VON BRÜDERN UND SCHWESTERN, DIE KEINE MEHR SIND
Walter Jens dachte im Audimax über Deutschland nach - und viele folgten ihm
Der Brandenburgische Justizminister Bräutigam und der Berliner Kultursenator Roloff-Momin mußten sicher nicht erst durch die querformatigen Plakate „Nachdenken über Deutschland“ darüber informiert werden, daß Walter Jens in der Potsdamer Universität liest. Dennoch waren sie und mit ihnen viele interessierte Zuhörer gekommen, um zu hören, was dem Akademiepräsidenten der Künste, Berlin-Brandenburg Jens als Redner einfallen würde zum Thema „Deutschland“. Wohin würde der „Erzähler, Funk- und Fem- sehautor, Übersetzer, Redner, Kritiker, Philologe, Historiker“ (alles Lexikonkennzeichnungen für Jens, Walter) die Zuhörer führen?
Walter Jens eröffnete als Historiker seinen Gedankenbogen mit der Maxime, Geschichte, „unsere Geschichte“, von unten betrachten zu wollen und fuhr als Moralist fort, Geschichte nicht nur von unten, sondern von denen aus, die „im Schatten sind“, bewerten zu wollen. Der Erzähler und Essayist folgte dann der Maxime, daß Geschichte nur in Geschichten von Individuen mit konkreten Namen, Adressen, Berufen vorstellbar wird. Und da sind ihm Menschen, von denen er aus Meldungen alter Zeitungen erfährt, genauso wichtig wie Figuren aus Werken von Schriftstellern, wie dem Pfarrer aus Peter Hucheis Gedicht über den Untergang seiner Gemeinde im Krieg.
Für die „konkrete“ deutsche Geschichte hieße das darüber hinaus, daß immer am Anfang das Gedenken, das Eingedenken stehen muß an die Vernichtung der deutschen Juden, denn trotz der sprachlich viel strapazierten Formel von der Wieder-Vereinigung" wird es nie wieder ein Deutschland geben können wie dasjenige vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten, Und es wird wiederholt und noch einmal mit Nachdruck gesagt: Das Wort „Opfer“ ist zu leicht gesagt. Erst wenn das Opfer einen Namen hat, wird deutlich, bleibt deutlich, was da geschah.
Das ist der Reflexionsort, von dem aus Walter Jens dann sein imaginäres Lesebuch „für unsere Zeit" entwirft mit Geschichten von Menschen aus Ost und West; denn: wer
miteinander leben will, muß den anderen kennenlernen wollen und muß sich auch zu erkennen geben. Jens' Rage, ob man schon je so schnell „Brüder und Schwestern“ sich habe auflösen sehen, wie nach der Grenzöffnung zwischen den beiden Deutschländern, ist keine rhetorische Frage. Es schwingt dann die Trauer um viele verlorene Hoffnungen mit, die mit dem Aufbruch in der DDR entstanden waren; besonders leid ist es ihm um die vertane Chance, die mit dem Ruf ,jWir sind das Volk“ und mit „Runden Tischen“, an denen an einer neuen deutschen Verfassung gearbeitet wurde, verbunden war. Warum, fragt er, ist das Wort besonders der Bürgerrechtlerinnen so ohn-
Hier wird Jens seinem Ruf als „Radikaldemokrat“ gerecht, wenn er dann sarkastisch Habermas’ Satz über die Entstehung des Einigungsvertrages benutzt: Herr
Schäuble habe in der Gestalt von Herrn Krause mit sich selbst einen Vertrag abgeschlossen. Und: statt ,jWir sind das Volk“ gilt jetzt der Satz „Aber wir haben das Sagen.“ Vergangen die Zeiten knallender Sektkorken, stattdessen gibt es jetzt „stilles Wasser“. Gemeint ist auch Kohls Wort im Parlament vom Volk draußen“. „Wieso sitzt Kohl drinnen und das Volk draußen?", fragt Jens. Und als Höhepunkt dieser Argumentations- passage meinte er:
„Kein Wort mehr von Sozialismus? Haben wir
richtig gehört?“ Sozialismus als TMhabe von vielen Menschen an dem, was eine societe civil sein könnte, in der Brüderlichkeit/ Schwesterlichkeit keine belächelten, weil verstaubten Ziele sind, in der Aufklärung und Vernunft keine Schimpfworte sind, in der „Utopie“ nicht sofort als „Heilslehre“ denunziert wird, sondern als Denkimpuls wahrgenommen wird? Es sollte der Gedanke nicht mehr taugen, wer nicht zum Unmöglichen greift, wird auch das Mögliche nicht erreichen? Im Augenblick der schrillen Töne im Feuilleton, der Beschimpfung der „Gesinnungsästheten" - was nach Jens 1 Meinung auf einen Rechts-Ruck verweist - plädierte er für ein „imaginäres Lesebuch“ mit Geschichten über Höflichkeit, Geselligkeit und Verzicht auf Fanatismus, aber streitbar für die Rechte von A-sylanten (was Jens übersetzt mit „waffenlos“), in dem Virchow neben Freud steht und Fontanes Dubslav aus dem „Stichlin“ neben dem schon zitierten Pfarrer aus Hucheis Gedicht. Der Applaus am Ende der Rede von Walter Jens war eine klare Antwort des Publikums auf den demokratischen Gestus des Redners. Hier hatte jemand einen „Kommentar“ gegeben und der war so, wie er nicht so häufig in unserer medialen Welt zu erleben ist: Ich spreche zu Ihnen so, als ob Sie mir antworten könnten - wenigstens im Geiste. Engagiert, aber nicht im schrillen Überredungston, im Wissen, daß Wahrheit Zeit braucht. Ein Stück Demokratie. Margrid Bircken
„KINDER DES OLYMP" IM FILMMUSEUM
Das Kino feiert seinen 100. Geburtstag, das Nationalheiligtum des französischen Kinos „Les Enfants du Paradis“!„Kinder des Olymp" wird SO Jahre alt. Deshalb entstand unter Schirmherrschaft der UNESCO eine Ausstellung, die Szenenbildentwürfe, Kostümzeichnungen und Filmplakate vereint, um an diesem Film und seine Schöpfer zu erinnern. Hauptanziehungspunkt ist zweifellos die 6x4 m große Nachbildung der Bühne des Theatre Funambules mit dem Vorhang, der nach Original- Entwürfen des Szenenbildners Alexandre Trauner rekonstruiert wurde. Marcel Carnes' Film „Kinder des Olymp" entstand zwischen 1943 und 1945. Er hat als Kinomythos bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt. Melancholisch-romantisch und doch voller Lebensfreude und Realismus erzählt er die Geschichte von der schönen Garance und dem Pantomimen Debureau. Liebesgeschichten und ein Panorama des Pariser Theaterlebens sind zu einem Zeit- und Sittengemälde des 19. Jahrhunderts verknüpft. Der Film war die Krönung der mehrjährigen Zusammenarbeit Marcel Carnes mit dem Dichter und Drehbuchautor Jacques Prevert, dem Ausstatter Alexandre Trauner, sowie den Schauspielern Arletty und Jean-Louis Barrault. Die Exposition wird nach Venedig und Rom noch bis zum 18. Februar 1996 im Filmmuseum Potsdam, Marstall, zu sehen sein. Im Kino des Museums wird sie von einer kleinen Filmreihe begleitet.
Die Schau ist dienstags bis freitags von 10.00 bis 17.00 Uhr, samstags und sonntags sowie feiertags von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 DM, ermäßigt 2 DM. zg.
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PUTZ 1/96
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