Heft 
(1.1.2019) 02
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DU, LASS DICH NICHT VERBITTERN..."

Germanisten näherten sich dem Werk Peter Hucheis

Hier liegt einer, der wollte noch singen mit einer Distel im Mund", heißt beziehungs­reich es in einem Gedichte Peter Hucheis (1903-1981). 15 Jahre nach seinem Tod und 25 Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR wurde dem mit der Mark Brandenburg eng verbundenen Lyriker, Hörspielautoren und Publizisten erstmals in der Öffentlichkeit größere Aufmerksamkeit geschenkt. An­fang 1996 trafen sich in Potsdam Wissen­schaftler aus Neuseeland, Polen, Holland und der Bundesrepublik Deutschland zu der zweitägigen internationalen wissen­schaftlichen KonferenzPeter Hüchel und die Germanistik". Als Veranstalter zeichne­te das Institut für Germanistik der Universi­tät Potsdam in Zusammenarbeit mit dem Brandenburgischen Literaturbüro e.V und dem Kulturhaus Potsdam verantwortlich. Die aufgrund der Öffnung verschiedener Archive jetzt verfügbaren Materialien er­möglichen den Fachleuten neue Sichten auf die widerspruchsvolle Biographie Peter Hucheis und seine Werke. Das Kolloquium bot auch Gelegenheit, Bilanz über die Lite­raturwissenschaften in Ost und West und

Der deutsche Lyriker Peter Hüchel, 1903 in Ber- lm-Lichterfelde geboren, stand seit den zwanzi­ger Jahren in der Tradition derNaturlyrik", trat in der Zeit des Dritten Reiches als Hörspielautor in Erscheinung und wirkte nach 1945 als Künst­lerischer Direktor des Berliner Rundfunks. Die Chefredaktion der von Johannes R. Becher und Paul Wiegier gegründeten Literaturzeitschrift Sinn und Form übernahm er 1949. Dort publi­zierte erBölI, Risch, Jens, Bloch und Bachmann. Erzwungenermaßen mußte er 1962 davon Ab­schied nehmen. Anschließend lebte er isoliert und überwacht in Wilhelmshorst bei Potsdam bis zu seiner Ausreise nach Italien im Jahre 1971. Nach langer Krankheit starb er 1981 in Staufen/Breisgau. Foto: zg.

ihren jeweiligen Umgang mit zeitgenössi­scher Literatur in den vergangenen Jahr­zehnten zu ziehen. Von der Konferenz seien wichtige Anstöße für die Germanistik aus­gegangen, so Prof. Dr. Knut Kiesant, Inha­ber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur/Frühe Neuzeit an der Potsdamer Hochschule. Weitere Dokumente müßten nun aufgearbeitet und beispielsweise auf Einflüsse in Hucheis Werk untersucht wer­den, ebenso die Wirkungen seiner Lyrik auf andere Dichter.

Der Germanist FHtz Erpel begann 1957 in der Redaktion der von Peter Hüchel ge­leiteten ZeitschriftSinn und Form zu ar­beiten. Ende 1962 verzichtete er mit der Abberufung Hucheis auf eine weitere Redaktionsarbeit. Seit 1963 ist er als wis­senschaftlicher Publizist für Bildende Kunst in Potsdam tätig. Über seine Erinne­rungen an den Dichter unterhielt sich mit ihm für PUTZ Dr. Barbara Eckardt.

PUTZ: Was für ein Mensch war Peter Hüchel? Wie erlebten Sie ihn in Ihrer ge­meinsamen Arbeit?

Erpel: Das sind so Fragen, die müssen wohl sein; aber die Antwort ist doch nur wie eine Briefmarke, die man als Nachricht ver­schickt. Um es mit Conrad Ferdinand Mey­ersHutten zu sagen: Er war kein ausge­klügelt Buch, er war ein Mensch mit seinem Widerspruch, Er bewegte sich gern wie das biblische Schaf unter den Wölfen, doch ließ er die Klugheit der Schlangen nicht fah­ren; er war der selbstkritische Avantgardist einer Tradition und der friedlos umgetrie­bene Pnnzipial seiner Zeitschrift; er war der treuherzige Kumpel und der monomani­sche Fremdling; .er war der sarkastische Märker mit einembesonderen, halb aus Vulkanismus und halb aus Apathie gebore­nen Drang, wie Gottfried Benn die Poeten der Epoche beschrieb; und er stand auf eigenartige Weise in der Nachfolge des melancholischen Temperaments aus der Zeit der Renaissance, Typus des Künstlers, von schwarzer Galle regiert und der Bild­figur Alfred Dürers vergleichbar, die den Kopf in die Hand stützt und trostlos über das Verhängnis nachsinnt.

PUTZ:So etwas wie das geheime Journal der Nation nannte Walter Jens die Zeitschrift Sinn und Form, deren Chefredakteur Peter Hüchel 14 Jahre lang war. Welches Anliegen verfolgte er mit dieser Publikation?

Erpel: Was Sie zitieren, ist ein goldenes Wort für Schwärmer. Immerhin hielt Hüchel dauerhaft an jenem Ziel fest, das der Verlag, und mithin auch er selber, im Gründungs­jahr 1949 proklamiert hatte: eine Zeitschrift vorzulegen, die, im Aufbruch und Aufbau

der Nachkriegszeit und vorsätzlich fern von jedem Ästhetizismus,dem Geist der Spra­che und der Dichtung dienen sollte. Die­ser, von heute aus, seltsam old fashioned formulierte Anspruch auf künstlerische Autonomie schloß alle Schreibenden ein, die im Sinne menschlichen und gesell­schaftlichen Fortschritts, des Humanismus und der geistigen Vertiefung mit künstleri­schen Mitteln das Wort formen..." Der Blick der Herausgeber ging früh über alle Gren­zen hinaus, räumliche, zeitliche und auch gattungsbedingte, er zielte auf Weltliteratur. Progressive Autonomie war und blieb der Maßstab des Chefredakteurs.

PUTZ: Mit welchen Schwierigkeiten kämpf­te die Redaktion bei der Herausgabe? Wes­halb mußte Peter Hüchel gehen?

Erpel: Die Zeitschrift, übrigens ist der Titel von Romano Guardini entlehnt, entstammt exakt derselben Zeitspanne, in der, zu­nächst in der Sowjetunion und natürlich im Namen Stalins und Shdanows, eine neuer­lich krude Reglementierung des hier so nobel proklamiertenGeistes der Sprache und der Dichtung" angestrengt wurde - eine martialische Dienstverpflichtung, die im März 1951 der DDR das Muster lieferte, mit dem Kampf gegen denFormalismus" buchstäblich den Kampf gegen Kosmopo­litismus und Imperialismus zu eröffnen. Nicht ohne Langzeitwirkung. Über alle fol­genden Kurswechsel und Täuwetterzeiten hinweg, ungeachtet auch gelegentlich heil­loser Verblendung von Autoren, man lese nur Bloch über Stalins Weisheit, der gleich­sam naturwüchsige Antagonismus von klei­ner Zeitschrift und großer Politik, von kriti­scher Abrüstung der Kultur und deren dog­matischer Aufrüstung, blieb mehr oder min­der fatal in Kraft. Dabei noch zusätzlich an­gefeuert durch persönliche Interessenge­gensätze oder Intrigen namhafter Mitglie­der der Akademie der Künste, der die Zeit­schrift ab Heft 5 /1950 als ein Organ der Institution zugeordnet war,Unsinn und Uniform, so polemisierte, nicht ohne Witz, Hans Marchwitza. Anders der Chefredak­teur:Nötig ist beides, Künstenschiffahrt von Ort zu Ort, und Schiffahrt auf hoher See, das habe er, Hüchel, wie er mir er­zählte, dem Kurt Hager erklärt,lassen Sie uns doch weiter der Segler sein auf großer Fahrt... Die Rückschau auf Hucheis Jahre offenbart den Widerspruch einer schlecht­hin tragischen Konstellation: zwischenFrei­heit undNotwendigkeit", Daß Peter Hü­chel, der Protagonist der Tragödie, am En­de scheitern mußte, kann gewiß nicht ver­wundern. Indessen, es bleibt das Erstau­nen, wie lange er sich hielt.

PUTZ: Vielen Dank für dieses Interview.

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