CAMPUS
DIE GREMISCHE DRITTELTHEORIE
Satirische Beiträge zum Thema Management
In dem an anderer Stelle dieser PUTZ abgedruckten Gespräch mit Prof. Kompromiesel werden einige Eigenheiten moderner Kommissionskultur, wie sie auch an der Universität Potsdam auftreten, auf satirische Weise angesprochen. Ausgespart blieben dabei die zentralen Bereiche der Majoritätsaquisition in Ausschüssen sowie des Entscheidungsverhaltens akademischer Gremienvertreter. Näheres zu diesen wichtigen Themen, deren „Kenntnis ein unschlagbares Herrschaftsinstrument in der Waffe ihrer Anwender darstellt“ (Dietrich), findet sich jedoch in dem Buch „Management - eine alternative Betrachtung“, herausgegeben von Prof. Dr. Dieter Wagner aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. In einem der darin enthaltenen 25 Beiträge stellt der Autor Rainer Dietrich unter der Überschrift ,Was Wissenschaftler wirklich tun: Eraktale und Fraktionen“ eine von ihm entwickelte „Gremische Dritteltheorie“ vor. Sie erlaubt zum einen ein grundsätzliches Verständnis des Entscheidungsverhaltens in Ausschüssen, enthüllt darüber hinaus aber auch die Ästhetik der fraktalen Struktur akademischer Abstimmungsmuster. Auf diese soll im folgenden näher eingegangen werden.
Das zentrale Theorem der Gremi- sehen Dritteltheorie von Dietrich besagt, daß bei Anträgen aller Art die Entscheidungsgrundlagen in drei Hauptkategorien zerfallen: Das erste Drittel der Gremienvertreter ist aus grundsätzlichen Gründen für den Antrag, das zweite ist aus grundsätzlichen Gründen dagegen, und das dritte irrt sich bei der Abstimmung oder vergißt sie. Die innere Struktur dieser drei "feile wird durch das Selbst ähnlichkeitskorollarium der Theorie 1 schrieben, wonach innerhalb des zustimmenden Drittels folgendes gilt: „Ein Drittel ist dafür, weil es den Antragsteller für tüchtig und engagiert hält und deswegen glaubt, er mache es schon richtig. Ein Drittel ist dafür, weil es den Antragsteller nicht für tüchtig und engagiert hält und deswegen glaubt, es klappe sowieso nicht und könne deswegen nicht schaden. Ein Drittel ist dafür, weil es denkt, von dieser Entscheidung sei es ohnehin nicht betroffen. Innerhalb des ablehnenden Drittels gilt: Ein Drittel ist dagegen, weil es den Antragsteller für tüchtig und engagiert hält (was unter Gremienvertretern als unfein gilt und den Verdacht begründet, er habe wissenschaftlich wohl nichts zu tun). Ein Drittel ist dagegen, weil es den Antragsteller nicht für tüchtig und engagiert hält und daher glaubt, es klappe sowieso nicht und könne nur schaden. Ein Drittel ist dagegen, weil es denkt, von dieser Entscheidung sei es ohnehin nicht betroffen.' 1 Das unkalkulierbare Drittel muß nach der Gremischen Dritteltheorie Dietrichs wesentlich differenzierter betrachtet werden. Während hier für das erste bzw. zweite Drittel gilt, daß es mit ja bzw. nein gestimmt hätte, wenn es bei der Abstimmung anwesend gewesen wäre, ist das letzte Drittel grundsätzlich nie da. Ein Drittel davon läßt sich „vertreten und delegiert seine Stimme, ein Drittel tut seine Meinung vermittels eines Briefes ... kund und ein Drittel tut seine Meinung grundsätzlich niemals kund".
Zeichnung: Oliver Üfeiss!
Wie aber steht es mit dem Manipulationspotential des Abstimmungsverhaltens? Hier besagt zunächst das sogenannte Rando- misierungskorollarium, daß direkte Beeinflussungsversuche von Gremienvertretern mit Hilfe der drei .Großen B“ der Manipulationslehre (Betteln, Bedrohen, Bestechen) zwecklos sind, weil sie sich gemäß dem Gesetz der großen Zahlen wechselseitig randomisieren und zu Null aufaddieren. Allerdings muß hierbei berücksichtigt werden, daß ein Drittel der Beeinflussungen von vornherein mißlingt, weil „der Beeinflußte entweder nicht da ist, nicht versteht, was der Beein
flussende eigentlich will, oder vergißt, was er tun soll."
Andererseits besagt das sogenannte Schmetterlingskorollarium, daß mit einer scheinbar achtlos hingeworfenen Bemerkung große Effekte erzielt werden können. So kann durch die an sich nebensächliche Bemerkung „Ist der Bewerber X nicht das Ratenkind Ihrer charmanten Cousine?" jede Mehrheit im Senat gekippt werden. (Die Bezeichnung 'Schmetterlingskorollarium' beruht darauf, daß der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas einen Tornado auf den Philippinen auslösen kann.) Dietrich sieht demnach auch „das Geheimnis erfolgreicher Gremienarbeit ... in der subtilen Provokation von Schmetterlingseffekten" . Allerdings sollte man dabei niemals vergessen, daß „mit der kollektiven Willensbildung ... ein Prozeß selbstadministrativer Impulsgebung noch nicht abgeschlossen“ ist: „Nur ein Drittel aller Beschlüsse wird ausgeführt, und zwar weil der Ausführende sowieso macht, was er will. Bei einem zweiten Drittel stellt die Verwaltung fest, daß der Beschluß prinzipiell nicht ausführbar ist, und das letzte Drittel wird vergessen.“
Das Buch „Management - eine alternative Betrachtung", herausgegeben von Dieter Wagner, enthält auf 164 Seiten 25 derartige satirische Beiträge zum Thema Management. Es ist im Rainer Hampp Verlag München und Menng erschienen und kostet 36,80 DM. ade
WOHIN STEUERT WEISSRUSSLAND?
Als der Ostslavistikforscher Dr. Hermann Bieder von der Universität Salzburg/Österreich in diesem Wintersemester zu Gast im Institut für Slavistik der Philosophischen Fakultät I weilte, griff er mit seinem Vortrag „Normierungsprobleme der weißrussischen Standardsprache“ ein hochaktuelles Thema auf. In Weißrußland derzeit umfassend diskutiert, beteiligen sich an dieser Sprachreformdiskussion nicht nur Fachwissenschaftler, Publizisten und Schriftsteller, sondern auch breite Kreise der Intelligenz. Die von den Reformern, die konsequent eine substantielle Erneuerung des Weißrussischen fordern, und den Traditionalisten, noch dem alten Regime verbunden und geprägt von der russischen Kulturtradition, kontrovers geführte Auseinandersetzung reflektiert dabei die sich historisch herausgebildete Sprachsituation und die Intention dieser beiden Lager.
So streben die Reformer die Wiedereinführung der bis 1933 in Sowjetweißrußland und bis 1939 im polnischen Westweißrußland benutzten Standardsprache an. Damit soll eine Abgrenzung von der russischen und polnischen Standardsprache auf allen Sprachebenen erreicht
werden. Die Standardsprache, die sich in Weißrußland seit den 30er Jahren herausbildete, wird von den Reformern als entstellt und russifiziert eingestuft. Dagegen wollen die russophilen Traditionalisten an der gegenwärtigen Standardsprache festhalten und sind nur für geringe Veränderungen. Dr. Bieder machte dem Potsdamer Auditorium die Konfrontation beider Strömungen anschaulich. Erkennbar wurde die Ernsthaftigkeit der Bestrebungen der Reformer, die Eigenständigkeit des Weißrussischen zu erhalten. Dominierten bis zum Jahr 1993 die Reformer, so entstand durch die erneute Zuwendung Weißrußlands zu Rußland eine neue Situation. Die Einführung des Russischen als zweite Staatssprache und deren Nutzung in allen Bereichen reduziert die Chancen der Reformer, eine eigenständige weißrussische Sprache zu erhalten. Es bestehe - so Hermann Bieder - sogar die Gefahr der weiteren Zurückdrängung des Weißrussischen, wenn nicht sogar der Verlust dessen Eigenständigkeit.
Die sich an den Vortrag anschließende lebendige Diskussion belegte die Aktualität der Thematik und das Interesse des Auditoriums. Nina Brederlow
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