„MEIN DRAMA FINDET NICHT MEHR STATT"
Uni Potsdam ehrte Heiner Müller
Das Berliner Ensemble hatte es fast sensationell vorgeführt. In einem achttägigen Lese-Marathon sprachen Berliner Schauspieler und Gäste aus Anlaß des Todes Heiner Müllers dessen Texte. Scharen von Zuschauern kamen, um stundenlang den Worten zu lauschen. Es war, als ob der Dichter unter ihnen säße.
Einen Täg vor der Beerdigung des großen Theater-Mannes fand auch an der Uni Potsdam eine Hommage an ihn statt. Als Initiatoren fungierten Mitarbeiter des Bereiches Kultur, des Institutes für Germanistik sowie Studenten des lesecafes der Hochschule. Zu Gehör brachten die Vortragenden Gedichte, Szenisches, Kommentare, Interviews, immer wieder auch Ausschnitte aus den Stücken „Zement“ und „Der Auftrag“. Den Zuschauern blieb es dabei selbst überlassen, die Zeilen zu reflektieren. „Für mich ist Müller immer einer gewesen, der sehr präzise das Unaussprechliche sagt“, meinte im nachhinein Mitinitiator Prof. Dr. Helmut John. Damit unterscheide sich der Autor von „traditioneller“ Literatur.
Ende der 50er Jahre begann Heiner Müller seinen Weg am Maxim-Gorki-Theater. Zu DDR-Zeiten geriet er bald in Konflikt mit der herrschenden Kulturpolitik. Sehr zeitig sah er dann auch die Chancen einer Utopie verlorengehen. Im Rückblick auf jenes sozialistische Experiment bezeichnete der immer Unbequeme die ostdeutsche Republik als „Geschenk für eine Generation von besiegten Kommunisten, Emigranten, Zucht-
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1992 wurde Hemer Müller neben Peter Zadek, Fritz Marquardt, Peter Palitzsch und Matthias Langhoff Mitdirektor des Berliner Ensembles. Zuletzt führte er das Theater allein.
Foto: Bergstedt
Der am 9. Januar 1929 geborene Autor und Regisseur Heiner Müller verstarb am 30. Dezember 199S kurz vor seinem 67. Geburtstag.
Eine große Menschenmenge trug ihn auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof zu Grabe. Zeichnung: ~
Herbert Sandberg
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häuslern, Kzlern, die hier einen schönen Lebensabend verbringen durften". Für sein Schaffen jedoch erhielt der Wort-Künstler Anerkennung - und das in Ost und West. Die einen verliehen ihm beispielsweise 1985 den Georg-Büchner-Preis, die anderen 1986 den Nationalpreis 1. Klasse.
Mit dem ihm eigenen Werk verfolgte Müller gleich mehrere Traditionslimen des modernen Theaters: zum einen die Anregungen Antonin Artauds (Theater der Grausamkeit) und Samuel Becketts (Absurdes Theater) aufnehmend, zum anderen das sowjetische Revolutionsdrama, die politischen Revuen Erwin Piscators, vor allem aber die Lehrstück-Theorie Bertolt Brechts fortführend. Von letzterer verabschiedete er sich 1977 in einem Brief an Rainer Steinweg „bis zum nächsten Erdbeben". Der Gang der Menschheitsgeschichte blieb lebenslang sein Thema. In den “texten beschrieb er sie als Apokalypse. Harmonien waren seine Sache me. Vielmehr sollten die Rezipienten durch „Schock“ eine heilsame Wirkung erfahren.
Der Filmemacher Alexander Kluge erwähnte es in der Trauerrede: im November 1989 arbeitete der Dramatiker wie ein Besessener an der Inszenierung des Mammutstücks „Hamlet/Hamletmaschine". Dann überfiel ihn eine Art Blockade. Er beschrieb sie in „Mommsens Block“. Seine Produktivität mündete in neuen Wegen. Die “texte wurden noch dichter, komprimierter. Gemeint waren sie, wie jene früheren, als ein Erbe des Jahrhunderts an das nächste. Lyrik gewann für ihn verstärkt an Bedeutung, meisterhafte Gespräche und Essays folgten. Regieaufgaben nahmen schließlich zu. 1994 brachte der damals 65jährige in Bayreuth den „Tristan“ auf die Bühne.
„Sein großes Verdienst ist es aber, die Brecht-Dramaturgie revolutioniert zu haben“, sagte der Literaturwissenschaftler Dr. Christian Stillmark im Anschluß an die Lesung. Ob sich Heiner Müller gern in die Reihe großer deutscher Dichter unbesehen hätte stellen lassen wollen? Seine Intention war es wohl me. EG.
LUST AN KUNST
Angehörige der Universität Potsdam vorzustellen, die künstlerisch arbeiten, teils professionell, teils „nebenberuflich“, ist das Anliegen der Reihe „Lust an Kunst“. Jene interessierten und engagierten Mitarbeiter und Studierenden sind aus eigenem Antrieb und nicht zuletzt zum eigenen Vergnügen kulturell-künstlerisch tätig. Deutlich werden sollen auch die Motive für diese Arbeit.
„...Ich wußte von ihr, daß sie den Wein bis zur Hälfte des Glases in kleinen Schlucken trank und den Rest mit einem Schwung aus dem Handgelenk, oder daß sie nachts T-Shirts trug, die die Farbe der Bettwäsche hatten, damit die Träume sie nicht finden konnten in den Laken. Und das war genug...“
Antje Strubel, von der diese Zeilen stammen, kann auf Erfolge verweisen, von denen andere nur träumen. Die 1974 Geborene veröffentlichte bereits eigene literarische Arbeiten in “fögeszeitungen, Literaturzeitschriften und sogar Anthologien. Mit 16 Jahren begann sie mit ihren ersten Schreibversuchen. „Ernster wurde es mir damit 1993.“ Seit Sommer 1994 studiert sie Germanistik, Psychologie und Sport an der Potsdamer Hochschule. Vorher absolvierte sie eine zweijährige Buchhändler-Ausbildung. Neben Prosa und kritischen Beiträgen wie Buch- und Ausstellungsrezensionen wagt sich Antje Strubel auch an größeres wie Theaterstücke, und das nicht nur für die Schublade. Denn auf dem 6. Frankfurter Autorenforum des Kinder- und Jugendtheaterzentrums Frankfurt am Main wurde „geplatzt“ aufgeführt. Ihr zweites im Werden begriffenes Stück soll „Die Wände“ heißen: Ein Mann und eine Frau treffen in einem geschlossenen Raum aufeinander. Mit Unterstützung der Stiftung Kulturfond Berlin, die ein Stipendium gewährte, entsteht der erste Roman.
Gelegenheiten, um ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vorzustellen, packt sie beim Schopfe, so als “feilnehmerin am Deutsch-Polnischen Treffen Junger Autoren 1995 oder als Mitorganisatonn des ersten Treffens junger europäischer Dramatiker INTERPLAY EU- ROPE 95 in Mainz. Die Qualität ihrer (texte führte 1991 und 1993 zur Beteiligung am bundesweiten Treffen Junger Autoren der Berliner Festspiele. Mit der Verleihung des Literaturpreises des Senates für Jugend und Familie Berlin 1992 und des Scripta-Litera- turpreises 1994 fand Antje Strubel weitere Anerkennung. 1994 konnte die junge Autorin als eines der drei Mitglieder der deutschen Delegation beim 4th International Festival of Young Playwrights INTERPLAY nach Townsville/ Australien reisen.
Zum Enstehen ihrer Literatur sagt sie: „Ich
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