Heft 
(1.1.2019) 02
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DEUTSCHLAND UND POLEN

Tagung über nationale Identitäten und Wahrnehmungen

Gegen Ende des letzten Jahres veranstaltete die Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Erhard Stölting aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakul­tät eine fägung zum ThemaDeutschland und Polen - nationale Identitäten und Wahr­nehmungen. Geladen waren prominente Gäste der deutsch-polnischen Nachbar­schaftsforschung, wie etwa Wlodzimierz Borodziej aus Warschau, Hubert Orlowski und Anna Wolf-Poweska vom polnischen West-Institut in Poznan, Winfried Spohn aus Phil­adelphia oder Dariusz Aleksandrowicz aus R:ankfurt/Oder. Von den Themen her be­handelte die Tägung vonNationbildung und Kultur in Polen und Deutschland über .Wirtschaftsentwicklung und gesellschaftliche Bilder bis hin zum KomplexMinder­heiten und Migration soziale Gegebenheiten, Besonderheiten und Tendenzen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei die gemeinschaftliche Stellung Polens und Deutschlands in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

cherung sein wird, auch für die Studenten. Aber weil die Militärgeschichte ein sehr sensibler Bereich in Deutschland ist, wäre es doch meiner Meinung nach auch ange­bracht gewesen, etwas früher und breiter zu informieren, den Studierendenrat z.B. direkt zu informieren und durch unsere Möglich­keiten an andere Fachschaften weiterleiten zu lassen, um was es überhaupt geht und was vorgesehen ist.

PUTZ: Was erwarten Sie sich denn jetzt von seiten des Studierendenrates von dieser Professur?

Müller: Wir erwarten nicht nur reine Militär­geschichte, sondern auch eine Berücksich­tigung des Bereiches Eriedensforschung. Dieser Aspekt sollte nicht unter den Tisch fallen. Es sollte über die Vergangenheit dis­kutiert und geforscht werden, wozu die Ar­mee in der Zukunft da ist. Blauhelm-Aktio­nen, Fhedenstruppen, das sind nur einige Stichpunkte dafür.

PUTZ: Und was erwarten sich die Histori­ker von ihr, Herr Görtemaker?

Görtemaker: Für Potsdam liegt in dieser Professur eine große Chance. Einen Lehr­stuhl, der sich ausschließlich dieses The­mas annimmt, gibt es bisher nicht. Nun ist natürlich Militärgeschichte in der heutigen Zeit etwas völlig anderes als das, was man sich so traditionell darunter vorstellt. Es geht zwar einerseits um das Phänomen der Gewalt in der Geschichte, aber das ist natürlich keine Angelegenheit, bei der Schlachten nachgespielt werden sollen. Es geht wirklich darum, eine auch sozial und ökonomisch fundierte Analyse des Phäno­mens von Krieg, Gewalt und Militär in der Geschichte darzustellen, wobei die Ge­schichte umfassend zu verstehen ist. Me­thodisch betrachtet, wird es also eine Pro­fessur sein, die nicht nur mit diplomatie­geschichtlichen Akzenten oder Zugängen arbeitet, sondern auch mit Methoden der sozialen Wirtschaftsgeschichte, der Ideen­geschichte, so daß ein breiter Ansatz ge­währleistet ist. Und dieser Ansatz wird si­cherlich auch auf ganz aktuelle FVagen und sicherheitspolitische Diskussionen einge- hen. Das heißt, ich verspreche mir von die­ser Professur eben auch wirklich Akzente für die aktuellen Zusammenhänge von Mi­litär und Sicherheitspolitik. Insofern sind genau die Themen, die Sie genannt haben, Herr Müller, angesprochen. Wie die Rolle der Bundeswehr bei friedenserhaltenden Einsätzen der UNO aussehen könnte, oder wie beispielsweise Konversion, die Um­wandlung von Rüstungs- in Zivilproduktion, gestaltet werden könnte.

PUTZ: Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Sowohl in Deutschland, als auch in Polen fand aufgrund der ethnischen Mischlagen beider Länder eine Nationsbildung erst ver­hältnismäßig spät statt. Beide Länder haben in der europäischen Geschichte einen be­sonderen Weg eingeschlagen. So war das historische Verhältnis Polen-Deutschland vor allem durch das Verhältnis Polen-Preu­ßen bestimmt. Gekennzeichnet durch mit­unter gravierende Unterschiede zwischen Preußen und Polen war dieser Weg aller­dings oftmals sehr unterschiedlich. Wäh­rend in Preußen absolute Werte wie Thgendhaftigkeit und Disziplin galten, herrschte in Polen Unverständnis über den herzlosen preußischen Bürokratismus und den blinden Gehorsam. Für traditionelle polnische Werte wie Freiheit, Heldenmut und Opferbereitschaft wurde in der preußi­schen Wertvorstellung kein Platz gelassen. Einen nicht unerheblichen Beitrag zu ge­genseitigem Unverständnis mag auch die Differenz zwischen preußischem Protestan­tismus und dem strengen polnischen Katho­lizismus geleistet haben. Die preußische Übermacht wurde in Polen nicht zuletzt auch als religiöse Unterdrückung gesehen. In bezug auf Nationalkultur und Nationalbe- wußtsein kam die Tägung zu dem Ergebnis, daß man im Gegensatz zu anderen europäi­schen Ländern wie Frankreich oder Eng­land weder in Polen noch in Deutschland von einer Nationalkultur oder einem Natio­nalbewußtsein sprechen könne, sondern daß man stets von einigen Nationalkulturen und verschiedenen Formen von Nationalbe- wußtsein ausgehen müsse.

So, wie Deutschland zu Zeiten des kalten Krieges unter seiner peripheren Stellung zwischen NATO und Warschauer Pakt litt, so sieht sich Polen nach der Verschiebung einer veränderten Peripherie mit dieser Sonderstellung konfrontiert. In Polen gren­zen mehr oder minderöstliche Lebensfor­men an sogenanntewestliche Lebensfor­men. Anders, als bei anderen europäischen Peripherien wie etwa Schottland, Island oder Irland befindet sich kein trennender Ozean zwischen denzwei Welten Ost und

Organisierte und leitete die deutsch- polnische Tägung:

Prof. Dr. Er­hard Stölting aus der Wirt­schafts- und Sozialwissen- schaftlichen Fakultät.

Foto: Fritze

West. Polen befindet sich daher stärker als jedes andere ehemalige Ost-Block-Land in einem Umbruch zwischen Tradition, nähe­rer Vergangenheit und Zukunft und betreibt dabei nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene seine Um- und Neuorientierung mit großer Offenheit nach beiden Seiten.

Alerdings werde Polen bei seinen Erneue­rungen nicht immer entgegengekommen. Einen Vorwurf richtete die Diskussion vor allem an die deutsche Länderpolitik, die bezüglich einer guten nachbarschaftlichen Stellung nicht immer glaubwürdig sei. Hier­aus erwachse eine unterschwellige Fürcht, Deutschland könne seine Westbindung ver­nachlässigen und den 1945 verlassenen Sonderweg" wieder einschlagen. Nichtsdestoweniger sehe man jedoch in Polen einer Westbindung mit großem Ver­trauen entgegen. Die auf seiten der NATO gerade von Deutschland forcierten Bestre­bungen, Polen in dieselbe zu integrieren, werden als Zeichen des Fortschrittes ge­wertet. Letzte demoskopische Umfragen in Polen hätten ergeben, daß 61 % der Polen der Auffassung seien, Polens Sicherheit hänge in erster Linie von Polens enger Bin­dung an den Westen ab. Nur 19 % der Be­völkerung würden in Zukunft bezüglich der Sicherheit Polens noch auf ein Bündnis mit Rußland vertrauen. Thilo Seelbach

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