UNABHÄNGIGE ERFORSCHUNG VON MILITÄRGESCHICHTE IN POTSDAM
Der Bundesminister der Verteidigung richtete eine Stiftungsprofessur ein
Unterzeichneten die Stiftungsvereinbarung für eine C4-Professur für Militärgeschichte an der Universität Potsdam: der Bundesminister der Verteidigung, Volker Rühe (rechts), und die amtierende Rektorin, Prof Dr. Bärbel Kirsch (links). Foto: Fritze
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PROTESTE AM RANDE DES FESTAKTES
Ein Interview über die Entstehungsgeschichte und Ausrichtung der Stiftungsprofessur
Vor und während des Festaktes zur Einrichtung der Stiftungsprofessur Militärgeschichte kam es zu Protestaktionen einzelner Studierender. Da auch Mitglieder des Studierendenrates (Stura) der Universität dabei waren, der Stura zusätzlich noch „offene Fragen“ zur Vorgehensweise bei der Einrichtung der Professur formuliert hatte, sprach Myriam Honig für die PUTZ mit Ralf-Norbert Müller vom Stura und Prof. Dr. Manfred Görtemaker aus dem Historischen Institut über die Entwicklung der Idee, Militärgeschichte in Potsdam anzubieten, die Kritik an ihrer Umsetzung und die Erwartungen für die Zukunft:
Seit dem 22. Januar dieses Jahres gibt es wieder eine C4-Professur für Militärgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland: an der Universität Potsdam. Eingerichtet als Stiftungsprofessur des Bundesministers der Verteidigung, Volker Rühe, möchte man in Potsdam an die Tradition, Militärgeschichte in das wissenschaftliche Spektrum ziviler Universitäten zu integrieren, anknüpfen. Dies, so der Verteidigungsminister bei seiner Ansprache im Auditorium maximum während des Festaktes anläßlich der Unterzeichnung einer Stiftungsvereinbarung, mögen zwar viele in Deutschland für ein Wagnis halten; doch sei die historische Forschung über die Rolle der Streitkräfte durch unabhängige Wissenschaftler in anderen Ländern etwas völlig Normales. „Ihr Nutzen liegt zwar nicht primär in der unmittelbaren praktischen Anwendbarkeit für die Politik. Aber aus der Geschichte lernen heißt ja auch - um mit Jacob Burckhardt zu sprechen weise zu werden für immer“, erklärte Volker Rühe.
Daß es ein gutes Zeichen ist, wenn sich eine Gesellschaft wissenschaftlich und losgelöst von aller Ideologie mit der Vergangenheit des Militärs in der eigenen Geschichte auseinandersetzt, betonte mit Steffen Reiche auch der brandenburgische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Denn das Militär habe die Sozialgeschichte - und die Politik - stets mitgeprägt. Dies zeigt sich besonders deutlich in Potsdam selber, der „altpreußischen Soldatenstadt und Pflanzschule des Heeres, aber auch dem Ort der Erinnerung an die totale Niederlage und vor allem die moralische Katastrophe des Jahres 1945“, so Rühe.
Die Geschichte der Stadt war allerdings nicht primär für die Entscheidung, eine Stiftungsprofessur für Militärgeschichte an die Universität Potsdam zu vergeben, ausschlaggebend. Viel wichtiger waren der Umzug des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von FYeiburg/Br. nach Potsdam, ein umfangreicher Quellenfundus in Archiven und Bibliotheken hier in der Region und der wissenschaftliche Schwerpunkt der Historiker an der Universität Potsdam, die Neuzeit unter besonderer Berücksichtigung regionaler Aspekte zu erforschen. Mit Hilfe der neuen Stiftungsprofessur möchte man nun, so Prorektorin Prof. Dr. Bärbel Kirsch, das Forschungsprofil der Potsdamer Historiker abrunden und eine bundesweit neue wissenschaftliche Tradition durch eine moderne, in starkem Maße interdisziplinär ausgerichtete Militärgeschichte begründen. Hg.
PUTZ: Herr Professor Görtemaker, Sie waren von Anfang an in die Überlegungen, eine Stiftungsprofessur für Militärgeschichte an der Universität Potsdam einzurichten, einbezogen und haben die Entwicklung maßgeblich vorangetrieben. Können Sie kurz die Entstehungsgeschichte Revue passieren lassen?
Görtemaker: Ja, wobei ich nicht ganz von Anfang an einbezogen war. Ich habe das gewissermaßen geerbt, als ich vor zwei Jahren Geschäftsführender Direktor des Historischen Instituts wurde. Die Diskussion über diese Professur aber ist sehr alt. Sie begann praktisch mit der Gründungsgeschichte dieser Universität, als nämlich im Gründungssenat darüber nachgedacht worden ist, wie das Historische Institut aus- sehen sollte, und da kam man u.a. auch auf die Militärgeschichte. Das hing sicherlich auch damit zusammen, daß mit dem Kölner Prof. Dr.Johannes Kumsch im Gründungssenat jemand saß, der daran vor dem Hintergrund der Stadt Potsdam ein besonderes Interesse hatte. Die Angelegenheit ist dann mit sehr wenig Erfolg vorangetrieben worden, weil andere Professuren wichtiger
waren und die Militärgeschichte als eine Professur galt, die man sich vielleicht wünschen sollte, die aber nicht von vornherein im Mittelpunkt stand. Das änderte sich aber mit der Verlegung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA - die Red.) von Freiburg nach Potsdam im Jahre 1994. Diese Verlegung hat dazu geführt, daß sowohl der Amtschef des MGFA, General Roth, als auch die Universität Potsdam - und hier vertreten zunächst durch den Geschäftsführenden Direktor des Histonschen Instituts, Prof. Schoeps, danach durch Prof. Hahn und dann schließlich durch mich - das Projekt unterstützten. Und zwar deshalb, weil wir der Meinung waren, daß dieses Forschungspotential, was mit dem MGFA in Potsdam besteht, für die Universität nutzbar gemacht werden sollte; nicht nur die große Zahl von sehr qualifizierten wissenschaftlichen Mitarbeitern des MGFA, sondern auch die vorzügliche Bibliothek mit über 500 000 Bänden und der Villa Ingenheim als einem möglichen Tä- gungs- und Konferenzort, den wir natürlich jetzt auch nutzen können. Deswegen habe ich von Anfang an diese Idee unterstützt, weil ich die Gesamtkonstruktion für ideal
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