CAMPUS
ständige Handlungsfähigkeit anderer einzuschränken oder um sie zu verunsichern." Echte Geheimnisse seien jene, von deren Existenz die Unwissenden nichts ahnen. Im täglichen Leben finden sich vielerlei Beispiele dafür: Ärzte informieren Patienten nicht über den nahenden Tbd. Unternehmensleitungen verheimlichen den Beschäftigten bis zum letztmöglichen Zeitpunkt die Entlassung der Angestellten aufgrund der bevorstehenden Liquidation. Bei den offenkundigen Geheimnissen dagegen handele es sich um solche, auf deren Existenz man ausdrücklich hinweise. Der Zugang zu ihnen werde nicht versteckt, sondern verboten. Die Wahrung des Geheimnisses sei da-
Prot Dr. Erhard Stölting Foto: Fritze
mit Tfeil eines „strategischen Vorgehens, in dem das Handeln anderer beeinflußt wird, ohne daß diese dessen inne werden. Jene, vor denen etwas verheimlicht wird, glauben, daß sie selbstbestimmt handeln“. Diese Strategien der Geheimhaltung fügten oftmals anderen Schaden zu.
Geheimnisse binden Menschen aber auch aneinander, haben sie doch gegenüber Außenstehenden eine Gemeinsamkeit. Deshalb werde der soziale Zusammenhalt der Gruppe umso wichtiger, je bedeutsamer das Geheimnis ist. Der Verrat stelle mit den strategischen Handlungsmöglichkeiten die Existenz der Gruppe in Drage. Das Funktionieren der Geheimnismechanismen veranschaulichte Stölting anhand geheimer Organisationen, die immer wieder Mystifikatoren angezogen hätten. Offenkundige Geheimhaltung erscheine dabei als einer der konstruktiven Faktoren von Macht überhaupt. Die unausweichliche Kraft dieser Mechanismen illustrierte er am Beispiel von aufklärerischen Geheimbünden, wie beispielsweise der Freimaurer. Seit ihrem Enstehen verfolg
ten sie das Ziel einer moralischen Reform der Gesellschaft und universeller Brüderlichkeit. Die Radikaleren unter ihnen, wie Georg Förster, wollten Freiheit und Gleichheit. Ihr Anliegen bestand darin, „den kritischen Geist zu wecken, intellektuelle Mündigkeit zu verbreiten und das unkritische Vertrauen in die Autoritäten zu untergraben". Auch wenn die meisten Aufklärer in Deutschland gemäßigt blieben, unterlagen sie schon deshalb den sozialen Mechanismen der Geheimhaltung, weil sie sich in geheimen Organisationen formierten, die aus hierarchischen Wissensstufen bestanden. Deshalb hätte die Aufklärung das „Spiritualistische, das Rücken von Tischen und die Geisterbeschwörung, die heimlichen Kräfte“ nicht vertrieben, sondern vermehrt und verdichtet. Erhard Stölting gab schließlich das Geheimnis seines wissenschaftlichen Interesses am Thema preis: „Nicht das zu läge liegende, das aufdringlich Sichtbare weckt die Neugier. Es ist der Akt des Nachforschens, des Enthüllens und nicht sein Ende, der die Suche auf den Weg bringt.“ B.E.
JEDER SEIN EIGENES KUNSTWERK
Gemeinsame Veranstaltung von Einstein Forum und Institut für Philosophie mit Richard Shusterman
Der wahre Freund der Weisheit liest Philosophie nicht, sondern lebt sie. Platon mißtraute dem Geschriebenen, Sokrates, der philosophische Gründungsheld des Abendlandes, verweigerte sich programmatisch der Schrift. Doch nur allzu bald geriet diese Skepsis gegenüber der Schrift in Vergessenheit. „Allein der Buchstabe bleibet“ wurde schnell zur Maxime der akademischen Philosophie bis an die Schwelle unseres Jahrhunderts.
John Dewey Repro: Archiv
Seit dieser Zeit aber wurde die Kritik an der „Schul- und Systemphilosophie“ immer lauter. Wohl blieb der Mainstream des Denkens der akademischen Tradition treu, doch gingen die wesentlichen Neuansätze innerhalb der Philosophie nunmehr verstärkt von den, wie der amerikanische Philosoph Richard Rorty es einmal formulierte, marginal men aus. Sie läuteten den „pragmatistic tum" ein, durch den die uralte Einsicht, daß die Liebe zur Weisheit nicht in gelehrtem Buchwissen besteht, sondern in einer reflektierten Lebensführung, einem „gelungenen Leben“, zum Ausdruck kommen soll, wieder in den Mittelpunkt des Phi- losophierens rückte.
Richard Shusterman, zur Zeit Fülbright-Pro- fessor an der FU Berlin, zeichnete in einem gemeinsam mit dem Institut für Philosophie der Universität Potsdam veranstalteten Vortrag im Einstein Forum Anfang Mai die Etappen dieser Rückwendung zum „Leben“ am Beispiel von drei „philosophischen Profilen"
nach: John Dewey, Ludwig Wittgenstein und Michel Foucault. Die Veranstaltung, die von Prof. Hans-Peter Krüger vom Institut für Philosophie geleitet wurde, war der Drage gewidmet, ob vom Philosophen die Einheit zwischen theoretischer Einsicht und praktischer Lebensführung zu erwarten sei. Shusterman konnte für die drei von ihm ausgewählten Philosophen diese Drage durchweg bejahen. Dem Pragmatisten Dewey hat sich, so Shusterman, der Sinn des Philosophie- rens ohnehin stets in Konfrontation mit den praktischen Erfordernissen des Daseins zu bewähren. Für den ruhelosen Österreicher Wittgenstein, der zu Lebzeiten nur wenig veröffentlichte und aus Abscheu vor der akademischen Philosophie seinen Lehrstuhl m Cambridge aufgab, war die tiefempfundene Kluft zwischen philosophischer Systematik und den „Problemen des Lebens" Ansporn, das Philosophieren zum Ende zu bringen und den „Friede in Gedanken“ sowie Besse-
Ludwig Wittgenstein Repro: Archiv
rung im alltäglichen Leben zu erreichen. Michel Foucault schließlich wurde mit seinen Untersuchungen zur Sexualität zum programmatischen Begründer der philosophischen Richtung, welche die „Sorge um sich“ und die Auffassung des Lebens als eines Kunstwerks polemisch gegen die Tradition des abendländischen Denkens setzte. So bestechend und für manchen wohl auch befreiend solche Auswege aus dem Elfenbeinturm eines selbstgenügsamen Räsonnierens sein mögen - das von Shusterman wortgewandt vorgetragene und offenkundig auch favorisierte Modell läßt Probleme offen. Wie der Referent auf kritische Nachfragen einräumen mußte, bedarf das „Kunstwerk“ Leben der Philosophie eigentlich nicht, denn der Lebenskünstler ist per se immer schon Philosoph. Diese könne allerdings entscheidend dazu beitragen, die „Sorge um sich“ als Lebensentwurf zu legitimieren und damit zu befördern. Zu klären bleibt, ob mit diesem philosophischen Ansatz noch allgemein verbindliche moralische Normen und gesellschaftliche Leitbilder formuliert werden können. Die „Sorge um andere“ wird man dem Philosophen aber sehr wohl abverlangen dürfen. MK
Michel Foucault Foto: Jerry Bauer
Seite 8
PUTZ 5/96