DIE FUSION IM VISIER
Im Vorfeld des Volksentscheids auch öffentliche Debatte an der Uni
Die Politiker hatten eine Vision. Am 5. Mai dieses Jahres wurde sie zu Grabe getragen, vermutlich für lange Zeit. Gemeint ist das gemeinsame Bundesland Berlin-Brandenburg. Das Ergebnis brachte längst Vermutetes zu läge: mehrheitlich konnten sich nur die Einwohner der Bundeshauptstadt für jene Idee erwärmen. Dabei gab es im Vorfeld der bedeutungsvollen Abstimmung zahlreiche Veranstaltungen, auf denen für das Vorhaben geworben wurde. Dazu gehörte auch ein circa zweistündiger Diskussionsabend an der Universität Potsdam, der vom Studierendenrat (Stura) organisiert wurde. Er ließ Befürwortern und Gegnern Raum, Positionen darzulegen. Das Thema lautete: „Hochschullandschaft in einem gemeinsamen Bundesland Berlin-Brandenburg“.
Im Zusammenhang mit dieser Problematik ging insbesondere der brandenburgische Wissenschaftsminister Steffen Reiche mit seinen Ausführungen auf darüber hinaus weisende Vorstellungen ein. So habe nach dessen Ansicht die Universität Potsdam mit dem ihr eigenen Konzept für die Zukunft gute Karten. „Wir werden hier weiter aufbauen. Da bin ich ganz sicher“, so der Redner. Der derzeitige Einstellungsstopp sei zudem begrenzt. Im übrigen gäbe es bereits für elf von sechzehn beantragten Dozenten-Stel- len Genehmigungen.
Für Diskussionsstoff sorgte - nicht zuletzt mit Blick auf Berliner Verhältnisse - die Anzahl avisierter Studienplätze. Der Politiker dazu: „Ich habe keine Korrekturen an den von meinem Vorgänger gemachten Zusagen von etwas mehr als 30.000 Plätzen vor." Der Zeithorizont verschiebe sich allerdings nach hinten. Während Hinrich Enderlein noch auf die Jahre 1999 beziehungsweise 2000 orientierte, reichten demnach jetzige Planungen bis 2004/2005.
Gute Perspektiven räumte der Minister dem Golmer Wissenschaftspark ein. Eine Arbeitsgruppe des Wissenschaftsrates entwickle gegenwärtig entsprechende Empfehlungen. Immerhin drehe es sich bei diesem wie auch dem Adlershofer Projekt um große Volumina. Golm allein erfordere 250 Mio. DM. Die Vorbereitung der Ansiedlung von Max-Planck-Instituten am dortigen Standort bezeichnete Reiche als weit.
Vom Publikum artikulierte Ängste bezogen sich auf die mögliche Streichung von Studi- engängen an der Potsdamer Hochschule. Prof, Dr. Ralf Menzel, Prodekan der Einrichtung, warnte davor. Sein Argument: Bäcker und Klempner verrichteten unterschiedliche Tätigkeiten, dennoch seien beide Handwerker. So funktioniere es vergleichsweise auch in der Wissenschaft. Im Bereich der Mathe- matisch-Naturwssenschaftlichen Fakultät existierten beispielsweise bereits Fächerkontakte, erfolgten Abstimmungen. Mehrfachangebote schlössen sich so teilweise aus. Der gleiche Name bestimmter Fächer bedeute eben nicht automatisch auch deren unterschiedslose Ausrichtung.
Den zahlreichen eher administrativen Fragen folgten nach einigen Anfangsschwierigkeiten studentische Äußerungen. Ganz oben
auf der Tägesordnung stand dabei die Problematik der Studiengebühren und des Zins- BAföG-Modells. Steffen Reiche lehnte beides ab. „Ich bin auch gegen die Studiengebühren, weil ich sie unlogisch finde“, sagte er. Und weiter: „Damit werden Studierende faktisch behindert, in der Regelstudienzeit fertig zu werden.“ So jedenfalls könne kein Abbau der zweifellos vorhandenen Belastungen deutscher Hochschulen passieren. Als beispielgebend bezeichnete das SPD-Mitglied das australische BAföG-Modell. Hier müßten die jungen Akademiker zwar gleichfalls das Studium zurückzahlen; das jedoch geschehe über eine Art Studiensteuer je nach Verdienst und Kosten.
Die zum Zeitpunkt der Tügung unmittelbar bevorstehende Fusionsentscheidung beförderte die Zusammenarbeit der beiden Landeskonferenzen, So diskutierten die eingeladenen Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Kunst zum Thema „Berlin-Brandenburg: Perspektiven für Frauen an den Hochschulen“. Die Vorbereitung der Kon-
Wollen in Zukunft noch stärker Zusammenarbeiten: die Frauen- bzw. Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen in Berlin und Brandenburg, Dr. Marianne Kriszio (Zweite von links) und Monika Stein (Zweite von rechts). Foto: Fritze
Erst nach Anlaufschwierigkeiten gelang die Diskussion wirklich studentischer Probleme.
Foto: Thbukeit
Zu den Tbilnehmern der Debatte gehörten Hinrich Enderlein, ehemaliger brandenbur- gischer Wissenschaftsminister, Dr. Uta Sündig, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Wolfgang Thies, Berliner Staatssekretär für Wissenschaft, Forschung und Kultur, sowie Dr. Andreas ITunschke, wissenschaftspolitischer Sprecher der PDS-Land- tagsfraktion. Michael Erbach, Chefredakteur der Potsdamer Neuesten Nachrichten, hatte die Moderation übernommen. RG.
ferenz führte zu einer neuen Qualität der gemeinsamen Arbeit der Frauengremien, die sie nun trotz der Fusionsablehnung fortsetzen, Monika Stein berichtete über die Abstimmung der frauenpolitischen Arbeit an den Hochschulen untereinander. Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Potsdam und gleichzeitig als Sprecherin der Landeskonferenz Füngierende konstatierte aus der Brandenburger Situation sich eigenständig ergebende Schwerpunkte. Sind doch in den Ländern Berlin und Brandenburg nach wie vor Unterschiede in der Gleichstellungspolitik unübersehbar. In Berlin üben die Frauenbeauftragten dieses Amt schon länger hauptamtlich aus. Die nebenamtlichen Gleichstellungsbeauftragten Brandenburgs sind dagegen erst in den letzten Jahren nach und nach bestellt, zu Berufungsverfahren und zur Mitarbeit in Hochschulgremien hinzugezogen worden.
Abstrahiert von der Fusionsdiskussion ver- Fortsetzung nächste Seite
FRAUENFREUNDLICHERES KLIMA SCHAFFEN
Gleichstellungsbeauftragte Berlins und Brandenburgs berieten an der Uni
Vielleicht war es für die FFauen- und Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen in Berlin und Brandenburg ein gutes Omen, daß unmittelbar vor ihrer ersten Gemeinsamen Jahrestagung Ende April 1996 an der Universität Potsdam eine Novellierung des Brandenbur- gischen Hochschulgesetzes erfolgte. Damit gibt es nun in dieser Region verbindlichere Regelungen zur Freistellung von Frauenbeauftragten und zur Einrichtung der Funktion von stellvertretenden und dezentralen Beauftragten. Ihre Rechte in bezug auf ein Veto in Universitätsgremien erfuhren ebenso eine Erweiterung.
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PUTZ 5/96