„WITTSTOCK FÜR ALLE"
NICHT ELITÄR, SONDERN FÜR ALLE
Ein Uni-Chor ist gegründet
Geht es den Menschen gut, singen sie. Das weiß Kristian Commichau, Professor für Chor- und Ensembleleitung im Institut für Musik und Musikpädagogik. Deshalb will er der Hochschule wieder zu einem Chor verhelfen. Ende April lud er zur Schnupperprobe.
Nie und nimmer hätte Commichau die mehr als 100 vor der Oberen Mensa Versammelten als seine künftigen Chormitglieder ausgemacht. Er „dachte, sie würden auf den Beginn einer anderen Veranstaltung warten." Umso mehr betrachtet er es als einen Vertrauensbeweis, daß sehr viele der Musikbegeisterten aus allen Fächern und Semestern sogar die nicht gerade billigen Noten gekauft haben. Immerhin handelt es sich beim Chorsingen um eine fakultative Veranstaltung, für die man keinen „Schein“ erhält. Die Motive für das Mitmachen sind naturgemäß unterschiedlich. So hat z. B, Gabriele Andre bisher kaum Chorerfahrungen. Das will sie nun ändern. Der jetzt ins Leben gerufene Chor stellt deshalb für sie einen guten Einstieg dar, die Neugier auf das Singen, die Chorwerke, die anderen Sängerinnen und Sänger zu stillen. „Schon nach den ersten Proben wird mir deutlich, daß ich Chormusik konzentrierter als früher höre. Ich verfolge die Musik jetzt stärker horizontal, um Harmonien mitzubekommen.“ Das hätte sie gemeinsam mit den anderen bei Prof. Commichau von Anfang an geübt.
Viele Sangesfreudige lockte vielleicht die Zusicherung, nicht einzeln vortragen zu müssen, das Abenteuer Chorsingen einzugehen. Von dieser Praxis, sich Respekt verschaffen zu wollen, hält Commichau nämlich nichts. Er hört auch ohne Vorsingen die stimmlichen Qualitäten seiner Schützlinge heraus, Aber „der Tnck besteht gerade darin, die Laien dazu zu bringen, ihre Hemmungen zu überwinden". Es mache schon Spaß, „mit Menschen zu arbeiten, die willens sind, zu lernen“, beschreibt der Chorleiter seine Eindrücke. Der Hochschullehrer hat langjährige Erfahrungen auf diesem Gebiet, so gründete er 1987 die „norddeutschen vocal-concertisten“. Weitere Schwerpunkte seiner Arbeit an der Uni bilden die Musik der Renaissance und des Barock nach historischen Spielpraktiken sowie Musik des 20. Jahrhunderts.
Bei aller Zufriedenheit drücken Kristian Commichau auch Sorgen. Es fehlen die finanziellen Mittel. Ein Chor, der effektvoll präsentieren soll, und das ist erklärtes Ziel, braucht Profis sowohl bei den Solisten als auch beim Orchester. Das ist seit Jahrhunderten übliche Praxis. Nur so könne man sich dem hohen Niveau der Potsdamer und Brandenburger Chorszene stellen, welches nicht unterschritten werden dürfe. Dazu braucht es Geld. Denn ein Chorwerk mit kleinem Orchester aufzuführen, kostet pro Konzert rund 30 000 DM. An der Humboldt-
Universität zu Berlin steht für Konzerttätigkeit jährlich eine fünfstellige Summe zur Verfügung. Davon kann Kristian Commichau trotz seiner Bemühungen um Sponsoren derzeit nur träumen. Er zeigt sich erfreut über die Bereitschaft des Uni-Kanzlers Alfred Klein und der Prorektonn für Lehre und Studium, Prof. Dr. Bärbel Kirsch, Unterstützung gewähren zu wollen. Noch bleibt allerdings die finanzielle Grundlage weitgehend offen. Thotzdem ist fest eingeplant, zu Beginn des Jahres 1997 im Auditorium maximum Am Neuen Palais erstmals die Ergebnisse gemeinsamer Chorarbeit vorzustellen. Das Projekt, auf das sich derzeit alle Anstrengungen richten, ist „Carmina Burana" von Carl Orff. Es gehört zu den beliebtesten Chorwerken der Literatur. Kürzlich trafen sich die Sänger neben den wöchentlichen Proben Mitte Juni sogar zu einem Probenwochenende in Petzow. Bei allem Vergnügen ist das für die Beteiligten manchmal durchaus auch Knochenarbeit: Nicht jeder beherrscht Noten, atmet richtig oder kann mit seiner Stimme schon effektiv umgehen.
Mit diesem Chor wird übrigens eine Tradition fortgesetzt, die 1950 an den Vorgängereinrichtungen der Uni mit dem damaligen Tänz- und Gesangsensemble, mehreren Singeklubs und der Gesangsgruppe in den 70er und 80er Jahren begann.
Wer Lust hat, den Uni-Chor zu verstärken, ist jederzeit zu den Proben eingeladen: dienstags ab 19 Uhr in der Oberen Mensa, Uni- Komplex Am Neuen Fülais. B, E.
Seit April 1996 proben Studierende aller Fachrichtungen und Semester die „Carmina Burana “ von Carl Orff. Dieses Konzertprojekt soll Anfang 1997 aufgeführt werden. Foto: Thbukeit
Das Potsdamer Kabarett Obelisk in der Schopenhauerstraße 27 lädt mit dem Programm „Wittstock für alle“ zum Sommerhappening ein. Unter der Regie von Johanna Lesch (auf unserem Foto mit Hans-Joachim Finke) soll das Flair der 60er Jahre eingefangen werden. Bis zum 30. Juni, 19 Uhr (sonst jeweils 20 Uhr), steht das Programm täglich auf dem Spielplan. Kartenvorbestellungen unter Tbl. 0331/291069. Foto: zg.
„DA GING DIE POST AB"
Ein toller Semesterauftakt, ein begeistertes Publikum, ein phantastischer Chor: Im Sommersemester konzertierte der Kammerchor aus der südschwedischen Stadt Växjö in der Oberen Mensa der Uni. Unter der Leitung der Musikpädagogin Birgitta Jöneteg bot er ein reichhaltiges und frisches Programm von Schwedischen Volksliedern über Gospelsongs bis hin zu Musical und Jazz. Dabei wechselten die Darbietungen des Chores mit solistischen Gesangs- und Instrumentalbeiträgen. Neben Vielfalt und hohem künstlerischem Anspruch des Programms beeindruckte die Ausstrahlung der Interpreten. Herausragend waren die Bearbeitung von Czardas-Melodien für zwei Violinen und Klavier (Johan Jöneteg und Mats Andersson von der Musikhochschule Göteborg - Violine, Ulrik Ingarson - Klavier) sowie die Chortitel „Java, Jive“ und ,JMs i Tängo“.
Möglich wurde dieses Chorkonzert durch Kontakte der Mitarbeiter des Lehrstuhls für Vergleichende Pädagogik der Universität Potsdam mit der Hochschule in Växjö. Bei einem Besuch Potsdamer Lehramtsstudierender in Växjö sagten die Chormitglieder, fast alle Schüler am „Dom-Gymnasium", und der "technische Leiter des Chores, Hermann Vahldiek, zu, nach ihrem Auftritt im nächsten Hühjahr in Berlin auch einen „Abstecher" nach Potsdam zu machen. Jens Greßler Andreas Seidel
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PUTZ 5/96