„STUDENT, JUNG UND LEDIG, SUCHT SPONSOR"
Zur Novellierung des Bundesausbildungsförderungsgesetzes
Bildungsfinanzierung in Zeiten des Sparens. Wie ist das zu bewältigen? Die Hochschulen müssen nach Auffassung aller Beteiligten besser ausgestattet werden, um eine gute Ausbildung sichern zu können. Woher soll das Geld dafür kommen? In der Diskussion dazu taucht immer wieder das Stichwort Finanzierungsbeitrag der Studierenden, derzeit sind es 1,9 Millionen, auf. Einig ist man sich, daß eine den heutigen Bedingungen angepaßte Strukturreform des Bundesausbildungsförderungsgesetzes (BAföG) erforderlich ist. Diese Überlegungen einbeziehend, votierte das Bonner Kabinett Mitte Dezember 1995 einstimmig für die vom Minister für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, Dr. Jürgen Rüttgers, vorgelegte Novellierung des BAföG. Die Entscheidungen von Bundesrat und Bundestag stehen noch aus.
Die Gesetzesänderung sieht vor, daß der 50prozentige Anteil der Fördermittel, der bisher als zinsloses Darlehen gewährt wurde, künftig mit 8,5 Prozent verzinst und von den Studierenden zurückzuzahlen ist. Damit würde sich die effektive Darlehenslast Geförderter verdoppeln. Das dabei im Bundeshaushalt eingesparte Geld von 1,6 Milliarden DM bis 1999 soll dann im Hochschulbereich für Hörsäle, Forschungslabors, Multimedia-Ausstattungen, ein neues Hochschulsonderprogramm sowie neue
Die 14. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes erfaßte Studienbedingungen. Daraus ergab sich beispielsweise, daß in den neuen Bundesländern eine größere Anzahl Studierender (54 %) BAföG erhält als in den westlichen (25 %). Statt der durchschnittlich 662 DM 1991 verfügen ostdeutsche Studierende heute über rund 954 DM monatlich. Beiden Westdeutschen stiegen die Einnahmen in diesem Zeitraum von 1146 DM auf 1343 DM. Sie setzen sich aus Elternanteilen, BAföG, eigenem Verdienst und anderen Quellen zusammen. Die 15 Studentenwerke in den neuen Bundesländern können 67000 Wohnheimplätze anbieten. 17Prozent der jungen Leute jobben im Osten neben dem Studium, im Westen sind es 60 Prozent. Foto: zg.
p fcrr^tp rr 6sf
tr'i negativen
1m£ B/Itok
72.(KMR'« im sun
pjp?
Studierende der Universität und der Fachhochschule Potsdam reagierten sofort und zogen Mitte Dezember 1995 durch Potsdams Brandenburger Straße, um ihrer Ablehnung der gerade im Bundeskabinett verabschiedeten Verzinsung von BAföG-Darlehen öffentlich Ausdruck zu verleihen. Die Reaktionen der Passanten reichten von Ignoranz bis Verständnis. Foto: Manfred Thomas
Studiengänge eingesetzt werden. Des weiteren könnten Bedarfssätze und Elternfreibeträge zum Herbst 1996 um sechs Prozent steigen. Die Förderungshöchstdauer soll auf neun Semester eingeschränkt werden. Seit 1971 gibt es BAföG. Der Staat hat danach soziale Unterschiede durch eine differenzierte Sozialordnung auszugleichen und durch Gewährung individueller Ausbil- dungsförderung auf eine berufliche Chancengleichheit junger Menschen hinzuwirken. 1983/84 entwickelte sich aus dem reinen Stipendium ein unverzinsliches Darlehen und 1990 die jetzt noch geltende Mischung aus staatlichem Stipendium und Darlehen.
Befürworter des „Rüttgers-Modells“ entgegnen den Ablehnenden, die es als „sozialen Numerus clausus“ verwerfen, daß nach der neuen Regelung mehr Studierende als bisher gefördert würden. Der Schuldenberg belaufe sich bei einem zehn- bis elf- semestngen Studium zwar auf maximal 72 000 DM, mit der Rückzahlung müsse jedoch erst vier Jahre nach Ausbildungsende begonnen werden. Leistungserlasse wie vorzeitige erfolgreiche Studienabschlüsse und Sozialerlasse wie Kindererziehung, fehlendes oder geringes Einkommen vier Jahre nach dem Examen und Ausnahmeregelungen in Härtefällen verringern diesen Betrag. Jürgen Rüttgers zitierte zur Begründung seines Modells unter anderem eine Untersuchung der Hochschul-Informations- system GmbH Hannover unter Hochschulabsolventen des Prüfungsjahrganges 1989, wonach vier Jahre nach Studienabschluß drei Viertel der Befragten über ein Monatseinkommen von mehr als 4500 DM verfü
gen würden. Die Rückzahlung erfolge also von in der Regel gut verdienenden Akademikern und nicht von mittellosen Studierenden.
Die Schar der Kritiker der 18. BAföG-Novel- le scheint groß. Aber welche Alternativen bieten sie an? Der Präsident des Deutschen Studentenwerkes (DSW), Prof. Dr. Albert von Mutius, sagte: „Eine Verzinsung des BAföG würde insbesondere die Studierenden aus den einkommensschwachen Familien in den neuen Bundesländern erheblich treffen. Angesichts der in den neuen Ländern noch niedrigen Einkommen wäre eine so hohe Schuldenlast abschreckend für die Aufnahme eines Hochschulstudiums". Deshalb müsse eine zeitgemäße Ausbildungs- förderung sowohl bestimmten sozialpolitischen als auch bildungs- und familienpolitischen Anforderungen entsprechen, erläuterte Prof. Dr. Helmut Jung, Leiter des Amtes für Ausbildungsförderung am Studentenwerk Potsdam. „Sie muß bedarfsdeckend zur Entlastung der Familien von den Kosten der Ausbildung beitragen und zugleich dafür sorgen, daß die Chancengleichheit im Büdungswesen gewahrt wird.“ Deshalb erarbeitete das DSW sein Drei-Stufen-Modell einer Ausbildungsförderung im Rahmen eines einheitlichen Familienlastenausgleiches. Es besteht aus einer familienunabhängigen Sockelfinanzierung von 400 DM, einer familienabhängigen Aufbauförderung von 650 DM und einer Ergänzungsförderung von 200 DM. Die sich ergebende Summe von 1250 DM entspricht dem monatlichen derzeitigen Bedarf eines Studierenden. In einer Erklä- Fortsetzung nächste Seite
PUTZ 2/96
Seite 15