EIN REISENDER AUFKLÄRER IM REVOLUTIONÄREN PARIS
Prof. Hanno Schmitt las zu Campes „Briefen aus Paris"
Im Rahmen der vom „Forschungszentrum Europäische Aufklärung“ und der Universität Potsdam angebotenen Ringvorlesung zum Thema „Aufklärung und Europa“ sprach vor wenigen Wochen Prof. Hanno Schmitt zu Joachim Heinrich Campes „Briefe(n) aus Paris, zur Zeit der Revolution geschrieben“. Im Mittelpunkt des Vortrages stand ebenso die literarisch-ästhetische wie die politische Qualität der Zeitzeugenschaft des großen aufklärerischen Pädagogen, des renommierten Verlegers und bekannten Schriftstellers, der auch heute noch in Publikationen und sogar im Deutschen Historischen Museum mit unkorrektem Vornamen bedacht wird. Nicht von Johann Heinrich Campe war die Rede, sondern von Joachim (!) Heinrich.
Campe war nicht der einzige prominente deutsche Paris-Reisende im 18. und 19. Jahrhundert, die Liste ist stattlich und umfaßt unter anderem Namen wie Ernst Moritz Arndt, Theodor Fontane, die Brüder Schlegel, Heinrich Heine, Ludwig Börne, Georg Förster und Karl Marx. Die Besonderheit der Campeschen „Briefe" besteht vor allem darin, daß hier der bedeutendste Augenzeugenbericht aus der unmittelbaren Anfangsphase der Französischen Revolution vorliegt. Der Referent betrachtete Campes Reisebericht unter mehreren Aspekten: als spontane Fahrt in das Herz der Revolution, Paris als menschlichen Ozean und Bühne der Revolution, als Bericht vom Leichenbegräbnis des französischen Despotismus und der Wiedergeburt der Menschheit. Ebenso erfolgte ein Blick auf die Diffamierung des Werkes von Campe und auf das Verhältnis von Pädagogik und Politik.
Den Entschluß zur Reise faßte Campe zwar sehr spontan, jedoch in der Ahnung großer kommender Begebenheiten. Er sollte recht behalten. Drei läge nach dem Sturm auf die Bastille brach der Aufklärer am 17. Juli 1789 von Braunschweig über Aachen, Lüttich und Brüssel nach Paris auf. Die Hoffnung reiste mit, „noch immer früh genug zu kommen, um dem Leichenbegräbnis des französischen Despotismus beizuwohnen". Campes erste Eindrücke von Paris gestalteten sich ambivalent: die dunklen und labyrinthartigen Straßenschluchten der Vororte wirkten auf ihn zunächst unangenehm. Je mehr er sich jedoch ins revolutionäre Menschengetümmel begab, desto faszinierender und überwältigender empfand er das Geschehen. Man vergegenwärtige sich nur: Campe kam aus einer deutschen 27000 Einwohner zählenden Provinzstadt in die vom Aufruhr geschüttelte Millionenstadt Paris, dem Zentrum des größten Epochenumbruchs.
Campe brachte, so Hanno Schmitt, die Dramatik, Erregung und Unruhe dieser läge in eine „brillante literarische Form“. Das hatte seine Ursache auch dann, daß er sich nicht mehr des objektiv schildernden, aufklärerischen Reiseberichtes bediente, sondern den Leser mit seinen individuellen Erlebnissen im starken Maße subjektiv-kritisch konfrontierte. Der reisende Pädagoge versetzte das Publikum in den eigenen Erfahrungszustand. Ergriffen war Campe
J. H. Campe Briefe aus Paris
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weniger von den sogenannten Sehenswürdigkeiten, sondern vielmehr vom politischen Tagesgeschehen, von der Vielfalt des revolutionären Schrifttums beispielsweise. Der deutsche Aufklärer wurde durch die .Vielfalt menschlicher Gesellschaft" und die „unbeschränkte bürgerliche Freiheit“ in einen beinahe ehthusiastischen Zustand gebracht, in den er auch den Leser einbezog. Hier liegt eine der großen Stärken der Reisebriefe.
Campe, der mit Hilfe Mirabeaus an zwei Sitzungen der Nationalversammlung teilnehmen konnte, begriff sich in Paris selbst als "feil der epochalen historischen Umwälzungen. Die Deputierten dieses revolutionären Parlaments stellten für ihn „Deputierte der Menschheit“, die Französische Revolution ein „Menschheitsereignis“ dar. Für den Berichterstatter besaß die Phraseologie der Revolution - „Freiheit-Gleichheit-Brü- derlichkeit“ - einen realen Stellenwert; noch lag die Napoleonische Restauration in weiter Ferne.
In einem abschließenden Diskurs widmete sich Prof. Hanno Schmitt den Reaktionen auf Campes Paris-Reise. Sie löste auf jeden Fall vehemente Kontroversen aus, obwohl in Deutschland die Revolution nicht zur Debatte stand. Eine wichtige Wirkung zeigte sich jedoch in der Verbreitung des aufklärerischen Gedankengutes der Französischen Revolution in deutschen Ländern und Städten. Natürlich, die blutige Spur, die notwendige und manchmal auch unsinnige Gewalt der Revolution goß Wasser auf die Mühlen der Kritiker Campes. Die Angriffe auf die Verteidigung der Ideen der Französischen Revolution schlossen auch die Abwehr der pädagogischen Theorie und Praxis des Braunschweiger Reformers ein, Schmitt unterstrich gerade in diesem Zusammenhang die direkte Verbindung von Politik und Pädagogik im Umfeld der europäischen Aufklärung. Sehr direkt kritisierte der Vortragende auch neueste Biographien und Abhandlungen, die immer noch alten Klischees (Naivität, Irrationalismus,...) kolportieren und nicht durchschauen, wie wesentlich Campe Zusammenhänge zwischen aufklärerischen pädagogischen Konzepten und seinem Paris-Erlebnis herstellte. PG.
Bereits ein Jahr nach der Reise ins revolutionäre Paris erschienen 1790m Braunschweig Campes „Briefe“. Repro: zg.
PUTZ 1/96
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