INS INNRE WALTEN DER NATUR
Innovationskolleg erforscht Wirkungsmechanismen von Fremdstoffen in der Nahrung auf den Menschen
„Hier thront der Mann auf einem Sitze Und ißt zum Beispiel Hafergrütze.
Der Löffel führt sie in den Mund,
Sie rinnt und rieselt durch den Schlund, Sie wird, indem sie weiter läuft,
Sichtbar im Bäuchlein angehäuft.- So blickt man klar, wie selten nur,
Ins innre Walten der Natur.
Ganz so einach wie es 1884 Wilhelm Busch in seiner Bildergeschichte „Maler Klecksel“ darstellt, sind die Vorgänge bei der Nahrungsaufnahme nicht. „Der Schlund" leitet die Hafergrütze zunächst in den Magen. Hier wird sie stark angesäuert, und die Eiweiße werden durch zwei Enzyme partiell gespalten. Die nächste Station ist der Dünndarm, wo fett-, protein- und kohlenhydratspaltende Enzyme die Nährstoffe weiter zerlegen, und diese Bestandteile sowie Vitamine und Mineralstoffe.aus dem Darm via Darmwand in die Blutbahn gelangen können. Mit dem Blut werden sie zur Leber transportiert und dort entsprechend den Bedürfnissen des Körpers umgebaut. Die Bestandteile der Hafergrütze, die die Darmwand nicht passieren können - beispielsweise Baiaststoffe - kommen in den Dickdarm, wo sie teilweise doch noch verdaut und resorbiert werden. Die Reste wandern wieder nach draußen.
Gänzlich außer acht gelassen wurden bei dieser Skizzierung diejenigen Nahrungsbestandteile, die vom Körper nicht verwertet werden. Sie werden als nicht-nutritive Inhaltsstoffe bezeichnet. Ihr Schicksal im Magen-Darmtrakt sowie die Rolle, die sie für den Organismus spielen, sind weitest-
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Mit der Nahrung werden auch Fremdstoffe aufgenommen. Welche Prozesse laufen dabei ab? Diese Frage beschäftigt unter anderem Wissen- schaftler des Innovationskollegs. Foto: Fritze
Zeichnung: Kuno Klecksel N.
gehend unbekannt. Um auch hier einmal klar ins innre Walten der Natur zu sehen, gibt es seit November 1995 ein Innovationskolleg am Institut für Ernährungswissenschaft der Universität Potsdam. Das Forschungsprogramm wird gemeinsam von der Universität und dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) durchgeführt und für zunächst drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit rund 2,75 Millionen DM finanziert. Die Mittel stehen für die Bezahlung von Geräten, die Einrichtung von Promotionsstellen, Einladung von Gastwissenschaftlern und die Besetzung einer C4-Professur - geplant ist die Professur für Ernährungstoxikologie - zur Verfügung. Titel des Innovationskollegs: „Mechanismen der gastrointestinalen Bio- aktivierung und -inaktivierung 11 .
Pflanzen bestehen zu etwa 10 Prozent aus nicht-nutritiven Stoffen. Dies sind zum Beispiel natürliche Insektizide oder Photosynthesekomponenten. Aber auch FYemdstoffe, die der Mensch verursacht, wie Pestizidrückstände, gehören dazu. Werden diese Fhemdstoffe mit der Nahrung aufgenommen, so müssen sie auch wieder über die Nieren oder den Darm ausgeschieden werden. Bis das aber so weit ist, haben sie Zeit, auf den Organismus einzuwirken. Denn viele der Fremdstoffe gehen nicht einfach „durch den Körper durch“, sondern wirken auf die Nährstoffe, Verdauungssekrete, die Darmflora oder auf die Rezeptoren der Darmwandzellen. Umgekehrt werden sie teilweise auch durch die Enzyme des Menschen und die seiner Darmbakterien umgewandelt. Dies geschieht meist, um die Fremdstoffe in besser wasserlösliche Produkte überzuführen, damit sie leichter ausgeschieden werden können. Dabei kann es aber auch zu „Betriebsunfällen" kommen: die Umwandlungsprodukte wirken stärker
auf den Organismus ein, als die Ausgangsstoffe - und das nicht immer in günstiger Weise. Insbesondere können sich Produkte bilden, die mutagen, kanzerogen oder allergen wirken. In dem Innovationskolleg sollen nun zum einen die Umwandlungsmechanismen und zum anderen die Wirkungsweisen der Fremdstoffe oder der aus ihnen gebildeten Verbindungen untersucht werden. Beispielsweise interessiert, welche Rolle die Darmflora bei der Umwandlung von Fremdstoffen spielt. Im Dickdarm gibt es rund 10‘ 4 Darmbakterien, die zu etwa 400 Bakterienarten gehören. Diese Bakterien stellen teilweise Enzyme her, die an der Umwandlung von Fremdstoffen beteiligt sind. Allerdings weiß man nicht, welche Fremdstoffe tatsächlich erst im Dickdarm umgewandelt werden und welche Bakterienarten daran beteiligt sind, Dazu werden ausgesuchte Fremdstoffe auf Nährböden mit Darmbakterien versetzt, und man beobachtet, ob eine Umwandlung stattfindet. Ist das der Fall, so werden zum einen die Aüsgangsprodukte bezüglich einer toxischen oder protektiven Wirkung auf den Organismus untersucht. Zum anderen wird die hauptsächlich an der Umwandlung beteiligte Bakterienart identifiziert.
In einem letzten Schritt wird überprüft, ob die beobachtete Reaktion auch in Ratten stattfindet. Dazu verwendet man zwei „Arten" von Ratten, die sich bezüglich ihrer Darmflora unterscheiden: Die einen sind mit menschlichen Darmbakterien besiedelt, so daß man die Ergebnisse besser auf den Menschen übertragen kann. Die anderen sind unter strikt keimfreien Bedingungen so gezüchtet, daß sie überhaupt keine Darmbakterien besitzen. Verfüttert man die Tfestsubstanzen sowohl an die einen als auch an die anderen Ratten und analysiert die unterschiedlichen Umwandlungsprodukte, die nach der Fässage des Verdauungstraktes vorliegen, so kann man auf die von den Darmbakterien verursachten Umwandlungen schließen.
In einem anderen TMprojekt geht es gezielt um Fremdstoffe, die in Kohlgemüsen Vorkommen, die sogenannten Glukosinulate. Von ihnen weiß man, daß sie mit Jod beim Einbau in die Schilddrüse konkurrieren. Bei Jodmangel (aber nur dann) kann es zur Kropfbildung kommen. Es ist aber auch bekannt, daß einige der Zerfallsprodukte, die beim Kochen entstehen, mit Eiklar reagieren. Dabei entstehen unter anderem Verbindungen, die als Fungizide eingesetzt werden. Hier möchte man herausbekommen, wie diese Verbindungen im Magen-Darm- Trakt wrken, wie sie abgebaut werden und
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PUTZ 2/96