Heft 
(1.1.2019) 01
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EIN REISENDER AUFKLÄRER IM REVOLUTIONÄREN PARIS

Prof. Hanno Schmitt las zu CampesBriefen aus Paris"

Im Rahmen der vomForschungszentrum Europäische Aufklärung und der Universität Potsdam angebotenen Ringvorlesung zum ThemaAufklärung und Europa sprach vor wenigen Wochen Prof. Hanno Schmitt zu Joachim Heinrich CampesBriefe(n) aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben. Im Mittelpunkt des Vortrages stand ebenso die literarisch-ästhetische wie die politische Qualität der Zeitzeugenschaft des großen aufklärerischen Pädagogen, des renommierten Verlegers und bekannten Schriftstellers, der auch heute noch in Publikationen und sogar im Deutschen Historischen Museum mit unkorrektem Vornamen bedacht wird. Nicht von Johann Heinrich Campe war die Rede, sondern von Joachim (!) Heinrich.

Campe war nicht der einzige prominente deutsche Paris-Reisende im 18. und 19. Jahrhundert, die Liste ist stattlich und um­faßt unter anderem Namen wie Ernst Mo­ritz Arndt, Theodor Fontane, die Brüder Schlegel, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Georg Förster und Karl Marx. Die Besonder­heit der CampeschenBriefe" besteht vor allem darin, daß hier der bedeutendste Au­genzeugenbericht aus der unmittelbaren Anfangsphase der Französischen Revoluti­on vorliegt. Der Referent betrachtete Campes Reisebericht unter mehreren Aspekten: als spontane Fahrt in das Herz der Revolution, Paris als menschlichen Oze­an und Bühne der Revolution, als Bericht vom Leichenbegräbnis des französischen Despotismus und der Wiedergeburt der Menschheit. Ebenso erfolgte ein Blick auf die Diffamierung des Werkes von Campe und auf das Verhältnis von Pädagogik und Politik.

Den Entschluß zur Reise faßte Campe zwar sehr spontan, jedoch in der Ahnung großer kommender Begebenheiten. Er sollte recht behalten. Drei läge nach dem Sturm auf die Bastille brach der Aufklärer am 17. Juli 1789 von Braunschweig über Aachen, Lüttich und Brüssel nach Paris auf. Die Hoffnung reiste mit,noch immer früh genug zu kom­men, um dem Leichenbegräbnis des fran­zösischen Despotismus beizuwohnen". Campes erste Eindrücke von Paris gestal­teten sich ambivalent: die dunklen und labyrinthartigen Straßenschluchten der Vor­orte wirkten auf ihn zunächst unangenehm. Je mehr er sich jedoch ins revolutionäre Menschengetümmel begab, desto faszinie­render und überwältigender empfand er das Geschehen. Man vergegenwärtige sich nur: Campe kam aus einer deutschen 27000 Einwohner zählenden Provinzstadt in die vom Aufruhr geschüttelte Millionenstadt Paris, dem Zentrum des größten Epochen­umbruchs.

Campe brachte, so Hanno Schmitt, die Dra­matik, Erregung und Unruhe dieser läge in einebrillante literarische Form. Das hat­te seine Ursache auch dann, daß er sich nicht mehr des objektiv schildernden, auf­klärerischen Reiseberichtes bediente, son­dern den Leser mit seinen individuellen Erlebnissen im starken Maße subjektiv-kri­tisch konfrontierte. Der reisende Pädagoge versetzte das Publikum in den eigenen Erfahrungszustand. Ergriffen war Campe

J. H. Campe Briefe aus Paris

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weniger von den sogenannten Sehenswür­digkeiten, sondern vielmehr vom politi­schen Tagesgeschehen, von der Vielfalt des revolutionären Schrifttums beispielsweise. Der deutsche Aufklärer wurde durch die .Vielfalt menschlicher Gesellschaft" und die unbeschränkte bürgerliche Freiheit in ei­nen beinahe ehthusiastischen Zustand ge­bracht, in den er auch den Leser einbezog. Hier liegt eine der großen Stärken der Reisebriefe.

Campe, der mit Hilfe Mirabeaus an zwei Sitzungen der Nationalversammlung teil­nehmen konnte, begriff sich in Paris selbst als "feil der epochalen historischen Umwäl­zungen. Die Deputierten dieses revolutio­nären Parlaments stellten für ihnDeputier­te der Menschheit, die Französische Revo­lution einMenschheitsereignis dar. Für den Berichterstatter besaß die Phraseologie der Revolution -Freiheit-Gleichheit-Brü- derlichkeit - einen realen Stellenwert; noch lag die Napoleonische Restauration in weiter Ferne.

In einem abschließenden Diskurs widmete sich Prof. Hanno Schmitt den Reaktionen auf Campes Paris-Reise. Sie löste auf jeden Fall vehemente Kontroversen aus, obwohl in Deutschland die Revolution nicht zur Debat­te stand. Eine wichtige Wirkung zeigte sich jedoch in der Verbreitung des aufkläreri­schen Gedankengutes der Französischen Revolution in deutschen Ländern und Städ­ten. Natürlich, die blutige Spur, die notwen­dige und manchmal auch unsinnige Gewalt der Revolution goß Wasser auf die Mühlen der Kritiker Campes. Die Angriffe auf die Verteidigung der Ideen der Französischen Revolution schlossen auch die Abwehr der pädagogischen Theorie und Praxis des Braunschweiger Reformers ein, Schmitt unterstrich gerade in diesem Zusammen­hang die direkte Verbindung von Politik und Pädagogik im Umfeld der europäischen Aufklärung. Sehr direkt kritisierte der Vor­tragende auch neueste Biographien und Abhandlungen, die immer noch alten Kli­schees (Naivität, Irrationalismus,...) kolpor­tieren und nicht durchschauen, wie wesent­lich Campe Zusammenhänge zwischen aufklärerischen pädagogischen Konzepten und seinem Paris-Erlebnis herstellte. PG.

Bereits ein Jahr nach der Reise ins revolutionäre Paris erschienen 1790m Braunschweig Campes Briefe. Repro: zg.

PUTZ 1/96

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