PARADIESISCHER STERNENHIMMEL
Potsdamer Astronomen forschen in Chile und Mexiko
Ist es die pure Reiselust, die die Potsdamer Astronomen in exotische Länder treibt, um dort Sterne und Galaxien zu beobachten? Mitnichten! Jeder, der des Nachts schon einmal den Blick zum Sternenhimmel erhoben hat, wird von der schimmernden Sternen- pracht, wie sie in Büchern und Liedern gepriesen wird, kaum etwas gespürt haben. Der Grund ist simpel: Alle Welt redet von Umweltverschmutzung, die Astronomen beklagen sich über die Lichtverschmutzung, verursacht durch die nächtliche Beleuchtung der Städte und Dörfer. Da von letzterer de facto ganz Europa flächendeckend betroffen ist, sind die europäischen Astronomen zum Beobachten in Regionen ausgewichen, in denen der Nachthimmel noch dunkel ist.
Ein solches Astronomenparadies mit traumhaft dunklem Nachthimmel ist La SUla in Chile. Dort, gelegen in der Atacama-Wüste, haben die Astronomen aller europäischen Länder in einer gemeinsamen Kraftanstrengung ein Großobservatorium, bestehend aus einer Vielzahl von Teleskopen unterschiedlicher Größe, gebaut. Diese Beobachtungsstation trägt die Bezeichnung „Europäisches Südobservatorium“. Es hat, da es bei 30° südlicher Breite liegt, den zusätzlichen Reiz, daß von hier aus alle Himmelsobjekte des südlichen Sternhimmels, wie beispielsweise die Magellanschen Wolken, zu beobachten sind, die ansonsten von der Nordhalbkugel unserer Erde aus niemals gesehen werden können. Die Chance, solche südlichen Himmelsobjekte zu beobachten, haben die Astronomen des WIP- Projekts „Kompakte Galaxiengruppen 11 von der Universität Potsdam im Herbst 1995 genutzt.
Projekt als Potsdamer Zauberschlüssel
Was auf La Silla von Vorteil ist, wenn es um südliche Himmelsobjekte geht, ist natürlich ein Handicap für die Beobachtung des nördlichen Sternenhimmels. Denn dieser ist von dort aus wiederum nicht zu sehen. Hat man nördliche Objekte auf dem Beobachtungsprogramm, muß man sich als Astronom nach Teleskopen auf der Nordhalbkugel unserer Erde umschauen, die in noch nicht lichtverschmutzten Regionen stehen und zudem noch eine hinreichende Anzahl von klaren Nächten aufweisen. Das Observatorium „Guillermo Haro" auf dem 2480 m hohen Berg Sierra de la Manquita, im Norden Mexikos in der Provinz Sonora gelegen, erfüllt diese Randbedingungen und hat zudem ein leistungsfähiges 2,1m- “Iteleskop. Normalerweise ist dieses Teleskop für die internationale Astronomengemeinschaft nicht frei zugänglich, es ist eine Beobachtungsaußenstelle des Instituto Na- cional de Astrofisica, Optica y Electromca in Tonantzmtla und allem für deren Forschungsaufgaben reserviert. Der Zauberschlüssel, welcher der Potsdamer WIP-For- schungsgruppe den Zugang ermöglichte, war ein gemeinsames Projekt zwischen dem dortigen Institut und dem WIP-Projekt
„Kompakte Galaxiengruppen" zur Untersuchung von Shakhbazian-Galaxiengruppen.
Der Galaxienkannibalismus
Da von diesen Sternsystemen, die die Forschungsgruppe untersucht, nichts als deren Existenz bekannt ist, mußten diese Galaxiengruppen einmal durch Direktaufnahmen, vergleichbar einer Fotografie, erfaßt und zum anderen Spektroskopien werden. Die Direktaufnahmen zeigen die Galaxien mit all ihren Strukturen. Besonders interessant sind die der äußeren Gebiete der einzelnen Galaxien, sieht man hier doch Spuren der gravitativen Wechselwirkung zwischen diesen Sternsystemen. Die großen Galaxien „saugen" zunächst die Außengebiete der kleinen Galaxien ab, so daß Materiebrücken entstehen, zu guter Letzt „fressen" die großen Sternsysteme die kleinen vollständig, man spricht von Galaxien- kannibalismus.
Mittels der Galaxienspektroskopie kann man die Entfernung der Galaxiengruppen bestimmen. Es zeigt sich nämlich, daß die Spektrallinien dieser Galaxien ms Rote verschoben sind. Dies wird gemeinhin als Dopplereffekt interpretiert, was bedeutet,
Idealer Forschungsplatz auch für Potsdamer Astronomen: das Observatorium „Guillermo Haro"in Cananea/Mexiko. Foto: zg.
daß sich die Galaxiengruppe von uns wegbewegt. Das findet seine natürliche Erklärung im Phänomen des expandierenden Universums. Danach bewegt sich ein Objekt umso schneller von uns weg, je weiter es entfernt ist. Durch diese Gesetzmäßigkeit kann die Rotverschiebung der Galaxien als Entfernungsmaß benutzt werden. Eine Feinuntersuchung zeigt, daß nicht alle Galaxien einer Gruppe die gleiche Radial- geschwindigkeit haben, ihre Geschwindigkeitsdispersion beträgt im Schnitt wenige Hundert Kilometer pro Sekunde. Das bedeutet, daß sie sich im gemeinsamen Gravitationsfeld umeinander bewegen. Die daraus zu gewinnenden Einblicke sind vielfältig: Wie hoch ist der Anteil dunkler, das heißt verborgener Materie? Wie effektiv verläuft der Galaxienkannibalismus? Darüber hinaus geben die Spektren unter anderem Auskunft, ob es in diesen Sternsystemen junge Sterne gibt oder nur solche der ersten Generation, wie hoch deren Metalli- zität, das heißt der Gehalt an Elementen schwerer als Helium ist, gewährt dies doch Einblicke in die Aktivitäten der Frühzeit unseres Universums.
All diese Informationen stecken in den Direktaufnahmen und den Spektren, es bedarf aber ausgeklügelter Ttechniken, um zu diesen Aussagen zu gelangen. Dazu müssen die Astronomen neben den Tbleskopen ihr zweites Standbein ms Spiel bringen: Moderne Computer und die entsprechende Software. Dieser Tbil der Astronomie findet dann wieder zu Hause, in Potsdam am Computer, statt. Heinz Tiersch
Neue Vorsitzende des Wissenschaftsrates
Der Wissenschaftsrat hat die Ilmenauer Ingenieurwissenschaftlerin Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski zur neuen Vorsitzenden gewählt. Damit steht zum ersten Mal in seiner knapp 40jährigen Geschichte eine Frau an der Spitze dieses wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums. Prof. Schipanski folgt dem Münchner Mathematiker Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Hoffmann nach, der das Amt zwei Jahre lang innehatte. Sie wurde 1992 vom Bundespräsidenten in den Wissenschaftsrat berufen und 1995 vom Bundeskanzler zum Mitglied des Rates für Forschung, Ttechno- logie und Innovation ernannt. Die neue Vorsitzende studierte in den 60er Jahren Angewandte Physik an der Tschnischen Universität in Magdeburg. Anschließend wechselte sie an die heutige “[technische Universität Ilmenau, wo sie 1976 auf dem Gebiet der Festkörperelektronik promovierte und 1985 habilitierte. Seit 1990 hat sie eine Professur für Festkörperelektronik inne. Seit 1995 ist Professor Schipanski Rektorin der “[technischen Universität Ilmenau. wr.
PUTZ 2/96
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