ALS WÄR ES KEINEM ERNST MIT DER KUNST
Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett hielt ihre Antrittsvorlesung
Wenn man zu dem Schluß komme, „daß musische Erziehung ein Modell ist, das in jeder Beziehung nach rückwärts führt, das gerade wegen der Erweckung unerfüllbarer Erwartungen eines bestenfalls idealistischen, wenn nicht gar totalitären, Menschenbildes letztlich den unkontrollierten Ausbruch politischer Irrationalität in der Vergangenheit beförderte“, dann solle man das mißverständliche Adjektiv „musisch“ aus dem aktuellen pädagogischen Denken und Handeln streichen. Diese Gedanken äußerte Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett, Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik/ Lembereich musisch-ästhetische Erziehung mit dem Schwerpunkt Ästhetische Erziehung in der Philosophischen Fakultät II, in ihrer Antrittsvorlesung Ende vergangenen Jahres. Die Wissenschaftlerin gab ihrem Vortrag den Titel „Was heißt und zu welchem Ende studiert man musisch-ästhetische Erziehung?“.
Die Bezeichnung „musisch-ästhetische Erziehung“ hält die Professorin für unglücklich, sie plädierte vielmehr für „ästhetisch- aisthetische Erziehung“. Gemeint sind die ästhetischen Fächer Kunst, Musik und Sport, verbunden mit ästhetischer Erziehung als Wahrnehmungserzie- hung. In ihrer Vorlesung entwickelte Meike Aissen-Crewett das Gegenkonzept zur musischen Erziehung in dem von ihr abgelehnten Sinne.
Sie siedelte den Beginn dieses Gegenmodells 1795 bei Friedrich von Schiller an. In seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ vertritt er die Überzeugung, daß sich der Mensch ein Reich ästhetischer Freiheit erschaffen muß und kann.
Erziehung würde deshalb nur als ästhetische Erziehung möglich sein.
Weiter erläuterte die Referentin, wie sich im 19. Jahrhundert die Gesellschaftsbezogen- heit der ästhetischen Erziehung zur Abkehr von der Gesellschaft in der musischen Bildung verkehrte. „Der universale Anspruch der ästhetischen Erziehung, den Menschen zum Menschen zu bilden, ihn also in Freiheit zu setzen, wird eingeschränkt auf eine schichtenspezifische Anpassung, in der die kulturkritische Beteuerung zu einer rhetorischen Attitüde verkommt“, so die Hochschullehrerin. Auf diese Weise verliere Kunst die Hebelfunktion, mit der sich etwas bewegen lasse.
Die Auseinandersetzung mit der Geschichte veranlaßte Meike Aissen-Crewett dazu, eine realistische Einschätzung der Wirkungen von Kunst anzumahnen. Mit Bezug auf Theodor Adorno, der ästhetische Erziehung und ästhetische Erfahrung untrennbar miteinander verband, bezeichnete sie
die Herausbildung der Fähigkeit, ästhetische Erfahrungen zu sammeln, als das Ziel der ästhetischen Erziehung. Daraus leitete die Vortragende ab: „Aufgabe der ästhetischen Erziehung als sinnliche Wahrnehmungserziehung ist die Ausbildung sinnlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten, der Wahrnehmungskritik und des Wahrnehmungsgenusses“. Aisthetische Erziehung erweitere das Gegenstandsfeld der ästhetischen Erziehung über Kunstwerke hinaus auf alle Gegenstände und Artefakte der gestalteten wie auch der natürlichen, sozialen und ökonomischen Umwelt. Die äs- thetisch-aisthetische Erziehung betrachtete Meike Assen-Crewett nicht als ein Lerngebiet oder didaktisches Feld neben anderen, sondern als eines „in einer eigentümlichen Weise querstehend zu der Gesamtheit der übrigen Lernbereiche mit denen sie zugleich konfrontiert und verzahnt ist“. Diese Erziehung gehe andere Wege als das sonst in der Schule praktizierte Lernen. Ästhetisch-aisthetisches Lernen sei angewiesen auf die Langsamkeit, auf das Verweilen, auf die Subjektivität und Affektivität des Lernenden. Es sei mehr als Sinneswahrnehmung, nämlich zugleich ästhetisches Denken und Erkennen wie auch ein Lernen der Nähe zu den Dingen. Die Professorin setzte dabei auf „die verschüttete Kraft und das kritische Potential ästhetischer Bildung“, Ohne Resignation, jedoch mit der Aufforderung, ernst mit den Künsten und der ästhetisch-aisthetischen Erziehung zu machen, zitierte sie Friedrich Hölderlin: „Man hat schon so viel gesagt über den Einfluß der schönen Künste auf die Bildung des Menschen, aber es kam immer heraus, als wär es keinem ernst damit“. B.E.
Über jüdische Erfahrungen
„Jüdische Erfahrung in den Kulturen Großbritanniens und Nordamerikas nach 1945“ lautet der Titel einer Vortragsreihe, die vom Institut für Anglistik und Amerikanistik der Philosophischen Fakultät I in Verbindung mit den Jüdischen Studien im Wintersemester 1995/96 an der Universität Potsdam durchgeführt wird. Die von der Inhaberin der Professur für Neuere und Neueste Englische Literatur, Prof. Dr. Beate Neumeier, initiierte Veranstaltung befaßt sich mit unterschiedlichen Aspekten jüdischer Erfahrung in der britischen und in der amerikanischen Kultur der Gegenwart und richtet sich an Studierende sowie an interessierte Gasthörer. Eine vergleichende Untersuchung der Thema- tisierung jüdischer Erfahrung durch Künstler in beiden Kulturen erscheint von besonderer Bedeutung, da traditionell zumeist die jüdische Erfahrung in der amerikanischen Kultur im Zentrum der Betrachtung steht.
Auftakt der Vorlesungsreihe war eine Darstellung der historischen Voraussetzungen jüdischer Erfahrung in den USA unter dem Titel „Jüdische Einwanderung in die USA an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“; dem folgten Vorträge über „The Revival of Klezmer-Music-Populärmusik zwischen Tradition und Markt“, über das Bild der „Jewish Mothers in der US-amerikanischen Literatur", den „Jüdischen Familienroman in den USA', „Die Verarbeitung jüdischer Erfahrung in der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur“ sowie über „Die Bewältigung des Holocaust im Comic - Die Bilderwelt des Art Spiegelman“. Darüber hinaus sind die Verarbeitung jüdischer Erfahrungen im britischen kulturellen Kontext ebenso von Interesse wie ein Überblick über die jüdische Literatur in Großbritannien, ein Vortrag über „Discretion or Disclosure: The Dilemma of an Anglo-Jewish Writer", die historische Situation der Juden in Großbritannien sowie zeitgenössische „Jüdische Romanautorinnen“ und „Jüdische Lyrikerinnen“ in Großbritannien.
Die fachliche Breite und Verschiedenheit der für diese Vortragsreihe gewonnenen Referenten entspricht der Vielfalt der behandelten Themen; sie reicht von Philologen aus der Universität Potsdam (Institut für Anglistik/Amerikanistik und Jüdische Studien der Philosophischen Fakultät I) über Vertreter aus Berlin bis zu Wissenschaftlern des Queen Mary and Westfield College der „University of London'VGroßbritannien, die vom „British Council“ für die Reihe gewonnen werden konnten. Wer Interesse hat, kann sich noch am 24. und 31. Januar um 17.15 Uhr Am Neuen Palais im Haus 11, Raum 113 einfinden. H./N.
Für Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett ist die ästhetisch-aisthetische Erziehung kein Ersatz für den Sinnlichkeitsverlust des übrigen Lernens. Foto: Fritze
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