„DU, LASS DICH NICHT VERBITTERN..."
Germanisten näherten sich dem Werk Peter Hucheis
„ Hier liegt einer, der wollte noch singen mit einer Distel im Mund", heißt beziehungsreich es in einem Gedichte Peter Hucheis (1903-1981). 15 Jahre nach seinem Tod und 25 Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR wurde dem mit der Mark Brandenburg eng verbundenen Lyriker, Hörspielautoren und Publizisten erstmals in der Öffentlichkeit größere Aufmerksamkeit geschenkt. Anfang 1996 trafen sich in Potsdam Wissenschaftler aus Neuseeland, Polen, Holland und der Bundesrepublik Deutschland zu der zweitägigen internationalen wissenschaftlichen Konferenz „Peter Hüchel und die Germanistik". Als Veranstalter zeichnete das Institut für Germanistik der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Brandenburgischen Literaturbüro e.V und dem Kulturhaus Potsdam verantwortlich. Die aufgrund der Öffnung verschiedener Archive jetzt verfügbaren Materialien ermöglichen den Fachleuten neue Sichten auf die widerspruchsvolle Biographie Peter Hucheis und seine Werke. Das Kolloquium bot auch Gelegenheit, Bilanz über die Literaturwissenschaften in Ost und West und
Der deutsche Lyriker Peter Hüchel, 1903 in Ber- lm-Lichterfelde geboren, stand seit den zwanziger Jahren in der Tradition der „Naturlyrik", trat in der Zeit des Dritten Reiches als Hörspielautor in Erscheinung und wirkte nach 1945 als Künstlerischer Direktor des Berliner Rundfunks. Die Chefredaktion der von Johannes R. Becher und Paul Wiegier gegründeten Literaturzeitschrift „Sinn und Form“ übernahm er 1949. Dort publizierte erBölI, Risch, Jens, Bloch und Bachmann. Erzwungenermaßen mußte er 1962 davon Abschied nehmen. Anschließend lebte er isoliert und überwacht in Wilhelmshorst bei Potsdam bis zu seiner Ausreise nach Italien im Jahre 1971. Nach langer Krankheit starb er 1981 in Staufen/Breisgau. Foto: zg.
ihren jeweiligen Umgang mit zeitgenössischer Literatur in den vergangenen Jahrzehnten zu ziehen. Von der Konferenz seien wichtige Anstöße für die Germanistik ausgegangen, so Prof. Dr. Knut Kiesant, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur/Frühe Neuzeit an der Potsdamer Hochschule. Weitere Dokumente müßten nun aufgearbeitet und beispielsweise auf Einflüsse in Hucheis Werk untersucht werden, ebenso die Wirkungen seiner Lyrik auf andere Dichter.
Der Germanist FHtz Erpel begann 1957 in der Redaktion der von Peter Hüchel geleiteten Zeitschrift „Sinn und Form“ zu arbeiten. Ende 1962 verzichtete er mit der Abberufung Hucheis auf eine weitere Redaktionsarbeit. Seit 1963 ist er als wissenschaftlicher Publizist für Bildende Kunst in Potsdam tätig. Über seine Erinnerungen an den Dichter unterhielt sich mit ihm für PUTZ Dr. Barbara Eckardt.
PUTZ: Was für ein Mensch war Peter Hüchel? Wie erlebten Sie ihn in Ihrer gemeinsamen Arbeit?
Erpel: Das sind so Fragen, die müssen wohl sein; aber die Antwort ist doch nur wie eine Briefmarke, die man als Nachricht verschickt. Um es mit Conrad Ferdinand Meyers „Hutten“ zu sagen: Er war kein ausgeklügelt Buch, er war ein Mensch mit seinem Widerspruch, Er bewegte sich gern wie das biblische Schaf unter den Wölfen, doch ließ er die Klugheit der Schlangen nicht fahren; er war der selbstkritische Avantgardist einer Tradition und der friedlos umgetriebene Pnnzipial seiner Zeitschrift; er war der treuherzige Kumpel und der monomanische Fremdling; .er war der sarkastische Märker mit einem „besonderen, halb aus Vulkanismus und halb aus Apathie geborenen Drang“, wie Gottfried Benn die Poeten der Epoche beschrieb; und er stand auf eigenartige Weise in der Nachfolge des melancholischen Temperaments aus der Zeit der Renaissance, Typus des Künstlers, von schwarzer Galle regiert und der Bildfigur Alfred Dürers vergleichbar, die den Kopf in die Hand stützt und trostlos über das Verhängnis nachsinnt.
PUTZ: „So etwas wie das geheime Journal der Nation“ nannte Walter Jens die Zeitschrift „Sinn und Form“, deren Chefredakteur Peter Hüchel 14 Jahre lang war. Welches Anliegen verfolgte er mit dieser Publikation?
Erpel: Was Sie zitieren, ist ein goldenes Wort für Schwärmer. Immerhin hielt Hüchel dauerhaft an jenem Ziel fest, das der Verlag, und mithin auch er selber, im Gründungsjahr 1949 proklamiert hatte: eine Zeitschrift vorzulegen, die, im Aufbruch und Aufbau
der Nachkriegszeit und vorsätzlich fern von jedem Ästhetizismus, „dem Geist der Sprache und der Dichtung“ dienen sollte. Dieser, von heute aus, seltsam old fashioned formulierte Anspruch auf künstlerische Autonomie schloß alle Schreibenden ein, „die im Sinne menschlichen und gesellschaftlichen Fortschritts, des Humanismus und der geistigen Vertiefung mit künstlerischen Mitteln das Wort formen..." Der Blick der Herausgeber ging früh über alle Grenzen hinaus, räumliche, zeitliche und auch gattungsbedingte, er zielte auf Weltliteratur. Progressive Autonomie war und blieb der Maßstab des Chefredakteurs.
PUTZ: Mit welchen Schwierigkeiten kämpfte die Redaktion bei der Herausgabe? Weshalb mußte Peter Hüchel gehen?
Erpel: Die Zeitschrift, übrigens ist der Titel von Romano Guardini entlehnt, entstammt exakt derselben Zeitspanne, in der, zunächst in der Sowjetunion und natürlich im Namen Stalins und Shdanows, eine neuerlich krude Reglementierung des hier so nobel proklamierten „Geistes der Sprache und der Dichtung" angestrengt wurde - eine martialische Dienstverpflichtung, die im März 1951 der DDR das Muster lieferte, mit dem Kampf gegen den „Formalismus" buchstäblich den Kampf gegen Kosmopolitismus und Imperialismus zu eröffnen. Nicht ohne Langzeitwirkung. Über alle folgenden Kurswechsel und Täuwetterzeiten hinweg, ungeachtet auch gelegentlich heilloser Verblendung von Autoren, man lese nur Bloch über Stalins Weisheit, der gleichsam naturwüchsige Antagonismus von kleiner Zeitschrift und großer Politik, von kritischer Abrüstung der Kultur und deren dogmatischer Aufrüstung, blieb mehr oder minder fatal in Kraft. Dabei noch zusätzlich angefeuert durch persönliche Interessengegensätze oder Intrigen namhafter Mitglieder der Akademie der Künste, der die Zeitschrift ab Heft 5 /1950 als ein Organ der Institution zugeordnet war, „Unsinn und Uniform“, so polemisierte, nicht ohne Witz, Hans Marchwitza. Anders der Chefredakteur: „Nötig ist beides, Künstenschiffahrt von Ort zu Ort, und Schiffahrt auf hoher See“, das habe er, Hüchel, wie er mir erzählte, dem Kurt Hager erklärt, „lassen Sie uns doch weiter der Segler sein auf großer Fahrt...“ Die Rückschau auf Hucheis Jahre offenbart den Widerspruch einer schlechthin tragischen Konstellation: zwischen „Freiheit“ und „Notwendigkeit", Daß Peter Hüchel, der Protagonist der Tragödie, am Ende scheitern mußte, kann gewiß nicht verwundern. Indessen, es bleibt das Erstaunen, wie lange er sich hielt.
PUTZ: Vielen Dank für dieses Interview.
PUTZ 2/96
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