Heft 
(1.1.2019) 02
Einzelbild herunterladen

DIE FUSION ALS CHANCE FÜR DIE HOCHSCHULEN?

Minister Steffen Reiche zur geplanten Vereinigung von Berlin und Brandenburg

Am 5. Mai dieses Jahres wird die Bevöl­kerung von Berlin und Brandenburg auf­gerufen sein, über die Bildung eines ge­meinsamen Bundeslandes zu entschei­den. Wie würde sich eine solche Länder­fusion auf die Wissenschaftslandschaft Brandenburgs auswirken? Dazu der bran- denburgische Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Steffen Reiche, in einem PUTZ-Interview mit Myriam Honig:

PUTZ: Herr Minister Reiche, wie skizzieren Sie den erreichten Ausbaustand der bran- denburgischen Wissenschaftslandschaft?

Reiche: Es ist ein gutes Fündament gelegt. Man sieht den Rohbau schon. Und wenn man soviel ange­fangen hat, dann muß man zügig den Ausbau fort­setzen, und das heißt, das muß jetzt gemacht wer­den, sowohl in Potsdam als auch an den an­deren acht Standorten im ganzen Land. PUTZ: Was steht als nächstes an?

Reiche: Vorrangig ist, daß wir die Bausitu­ation an den Hochschulen verbessern. Denn wir können schon jetzt absehen, daß an manchen Stellen das Verhältnis von Stu­denten pro vorgehaltenem Raum zu schlecht ist. Da haben wir eine Auffüll­situation, insbesondere bei der Uni Pots­dam, bei der Hochschule für Film und Fern­sehen, aber auch bei der BTU in Cottbus. Ferner müssen weitere Studentenwohn­heimplätze geschaffen werden, und es muß die Laborkapazität, z.B. in Cottbus, spürbar verbessert werden.

PUTZ: Wo liegen die Stärken der branden- burgischen Wissenschaftslandschaft und wo ihre Schwächen?

Reiche: Eine Stärke ist unser Hochschulge­setz, das den Hochschulen einen großen Rahmen und Spielraum läßt; viel stärker als das entsprechende Berliner Gesetz. Dann ist unsere Aufbausituation natürlich ein Vor­teil, denn wir haben eine ganze Reihe von Profilierungsmöglichkeiten. Als Beispiele nenne ich das Potsdamer Lehrermodell, die Sprachwissenschaften, die geisteswissen­schaftlichen Zentren in Kooperation mit der Universität, die Ernährungswissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Deutschen In­stitut für Ernährungsforschung und den Berliner Astrophysikstandort Potsdam. PUTZ: Wie würden Sie die Berliner Wissen­schaftslandschaft skizzieren?

Reiche: Berlin hat auch in Zukunft, genau

wie heute, eine Servicefunktion für die ge­samte Republik, was die Ausbildung von wissenschaftlichem Nachwuchs betrifft. Und insofern, denke ich, wird Berlin auch in Zukunft überproportional viele Studen­ten, viele Studienplätze und viele wissen­schaftliche Forschungseinrichtungen ha­ben. Das ist gut so. Aber auch hier geht es darum, das Angebot stärker zu profilieren. Und das wird nicht in allen Bereichen mög­lich sein. Einschränkend dabei ist zu be­denken, daß auf unserer Republik eine Schuldenlast aller öffentlichen Haushalte von 2 Billionen Mark hegt. Das schränkt natürlich Spielräume ein, d.h. hier muß man Kreativität nutzen. Darm liegt auch meine Hoffnung für die gemeinsame Hochschul- Strukturplanungskommission, die ich vor­nehmlich mit Leuten von auswärts besetzen will, die nicht nur für die hiesigen Standor­te denken, sondern darauf achten, was Deutschland von der Region Berlin-Bran­denburg in Zukunft erwarten darf. Die Mit­glieder dieser Kommission sollen unsere Hochschullandschaft so strukturieren, daß sie die Region fit machen für den internatio­nalen Vergleich, Doppelungen herausneh­men und dadurch finanzierbare Spitzenlei­stungen ermöglichen. Dafür müssen die Hochschulen beweglicher sein.

PUTZ: Was könnte eine Länderfusion be­wirken im Hinblick auf die Abstimmung der beiden Wissenschaftslandschaften? Reiche: Eine Abstimmung der beiden Wissenschaftslandschaften geht nur in ei­nem gemeinsamen Land. Bisher denken wir in einer totalen Konkurrenzsituation, und zwar Land gegen Land. Nur mit einem ge­meinsamen Minister und einer gemeinsa­men parlamentarischen Verantwortung kann es gelingen, die Optionen, die es gibt, von einer gemeinsamen Kommission auch umsetzen zu lassen. Wenn man z.B. eine Professur von der Humboldt-Universität, die man dort nicht mehr braucht, nämlich Isra­el-Wissenschaften, hier nach Potsdam zur Stärkung der Jüdischen Studien gibt, ist das für mich ein Zeichen dafür, wie man sinnvoll konzentriert und dadurch nötige Freiräume schafft. Das heißt natürlich auch, daß in Potsdam möglicherweise ein anderer Be­reich nicht so stark weiter ausgebaut wird oder gar nicht erst angefangen wird.

PUTZ: Denken Sie an etwas Konkretes? Reiche: Also, ich denke, da sollte sich ein Minister am allerlängsten zurückhalten bzw. hier erst einmal die Kommissionen Vor­arbeiten lassen. Aber es gibt eine ganze Reihe von Bereichen, wo man im Sinne von Traditionen, also alten Aufgabenteilungen, konzentrieren könnte; die Potsdamer Astro­physik zum Beispiel, oder die Ausbildung

von Leuten für den Medienbereich an der Hochschule für Film und Fernsehen. PUTZ: Sie haben einmal festgestellt, daß es noch Disproportionen bei der personellen Ausstattung und der baulichen Entwicklung der Hochschulen zwischen beiden Ländern gebe. Was bedeutet das konkret?

Reiche: Nun, zum einen hat Berlin sein Per­sonal voll an Bord. Da wird man eher Stel­len streichen müssen in Zukunft. Berlin muß nur an einigen wenigen Stellen neu bauen bzw. rekonstruieren, aber in Brandenburg wird es an mehreren Stellen zu erheblichen Bautätigkeiten kommen müssen, und zwar in Cottbus, Potsdam, Frankfurt, aber auch an den Fachhochschulstandorten. Was das Personelle betrifft, werden wir in den näch­sten Jahren noch zwischen 400 und 500 neue Stellen brauchen, weil wir ja in der Aufbausituation sind. Das muß in sinnvol­len, verabredeten Schritten erfolgen. PUTZ: Zum Schluß eine Fragein eigener Sache: Wo sehen Sie die Universität Pots­dam in diesem Füsionsprozeß? Wie würden Sie ihre Rolle, ihre Stellung definieren? Reiche: Die Um Potsdam ist eine von den vier Uni­versitäten des (hoffentlich bald gemeinsamen)

Landes und hat eine für die Region besondere Fünkti- on, weil sie Uni der Landeshauptstadt ist. Und was sie von allen anderen Universitäten Deutsch­lands unterscheidet ist, daß der Rektor mit­ten im UNESCO-Weltkulturerbe sitzt und in­sofern hat, glaube ich, Potsdam mit seiner Universität im Grünen, mit den drei sehr at­traktiven Campus-Situationen auch in Zu­kunft eine besondere Attraktivität. Denn hier hat man beides - das Leben in einer über­schaubaren Kommune und die Großstadt dicht daneben. Wenn ich nicht in Potsdam geboren wäre, würde ich mir gut vorstellen können, hier zu studieren. Was die Profile betnfft, so kann man hier bestimmte Lehr­amtsstudiengänge besonders gut studie­ren, in bezug auf Astronomie, Astrophysik, Geowissenschaften, Ernährungswissen­schaften oder Sprachwissenschaften wird man schwer einen Ort finden, an dem man das besser studieren kann in Deutschland als hier. Der Grund dafür liegt in der Syner­gie von Wissenschaft und Forschung, von Lehre und Forschung, von profilierten For­schungseinrichtungen und entsprechenden Studiengängen an der Universität Potsdam. PUTZ: Vielen Dank für das Gespräch.

PUTZ 2/96

Seite 23