WELCHEN WERT HAT HEUTE BILDUNG?
Hartmut von Hentig - zu Gast im Institut für Grundschulpädagogik
Zum zweiten Mal trat Hartmut von Hentig, Pädagoge und Verfasser wissenschaftlicher und bildungspolitischer Schriften, im Institut für Grundschulpädagogik auf. Die Reihe „Grundschulpädagogische Dispute“ setzt auf den Dialog zwischen Wissenschaftlern, Schulpraktikem und Studierenden. Mit seinem Vortrag .Welchen Wert hat heute Bildung ?“ wandte sich der Gast vor allem an die zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer und gewährte ihnen Einblicke in die Arbeit an seinem neuen Buch „Bildung“.
Die Schule sehe sich dem pädagogischen Auftrag verpflichtet, zur Grundlegung von Bildung beizutragen. Das aber, so von Hentig, setze ein entsprechendes Verständnis von Bildung voraus. Ob dem Menschen auf seinem langen Weg durch die Schule so etwas wie Bildung widerfahren sei, könne nicht an Noten, nicht an der Anzahl der Fächer oder gar an dem Pensum des bewältigten „Stoffes" abgerufen werden. Dafür seien ganz andere Kriterien heranzuziehen. Zu diesen Kriterien gehören nach Ansicht des Pädagogen das Empfinden für Unmenschlichkeit, aber auch die Fähigkeit, Glück wahrnehmen zu können und zu begreifen, daß andere Menschen andere Vorstellungen von Glück haben.
Geschichte und Gegenwart legten Zeugnis davon ab, wie im Namen irgendeines Glücks unzählige Menschen umgebracht worden seien. Er fügt hinzu: „Mit all der höheren Bildung hatte man den Fäschismus nicht verhindern können.“ Deshalb müßten bei einem gebildeten Menschen die Fähigkeit und die Bereitschaft entwickelt sein, Denken und Sprache bewußt als „Verständigungsmittel" einzusetzen. Darüber hinaus sei es notwendig, Verständnis für andere Lebenswege zu entwickeln. Um Geschichtlichkeit wahrnehmen zu können, müsse man sich bewußt sein, daß Geschichte nicht nur verbinden, sondern auch trennen könne. Eben deshalb, „weil wir nicht Einzelwesen, sondern "feil einer Gruppe sind, die uns geprägt hat“. Nur im Bewußtsein dessen können Verständigungsschwierigkeiten überwunden werden.
Nicht zuletzt hat für Hartmut von Hentig Bildung auch immer etwas mit der „Offenheit für letzte Fragen“ zu tun. Schnelle Lösungen führten an dem, was Bildung meint, vorbei. Ein Aspekt von Bildung, mit dem er sich bereits in seinem Buch „Die Schule neu denken" intensiv auseinandergesetzt hat, ist die Bereitschaft zur Selbstverantwortung wie zur Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen. Mit Bezug auf Humboldt und Dewey plädierte der Pädagoge für eine Auffassung von Bildung, die sich als intensive Wechselwirkung zwischen dem Ich und der Vorgefundenen Welt versteht. Diesem dialekti
schen Geschehen von Verändern und Verändertwerden müsse Schule Zeit und Raum geben, sonst bestehe die Gefahr, daß sich Bildung verselbständige. Deshalb müsse Bildung immer als „sich bilden“ begriffen werden. Um das zu erreichen, brauche man keine Alternative zur bestehenden Schule, wohl aber ein Korrektiv zu erstarrten Auffassungen. Dazu sei es notwendig, Schule tatsächlich zu einem Lebens- und Erfahrungsraum werden zu lassen und zwei Dinge zu beachten: das Kind als Individuum wahrzunehmen und eine intelligente Didaktik zu
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Für die Bereitschaft zur Selbstverantwortung wie zur Verantwortung gegenüber dem Gemeinwesen plädiert Hartmut von Hentig. Foto: Tiribukeit
entwickeln. Das bedeutet für Hartmut von Hentig, den Menschen zu stärken.
Renate Heusinger
„OST UND WEST IM WANDEL - WEGE ZUM ERFOLG"
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät veranstaltet Internationale Sommerschule
Noch bis zum 5. Juli 1996 findet an der Universität Potsdam erstmals eine internationale Sommeruniversität „Potsdam Summer School in Management and Economics“ zum Thema: „Ost und West im Wandel - Wege zum Erfolg“ statt. Das Projekt wird von der brandenburgischen Landesregierung, dem Universitätsstifterverband und der Fülbright- Kommission gefördert. Anfang des Jahres lud die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät der Uni Wissenschaftler und Studierende der Europa-Universität Viadrina Prankfurt/Oder, der Brandenburgischen “[technischen Universität Cottbus und der Fachhochschulen Potsdam, Brandenburg und Wildau zur Mitarbeit ein. Aber nicht nur deutsche Teilnehmer widmen sich nun der hochaktuellen Thematik. Zugesagt haben insgesamt etwa 25 weitere Wissenschaftler aus den USA sowie Ost- und Westeuropa.
Das Thema der Summer School ergab sich angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Veränderungen in Osteuropa bei gleichzeitigen Anpassungsprozessen der Volkswirtschaften in den westlichen Industriestaaten, durch welche die TFansformationsforschung besondere Bedeutung gewinnt. Die Staaten Osteuropas und auch die neuen Bundesländer durchleben in kürzester Frist einen historisch einmaligen Übergang von der zentralen Planwirtschaft zu einer marktwirtschaftlich ausgerichteten Volkswirtschaft. Sowohl in West als auch in Ost sehen sich die Unternehmen unausweichlichen Strukturanpassungen gegenüber. Hieraus entstehen vielfältige Herausforderungen für das nationale und für das internationale Management. Über diese wichtigen FFagen soll in zwei Sommerwochen in Potsdam referiert, diskutiert und geforscht werden, So geht es beispielsweise um aktuelle Transformationsprobleme in Osteuropa, Aspekte des internationalen Managements und institutioneile Rahmenbedingungen und Europäische Integration. Zahlreiche Workshops und Podiumsdiskussionen runden das Programm ab.
Es bleibt aber nicht nur bei grauer Theorie. Vielmehr stehen Exkursionen und Betriebsbesichtigungen im Kranbau Eberswalde, im Tbchnologiezentrum Tteltow, in der Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) und der Kindl Brauerei (Rex-Pils) in Potsdam ebenso auf dem Fahrplan wie Theater- und Kino-
Interessenten können sich noch an das Organisationsbüro wenden: Universität Potsdam, Akademisches Auslandsamt, Elisa Bindig, Am Neuen Palais 10; PF 60 15 53, 14415 Potsdam, Ttel.: (0331) 977-1676; Fax: (0331)977-1798, E-mail: bindig@rz.uni-potsdam.de,
besuche sowie Ausflüge in die Umgebung. Der Wirtschaftsstandort Brandenburg erweist sich dabei - so die Organisatoren - aus wissenschaftlicher wie auch aus ökonomischer und politischer Sicht für eine Behandlung der Transformationsthematik als besonders prädestiniert. Die Prozesse des in den vergangenen Jahren vollzogenen wirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Vfendels sowie die geographische Nähe zum östlichen Ifeil unseres Kontinents bieten eine Chance, gesammelte Erfahrungen nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für Unternehmen und potentielle Investoren m diesem Raum zu nutzen. Die Sommeruniversität will eben diese Gegebenheiten für die Wahrnehmung einer wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Brückenfunktion zwischen West und Ost nutzen. Das Projekt soll ebenso einen Beitrag zum produktiven Zusammenwirken zwischen universitärer Forschung und Lehre einerseits wie von Wirtschaft, Ttechno- logie und Verwaltung im Land Brandenburg andererseits leisten. WK.
PUTZ 5/96
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