Heft 
(1.1.2019) 02
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PARADIESISCHER STERNENHIMMEL

Potsdamer Astronomen forschen in Chile und Mexiko

Ist es die pure Reiselust, die die Potsdamer Astronomen in exotische Länder treibt, um dort Sterne und Galaxien zu beobachten? Mitnichten! Jeder, der des Nachts schon ein­mal den Blick zum Sternenhimmel erhoben hat, wird von der schimmernden Sternen- pracht, wie sie in Büchern und Liedern gepriesen wird, kaum etwas gespürt haben. Der Grund ist simpel: Alle Welt redet von Umweltverschmutzung, die Astronomen beklagen sich über die Lichtverschmutzung, verursacht durch die nächtliche Beleuch­tung der Städte und Dörfer. Da von letzterer de facto ganz Europa flächendeckend betroffen ist, sind die europäischen Astronomen zum Beobachten in Regionen ausge­wichen, in denen der Nachthimmel noch dunkel ist.

Ein solches Astronomenparadies mit traum­haft dunklem Nachthimmel ist La SUla in Chile. Dort, gelegen in der Atacama-Wüste, haben die Astronomen aller europäischen Länder in einer gemeinsamen Kraftanstren­gung ein Großobservatorium, bestehend aus einer Vielzahl von Teleskopen unter­schiedlicher Größe, gebaut. Diese Beob­achtungsstation trägt die BezeichnungEu­ropäisches Südobservatorium. Es hat, da es bei 30° südlicher Breite liegt, den zusätz­lichen Reiz, daß von hier aus alle Himmels­objekte des südlichen Sternhimmels, wie beispielsweise die Magellanschen Wolken, zu beobachten sind, die ansonsten von der Nordhalbkugel unserer Erde aus niemals gesehen werden können. Die Chance, sol­che südlichen Himmelsobjekte zu beob­achten, haben die Astronomen des WIP- ProjektsKompakte Galaxiengruppen 11 von der Universität Potsdam im Herbst 1995 genutzt.

Projekt als Potsdamer Zauberschlüssel

Was auf La Silla von Vorteil ist, wenn es um südliche Himmelsobjekte geht, ist natürlich ein Handicap für die Beobachtung des nördlichen Sternenhimmels. Denn dieser ist von dort aus wiederum nicht zu sehen. Hat man nördliche Objekte auf dem Beob­achtungsprogramm, muß man sich als Astronom nach Teleskopen auf der Nord­halbkugel unserer Erde umschauen, die in noch nicht lichtverschmutzten Regionen stehen und zudem noch eine hinreichende Anzahl von klaren Nächten aufweisen. Das ObservatoriumGuillermo Haro" auf dem 2480 m hohen Berg Sierra de la Manquita, im Norden Mexikos in der Provinz Sonora gelegen, erfüllt diese Randbedingungen und hat zudem ein leistungsfähiges 2,1m- Iteleskop. Normalerweise ist dieses Tele­skop für die internationale Astronomenge­meinschaft nicht frei zugänglich, es ist eine Beobachtungsaußenstelle des Instituto Na- cional de Astrofisica, Optica y Electromca in Tonantzmtla und allem für deren For­schungsaufgaben reserviert. Der Zauber­schlüssel, welcher der Potsdamer WIP-For- schungsgruppe den Zugang ermöglichte, war ein gemeinsames Projekt zwischen dem dortigen Institut und dem WIP-Projekt

Kompakte Galaxiengruppen" zur Untersu­chung von Shakhbazian-Galaxiengruppen.

Der Galaxienkannibalismus

Da von diesen Sternsystemen, die die For­schungsgruppe untersucht, nichts als de­ren Existenz bekannt ist, mußten diese Galaxiengruppen einmal durch Direktauf­nahmen, vergleichbar einer Fotografie, er­faßt und zum anderen Spektroskopien wer­den. Die Direktaufnahmen zeigen die Gala­xien mit all ihren Strukturen. Besonders in­teressant sind die der äußeren Gebiete der einzelnen Galaxien, sieht man hier doch Spuren der gravitativen Wechselwirkung zwischen diesen Sternsystemen. Die gro­ßen Galaxiensaugen" zunächst die Außen­gebiete der kleinen Galaxien ab, so daß Materiebrücken entstehen, zu guter Letzt fressen" die großen Sternsysteme die klei­nen vollständig, man spricht von Galaxien- kannibalismus.

Mittels der Galaxienspektroskopie kann man die Entfernung der Galaxiengruppen bestimmen. Es zeigt sich nämlich, daß die Spektrallinien dieser Galaxien ms Rote ver­schoben sind. Dies wird gemeinhin als Dopplereffekt interpretiert, was bedeutet,

Idealer Forschungsplatz auch für Potsdamer Astronomen: das ObservatoriumGuillermo Haro"in Cananea/Mexiko. Foto: zg.

daß sich die Galaxiengruppe von uns weg­bewegt. Das findet seine natürliche Erklä­rung im Phänomen des expandierenden Universums. Danach bewegt sich ein Ob­jekt umso schneller von uns weg, je weiter es entfernt ist. Durch diese Gesetzmäßig­keit kann die Rotverschiebung der Galaxi­en als Entfernungsmaß benutzt werden. Eine Feinuntersuchung zeigt, daß nicht alle Galaxien einer Gruppe die gleiche Radial- geschwindigkeit haben, ihre Geschwindig­keitsdispersion beträgt im Schnitt wenige Hundert Kilometer pro Sekunde. Das be­deutet, daß sie sich im gemeinsamen Gra­vitationsfeld umeinander bewegen. Die dar­aus zu gewinnenden Einblicke sind vielfäl­tig: Wie hoch ist der Anteil dunkler, das heißt verborgener Materie? Wie effektiv verläuft der Galaxienkannibalismus? Dar­über hinaus geben die Spektren unter an­derem Auskunft, ob es in diesen Sternsyste­men junge Sterne gibt oder nur solche der ersten Generation, wie hoch deren Metalli- zität, das heißt der Gehalt an Elementen schwerer als Helium ist, gewährt dies doch Einblicke in die Aktivitäten der Frühzeit un­seres Universums.

All diese Informationen stecken in den Di­rektaufnahmen und den Spektren, es be­darf aber ausgeklügelter Ttechniken, um zu diesen Aussagen zu gelangen. Dazu müs­sen die Astronomen neben den Tbleskopen ihr zweites Standbein ms Spiel bringen: Moderne Computer und die entsprechen­de Software. Dieser Tbil der Astronomie fin­det dann wieder zu Hause, in Potsdam am Computer, statt. Heinz Tiersch

Neue Vorsitzende des Wissenschaftsrates

Der Wissenschaftsrat hat die Ilmenauer Ingenieurwissenschaftlerin Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski zur neuen Vorsit­zenden gewählt. Damit steht zum ersten Mal in seiner knapp 40jährigen Geschich­te eine Frau an der Spitze dieses wissen­schaftspolitischen Beratungsgremiums. Prof. Schipanski folgt dem Münchner Ma­thematiker Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Hoffmann nach, der das Amt zwei Jahre lang innehatte. Sie wurde 1992 vom Bun­despräsidenten in den Wissenschaftsrat berufen und 1995 vom Bundeskanzler zum Mitglied des Rates für Forschung, Ttechno- logie und Innovation ernannt. Die neue Vor­sitzende studierte in den 60er Jahren Ange­wandte Physik an der Tschnischen Univer­sität in Magdeburg. Anschließend wechsel­te sie an die heutige[technische Universi­tät Ilmenau, wo sie 1976 auf dem Gebiet der Festkörperelektronik promovierte und 1985 habilitierte. Seit 1990 hat sie eine Professur für Festkörperelektronik inne. Seit 1995 ist Professor Schipanski Rektorin der[techni­schen Universität Ilmenau. wr.

PUTZ 2/96

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