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(1.1.2019) 02
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auch, ob die Abbauprodukte selbst toxisch oder protektiv sind. Ferner soll geprüft wer­den, ob die Spaltprodukte des Glukosinu- lates eventuell erst im Magen-Darm-Trakt mit Proteinen, beispielsweise Enzymen, reagieren können.

Die hier aufgeführten Punkte stellen nur ei­nen kleinenfeil des Forschungsprogramms dar. Insgesamt gibt es neun Teilprojekte, die untereinander stark vernetzt sind und in denen Wissenschaftler mit unterschiedli­chem fachlichen Hintergrund (Ernäh­rungsmedizin, Toxikologie, Immunologie, molekulare Genetik, Biochemie der Er­nährung, Mikrobiologie, Naturstoffchemie, Lebensmittelchemie) arbeiten. So bietet das Innovationskolleg auch für Diploman­den und Doktoranden der Studiengänge Ernährungswissenschaften, Biochemie, Biologie und Chemie die Möglichkeit, sich in einem recht neuen Bereich mit breitem Umfeld und sehr guter Ausstattung zu qua­lifizieren. ade

Das Institut arbeitet seit seiner Gründung im Mai vorigen Jahres an der genetischen Veränderung von Kartoffeln, Täbak, Toma­ten, Raps und Zuckerrüben. Der Institutsdi­rektor Prof. Dr. Lothar Willmitzer, der vom Institut für Genbiologische Forschung in Berlin-Dahlem kam, arbeitete auch dort schon an diesem Projekt. Er leitete bereits einen der in der Bundesrepublik bisher recht seltenen Freisetzungsversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen.

Energieeinsparung durch Gentechnik

Die Versuche dienen dem Zweck, das Ver­halten von gentechnisch veränderten Pflan­zen im Freiland zu untersuchen. Die vorge­nommenen genetischen Veränderungen (Entfernung, Hinzufügen und Austausch von Genen) sollten Einfluß auf die Art und Weise nehmen, wie Kartoffeln Stärke produ­zieren. Zum einen möchte man auf diese Weise den Stärkebildungsprozeß in der Pflanze besser verstehen. Zum anderen sollen aber Pflanzen geschaffen werden, die eine bestimmte Stärke produzieren: Natürlicherweise produzieren Kartoffeln

Innovationskollegs

Innovationskollegs sind Förderprogram­me für die Hochschulen der neuen Bun­desländer. Sie wurden seit 1994 einge­richtet und die Vergabe 1995 abge­schlossen. Ihre Finanzierung erfolgt für zunächst acht Jahre aus Sondermitteln des Ministeriums für Bildung, Wissen­schaft, Forschung und Tbchnologie, Die Begutachtung und Vergabe der Kollegs erfolgte durch die Deutsche For­schungsgemeinschaft (DFG). Insge­samt gibt es 21 Forschungskollegs an zwölf Universitäten. Drei davon fielen an die Universität Potsdam: Neben dem hier vorgestellten erhielt sie die Kollegs Biomolekulare Erkennungssysteme für die biochemische Analytik undForma­le Modelle kognitiver Komplexität". Zu­sammen mit der Universität Jena nimmt Potsdam eine Spitzenposition bei der Besetzung von Innovationskollegs ein.

Stärke in zwei verschiedenen Formen. Um sie aber zum Beispiel als Dickungsmittel bei der Lebensmittelherstellung oder in der Papierindustrie nutzen zu können, müssen beide Stärkeformen getrennt werden. Dies

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geschieht unter hohem Energieaufwand durch Kochen. Außerdem sind verschiede­ne chemische Bearbeitungen nötig. Man versucht nun also, die Gene so zu verän­dern, daß die Kartoffelpflanze selbst die Stärke soproduziert, daß sie leichter zu verarbeiten ist. Nun benötigt man größere Mengen Kartoffeln, um herauszufinden, ob die gentechnisch veränderten Kartoffeln auch Stärke produzieren, die man wirklich gebrauchen kann, und das auch noch un­ter natürlichen Bedingungen im Freiland. Deshalb also Freisetzungsversuche.

Bürgerbeteiligung ohne Bürger?

Will man eine solche Freisetzung durchfüh­ren, so müssen verschiedenste Behörden dazu Stellung nehmen. Außerdem gibt es ein Bürgerbeteiligungsverfahren. Im Bau­dezernat der Universität konnte sich jeder einen hundertsechzigseitigen Antrag an­schauen, in dem das Projekt beschrieben ist. Das Problem: Der Antrag ist nicht ein­mal für jemanden zu verstehen, der seine Zwischenprüfung in Biologie absolviert hat. Institutsdirektor Willmitzer auf die Frage, ob sich die Fachleute auf diese Art kritische Bürger vom Leibe halten wollen: Wir wol­len nichts verschleiern, ganz im Gegenteil. Wir bieten immer an, mit Bürgern, die sich betroffen oder verunsichert fühlen, ein offe­nes Gespräch in kleiner oder großer Runde zu führen. Das Problem der Wissenschafts­sprache ist ein grundsätzliches, klassi­sches Problem der Spezialisierung. Eine Kurzfassung des Antrages soll für den Bür­ger wesentliche Charakteristika des Pro­jekts zusammenfassen. Leider ist auch die­se Kurzfassung zu großen Teilen unver­ständlich. Außerdem ist sie nur ein Auszug aus dem 160-Seiten-Fäpierund keine allge­meinverständliche Zusammenfassung. So bleibt der Eindruck, die Experten wollen eigentlich unter sich bleiben.

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Gentechnisch veränderte Kartoffeln, die nur eine bestimmte Sorte Stärke produzieren, möchten Mitarbeiter des Max-Planck-fnstitutes für molekulare Pflanzenphysiologie m Golm produzieren.

Foto: Meyerhöfer

GENKARTOFFELN IN GOLM

Erste Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen in Brandenburg

Gentechnik ist für die meisten von uns etwas sehr fremdes, weit entferntes, Unheim­liches. Ab sofort haben Golmer und Potsdamer gentechnisch veränderte Pflanzen di­rekt vor ihrer Haustür, sie können sie beim Spazierengehen bewundern. Das auf dem Universitätsgelände in Golm ansässige Max-Planck-Institut für molokulare Pflanzen­physiologie hat einen Antrag gestellt, gentechnisch veränderte Kartoffeln im freiland anbauen zu dürfen. Der Anbau soll in Golm erfolgen. Das Feld liegt in der Nähe des künftigen Geländes der außeruniversitären Institute, die nächsten Gärten sind etwa hundert Meter entfernt. Der Versuch soll in diesem frühjahr beginnen und bis zum Jahr 2000 dauern. Insgesamt sollen 40.000 Pflanzen ausgebracht werden.

PUTZ 2/96

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