DIE FUSION ALS CHANCE FÜR DIE HOCHSCHULEN?
Minister Steffen Reiche zur geplanten Vereinigung von Berlin und Brandenburg
Am 5. Mai dieses Jahres wird die Bevölkerung von Berlin und Brandenburg aufgerufen sein, über die Bildung eines gemeinsamen Bundeslandes zu entscheiden. Wie würde sich eine solche Länderfusion auf die Wissenschaftslandschaft Brandenburgs auswirken? Dazu der bran- denburgische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Steffen Reiche, in einem PUTZ-Interview mit Myriam Honig:
PUTZ: Herr Minister Reiche, wie skizzieren Sie den erreichten Ausbaustand der bran- denburgischen Wissenschaftslandschaft?
Reiche: Es ist ein gutes Fündament gelegt. Man sieht den Rohbau schon. Und wenn man soviel angefangen hat, dann muß man zügig den Ausbau fortsetzen, und das heißt, das muß jetzt gemacht werden, sowohl in Potsdam als auch an den anderen acht Standorten im ganzen Land. PUTZ: Was steht als nächstes an?
Reiche: Vorrangig ist, daß wir die Bausituation an den Hochschulen verbessern. Denn wir können schon jetzt absehen, daß an manchen Stellen das Verhältnis von Studenten pro vorgehaltenem Raum zu schlecht ist. Da haben wir eine Auffüllsituation, insbesondere bei der Uni Potsdam, bei der Hochschule für Film und Fernsehen, aber auch bei der BTU in Cottbus. Ferner müssen weitere Studentenwohnheimplätze geschaffen werden, und es muß die Laborkapazität, z.B. in Cottbus, spürbar verbessert werden.
PUTZ: Wo liegen die Stärken der branden- burgischen Wissenschaftslandschaft und wo ihre Schwächen?
Reiche: Eine Stärke ist unser Hochschulgesetz, das den Hochschulen einen großen Rahmen und Spielraum läßt; viel stärker als das entsprechende Berliner Gesetz. Dann ist unsere Aufbausituation natürlich ein Vorteil, denn wir haben eine ganze Reihe von Profilierungsmöglichkeiten. Als Beispiele nenne ich das Potsdamer Lehrermodell, die Sprachwissenschaften, die geisteswissenschaftlichen Zentren in Kooperation mit der Universität, die Ernährungswissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Ernährungsforschung und den Berliner Astrophysikstandort Potsdam. PUTZ: Wie würden Sie die Berliner Wissenschaftslandschaft skizzieren?
Reiche: Berlin hat auch in Zukunft, genau
wie heute, eine Servicefunktion für die gesamte Republik, was die Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs betrifft. Und insofern, denke ich, wird Berlin auch in Zukunft überproportional viele Studenten, viele Studienplätze und viele wissenschaftliche Forschungseinrichtungen haben. Das ist gut so. Aber auch hier geht es darum, das Angebot stärker zu profilieren. Und das wird nicht in allen Bereichen möglich sein. Einschränkend dabei ist zu bedenken, daß auf unserer Republik eine Schuldenlast aller öffentlichen Haushalte von 2 Billionen Mark hegt. Das schränkt natürlich Spielräume ein, d.h. hier muß man Kreativität nutzen. Darm liegt auch meine Hoffnung für die gemeinsame Hochschul- Strukturplanungskommission, die ich vornehmlich mit Leuten von auswärts besetzen will, die nicht nur für die hiesigen Standorte denken, sondern darauf achten, was Deutschland von der Region Berlin-Brandenburg in Zukunft erwarten darf. Die Mitglieder dieser Kommission sollen unsere Hochschullandschaft so strukturieren, daß sie die Region fit machen für den internationalen Vergleich, Doppelungen herausnehmen und dadurch finanzierbare Spitzenleistungen ermöglichen. Dafür müssen die Hochschulen beweglicher sein.
PUTZ: Was könnte eine Länderfusion bewirken im Hinblick auf die Abstimmung der beiden Wissenschaftslandschaften? Reiche: Eine Abstimmung der beiden Wissenschaftslandschaften geht nur in einem gemeinsamen Land. Bisher denken wir in einer totalen Konkurrenzsituation, und zwar Land gegen Land. Nur mit einem gemeinsamen Minister und einer gemeinsamen parlamentarischen Verantwortung kann es gelingen, die Optionen, die es gibt, von einer gemeinsamen Kommission auch umsetzen zu lassen. Wenn man z.B. eine Professur von der Humboldt-Universität, die man dort nicht mehr braucht, nämlich Israel-Wissenschaften, hier nach Potsdam zur Stärkung der Jüdischen Studien gibt, ist das für mich ein Zeichen dafür, wie man sinnvoll konzentriert und dadurch nötige Freiräume schafft. Das heißt natürlich auch, daß in Potsdam möglicherweise ein anderer Bereich nicht so stark weiter ausgebaut wird oder gar nicht erst angefangen wird.
PUTZ: Denken Sie an etwas Konkretes? Reiche: Also, ich denke, da sollte sich ein Minister am allerlängsten zurückhalten bzw. hier erst einmal die Kommissionen Vorarbeiten lassen. Aber es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, wo man im Sinne von Traditionen, also alten Aufgabenteilungen, konzentrieren könnte; die Potsdamer Astrophysik zum Beispiel, oder die Ausbildung
von Leuten für den Medienbereich an der Hochschule für Film und Fernsehen. PUTZ: Sie haben einmal festgestellt, daß es noch Disproportionen bei der personellen Ausstattung und der baulichen Entwicklung der Hochschulen zwischen beiden Ländern gebe. Was bedeutet das konkret?
Reiche: Nun, zum einen hat Berlin sein Personal voll an Bord. Da wird man eher Stellen streichen müssen in Zukunft. Berlin muß nur an einigen wenigen Stellen neu bauen bzw. rekonstruieren, aber in Brandenburg wird es an mehreren Stellen zu erheblichen Bautätigkeiten kommen müssen, und zwar in Cottbus, Potsdam, Frankfurt, aber auch an den Fachhochschulstandorten. Was das Personelle betrifft, werden wir in den nächsten Jahren noch zwischen 400 und 500 neue Stellen brauchen, weil wir ja in der Aufbausituation sind. Das muß in sinnvollen, verabredeten Schritten erfolgen. PUTZ: Zum Schluß eine Frage „in eigener Sache“: Wo sehen Sie die Universität Potsdam in diesem Füsionsprozeß? Wie würden Sie ihre Rolle, ihre Stellung definieren? Reiche: Die Um Potsdam ist eine von den vier Universitäten des (hoffentlich bald gemeinsamen)
Landes und hat eine für die Region besondere Fünkti- on, weil sie Uni der Landeshauptstadt ist. Und was sie von allen anderen Universitäten Deutschlands unterscheidet ist, daß der Rektor mitten im UNESCO-Weltkulturerbe sitzt und insofern hat, glaube ich, Potsdam mit seiner Universität im Grünen, mit den drei sehr attraktiven Campus-Situationen auch in Zukunft eine besondere Attraktivität. Denn hier hat man beides - das Leben in einer überschaubaren Kommune und die Großstadt dicht daneben. Wenn ich nicht in Potsdam geboren wäre, würde ich mir gut vorstellen können, hier zu studieren. Was die Profile betnfft, so kann man hier bestimmte Lehramtsstudiengänge besonders gut studieren, in bezug auf Astronomie, Astrophysik, Geowissenschaften, Ernährungswissenschaften oder Sprachwissenschaften wird man schwer einen Ort finden, an dem man das besser studieren kann in Deutschland als hier. Der Grund dafür liegt in der Synergie von Wissenschaft und Forschung, von Lehre und Forschung, von profilierten Forschungseinrichtungen und entsprechenden Studiengängen an der Universität Potsdam. PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.
PUTZ 2/96
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