SOLLTE ES NUR BEY SEINEM LEBEN DAUERN?
Hans-Joachim Giersberg hielt seine Antrittsvorlesung
Obwohl die Universität Potsdam mit ihrem Hauptstandort Am Neuen Palais wohl wie fast keine andere Hochschule Deutschlands in einer kunst- und architekturgeschichtlich einzigartigen Umgebung logiert, fehlten diese Bereiche bisher in ihrem Studienangebot. Doch nun ist zumindest ein Anfang gemacht: konnte doch mit dem Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Dr. Hans-Joachim Giersberg, ein Honorarprofessor gewonnen werden, der als ausgewiesener Fachmann nicht nur Studenten Kunst- und Architekturgeschichte nahezubringen versteht. Daß das Interesse an seinen Ausführungen weit über die Universität hinausreicht, zeigte sich bereits bei seiner Antrittsvorlesung über fürstliche Bauherren und Baumeister im 18. Jahrhundert. Der vorgesehene Hörsaal erwies sich als viel zu klein, und auch der Große Physikhörsaal konnte die Menschenmassen bald nicht mehr fassen.
Im Mittelpunkt der Ausführungen Giers- bergs stand das barocke Zeitalter vom Ende des 17. bis in das 18. Jahrhundert hinein. In dieser Zeitspanne wurde - so der Kunsthistoriker - die Architektur wieder zur Mutter der Künste, erkannten die jeweiligen Herrscher die Existenz einer allgemeinen Bauaufgabe an und nahmen sich ihrer intensiv und persönlich an. Hans-Joachim Giersberg zeigte auf, wie sich im Zeitalter des Absolutismus (später des aufgeklärten Absolutismus) ein neues, souveränes Machtgefühl entfaltete, das die Politik ganz im Zeichen der Repräsentation stehen ließ. Dies wiederum habe sich in vielen neuen Residenzen niedergeschlagen, die in den deutschen Staaten in kurzer Zeit - vor allem zwischen 1690 und 1730 - zahlreich entstanden.
„Das Bauen - jetzt zu einem allgemeinen Geschäfte des Fürsten geworden - entwickelte sich schnell zu einer kostspieligen Leidenschaft, einer noblen Fassion, wohl wissend, daß man durch architektonische Neuschöpfungen Ansehen und dauerhaften Nachruhm erlangen kann", erläuterte der Generaldirektor. Begünstigt wurde das Schaffen dabei oftmals durch ein sehr enges Verhältnis zwischen dem fürstlichen Bauherrn und seinen Baumeistern; Giersberg verwies auf die Beispiele von Kaiser Josef I. und Johann Bernhard Fischer von Erlach, auf August den Starken und Daniel Pöppelmann, Zacharias Longuelune, Johann Christoph Knöffel, Jean de Bodt und Karl Friedrich den Jüngeren, auf den Kurfürsten Max II. Emanuel und Enrico Zucalli sowie Josef Effner.
Charakteristisch für die ganze Epoche sei es dabei gewesen, daß die Fieude am Bauen
und Planen über die eigentliche Notwendigkeit meist hinausging. Unter diesem Aspekt mag auch die Bautätigkeit des brandenbur- gischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gesehen werden, der sich auf der Insel Potsdam eine zweite Residenz neben Berlin erbauen ließ. Hans-Joachim Giersberg zeigte, daß die entscheidenden Anregungen hierzu von Johann Moritz von Nassau-Siegen ausgingen, später unterstützt durch Jacob von Campen. Und so wurde denn „das ganze Eyland... ein Färadies“.
Die Tradition der großen barocken Bauherrn fortgeführt hat auch Friedrich der Große. Er tat dies, indem er sich noch intensiver um das Bauwesen kümmerte und weitaus mehr künstlerische Mitsprache forderte als seine Vorgänger. Daß er dabei zumindest in seinen Anfangsjahren primär von dem Wunsche, sich Ruhm und natürlich auch Nachruhm zu erwerben, getrieben wurde, bewies Giersberg anhand zahlreicher Zitate. „Seine Bauten sollten von einer neuen Ära künden; da war er ganz Kind seiner Zeit“, erklärte der Kunsthistoriker. Nur scheinbar im Gegensatz dazu mag eine Äußerung Friednch des Großen gelten, die besagte: „Ich will nicht wie die Römer bauen, es soll nur bey meinem Leben dauern.“ Diese Feststellung sei vielmehr auf die große Sparsamkeit des Königs zurückzuführen, die sich mit zunehmendem Alter zum Geiz entwickelt habe. So zeigte Friedrich beispielsweise keinerlei Verständnis für Reparaturkosten, deren Voranschläge er schon einmal mit Galgen für diejenigen, die sie ihm vorgelegt hatten, bemalte.
Doch obwohl der König, der als „der Große“ in die Geschichte einging, in bezug auf seine Bautätigkeit alles selbst anordnete
Honorarprofessor an der Universität Potsdam: Dr. Hans-Joachim Giersberg Foto: Fritze
und beaufsichtigte, erblühten Berlin und vor allem Potsdam unter seiner Herrschaft. Freilich nicht, ohne daß seine Baumeister Knobelsdorff, Boumann, Büring, Gontard und Manger seine Halsstarrigkeit zu spüren bekommen hätten, wie der Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten aufzeigte. „Es hängt also nicht nur von dem hervorragenden Künstler, dem Baumeister, ab, sondern auch von dem Bauherrn, der sich seiner Aufgabe bewußt ist, wenn etwas Großartiges entstehen soll“, folgerte Giersberg, der mit Blick auf die Gegenwart geneigt ist, „sich das 18. Jahrhundert zumindest in der Intensität und der Qualität der Bauherren“ zurückzuwünschen. Hg.
VON SÜSSEN UND GRAUSIGEN GEHEIMNISSEN
Professor Dr. Erhard Stölting hielt seine Antrittsvorlesung
Der reiche Blaubart heiratet eine junge Frau und übergibt ihr die Schlüssel zu den Türen seines Schlosses. Bis auf eine darf sie alle öffnen. Schließt sie die verbotene auf, ist ihr der Tod sicher. Da sie ihre Neugier nicht bezwingen kann, verschafft sie sich Zutritt zum unerlaubten Raum. Dort findet sie die Leichen ihrer Vorgängerinnen, der ermordeten Frauen Blaubarts. Ohne die Rettung durch ihre Brüder wäre ihr Schicksal besiegelt gewesen.
Dieses Märchen vom Ritter Blaubart spielte in der Antrittsvorlesung Prof. Dr. Erhard Stöltings Ende April 1996 die ihm zugedachte geheimnisvolle Rolle. Gab doch der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie in der Wirtschafts- und Sozialwis
senschaftlichen Fakultät seinen Ausführungen den Titel „Das Geheimnis, die Macht und die soziologische Neugier“. Die Aufdeckung von Geheimnissen fördere die Aufklärung über die Welt, darin eingeschlossen die Gesellschaften. 711s Tbil des gesellschaftlichen Rationalisierungsprozes - ses trage sie zur Entzauberung der Welt bei. Geheimnisse als Bestandteile des sozialen Lebens sind für den Referenten Quellen alltäglicher Inspiration. Erhard Stölting unternahm folgerichtig eine phänomenologische Rekonstruktion sozialer Mechanismen der Geheimhaltung.
Das Geheimnis bestehe zunächst in einem Wissensgefälle. Wer etwas geheimhält, tut es zunächst gerade deshalb, um die selb- Fortsetzung nächste Seite
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