„WER ZU FINDEN WEISS, LERNT VIEL BEI EULER"
Euler-Vorlesung 1996 im Neuen Palais im Park Sanssouci
Mit Musik von Vivaldi, Händel und Friedrich II, vorgetragen von Studenten und Lehrkräften des Instituts für Musik und Musikpädagogik der Universität Potsdam, wurde der diesjährigen, nunmehr vierten Euler-Vorlesung im voll besetzten Schloßtheater im Neuen Palais ein festlicher Rahmen gegeben. Prof. Dr. Ralf Menzel, Prorektor für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs, begrüßte die Teilnehmer der Veranstaltung, die von den mathematischen Instituten der vier Universitäten im Raum Berlin-Potsdam, dem Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik sowie dem Konrad-Zuse- Zentrum für tnformationstechnik gemeinsam getragen wird, und betonte, daß trotz der allgemeinen Sparzwänge das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg (MWFK) die Euler-Vorlesung wiederum finanziell unterstützt hat. Dr. Rainer Rüge, Referatsleiter im MWFK, betonte in seinem Grußwort, daß eine fruchtbare Kooperation zwischen Brandenburg und Berlin mehr denn je gebraucht werde.
In jeder Euler-Vorlesung wird mit einem historisch orientierten Vortrag dem Wirken Leonhard Eulers gedacht. In diesem Jahr sprach Dr. Herbert Pieper von der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über „Die Eulersche Identität - eine Brücke zwischen Analysis, Arithmetik und Kombinatorik“.
Die Eulersche Identität (1737) läßt sich durch die Formel
ausdrücken, d.h. eine „unendliche Summe“ wird als ein „unendliches Produkt" dargestellt. Pieper betonte, daß die Bedeutung Eulers bereits im 18. Jahrhundert erkannt wurde. Der Berliner Mathematiker Karl Weierstraß (1815-1897) würdigte die Genialität in Eulers Schaffen mit der Feststellung Wer zu finden weiß, lernt viel bei Euler". Und Herrmann Weyl (1885-1955), ein vor den Nazis aus Deutschland emigrierter Mathematiker des berühmten Göttinger „Mathematischen Kränzchens“ hob hervor, daß ein im Jahre 1954 gestelltes Problem seine Lösung in Formeln findet, die Euler bereits 1765 gefunden hatte..
Auf der „Brücke" zwischen Analysis und Arithmetik, die durch die Eulersche Identität geschlagen wurde, begegnet man Carl Gustav Jacob Jacobi (1804-1851). Eines der Anliegen des in Potsdam geborenen Mathematikers war es, das Gesamtwerk Eulers her- auszubnngen. Daneben entwickelte sich ein interessanter Wettstreit mit Niels Henrik Abel (1802-1829), bei dem es um eine Verallgemeinerung der Eulerschen Identität ging. Eine weitere „Brücke“ ergibt sich aus dem Euler-Legendre'schen Pentagonalzah- lensatz, für den 1881 ein geometrischer Beweis erschien, und der für James Joseph Sylvester (1814-1897) zur Leitidee seiner Forschungen wurde. Viele Ragen der heutigen Mathematik werden auf der Basis der Eulerschen Untersuchungen und Ergebnisse behandelt. Die nach Euler benannte Identität war eine der bedeutendsten Entdeckungen des Schweizer Mathematikers.
Anschließend stellte Prof. Dr. Martin Gröt- schel, Konrad-Zuse-Zentrum und “[technische Universität Berlin, in seiner Laudatio den Hauptredner, Prof. Dr. Läszlö Loväsz, als einen seit 30 Jahren am Himmel der Diskreten Mathematik strahlenden Stern vor. Neben seinem frühzeitigen Interesse für die Mathematik zeigte sich Loväsz schon als 16jähriger von einer Klassenkameradin mit Namen Kati gefesselt. Er heiratete sie später und der Verbindung entsprossen vier Kinder. Wie fruchtbar sich zwischenmenschliche Beziehungen auf das Finden mathematischer Ergebnisse auswirken können, beweist folgende Geschichte. Der junge Läszlö hielt sich in Warnemünde zu einem mathematischen Kurs auf. Die Gedanken an seine
Läszlö Loväsz, geboren 1948 in Budapest, seit 1993 Professor of Mathematics and Computer Science an der Yale Universityin Princeton, hielt die Euler-Vorlesung 1996. Foto: Fntze
Kati veraniaßten ihn, in seiner Ffeizeit Mathematik zu treiben. So bewies er ein Resultat, das Alfred Tärski (1901-1983) etwa zehn Jahre früher gefunden hatte, unabhängig und ohne Kenntnis des Beweises von Tärski: Gilt für beliebige Graphen A, B und C die Isomorphie der direkten Produkte A x C und B x C, dann sind auch die Graphen A und B zueinander isomorph.
Bedeutsam ist, daß Loväsz das als Perfect
Graph Theorem bekannte Problem mit Hilfe seiner Kati, die ihn auf eine Lücke im Beweis aufmerksam gemacht hatte, im Jahr 1972 auf zwei Seiten vollständig beweisen konnte. Ein namhafter Mathematiker hatte zehn Jahre zuvor vergeblich einen Beweis angestrebt. Die internationale Anerkennung von Prof. Loväsz wurde durch die Anwesenheit seines ehemaligen Lehrers und Nestor der Graphentheorie, Prof. Dr. Päl Erdös, unterstrichen.
Dann trat Loväsz ans Rednerpult. Erbehandelte in seiner Vorlesung eine Thematik von der „Forschungsfront“, deren Anfänge allerdings auch mit dem Namen Eulers verbunden sind. Ausgehend von der populären Vorstellung, daß ein Graph ein Gebilde aus Punkten und Linien einer Ebene ist, entwik- kelte er einen weit gespannten Bogen von anschaulichen Aspekten bis zu modernen Entwicklungen der Graphentheorie, die es gestatten, aus einer geometrischen Repräsentation eines Graphen Informationen über diesen selbst zu gewinnen. Eine wichtige Rolle spielen solche Darstellungen, bei denen die Knoten eines Graphen auf Vektoren eines d-dimensionalen reellen Vektorraumes abgebildet werden. Von besonderem Interesse sind Klassen von Graphen, die durch gemeinsame Eigenschaften charakterisierbar sind. Dreifach zusammenhängende Graphen sind zum Beispiel dadurch gekennzeichnet, daß jeder Knoten von jedem anderen Knoten auf drei verschiedenen Wegen erreichbar ist.
Es ist bekannt, daß jeder dreifach zusammenhängende planare Graph derart geometrisch repräsentierbar ist, daß seine Automorphismen bewahrt werden oder daß jede seiner Kanten die Einheitskugel berührt. Für eine Reihe aktueller Probleme ist eine Orthogonale Darstellung eines Graphen G von Bedeutung. Dabei wird jedem Knoten i von G ein Element vi des d-dimen- sionalen reellen Vektorraumes derart zugeordnet, daß der Betrag von vi stets 1 ist, das Skalarprodukt von vi und vj verschwindet, falls die Knoten i und j nicht durch eine Kante verbunden sind, und die Dimension d möglichst klein ist. Eine Allgemeine Positionsdarstellung ist eine Orthogonale Darstellung mit der zusätzlichen Bedingungen, daß für jede d-elementige Menge von Knoten des Graphen die Menge der zugeordneten Vektoren linear unabhängig ist. Mit Hilfe solcher Darstellungen lassen sich für jeden Graphen natürliche Zahlen definieren, die Auskunft über seine Planarität, Ein- bettbarkeit in den dreidimensionalen reellen Vektorraum, Kreiseigenschaften oder Wegeigenschaften geben.
Hans-Jürgen Vogel
PUTZ 5/96
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