VERBESSERUNG ODER FEHLENTWICKLUNG?
Norbert Eickhof nahm zur Industriepolitik der Europäischen Union Stellung
Gibt es nun in der Industriepolitik der Europäischen Union (EU) Verbesserung oder Fehlentwicklung? Mit dieser Frage beschäftigte sich Prof. Dr. Norbert Eickhof, Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbes. Wirtschaftspolitik in der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, in seiner gut besuchten Antrittsvorlesung im Dezember 1995. Im Verlaufe des Vortrags wurde deutlich, daß die industriepolitischen Aktivitäten der Europäischen Union äußerst kritisch zu beurteilen sind.
Das gilt zunächst für den institutioneilen Rahmen der europäischen Industriepolitik, der im wesentlichen durch den 1993 m Kraft getretenen Maastrichter Vertrag gebildet wird. Dieser Vertrag wird in der Öffentlichkeit vor allem wegen seiner Bestimmungen zur Europäischen Währungsunion kontrovers diskutiert. Nicht weniger pro-, blematisch sind jedoch - so Eickhof - die möglichen Folgen der Industriepolitik, die mit Artikel 130 des Vertrags einen neuen Stellenwert in Europa bekommen hat. Schon eine nähere Beschäftigung mit dem Wortlaut dieses Artikels zeige Widersprüchlichkeiten und stellenweise sogar konfuse Formulierungen, die alles andere als eine einheitliche ordnungspolitische Lime erkennen lassen. Es werde nicht deutlich, wie das industriepolitische Ziel „Förderung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie" erreicht werden soll. Insbesondere bleibe erheblicher Interpretationsspielraum hinsichtlich der Rolle des Staates: Vorgabe eines Ordnungsrahmens und Beschränkung auf einige wenige Ausnahmefälle oder aktive Beeinflussung der Markt- und Wettbewerbsprozesse?
Prof. Eickhof erläuterte daher im nächsten Schritt, mit welchen industriepolitischen Maßnahmen und Strategien die EU derzeit versucht, die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie zu fördern. Hier kristallisieren sich vor allem zwei Strategien heraus, und zwar eine Strukturerhaltungspolitik und eine direkte Forschungs- und Tbchnologiepolitik als Strukturgestaltungspolitik. Während Sonderzölle, Importquoten, Selbstbeschränkungsabkommen, bestimmte Normensysteme, Regulierungen und Anti- Dumping-Maßnahmen die wichtigsten Bestandteile der gemeinsamen Strukturer-
haltunglspolitik darstellen, besteht die europäische Forschungs- und Ttechnologie- politik vorrangig aus der finanziellen Förderung konkreter Forschungsprogramme und -Projekte.
Beide industriepolltischen Strategien sind jedoch nach Ansicht Eickhofs aus volkswirtschaftlicher Sicht mehr oder weniger abzulehnen. Impliziere die Strukturerhaltungspolitik schwerwiegende Wachstums- und Fortschrittsverluste, so erwiesen sich die Argumente, die für die heutige Ausgestaltung der Forschungs- und Tbchnologiepolitik (FüT-Politik) vorgebracht würden, bei näherer Betrachtung weitgehend als nicht stichhaltig. Von der Grundlagenforschung einmal abgesehen, gelte das sowohl für die Begründung dieser Aktivitäten allgemein als auch für spezielle Rechtfertigungen des Einsatzes dieser Maßnahmen auf der Ebene der EU.
So spreche weder das im Maastrichter Vertrag verankerte Subsidiaritätsprinzip noch das Prinzip der fiskalischen Äquivalenz für eine zentralisierte FüT-Politik. Darüber hinaus erscheine das Argument der Vermeidung der Doppelforschung innerhalb der EU durch eine europäische FüT-Politik als nicht sinnvoll, da auf diese Weise der leistungsfördernde Wettbewerb in der Forschung ausgeschaltet werde.
Norbert Eickhof legte dar, daß die Fortführung oder gar ein Ausbau der industriepolitischen Aktivitäten der EU zu gravierenden ökonomischen Problemen und Konsequenzen führen würde und schließlich eine Wohlfahrtsminderung alle befürchten ließe. Damit ergibt sich für ihn die Frage, wie die volkswirtschaftlich ungerechtfertigten und schädlichen Aktionsfelder der europäischen Industriepolitik in Zukunft verringert oder gar vermieden werden können. Zunächst sei es angezeigt, so Prof. Eickhof, am institutioneilen Rahmen anzusetzen und den Artikel 130 auf der nächsten Regierungskonferenz ersatzlos zu streichen. Darüber hinaus ist nach seiner Auffassung eine im einzelnen näher erläuterte Reform der gesamten Forschungsund Tbchnologie- sowie der Handelspolitik erforderlich. Schließlich riet er dnngend davon ab, der EU eine eigene Steuerhoheit zu gewähren. Denn nur die finanzielle Abhängigkeit der Gemeinschaft von den Mitgliedstaaten könne in Zukunft einen Druck auf eine effizientere Verwendung der EU-Mittel erzeugen. As.
AUF DEM CAMPUS AUFGESCHNAPPT, TEIL IV
Unwissende: Sehr geehrter Herr Professor Kompromiesel, Sie haben in einer Kommissionspause die Zeit gefunden, uns zu einem kleinen Interview zur Verfügung zu stehen. Wir gratulieren Ihnen zur 100. Sitzung der Kommission, der Sie vorstehen. Kompromiesel: Vorsitzen würde ich da lieber sagen. Aber wir hätten diese stolze Zahl natürlich niemals ohne unsere Vorgänger, auf deren Schultern wir sozusagen stehen, und deren Vorgänger, die auf deren Schultern...
Unwissende: Also doch stehen. Könnten Sie uns einmal in wenigen Worten den Aufgabenbereich Ihrer Kommission schildern? Kompromiesel: Nun, nun, das läßt sich recht einfach darstellen, zumindest für den, der nur ein wenig mit der Geschichte und dem organisatorischen Aufbau unserer Hochschule im einzelnen vertraut ist: „Meine" Kommission ist eine Tochterkommission der PKE-Kommission, die ihrerseits der LKS-Kommission zuarbeitet, parallel zu der ULK-Kommission, so daß eine sorgfältige Sichtung und Prüfung aller Anträge und Ordnungen, reversibel, invertierbar und redundant gestaltet ist. Man könnte scherzhaft sagen: uns geht so leicht nichts durch die Lappen.
Unwissende: Aha!
Kompromiesel: Wenn ich aber einmal in dieser Stunde über den Tkg hinausblicke,... Unwissende: Ja, bitte!
Kompromiesel: ... dann liegt, was das anlangt, was man heute zu Recht als Kommissionskultur bezeichnet, doch einiges ganz grundsätzlich im argen, und das schmerzt naturgemäß an einer Reformhochschule besonders.
Unwissende: Können Sie uns Beispiele nennen?
Kompromiesel: Wenn ich etwa mit den studentischen Mitgliedern und Mitglieder- innen beginnen darf: Manch ungestüme Meinung, die darauf zielt, irgendetwas zu ändern oder zu bewegen, zeugt von einer noch ungenügenden Kommissionserfah- rung und -Sozialisation, aber das gibt sich im Laufe der Sitzungen und Jahre. Schlimmer jedoch ist, daß in diesen Kreisen häufig das erforderliche Sitzfleisch fehlt und zuweilen auch eine gewisse Blasenschwäche zu Störungen im Ablauf der Sitzungen führt. Auch stört es die ordnungsgemäße Führung von Rednerlisten erheblich, daß studentische Mitglieder immer wieder ihren Namen und zuweilen sogar ihr Geschlechtwechseln. Ein bislang unerforschtes Phänomen.
Unwissende: Naja, das läßt sich doch recht einfach dadurch,,.
Kompromiesel: ... aus der Welt schaffen, daß man an diesen Personenkreis zunächst
Trat an mit einem kritisch gehaltenen Vortrag: Prof. Dr. Norbert Eickhof. Foto: Fritze
PUTZ 1/96
Seite 10