Heft 
(1.1.2019) 05
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ständige Hand­lungsfähigkeit an­derer einzu­schränken oder um sie zu verunsi­chern." Echte Ge­heimnisse seien jene, von deren Existenz die Un­wissenden nichts ahnen. Im tägli­chen Leben finden sich vielerlei Bei­spiele dafür: Ärzte informieren Pati­enten nicht über den nahenden Tbd. Unter­nehmensleitungen verheimlichen den Be­schäftigten bis zum letztmöglichen Zeitpunkt die Entlassung der Angestellten aufgrund der bevorstehenden Liquidation. Bei den of­fenkundigen Geheimnissen dagegen han­dele es sich um solche, auf deren Existenz man ausdrücklich hinweise. Der Zugang zu ihnen werde nicht versteckt, sondern verbo­ten. Die Wahrung des Geheimnisses sei da-

Prot Dr. Erhard Stölting Foto: Fritze

mit Tfeil einesstrategischen Vorgehens, in dem das Handeln anderer beeinflußt wird, ohne daß diese dessen inne werden. Jene, vor denen etwas verheimlicht wird, glauben, daß sie selbstbestimmt handeln. Diese Stra­tegien der Geheimhaltung fügten oftmals an­deren Schaden zu.

Geheimnisse binden Menschen aber auch aneinander, haben sie doch gegenüber Au­ßenstehenden eine Gemeinsamkeit. Des­halb werde der soziale Zusammenhalt der Gruppe umso wichtiger, je bedeutsamer das Geheimnis ist. Der Verrat stelle mit den stra­tegischen Handlungsmöglichkeiten die Exi­stenz der Gruppe in Drage. Das Funktionie­ren der Geheimnismechanismen veran­schaulichte Stölting anhand geheimer Orga­nisationen, die immer wieder Mystifikatoren angezogen hätten. Offenkundige Geheim­haltung erscheine dabei als einer der kon­struktiven Faktoren von Macht überhaupt. Die unausweichliche Kraft dieser Mechanis­men illustrierte er am Beispiel von aufkläre­rischen Geheimbünden, wie beispielsweise der Freimaurer. Seit ihrem Enstehen verfolg­

ten sie das Ziel einer moralischen Reform der Gesellschaft und universeller Brüderlich­keit. Die Radikaleren unter ihnen, wie Georg Förster, wollten Freiheit und Gleichheit. Ihr Anliegen bestand darin,den kritischen Geist zu wecken, intellektuelle Mündigkeit zu verbreiten und das unkritische Vertrauen in die Autoritäten zu untergraben". Auch wenn die meisten Aufklärer in Deutschland gemäßigt blieben, unterlagen sie schon des­halb den sozialen Mechanismen der Ge­heimhaltung, weil sie sich in geheimen Or­ganisationen formierten, die aus hierarchi­schen Wissensstufen bestanden. Deshalb hätte die Aufklärung dasSpiritualistische, das Rücken von Tischen und die Geisterbe­schwörung, die heimlichen Kräfte nicht ver­trieben, sondern vermehrt und verdichtet. Erhard Stölting gab schließlich das Geheim­nis seines wissenschaftlichen Interesses am Thema preis:Nicht das zu läge liegende, das aufdringlich Sichtbare weckt die Neu­gier. Es ist der Akt des Nachforschens, des Enthüllens und nicht sein Ende, der die Su­che auf den Weg bringt. B.E.

JEDER SEIN EIGENES KUNSTWERK

Gemeinsame Veranstaltung von Einstein Forum und Institut für Philosophie mit Richard Shusterman

Der wahre Freund der Weisheit liest Philosophie nicht, sondern lebt sie. Platon mißtrau­te dem Geschriebenen, Sokrates, der philosophische Gründungsheld des Abendlandes, verweigerte sich programmatisch der Schrift. Doch nur allzu bald geriet diese Skepsis gegenüber der Schrift in Vergessenheit.Allein der Buchstabe bleibet wurde schnell zur Maxime der akademischen Philosophie bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts.

John Dewey Repro: Archiv

Seit dieser Zeit aber wurde die Kritik an derSchul- und Systemphilosophie immer lauter. Wohl blieb der Main­stream des Denkens der akademischen Tradition treu, doch gingen die wesentli­chen Neuansätze in­nerhalb der Philoso­phie nunmehr ver­stärkt von den, wie der amerikanische Phi­losoph Richard Rorty es einmal formulier­te, marginal men aus. Sie läuteten den pragmatistic tum" ein, durch den die ural­te Einsicht, daß die Liebe zur Weisheit nicht in gelehrtem Buchwissen besteht, sondern in einer reflektierten Lebensführung, einem gelungenen Leben, zum Ausdruck kom­men soll, wieder in den Mittelpunkt des Phi- losophierens rückte.

Richard Shusterman, zur Zeit Fülbright-Pro- fessor an der FU Berlin, zeichnete in einem gemeinsam mit dem Institut für Philosophie der Universität Potsdam veranstalteten Vor­trag im Einstein Forum Anfang Mai die Etap­pen dieser Rückwendung zumLeben am Beispiel von dreiphilosophischen Profilen"

nach: John Dewey, Ludwig Wittgenstein und Michel Foucault. Die Veranstaltung, die von Prof. Hans-Peter Krüger vom Institut für Phi­losophie geleitet wurde, war der Drage ge­widmet, ob vom Philosophen die Einheit zwischen theoretischer Einsicht und prakti­scher Lebensführung zu erwarten sei. Shu­sterman konnte für die drei von ihm ausge­wählten Philosophen diese Drage durchweg bejahen. Dem Pragmatisten Dewey hat sich, so Shusterman, der Sinn des Philosophie- rens ohnehin stets in Konfrontation mit den praktischen Erfordernissen des Daseins zu bewähren. Für den ruhelosen Österreicher Wittgenstein, der zu Lebzeiten nur wenig ver­öffentlichte und aus Abscheu vor der aka­demischen Philosophie seinen Lehrstuhl m Cambridge auf­gab, war die tief­empfundene Kluft zwischen philoso­phischer Systema­tik und denPro­blemen des Le­bens" Ansporn, das Philosophie­ren zum Ende zu bringen und den Friede in Gedan­ken sowie Besse-

Ludwig Wittgenstein Repro: Archiv

rung im alltäglichen Leben zu erreichen. Michel Foucault schließlich wurde mit sei­nen Untersuchungen zur Sexualität zum pro­grammatischen Be­gründer der phi­losophischen Rich­tung, welche die Sorge um sich und die Auffas­sung des Lebens als eines Kunst­werks polemisch gegen die Tradition des abendländi­schen Denkens setzte. So beste­chend und für man­chen wohl auch befreiend solche Auswege aus dem Elfenbeinturm eines selbstgenüg­samen Räsonnierens sein mögen - das von Shusterman wortgewandt vorgetragene und offenkundig auch favorisierte Modell läßt Probleme offen. Wie der Referent auf kriti­sche Nachfragen einräumen mußte, bedarf dasKunstwerk Leben der Philosophie ei­gentlich nicht, denn der Lebenskünstler ist per se immer schon Philosoph. Diese kön­ne allerdings entscheidend dazu beitragen, dieSorge um sich als Lebensentwurf zu le­gitimieren und damit zu befördern. Zu klären bleibt, ob mit diesem philosophischen An­satz noch allgemein verbindliche moralische Normen und gesellschaftliche Leitbilder for­muliert werden können. DieSorge um an­dere wird man dem Philosophen aber sehr wohl abverlangen dürfen. MK

Michel Foucault Foto: Jerry Bauer

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PUTZ 5/96