DEUTSCHLAND UND POLEN
Tagung über nationale Identitäten und Wahrnehmungen
Gegen Ende des letzten Jahres veranstaltete die Universität Potsdam unter der Leitung von Prof. Dr. Erhard Stölting aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät eine fägung zum Thema „Deutschland und Polen - nationale Identitäten und Wahrnehmungen“. Geladen waren prominente Gäste der deutsch-polnischen Nachbarschaftsforschung, wie etwa Wlodzimierz Borodziej aus Warschau, Hubert Orlowski und Anna Wolf-Poweska vom polnischen West-Institut in Poznan, Winfried Spohn aus Philadelphia oder Dariusz Aleksandrowicz aus R:ankfurt/Oder. Von den Themen her behandelte die Tägung von „Nationbildung und Kultur“ in Polen und Deutschland über .Wirtschaftsentwicklung und gesellschaftliche Bilder“ bis hin zum Komplex „Minderheiten und Migration“ soziale Gegebenheiten, Besonderheiten und Tendenzen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand dabei die gemeinschaftliche Stellung Polens und Deutschlands in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
cherung sein wird, auch für die Studenten. Aber weil die Militärgeschichte ein sehr sensibler Bereich in Deutschland ist, wäre es doch meiner Meinung nach auch angebracht gewesen, etwas früher und breiter zu informieren, den Studierendenrat z.B. direkt zu informieren und durch unsere Möglichkeiten an andere Fachschaften weiterleiten zu lassen, um was es überhaupt geht und was vorgesehen ist.
PUTZ: Was erwarten Sie sich denn jetzt von seiten des Studierendenrates von dieser Professur?
Müller: Wir erwarten nicht nur reine Militärgeschichte, sondern auch eine Berücksichtigung des Bereiches Eriedensforschung. Dieser Aspekt sollte nicht unter den Tisch fallen. Es sollte über die Vergangenheit diskutiert und geforscht werden, wozu die Armee in der Zukunft da ist. Blauhelm-Aktionen, Fhedenstruppen, das sind nur einige Stichpunkte dafür.
PUTZ: Und was erwarten sich die Historiker von ihr, Herr Görtemaker?
Görtemaker: Für Potsdam liegt in dieser Professur eine große Chance. Einen Lehrstuhl, der sich ausschließlich dieses Themas annimmt, gibt es bisher nicht. Nun ist natürlich Militärgeschichte in der heutigen Zeit etwas völlig anderes als das, was man sich so traditionell darunter vorstellt. Es geht zwar einerseits um das Phänomen der Gewalt in der Geschichte, aber das ist natürlich keine Angelegenheit, bei der Schlachten nachgespielt werden sollen. Es geht wirklich darum, eine auch sozial und ökonomisch fundierte Analyse des Phänomens von Krieg, Gewalt und Militär in der Geschichte darzustellen, wobei die Geschichte umfassend zu verstehen ist. Methodisch betrachtet, wird es also eine Professur sein, die nicht nur mit diplomatiegeschichtlichen Akzenten oder Zugängen arbeitet, sondern auch mit Methoden der sozialen Wirtschaftsgeschichte, der Ideengeschichte, so daß ein breiter Ansatz gewährleistet ist. Und dieser Ansatz wird sicherlich auch auf ganz aktuelle FVagen und sicherheitspolitische Diskussionen einge- hen. Das heißt, ich verspreche mir von dieser Professur eben auch wirklich Akzente für die aktuellen Zusammenhänge von Militär und Sicherheitspolitik. Insofern sind genau die Themen, die Sie genannt haben, Herr Müller, angesprochen. Wie die Rolle der Bundeswehr bei friedenserhaltenden Einsätzen der UNO aussehen könnte, oder wie beispielsweise Konversion, die Umwandlung von Rüstungs- in Zivilproduktion, gestaltet werden könnte.
PUTZ: Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Sowohl in Deutschland, als auch in Polen fand aufgrund der ethnischen Mischlagen beider Länder eine Nationsbildung erst verhältnismäßig spät statt. Beide Länder haben in der europäischen Geschichte einen besonderen Weg eingeschlagen. So war das historische Verhältnis Polen-Deutschland vor allem durch das Verhältnis Polen-Preußen bestimmt. Gekennzeichnet durch mitunter gravierende Unterschiede zwischen Preußen und Polen war dieser Weg allerdings oftmals sehr unterschiedlich. Während in Preußen absolute Werte wie Thgendhaftigkeit und Disziplin galten, herrschte in Polen Unverständnis über den herzlosen preußischen Bürokratismus und den blinden Gehorsam. Für traditionelle polnische Werte wie Freiheit, Heldenmut und Opferbereitschaft wurde in der preußischen Wertvorstellung kein Platz gelassen. Einen nicht unerheblichen Beitrag zu gegenseitigem Unverständnis mag auch die Differenz zwischen preußischem Protestantismus und dem strengen polnischen Katholizismus geleistet haben. Die preußische Übermacht wurde in Polen nicht zuletzt auch als religiöse Unterdrückung gesehen. In bezug auf Nationalkultur und Nationalbe- wußtsein kam die Tägung zu dem Ergebnis, daß man im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie Frankreich oder England weder in Polen noch in Deutschland von einer Nationalkultur oder einem Nationalbewußtsein sprechen könne, sondern daß man stets von einigen Nationalkulturen und verschiedenen Formen von Nationalbe- wußtsein ausgehen müsse.
So, wie Deutschland zu Zeiten des kalten Krieges unter seiner peripheren Stellung zwischen NATO und Warschauer Pakt litt, so sieht sich Polen nach der Verschiebung einer veränderten Peripherie mit dieser Sonderstellung konfrontiert. In Polen grenzen mehr oder minder „östliche“ Lebensformen an sogenannte „westliche“ Lebensformen. Anders, als bei anderen europäischen Peripherien wie etwa Schottland, Island oder Irland befindet sich kein trennender Ozean zwischen den „zwei Welten Ost und
Organisierte und leitete die deutsch- polnische Tägung:
Prof. Dr. Erhard Stölting aus der Wirtschafts- und Sozialwissen- schaftlichen Fakultät.
Foto: Fritze
West“. Polen befindet sich daher stärker als jedes andere ehemalige Ost-Block-Land in einem Umbruch zwischen Tradition, näherer Vergangenheit und Zukunft und betreibt dabei nicht nur auf wirtschaftlicher Ebene seine Um- und Neuorientierung mit großer Offenheit nach beiden Seiten.
Alerdings werde Polen bei seinen Erneuerungen nicht immer entgegengekommen. Einen Vorwurf richtete die Diskussion vor allem an die deutsche Länderpolitik, die bezüglich einer guten nachbarschaftlichen Stellung nicht immer glaubwürdig sei. Hieraus erwachse eine unterschwellige Fürcht, Deutschland könne seine Westbindung vernachlässigen und den 1945 verlassenen „Sonderweg" wieder einschlagen. Nichtsdestoweniger sehe man jedoch in Polen einer Westbindung mit großem Vertrauen entgegen. Die auf seiten der NATO gerade von Deutschland forcierten Bestrebungen, Polen in dieselbe zu integrieren, werden als Zeichen des Fortschrittes gewertet. Letzte demoskopische Umfragen in Polen hätten ergeben, daß 61 % der Polen der Auffassung seien, Polens Sicherheit hänge in erster Linie von Polens enger Bindung an den Westen ab. Nur 19 % der Bevölkerung würden in Zukunft bezüglich der Sicherheit Polens noch auf ein Bündnis mit Rußland vertrauen. Thilo Seelbach
«*64 .
Seite 6
PUTZ 2/96