Heft 
(1.1.2019) 01
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Einem Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft

Ranz Oppenheimer, der als einer der maß­geblichen Theoretiker für die Entstehung der sozialen Marktwirtschaft gilt - er war der Doktorvater Ludwig Erhards - , ist heute, über 50 Jahre nach seinem Tbd, fast verges­sen. Doch eine neue, fünfbändige Werkaus­gabe, herausgegeben von Julius H. Schoeps (Universität Potsdam), Alphons Silbermann (Universität Köln) und Hans Süßmuth (Hein- rich-Heine-Universität Düsseldorf), veröffent­licht nun ungekürzt seine Werke. Der vorlie­gende erste Band enthält, den Zeitraum 1901 bis 1927 umfassend, fünf Tfexte, die die theo­retische Grundlage seines Schaffens dar­stellen. Die Tfexte sindGroßgrundeigentum und soziale Rage",Das Bevölkerungs­gesetz des T.R. Malthus und der neueren Nationalökonomie,Das Grundgesetz der Marxschen Gesellschaftslehre,Richardos Grundrententheorie - Oppenheimers Habi­litationsschrift - sowieDie soziale Rage und der Sozialismus".

Die Auswahl gerade dieser Tfexte beweist großes Verständnis für die Ideenwelt Oppenheimers, da in ihnen seine zentralen Thesen gut nachvollziehbar und übersicht­lich erarbeitet werden, wobei er sich mit wichtigen Theoretikern der Geschichte auseinandersetzt. Bei der Tfextauswahl wur­den vor allem jene Schriften berücksichtigt, die die von Oppenheimer geprägten Begrif­fe wiedie Bodensperre undder liberale Sozialismus erläutern, die das Haupt­gerüst seines Gedankengebäudes bilden. Sein Werk ist darauf ausgerichtet, eine Syn­these zwischen Sozialismus und Liberalis­mus zu schaffen, wobei er auch verschiede­ne Wissenschaftsdisziplinen miteinander verband, da er glaubte, daß Wissenschaft nur zum Dienste am Menschen gereichen sollte. So prägte er den BegriffMenschen­wissenschaften.

Oppenheimer gilt als einer der letzten Universalgelehrten unseres Jahrhunderts. Durch seine zehnjährige Berufspraxis als Mediziner täglich mit der sozialen Rage vor allem in Form von Armut, Arbeitslosigkeit und Landflucht konfrontiert, wandte er sich dem Studium der Geschichte, Soziologie und Nationalökonomie zu. Sein Sprachge­brauch weist ihn als Mediziner aus, da er viele Begnffe aus seiner Praxis als Arzt ver­wandte. 1919 erhielt er als erster Ordinari­us für Soziologie den Lehrstuhl in Rankfurt a.M. Er gilt als Mitbegründer der deut­schen Soziologie, wobei er sich als Universalsoziologe verstand. 1933 wurden seine Schriften von den Nazis verboten. Er mußte aus Deutschland fliehen und gelang­te über China und Japan in die USA.

Die Oppenheimer Edition des Berliner Aka­demie Verlags ist auch ein Versuch, verloren­gegangenes Wissen wieder zugänglich zu

machen, das durch die Emigration und das Publikationsverbot vieler jüdischer Intellek­tueller und die Vernichtung ihrer Schriften dem deutschen Kulturkreis entzogen wurde. Wünschenswert wäre jedoch am Ende jedes Tfextes ein Kommentarteil der Herausgeber, da nicht jeder Begriff Oppenheimers dem Laien leicht verständlich sein wird. Die Be­deutung und die Aktualität der neuen Op­penheimer Edition zeigt sich in der gegen­wärtig anhaltenden öffentlichen Diskussion über das Fortbestehen der sozialen Markt­wirtschaft, an der sich nicht zuletzt auch Bun­despräsident Roman Herzog - ein Schüler Ludwig Erhards - bei der Präsentation des ersten Bandes durch einen Vortrag mit dem TitelReiheitlicher Staat, humane Gesell­schaft, soziale Marktwirtschaft beteiligte. Die neue Oppenheimer Edition ist nicht nur für wirtschaftlich Interessierte zu empfehlen, son­dern auch für jene, die sich an der aktuellen Diskussion über die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft beteiligen wollen. Sie ist auch ein Versuch wider das Vergessen. Alles in al­lem ein lobenswertes und gut gelungenes Unterfangen. Joachim Angstein

J.H. Schoeps, A. Silbermann, H. Süßmuth (Hrsg.): Ranz Oppenheimer: Gesammelte Schriften, Berliner Akademie Verlag 1995, bisher erhältlich Band IDie Theoretische Grundlegung, 736 Seiten, 174,- DM.

Warum nicht gleich mit Begeisterung?"

Eine Diplomarbeit fällt nicht vom Himmel und eine Magisterarbeit fließt nicht aus der Feder - wer in die Zielgerade seines Studi­ums einbiegt, muß sich ans Schreiben ma­chen. Viele Studierende sehen dieser Zeit nicht gerade mit freudiger Erregung entge­gen. Ihnen und allen anderen, die nicht erst hinterher wissen wollen, was siebeim näch­sten Mal besser machen werden und wie sie sich eine Menge Arbeit sparen können, sei das Buch Wiö schreibe ich eine Semmar- , Examens- und Diplomarbeit-von Walter Krämer empfohlen. Einer seiner besten Rat­schläge findet sich gleich auf Seite fünf:Ob aber mit oder ohne Begeisterung: schreiben müssen Sie auf jeden Fall, und warum dann nicht gleich mit Begeisterung. Und irgend­wie schafft er es auf den nächsten 177 Sei­ten, selbst die Leser zu begeistern, die gar nicht Vorhaben, demnächst eine Abschluß­arbeit zu schreiben. Dabei vermittelt er nicht einmal den Eindruck, das Schreiben sei ein Kinderspiel, denken muß immer noch jeder allein. Wer glaubt, man findet hier den Schlüssel dazu, wie man seine Gedanken diszipliniert, so daß sie sich quasi von selbst strukturieren, der irrt. Aber sonst erfährt man in diesem Buch alles, was in irgendeinem Zusammenhang mit einer wissenschaftli­chen Abschlußarbeit von Interesse ist, ange­

fangen bei den Kriterien, nach denen man Thema und Betreuer auswählen sollte, bis hm zur Checkliste für die Endkontrolle der Schrift vor dem Binden oder Heften. Krämer ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstati­stik an der Universität Dortmund, und in die­ser Funktion sind auch schon viele Arbeiten durch-seine Hände gegangen. Wenn er also dem ThemaInhaltsverzeichnis sieben Sei­ten widmet, dann nur, weil er genügend miß­glückte Exemplare gesehen hat. Einleuch­tend wirkt er vor allem dadurch, daß er sei­ne Argumentation üppig mit positiven wie negativen Beispielen bestückt. Die von ihm aus einem Inhaltsverzeichnis zitierte Über­schriftRPRIMH überzeugt sicherlich jeden Leser, daß ungewöhnliche Abkürzungen dort nichts zu suchen haben. Aber nicht nur Diplomarbeiten dienen ihm als Quellen zur Veranschaulichung. Im KapitelÜber die sprachliche Gestalt der Arbeit plündert er munter Fachzeitschriften, Bundestagsdruck­sachen, einen Schulaufsatz seiner Tochter, die Bahnhofsansage bei der Einfahrt eines Inter-City-Zuges (schade, daß Bahnbedien­stete wohl kaum dieses Buch lesen) und An­leitungen aus einem Word-Handbuch. Über­all findet man aufgebauschte, überlange oder verkomplizierte Sätze, und wie leicht gewöhnt man sich selbst an solche Aus­drucksweisen. Man schreibtdie überwie­gende Zahl von stattdie meisten,Daten­material stattDaten,Kennzeichen sein für stattkennzeichnen", benutzt überflüssi­ge Remdworte und schachtelt Sätze. Nicht nur Studenten und Studentinnen wird hier vor Augen gehalten, daß es wenig Reude bereitet, derartige Tfexte zu lesen. Aber auch wenn er über die Vorarbeiten, wie Literatur­recherche oder die Wahl eines Tfextverarbei- tungsprogramms, schreibt, bleibt Krämer an­schaulich. So versetzt er sich in die Lage ei­nes Studenten, der eine Arbeit zur sogenann­ten Kostenexplosion im Gesundheitswesen schreibt, und begibt sich auf die Suche nach den nötigen Daten und der einschlägigen Li­teratur. In der minutiösen Schilderung seiner Bemühungen erfährt man nicht nur etwas über die Tücken elektronischer Datenbank- Systeme oder die Unwägbarkeiten bei den Öffnungszeiten deutscher Universitätsbiblio­theken, sondern auch genau die einzelnen Schritte bei der konventionellen Literatur­recherchezu FUß sowie per EDV Und wem nach der Lektüre des Buches immer noch mulmig beim Gedanken an sein wissen­schaftliches Erstlingswerk wird, der heftet sich am besten Krämers Definition für Wis­senschaft auf Seite sechs über den Schreib­tisch: Sie ist nicht mehr und nicht weniger als diesystematische und nachvollziehbare Be­friedigung von Neugier".

Walter Krämer: Wie schreibe ich eine Seminar-, Examens- und Diplomarbeit, Gustav Fischer Verlag, UTB Nr. 1633, 199 Seiten, 18,90 DM.

PUTZ 1/96

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