrum der Be­trachtung steht.

Auftakt der Vorlesungsreihe war eine Dar­stellung der historischen Voraussetzungen jüdischer Erfahrung in den USA unter dem TitelJüdische Einwanderung in die USA an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhun­dert; dem folgten Vorträge überThe Revival of Klezmer-Music-Populärmusik zwischen Tradition und Markt, über das Bild derJewish Mothers in der US-ameri­kanischen Literatur", denJüdischen Fa­milienroman in den USA',Die Verarbeitung jüdischer Erfahrung in der US-amerikani­schen Gegenwartsliteratur sowie über Die Bewältigung des Holocaust im Comic - Die Bilderwelt des Art Spiegelman. Dar­über hinaus sind die Verarbeitung jüdischer Erfahrungen im britischen kulturellen Kon­text ebenso von Interesse wie ein Überblick über die jüdische Literatur in Großbritanni­en, ein Vortrag überDiscretion or Dis­closure: The Dilemma of an Anglo-Jewish Writer", die historische Situation der Juden in Großbritannien sowie zeitgenössische Jüdische Romanautorinnen undJüdische Lyrikerinnen in Großbritannien.

Die fachliche Breite und Verschiedenheit der für diese Vortragsreihe gewonnenen Referenten entspricht der Vielfalt der be­handelten Themen; sie reicht von Philolo­gen aus der Universität Potsdam (Institut für Anglistik/Amerikanistik und Jüdische Studi­en der Philosophischen Fakultät I) über Vertreter aus Berlin bis zu Wissenschaftlern des Queen Mary and Westfield College der University of London'VGroßbritannien, die vomBritish Council für die Reihe gewon­nen werden konnten. Wer Interesse hat, kann sich noch am 24. und 31. Januar um 17.15 Uhr Am Neuen Palais im Haus 11, Raum 113 einfinden. H./N.

Für Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett ist die ästhetisch-aisthetische Erziehung kein Ersatz für den Sinnlichkeitsverlust des übrigen Lernens. Foto: Fritze

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