DAS MACHBARE SCHON HEUTE DURCHSETZEN
Prof. Dr. Jann über Notwendigkeiten und Chancen einer Reform des Öffentlichen Dienstes
Die Reform des öffentlichen Dienstrechts kommt. Ihr Ausmaß jedoch bleibt nach Meinung vieler Fachleute weit hinter den Erwartungen zurück. Mitte Dezember beschloß das Bundeskabinett zunächst den entsprechenden Gesetzesentwurf. Bundesrat und Bundestag sind nun im Zugzwang. Innenminister Kanther nannte die Vorlage einen „wichtigen Baustein“ in jenem größeren Programm zur ,Verschlankung“ des Staates. Angesichts der Haushaltslage müsse die öffentliche Verwaltung auf ihre Effizienz und Finanzierbarkeit überprüft werden. Mit dem nun vorliegenden Papier wolle man vor allem Leistung fördern und Mobilität stärken. Das Vorhaben schließt unter anderem den leistungsabhängigen Aufstieg in den Dienstaltersstufen, die Zahlung damit zusammenhängender Prämien und Zulagen, die Vergabe von Führungspositionen auf eine Probezeit von bis zu zwei Jahren, eine bis zu fünf Jahren währende zustimmungsfreie Abordnungszeit zu einem anderen Dienstherrn sowie die Erhöhung der Antragsaltersgrenze für die Fhihpensionierung von 62 auf 63 Jahre und vieles andere mehr ein. Im Vorfeld des Beschlusses befragte PUTZ-Redakteurin Petra Görlich den Prodekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Potsdam und zugleich Inhaber des Lehrstuhls für Verwaltung und Organisation, Prof. Dr. Werner Jann, nach dessen Meinung.
PUTZ: Der Gesetzesentwurf soll letztlich dem Ziel einer Verschlankung des Staates dienen. Beurteilen Sie den avisierten Maßnahmekatalog dazu als weitreichend genug?
Jann: Das öffentliche Dienstrecht bedarf in jedem Fall einer Überarbeitung. Die schleswig-holsteinische Ministerpräsiden- tin Heide Simonis spricht im Zusammenhang mit den neuesten Vorschlägen allerdings von einem „Reförmchen“, das sich lediglich auf das Geldsparen reduziere. Dem muß ich leider zustimmen. Die beabsichtigten Schritte sind kurzatmig und halbherzig. Unser öffentliches Dienstrecht stammt noch aus dem Obrigkeitsstaat. Vor ungefähr 100 Jahren, als es entwickelt wurde, hatte es durchaus seine Berechtigung. Heute paßt es in vielen Bereichen nicht mehr in unsere Zeit. In einer Leistungsgesellschaft brauchen wir mehr Tbilzeitarbeit und Flexibilität, mehr Leistungsanreize und größere Entscheidungsspielräume.
PUTZ: Die Konsolidierung betrifft weitgehend das Innenleben der Verwaltung. Ich denke dabei an die Flexibilität, die Lei- stungsonentierung oder an die Transparenz in einem hierarchisch und zuständigkeitsbezogenen strukturellen Apparat. Um dies durchzusetzen, müssen sich Voraussetzungen ändern. Sollten zu diesem Zweck nicht auch Organisationsprinzipien der Wirtschaft auf die staatliche Verwaltung übertragen werden?
Jann: Ich würde sogar weiter ausholen. Eine notwendige Modernisierung des öffentlichen Sektors, einschließlich der Eingriffe in das Dienstrecht, steht außer FVage. Die aktuelle Auseinandersetzung hierüber sehe ich kritisch. Vieles geht am tatsächlichen Problem vorbei. So meinen manche, man müsse zunächst das Dienstrecht, dann das Haushaltsrecht, das Personalvertretungsgesetz usw. ändern, um später die eigentliche Reform beginnen zu können. Das aber bedeutet die Verhinderung des heute schon Machbaren. Ein Ablenkungsmanöver also. Flexiblere Organisationsformen, weniger Hierarchiestufen in der Verwaltung, Einheiten mit größerer Eigenverant
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Prof. Jann drängt auf eine Reform des öffentlichen Sektors ohne Umwege. Neue Regelungen für die 6,6 Millionen Beschäftigten dieses Bereiches hält er für unverzichtbar.
Foto: Fritze
wortlichkeit - das alles muß her. Und es ist unter gegenwärtigen Bedingungen bereits durchsetzbar.
PUTZ: Die Bundesregierung hält am Berufsbeamtentum fest. Hat die Diskussion dazu eine Alibi-Fünktion?
Jann: Ohne Zweifel, in Deutschland gibt es zu viele Beamte. Und dies vor allem in Bereichen, in denen sie nicht mehr notwendig sind. Bei Bahn und Post wird dieser alte Zopf inzwischen abgeschnitten. Aber auch Lehrer müssen z.B. keine Beamten sein, Professoren übrigens ebenfalls nicht. Beamte kosten dem Staat kurzfristig weniger, aber das stellt eine Milchmädchenrechnung dar. Das dicke Ende kommt spätestens mit den Pensionszahlungen. Schon heute ist absehbar, daß die alten Bundesländer einen rapide steigenden Anteil ihres Budgets dafür aufwenden müssen. Es wäre geradezu hirnrissig, wenn die neuen Län
der dies so schnell wie möglich nachmachen wollten. Das Problem bedarf einer bundesweiten Lösung. Es geht nicht an, den neuen Bundesländern zu raten, doch einfach nicht zu verbeamten, während in den alten Bundesländern fleißig weitere Beamtenernennungen erfolgen. Das Ergebnis wäre ein erhebliches Konkurrenzgefälle. Das ist aus meiner Sicht eine ganz üble Täktik des Bundes, mit der wirkliche Reformen verhindert werden.
PUTZ: Sehen Sie gegenwärtig hier in Brandenburg ernsthafte Bemühungen in Richtung eines schlankeren Staates?
Jann: In Brandenburg ist man sich des Problems bewußt. Das merken wir alle: Zurückhaltung bei neuen Stellen und Verbeamtungen. Patentrezepte existieren allerdings auch hier nicht. Verwaltungswissenschaftler debattieren derzeit über den Einsatz neuer Steuerungsinstrumente. Brandenburgs Innenministerium unterstützt derartige Vorstellungen in einer Reihe von Kommunen. Übrigens, die Einführung der neuen Steuerungsinstrumente in den Modellkommunen wird voraussichtlich in naher Zukunft durch ein Projekt am Kommunalwissenschaftlichen Institut (KWI) der Potsdamer Uni wissenschaftlich begleitet. Nicht zuletzt das - hoffentlich kommende - neue Bundesland Berlin-Brandenburg eröffnet die einmalige Chance, eine moderne, leistungsfähige Verwaltung aufzubauen. Dazu veranstaltet das KWI am 2. Februar seine Jahrestagung, auf der u.a. Ministerpräsident Stolpe und der Regierende Bürgermeister Diepgen zum Thema sprechen. PUTZ: Prof. Jann, vielen Dank für das Gespräch.
Zu viele Hierarchien in der öffentlichen Verwaltung? Zeichnung: Oliver FKeiss
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