Heft 
(1.1.2019) 01
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CAMPUS

DIE GREMISCHE DRITTELTHEORIE

Satirische Beiträge zum Thema Management

In dem an anderer Stelle dieser PUTZ abgedruckten Gespräch mit Prof. Kompromiesel werden einige Eigenheiten moderner Kommissionskultur, wie sie auch an der Universi­tät Potsdam auftreten, auf satirische Weise angesprochen. Ausgespart blieben dabei die zentralen Bereiche der Majoritätsaquisition in Ausschüssen sowie des Ent­scheidungsverhaltens akademischer Gremienvertreter. Näheres zu diesen wichtigen Themen, derenKenntnis ein unschlagbares Herrschaftsinstrument in der Waffe ihrer An­wender darstellt (Dietrich), findet sich jedoch in dem BuchManagement - eine alter­native Betrachtung, herausgegeben von Prof. Dr. Dieter Wagner aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät. In einem der darin enthaltenen 25 Beiträge stellt der Autor Rainer Dietrich unter der Überschrift ,Was Wissenschaftler wirklich tun: Eraktale und Fraktionen eine von ihm entwickelteGremische Dritteltheorie vor. Sie erlaubt zum einen ein grundsätzliches Verständnis des Entscheidungsverhaltens in Ausschüssen, enthüllt darüber hinaus aber auch die Ästhetik der fraktalen Struktur akademischer Ab­stimmungsmuster. Auf diese soll im folgenden näher eingegangen werden.

Das zentrale Theorem der Gremi- sehen Dritteltheorie von Dietrich be­sagt, daß bei Anträgen aller Art die Entscheidungsgrundlagen in drei Hauptkategorien zerfallen: Das erste Drittel der Gremienvertreter ist aus grundsätzlichen Gründen für den An­trag, das zweite ist aus grundsätzli­chen Gründen dagegen, und das dritte irrt sich bei der Abstimmung oder vergißt sie. Die innere Struktur dieser drei "feile wird durch das Selbst ähnlichkeitskorollarium der Theorie 1 schrieben, wonach innerhalb des zustim­menden Drittels folgendes gilt:Ein Drittel ist dafür, weil es den Antragsteller für tüch­tig und engagiert hält und deswegen glaubt, er mache es schon richtig. Ein Drit­tel ist dafür, weil es den Antragsteller nicht für tüchtig und engagiert hält und deswe­gen glaubt, es klappe sowieso nicht und könne deswegen nicht schaden. Ein Drittel ist dafür, weil es denkt, von dieser Entschei­dung sei es ohnehin nicht betroffen. Innerhalb des ablehnenden Drittels gilt: Ein Drittel ist dagegen, weil es den Antragstel­ler für tüchtig und engagiert hält (was un­ter Gremienvertretern als unfein gilt und den Verdacht begründet, er habe wissen­schaftlich wohl nichts zu tun). Ein Drittel ist dagegen, weil es den Antragsteller nicht für tüchtig und engagiert hält und daher glaubt, es klappe sowieso nicht und könne nur schaden. Ein Drittel ist dagegen, weil es denkt, von dieser Entscheidung sei es oh­nehin nicht betroffen.' 1 Das unkalkulierbare Drittel muß nach der Gremischen Dritteltheorie Dietrichs we­sentlich differenzierter betrachtet werden. Während hier für das erste bzw. zweite Drit­tel gilt, daß es mit ja bzw. nein gestimmt hätte, wenn es bei der Abstimmung anwe­send gewesen wäre, ist das letzte Drittel grundsätzlich nie da. Ein Drittel davon läßt sichvertreten und delegiert seine Stimme, ein Drittel tut seine Meinung vermittels ei­nes Briefes ... kund und ein Drittel tut seine Meinung grundsätzlich niemals kund".

Zeichnung: Oliver Üfeiss!

Wie aber steht es mit dem Mani­pulationspotential des Abstim­mungsverhaltens? Hier besagt zu­nächst das sogenannte Rando- misierungskorollarium, daß direkte Beeinflussungsversuche von Gre­mienvertretern mit Hilfe der drei .Großen B der Manipulationslehre (Betteln, Bedrohen, Bestechen) zwecklos sind, weil sie sich gemäß dem Gesetz der großen Zahlen wechselseitig randomisieren und zu Null aufaddieren. Allerdings muß hier­bei berücksichtigt werden, daß ein Drit­tel der Beeinflussungen von vornherein mißlingt, weilder Beeinflußte entweder nicht da ist, nicht versteht, was der Beein­

flussende eigentlich will, oder vergißt, was er tun soll."

Andererseits besagt das sogenannte Schmetterlingskorollarium, daß mit einer scheinbar achtlos hingeworfenen Bemer­kung große Effekte erzielt werden können. So kann durch die an sich nebensächliche BemerkungIst der Bewerber X nicht das Ratenkind Ihrer charmanten Cousine?" jede Mehrheit im Senat gekippt werden. (Die Bezeichnung 'Schmetterlingskorollarium' beruht darauf, daß der Flügelschlag eines Schmetterlings am Amazonas einen Torna­do auf den Philippinen auslösen kann.) Dietrich sieht demnach auchdas Geheim­nis erfolgreicher Gremienarbeit ... in der subtilen Provokation von Schmetterlings­effekten" . Allerdings sollte man dabei nie­mals vergessen, daßmit der kollektiven Willensbildung ... ein Prozeß selbstadmi­nistrativer Impulsgebung noch nicht abge­schlossen ist:Nur ein Drittel aller Be­schlüsse wird ausgeführt, und zwar weil der Ausführende sowieso macht, was er will. Bei einem zweiten Drittel stellt die Verwal­tung fest, daß der Beschluß prinzipiell nicht ausführbar ist, und das letzte Drittel wird vergessen.

Das BuchManagement - eine alternative Betrachtung", herausgegeben von Dieter Wagner, enthält auf 164 Seiten 25 derartige satirische Beiträge zum Thema Manage­ment. Es ist im Rainer Hampp Verlag Mün­chen und Menng erschienen und kostet 36,80 DM. ade

WOHIN STEUERT WEISSRUSSLAND?

Als der Ostslavistikforscher Dr. Hermann Bieder von der Universität Salzburg/Öster­reich in diesem Wintersemester zu Gast im Institut für Slavistik der Philosophischen Fa­kultät I weilte, griff er mit seinem Vortrag Normierungsprobleme der weißrussi­schen Standardsprache ein hochaktuelles Thema auf. In Weißrußland derzeit umfas­send diskutiert, beteiligen sich an dieser Sprachreformdiskussion nicht nur Fach­wissenschaftler, Publizisten und Schriftstel­ler, sondern auch breite Kreise der Intelli­genz. Die von den Reformern, die konse­quent eine substantielle Erneuerung des Weißrussischen fordern, und den Traditio­nalisten, noch dem alten Regime verbun­den und geprägt von der russischen Kultur­tradition, kontrovers geführte Auseinander­setzung reflektiert dabei die sich historisch herausgebildete Sprachsituation und die Intention dieser beiden Lager.

So streben die Reformer die Wiedereinfüh­rung der bis 1933 in Sowjetweißrußland und bis 1939 im polnischen West­weißrußland benutzten Standardsprache an. Damit soll eine Abgrenzung von der russischen und polnischen Standard­sprache auf allen Sprachebenen erreicht

werden. Die Standardsprache, die sich in Weißrußland seit den 30er Jahren herausbil­dete, wird von den Reformern als entstellt und russifiziert eingestuft. Dagegen wollen die russophilen Traditionalisten an der ge­genwärtigen Standardsprache festhalten und sind nur für geringe Veränderungen. Dr. Bieder machte dem Potsdamer Audito­rium die Konfrontation beider Strömungen anschaulich. Erkennbar wurde die Ernst­haftigkeit der Bestrebungen der Reformer, die Eigenständigkeit des Weißrussischen zu erhalten. Dominierten bis zum Jahr 1993 die Reformer, so entstand durch die erneu­te Zuwendung Weißrußlands zu Rußland eine neue Situation. Die Einführung des Russischen als zweite Staatssprache und deren Nutzung in allen Bereichen reduziert die Chancen der Reformer, eine eigenstän­dige weißrussische Sprache zu erhalten. Es bestehe - so Hermann Bieder - sogar die Gefahr der weiteren Zurückdrängung des Weißrussischen, wenn nicht sogar der Ver­lust dessen Eigenständigkeit.

Die sich an den Vortrag anschließende le­bendige Diskussion belegte die Aktualität der Thematik und das Interesse des Audi­toriums. Nina Brederlow

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