UNTERRICHT UND ENTWICKLUNG IN DER GRUNDSCHULE
Professor Dr. Hartmut Giest hielt seine Antrittsvorlesung
Das Herstellen einer Einheit zwischen Orientierung am Kind und Entwicklungsförderung im Unterricht der Grundschule ist in der Theorie umstritten und in der Schulpraxis ein ungelöstes Problem. Mit diesem Themenbereich setzte sich auch Prof. Dr. Hartmut Giest vom Institut für Grundschulpädagogik der Philosophischen Fakultät II in seiner Antrittsvorlesung unter dem Titel: „Entwicklungsfördernder Unterricht in der Grundschule - ein Modell und seine Perspektiven für Schule und Lehrerbildung“ auseinander.
Auf dem Hintergrund der durch Wygotsky (einer kulturhistorischen Schule) begründeten Auffassung zum Verhältnis zwischen Unterricht und Entwicklung sowie gestützt auf eigene empirische Untersuchungen entwickelte Prof. Giest im Vortrag seinen Ansatz eines entwicklungsfördernden Unterrichts, der den scheinbaren Widerspruch zwischen Entwik- klungsförderung und Kindgemäßheit auflöst. Der Unterricht wird hierbei in verschiedene Phasen gegliedert, die sich durch ein unterschiedliches Verhältnis von konkreter Entwicklungsförderung als Ausdruck pädagogischer Tätigkeit und Selbstorganisation in der Lerntätigkeit auszeichnen. Ausgangspunkt eines solchen Unterrichts ist die aktuelle Leistung des Kindes. In einem mehr nondirektiven Unterricht erhält jedes Kind die Möglichkeit, sich entsprechend seines aktuellen Leistungsstandes einzubringen. Der Lehrer diagnostiziert, beobachtet und ermittelt konkrete Voraussetzungen eines jeden Kindes. Das Lernen ist durch das Schaffen geeigneter Lernsituationen (projektorientiertes Lernen, Gruppendiskussionen, individuelles und kollektives Problemlosen) charakterisiert. In dieser überwiegend durch entdeckendes Lernen gekennzeichneten Phase des Unterrichts, nehmen die Widersprüche zwischen dem Können und Wollen der Kinder häufig an die Grenzen ihrer kognitiven Voraussetzungen, die durch die Zone der aktuellen Leistung bestimmt sind.
An der Stelle ist das hilfreiche Eingreifen des Lehrers notwendig und sinnvoll. Dies erfolgt in der Regel durch eine Anleitung zum systematischen Lernen im Rahmen einer eher direktiven Unterrichtsphase, in der die Kinder stets in der Kooperation mit dem Lehrer geeignete Lernmittel nutzen, die es gestatten, die zur Lösung des Lernproblems sowie zum Erreichen des Lernzieles erforderliche Kompetenz zu erwerben. Das Wesen dieser Interaktion ist die
Einflußnahme des Lehrers auf die Lerntätigkeit des Kindes durch entsprechende Angebote. Seine vordringlichste Aufgabe besteht darin, daß die Kinder die für das Erreichen der Lernziele notwendigen Handlungsorientierungen erwerben und schrittweise die erforderliche Handlungskompetenz aufbauen. Damit werden günstige Bedingungen geschaffen, unter denen die Schüler eigene Handlungs- und Kenntnisstrukturen aufbauen können, und so erwerben sie Voraussetzungen, um in die Zone der nächsten Entwicklung aufzusteigen. Deutlich wird dies, wenn sie in der Lage sind, die selbständig gestellten Aufgaben und Lernziele zu bewältigen. Ein neuer Lernzyklus in der Zone der (höheren) aktuellen Leistung kann beginnen. Er ist in dieser Phase durch nondirekti- ves, produktives Lernen gekennzeichnet.
Im abschließenden Tbil der Antrittsvorlesung ging Prof. Giest auf Konsequenzen ein, die sich aus dem vorgestellten Unterrichtsmodell für die Ausbildung ergeben. Eine erste Konsequenz bezieht sich auf das Verhältnis zwischen fachlicher, fachdidaktischer und erziehungswissenschaftlicher Ausbildung an der Universität. Die Analyse des Lerngegenstandes, die den Ausgangspunkt des Vorgehens im skizzierten Unter- nchtsmodell bildet, verlangt eine solide fachliche Qualifikation. Dazu ist es jedoch erforderlich, daß die Studenten weniger isoliertes Fachwissen, sondern mehr Kompetenz zur eigenständigen Erschließung fachwissenschaftlicher Gegenstände und zu fachlicher Bezugsetzung von Unterricht erwerben. Dies verlangt eine Vernetzung von Fach, Fachdidaktik und Erziehungswissenschaft.
Eine zweite Konsequenz geht davon aus, daß ein solcher Unterricht nur dann erfolgreich sein wird, wenn Studierende und in der Praxis tätige Lehrer in der Lage sind, die objektiven und konkreten Handlungsvoraussetzungen, bezogen auf den Lerngegenstand, zu analysieren und den Aneignungsprozeß darauf abgestimmt organisieren können. Dies kann nur dann gelingen, wenn der Brückenschlag zwischen Fach, Fachdidaktik und Lernpsychologie erfolgt. Das vorgestellte Modell verlangt einen differenzierten Einblick in das' Handlungsgeschehen im Unterricht. Daraus leitet Prof. Giest eine dritte Konsequenz ab, die auf die Notwendigkeit verweist, in den Lehrveranstaltungen und in den Praktika Tiefenstrukturen von Unterricht zugänglich zu machen. Rainer Möller
RECHENSCHAFTSBERICHT
Am Ende seiner Amtszeit als Rektor der Universität Potsdam zog Prof. Dr. Rolf Mitzner Bilanz. Jetzt liegt der Rechenschaftsbericht für den Zeitraum vom 26. Januar 1994 bis 30. September 1995 in schriftlicher Form vor. Mit Blick auf die in den zurückliegenden Jahren erzielten Ergebnisse werde deutlich, „daß der gegenwärtig erreichte Ausbaustand der Universität nur unter sehr hohem persönlichem Einsatz von Lehrenden, Studierenden und nichtwissenschaftlichen Mitarbeitern erreicht werden konnte“.
Der Bericht enthält unter anderem Aussagen über den Ausbaustand der Hochschule, die Haushalts-, Struktur- und Personalentwicklung sowie Baumaßnahmen. Gleichfalls fanden die Bereiche Forschung, Studium, Lehre und internationale Beziehungen Berücksichtigung. Ein umfangreicher Anlagenteil mit zahlreichen statistischen Angaben gibt Auskunft über Einzelheiten wie die Entwicklung der Studentenzahlen, Promotionen und Habilitationen oder Haushaltsdaten. So stellte der ehemalige Rektor fest, daß der Haushalt der Universität in den Jahren 1994 und 1995 vom Prozeß des Auf- und Ausbaus gekennzeichnet war. Die Ausgaben betrugen 1994 rund 152 Mio. DM, 1995 waren es rund 190 Mio. DM. Hervorgehoben wird die Bereitstellung von Mitteln für die Beschaffung von Großgeräten, für das Computerinvestitionsprogramm (CIP) und für Programme zum Aufbau von Wissenschaftlerarbeitsplätzen. Im Jahre 1994 standen dafür 1.283 T DM zur Verfügung, während für 1995 nur 180 T DM bewilligt wurden. Im Rahmen der drittmittelfinanzierten Forschung konnte die Universität an die positive Entwicklung von 1991 bis 1993 anknüpfen. Lagen die Einnahmen aus Drittmitteleinwerbungen 1994 noch bei rund 20 Mio. DM, so erreichten sie 1995 bereits 29 Mio. DM. Die Baumaßnahmen betreffend, konnte festgestellt werden, daß sich von den insgesamt 40 beantragten Vorhaben in der Kategorie große Neu-, Um- und Erweiterungsbauten zum Zeitpunkt der Erstellung des Rechenschaftsberichtes insgesamt 23 in der Planungsphase oder in der Phase der Realisierung befanden, wobei zwei große Vorhaben vor 1994 beendet wurden. Im Bereich der Werterhaltung erbrachte das Landesbauamt im Auftrag der Universität im Zeitraum von 1994 bis zum 30. Juni 1995 an Gebäuden und technischen Anlagen insgesamt Leistungen von 6,1 Mio. DM. Die Redaktion des Rechenschaftsberichtes lag in den Händen von Dr. Norbert Reichelt, Referent des Rektorates der Universität Potsdam, Tbl. 0331/977 1423. Im Rektorat wie in den Fakultäten sind Exemplare des Rechenschaftsberichtes erhältlich. B.E.
Prof. Dr. Hartmut Giest Foto: Fritze
PUTZ 1/96
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