Heft 
(1.1.2019) 01
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VON BRÜDERN UND SCHWESTERN, DIE KEINE MEHR SIND

Walter Jens dachte im Audimax über Deutschland nach - und viele folgten ihm

Der Brandenburgische Justizminister Bräutigam und der Berliner Kultursenator Roloff-Momin mußten sicher nicht erst durch die querformatigen PlakateNachdenken über Deutschland darüber informiert werden, daß Walter Jens in der Potsdamer Universität liest. Dennoch waren sie und mit ihnen viele interessierte Zuhörer gekommen, um zu hören, was dem Akademiepräsidenten der Künste, Berlin-Brandenburg Jens als Redner einfallen würde zum ThemaDeutschland. Wohin würde derErzähler, Funk- und Fem- sehautor, Übersetzer, Redner, Kritiker, Philologe, Historiker (alles Lexikonkennzeichnungen für Jens, Walter) die Zuhörer führen?

Walter Jens eröffnete als Historiker seinen Gedankenbogen mit der Maxime, Geschichte,unsere Geschichte, von unten betrachten zu wollen und fuhr als Moralist fort, Ge­schichte nicht nur von unten, sondern von denen aus, dieim Schatten sind, be­werten zu wollen. Der Erzähler und Essay­ist folgte dann der Maxime, daß Geschichte nur in Geschichten von Individuen mit kon­kreten Namen, Adressen, Berufen vorstell­bar wird. Und da sind ihm Menschen, von denen er aus Meldungen alter Zeitungen erfährt, genauso wichtig wie Figuren aus Werken von Schriftstellern, wie dem Pfarrer aus Peter Hucheis Gedicht über den Unter­gang seiner Gemeinde im Krieg.

Für diekonkrete deutsche Geschichte hie­ße das darüber hinaus, daß immer am An­fang das Gedenken, das Eingedenken ste­hen muß an die Vernichtung der deutschen Juden, denn trotz der sprachlich viel strapa­zierten Formel von der Wieder-Vereinigung" wird es nie wieder ein Deutschland geben können wie dasjenige vor dem Machtantritt der Nationalsozialisten, Und es wird wieder­holt und noch einmal mit Nachdruck gesagt: Das WortOpfer ist zu leicht gesagt. Erst wenn das Opfer einen Namen hat, wird deut­lich, bleibt deutlich, was da geschah.

Das ist der Reflexionsort, von dem aus Wal­ter Jens dann sein imaginäres Lesebuch für unsere Zeit" entwirft mit Geschichten von Menschen aus Ost und West; denn: wer

miteinander leben will, muß den anderen kennenlernen wollen und muß sich auch zu erkennen geben. Jens' Rage, ob man schon je so schnellBrüder und Schwestern sich habe auflösen sehen, wie nach der Grenz­öffnung zwischen den beiden Deutsch­ländern, ist keine rhetorische Frage. Es schwingt dann die Trauer um viele verlore­ne Hoffnungen mit, die mit dem Aufbruch in der DDR entstanden waren; besonders leid ist es ihm um die vertane Chance, die mit dem Ruf ,jWir sind das Volk und mitRun­den Tischen, an denen an einer neuen deutschen Verfassung gearbeitet wurde, verbunden war. Warum, fragt er, ist das Wort besonders der Bürgerrechtlerinnen so ohn-

Hier wird Jens sei­nem Ruf alsRa­dikaldemokrat gerecht, wenn er dann sarkastisch Habermas Satz über die Entste­hung des Eini­gungsvertrages benutzt: Herr

Schäuble habe in der Gestalt von Herrn Krause mit sich selbst einen Vertrag abge­schlossen. Und: statt ,jWir sind das Volk gilt jetzt der SatzAber wir haben das Sagen. Vergangen die Zeiten knallender Sektkor­ken, stattdessen gibt es jetztstilles Was­ser. Gemeint ist auch Kohls Wort im Parla­ment vom Volk draußen.Wieso sitzt Kohl drinnen und das Volk draußen?", fragt Jens. Und als Höhepunkt dieser Argumentations- passage meinte er:

Kein Wort mehr von Sozialismus? Haben wir

richtig gehört? Sozialismus als TMhabe von vielen Menschen an dem, was eine societe civil sein könnte, in der Brüderlichkeit/ Schwesterlichkeit keine belächelten, weil verstaubten Zie­le sind, in der Aufklärung und Vernunft keine Schimpfworte sind, in der Utopie nicht sofort alsHeils­lehre denunziert wird, sondern als Denk­impuls wahrgenommen wird? Es sollte der Gedanke nicht mehr taugen, wer nicht zum Unmöglichen greift, wird auch das Mögliche nicht erreichen? Im Augenblick der schrillen Töne im Feuilleton, der Beschimpfung der Gesinnungsästheten" - was nach Jens 1 Meinung auf einen Rechts-Ruck verweist - plädierte er für einimaginäres Lesebuch mit Geschichten über Höflichkeit, Gesellig­keit und Verzicht auf Fanatismus, aber streit­bar für die Rechte von A-sylanten (was Jens übersetzt mitwaffenlos), in dem Virchow neben Freud steht und Fontanes Dubslav aus demStichlin neben dem schon zitierten Pfarrer aus Hucheis Gedicht. Der Applaus am Ende der Rede von Walter Jens war eine klare Antwort des Publikums auf den demo­kratischen Gestus des Redners. Hier hatte jemand einenKommentar gegeben und der war so, wie er nicht so häufig in unse­rer medialen Welt zu erleben ist: Ich spre­che zu Ihnen so, als ob Sie mir antworten könnten - wenigstens im Geiste. Engagiert, aber nicht im schrillen Überredungston, im Wissen, daß Wahrheit Zeit braucht. Ein Stück Demokratie. Margrid Bircken

KINDER DES OLYMP" IM FILMMUSEUM

Das Kino feiert seinen 100. Geburtstag, das Nationalheiligtum des französischen KinosLes Enfants du Paradis!Kinder des Olymp" wird SO Jahre alt. Deshalb entstand unter Schirmherrschaft der UNESCO eine Ausstellung, die Szenenbildentwürfe, Kostümzeichnungen und Filmplakate vereint, um an diesem Film und seine Schöpfer zu erinnern. Hauptanziehungspunkt ist zweifellos die 6x4 m große Nachbildung der Bühne des Theatre Funambules mit dem Vorhang, der nach Original- Entwürfen des Szenenbildners Alexandre Trauner rekonstruiert wurde. Marcel Carnes' FilmKinder des Olymp" entstand zwischen 1943 und 1945. Er hat als Kinomythos bis heute nichts von seiner Faszi­nation eingebüßt. Melancholisch-romantisch und doch voller Lebensfreude und Realismus erzählt er die Geschichte von der schönen Garance und dem Pantomimen Debureau. Liebesgeschichten und ein Panorama des Pariser Theaterlebens sind zu einem Zeit- und Sittengemälde des 19. Jahrhunderts verknüpft. Der Film war die Krönung der mehrjährigen Zusammenarbeit Marcel Carnes mit dem Dichter und Drehbuchautor Jacques Prevert, dem Ausstatter Alexandre Trauner, sowie den Schauspielern Arletty und Jean-Louis Barrault. Die Exposition wird nach Venedig und Rom noch bis zum 18. Februar 1996 im Filmmuseum Potsdam, Marstall, zu sehen sein. Im Kino des Museums wird sie von einer kleinen Filmreihe begleitet.

Die Schau ist dienstags bis freitags von 10.00 bis 17.00 Uhr, samstags und sonntags sowie feiertags von 10.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4 DM, ermäßigt 2 DM. zg.

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PUTZ 1/96

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