Einem Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft
Ranz Oppenheimer, der als einer der maßgeblichen Theoretiker für die Entstehung der sozialen Marktwirtschaft gilt - er war der Doktorvater Ludwig Erhards - , ist heute, über 50 Jahre nach seinem Tbd, fast vergessen. Doch eine neue, fünfbändige Werkausgabe, herausgegeben von Julius H. Schoeps (Universität Potsdam), Alphons Silbermann (Universität Köln) und Hans Süßmuth (Hein- rich-Heine-Universität Düsseldorf), veröffentlicht nun ungekürzt seine Werke. Der vorliegende erste Band enthält, den Zeitraum 1901 bis 1927 umfassend, fünf Tfexte, die die theoretische Grundlage seines Schaffens darstellen. Die Tfexte sind „Großgrundeigentum und soziale Rage", „Das Bevölkerungsgesetz des T.R. Malthus und der neueren Nationalökonomie“, „Das Grundgesetz der Marxschen Gesellschaftslehre“, „Richardos Grundrententheorie“ - Oppenheimers Habilitationsschrift - sowie „Die soziale Rage und der Sozialismus".
Die Auswahl gerade dieser Tfexte beweist großes Verständnis für die Ideenwelt Oppenheimers, da in ihnen seine zentralen Thesen gut nachvollziehbar und übersichtlich erarbeitet werden, wobei er sich mit wichtigen Theoretikern der Geschichte auseinandersetzt. Bei der Tfextauswahl wurden vor allem jene Schriften berücksichtigt, die die von Oppenheimer geprägten Begriffe wie „die Bodensperre“ und „der liberale Sozialismus“ erläutern, die das Hauptgerüst seines Gedankengebäudes bilden. Sein Werk ist darauf ausgerichtet, eine Synthese zwischen Sozialismus und Liberalismus zu schaffen, wobei er auch verschiedene Wissenschaftsdisziplinen miteinander verband, da er glaubte, daß Wissenschaft nur zum Dienste am Menschen gereichen sollte. So prägte er den Begriff „Menschenwissenschaften“.
Oppenheimer gilt als einer der letzten Universalgelehrten unseres Jahrhunderts. Durch seine zehnjährige Berufspraxis als Mediziner täglich mit der sozialen Rage vor allem in Form von Armut, Arbeitslosigkeit und Landflucht konfrontiert, wandte er sich dem Studium der Geschichte, Soziologie und Nationalökonomie zu. Sein Sprachgebrauch weist ihn als Mediziner aus, da er viele Begnffe aus seiner Praxis als Arzt verwandte. 1919 erhielt er als erster Ordinarius für Soziologie den Lehrstuhl in Rankfurt a.M. Er gilt als Mitbegründer der deutschen Soziologie, wobei er sich als Universalsoziologe verstand. 1933 wurden seine Schriften von den Nazis verboten. Er mußte aus Deutschland fliehen und gelangte über China und Japan in die USA.
Die Oppenheimer Edition des Berliner Akademie Verlags ist auch ein Versuch, verlorengegangenes Wissen wieder zugänglich zu
machen, das durch die Emigration und das Publikationsverbot vieler jüdischer Intellektueller und die Vernichtung ihrer Schriften dem deutschen Kulturkreis entzogen wurde. Wünschenswert wäre jedoch am Ende jedes Tfextes ein Kommentarteil der Herausgeber, da nicht jeder Begriff Oppenheimers dem Laien leicht verständlich sein wird. Die Bedeutung und die Aktualität der neuen Oppenheimer Edition zeigt sich in der gegenwärtig anhaltenden öffentlichen Diskussion über das Fortbestehen der sozialen Marktwirtschaft, an der sich nicht zuletzt auch Bundespräsident Roman Herzog - ein Schüler Ludwig Erhards - bei der Präsentation des ersten Bandes durch einen Vortrag mit dem Titel „Reiheitlicher Staat, humane Gesellschaft, soziale Marktwirtschaft“ beteiligte. Die neue Oppenheimer Edition ist nicht nur für wirtschaftlich Interessierte zu empfehlen, sondern auch für jene, die sich an der aktuellen Diskussion über die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft beteiligen wollen. Sie ist auch ein Versuch wider das Vergessen. Alles in allem ein lobenswertes und gut gelungenes Unterfangen. Joachim Angstein
J.H. Schoeps, A. Silbermann, H. Süßmuth (Hrsg.): Ranz Oppenheimer: Gesammelte Schriften, Berliner Akademie Verlag 1995, bisher erhältlich Band I „Die Theoretische Grundlegung“, 736 Seiten, 174,- DM.
„Warum nicht gleich mit Begeisterung?"
Eine Diplomarbeit fällt nicht vom Himmel und eine Magisterarbeit fließt nicht aus der Feder - wer in die Zielgerade seines Studiums einbiegt, muß sich ans Schreiben machen. Viele Studierende sehen dieser Zeit nicht gerade mit freudiger Erregung entgegen. Ihnen und allen anderen, die nicht erst hinterher wissen wollen, was sie „beim nächsten Mal“ besser machen werden und wie sie sich eine Menge Arbeit sparen können, sei das Buch Wiö schreibe ich eine Semmar- , Examens- und Diplomarbeit“-von Walter Krämer empfohlen. Einer seiner besten Ratschläge findet sich gleich auf Seite fünf: „Ob aber mit oder ohne Begeisterung: schreiben müssen Sie auf jeden Fall, und warum dann nicht gleich mit Begeisterung.“ Und irgendwie schafft er es auf den nächsten 177 Seiten, selbst die Leser zu begeistern, die gar nicht Vorhaben, demnächst eine Abschlußarbeit zu schreiben. Dabei vermittelt er nicht einmal den Eindruck, das Schreiben sei ein Kinderspiel, denken muß immer noch jeder allein. Wer glaubt, man findet hier den Schlüssel dazu, wie man seine Gedanken diszipliniert, so daß sie sich quasi von selbst strukturieren, der irrt. Aber sonst erfährt man in diesem Buch alles, was in irgendeinem Zusammenhang mit einer wissenschaftlichen Abschlußarbeit von Interesse ist, ange
fangen bei den Kriterien, nach denen man Thema und Betreuer auswählen sollte, bis hm zur Checkliste für die Endkontrolle der Schrift vor dem Binden oder Heften. Krämer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund, und in dieser Funktion sind auch schon viele Arbeiten durch-seine Hände gegangen. Wenn er also dem Thema „Inhaltsverzeichnis“ sieben Seiten widmet, dann nur, weil er genügend mißglückte Exemplare gesehen hat. Einleuchtend wirkt er vor allem dadurch, daß er seine Argumentation üppig mit positiven wie negativen Beispielen bestückt. Die von ihm aus einem Inhaltsverzeichnis zitierte Überschrift „RPRIMH“ überzeugt sicherlich jeden Leser, daß ungewöhnliche Abkürzungen dort nichts zu suchen haben. Aber nicht nur Diplomarbeiten dienen ihm als Quellen zur Veranschaulichung. Im Kapitel „Über die sprachliche Gestalt der Arbeit“ plündert er munter Fachzeitschriften, Bundestagsdrucksachen, einen Schulaufsatz seiner Tochter, die Bahnhofsansage bei der Einfahrt eines Inter-City-Zuges (schade, daß Bahnbedienstete wohl kaum dieses Buch lesen) und Anleitungen aus einem Word-Handbuch. Überall findet man aufgebauschte, überlange oder verkomplizierte Sätze, und wie leicht gewöhnt man sich selbst an solche Ausdrucksweisen. Man schreibt „die überwiegende Zahl von“ statt „die meisten“, „Datenmaterial“ statt „Daten“, „Kennzeichen sein für“ statt „kennzeichnen", benutzt überflüssige Remdworte und schachtelt Sätze. Nicht nur Studenten und Studentinnen wird hier vor Augen gehalten, daß es wenig Reude bereitet, derartige Tfexte zu lesen. Aber auch wenn er über die Vorarbeiten, wie Literaturrecherche oder die Wahl eines Tfextverarbei- tungsprogramms, schreibt, bleibt Krämer anschaulich. So versetzt er sich in die Lage eines Studenten, der eine Arbeit zur sogenannten Kostenexplosion im Gesundheitswesen schreibt, und begibt sich auf die Suche nach den nötigen Daten und der einschlägigen Literatur. In der minutiösen Schilderung seiner Bemühungen erfährt man nicht nur etwas über die Tücken elektronischer Datenbank- Systeme oder die Unwägbarkeiten bei den Öffnungszeiten deutscher Universitätsbibliotheken, sondern auch genau die einzelnen Schritte bei der konventionellen Literaturrecherche „zu FUß“ sowie per EDV Und wem nach der Lektüre des Buches immer noch mulmig beim Gedanken an sein wissenschaftliches Erstlingswerk wird, der heftet sich am besten Krämers Definition für Wissenschaft“ auf Seite sechs über den Schreibtisch: Sie ist nicht mehr und nicht weniger als die „systematische und nachvollziehbare Befriedigung von Neugier".
Walter Krämer: Wie schreibe ich eine Seminar-, Examens- und Diplomarbeit, Gustav Fischer Verlag, UTB Nr. 1633, 199 Seiten, 18,90 DM.
PUTZ 1/96
Seite 31