„PLAKATIVE GESTALTUNG IST NICHT AKZEPTABEL”
Der Militärhistoriker Prof. Dr. Bernhard Kroener über die umstrittene Wehrmachtsausstellung
Mit der Wanderausstellung ‚Vernichtungskrieg- Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ hat das Hamburger Institut für Sozialforschung in der deutschen Öffentlichkeit eine beispiellose Kontroverse ausgelöst. Stadtparlamente, Landtage und der Bundestag diskutierten über die Bilddokumentation, Historiker und Journalisten füllten wochenlang die Feuilletonspalten mit Debattenbeiträgen, und in München gingen 15.000 Gegner und Befürworter der Exposition auf die Straße. Seit Anfang 1995 ist die Dokumentation an 18 Orten gezeigt worden. Rund 50 weitere Einladungen aus dem In- und Ausland liegen den Organisatoren vor. Trotzdem wird bereits über die feste Einrichtung der Ausstellung diskutiert. Neben Berlin und Wünsdorf ist auch Potsdam weiterhin als Standort im Gespräch. Über die wissenschaftliche Bedeutung der Dokumentation und mögliche Dauerstandorte sprach PUTZ-Redakteur Michael Fischer mit dem Potsdamer Militärhistoriker Prof. Dr. Bernhard Kroener.
PUTZ: Den Ausstellungsmachern wurde „Hetze“, ‚Verleumdung“ und„Diffamierung“ der Wehrmacht vorgeworfen. Wie lautet ihre Beurteilung als Militärhistoriker?
Kroener: Als Historiker bin ich nicht bereit, polemische Etikettierungen wie„Diffamierung“ und„Hetze“ zu akzeptieren. Die treffen die Aussage der Ausstellung auch nicht. Dennoch muß man konzeptionelle und methodische Bedenken anmerken. Wobei festzustellen ist, daß die Ausstellung im Kern wiedergibt, was in der historischen Forschung seit 20 oder 25 Jahren unbestritten ist.
PUTZ: Wo liegen ihre Bedenken?
Kroener: Einerseits läßt die Komposition der Dokumente zu wünschen übrig. Vieles wird unvermittelt dargestellt. Als Historiker möchte ich gerne wissen, in welchem Zusammenhang die gezeigten Bilder entstanden sind. Wenn das Bild als historische Quelle verwendet wird, muß es auch historisch interpretiert werden. Das heißt: Ort, Zeit, Hintergründe und Personen müssen deutlich genannt werden. Zudem scheint mir die Reduzierung der Ausstellung auf den Vernichtungskrieg im Osten 1941 bis 1944 unangebracht. Man hätte auch Repressalien außerhalb des unmittelbaren Kriegsgeschehens darstellen müssen. Ergänzend hätten Verbrechen im Rahmen des Rückzuges der Wehrmacht aus Italien und Frankreich thematisiert werden können. Darüber hinaus wäre mir wohler gewesen, wenn die Ausstellung ‚Verbrechen in der Wehrmacht“ statt ‚Verbrechen der Wehrmacht“ genannt worden wäre.
Die Verbrechen stellen nur einen Aspekt im Verhalten einer mehrere Millionen Menschen zählenden Gruppe dar. So wie der Widerstand nur von einer verschwindend kleinen Gruppe von Soldaten geleistet wurde, sind auch Verbrechen innerhalb der Wehrmacht nur von einer kleineren Gruppe im Verhältnis zur Gesamtzahl
der Soldaten verübt worden. Das müßte deutlich gemacht werden.
PUTZ: Obwohl die Exposition voraussichtlich noch bis 1999 unterwegs sein wird, hat die Diskussion über eine feste Bleibe bereits begonnen. Ist nach vierjähriger Wanderschau eine ständige öffentliche Präsentation der Ausstellung überhaupt noch notwendig?
Kroener: Eine Ausstellung, die sich mit den lange Zeit verdrängten Aspekten eines modernen, totalitären und industrialisierten Massenkrieges beschäftigt, wird auch im kommenden Jahrtausend von Interesse und womöglich auch notwendig sein. Ob sie dauerhaft in der jetzigen Form präsentiert werden sollte, wage ich zu bezweifeln. Da würde ich einen anderen konzeptionellen Zuschnitt wählen. Die plakative Gestaltung ist einfach nicht akzeptabel. Die mentalitätsgeschichtliche Dimension müßte deutlicher herausgearbeitet werden. Zudem sollten der zeitliche und der geographische Rahmen der Ausstellung erweitert werden.
PUTZ: Die Potsdamer Stadtverordnetenversammlung hat eine Dauerausstellung in der Landeshauptstadt vorerst abgelehnt. Wäre Potsdam ihrer Meinung nach als Standort für die Dokumentation geeignet?
Kroener: Berlin wäre als der damalige Knotenpunkt politischer und militärischer Entscheidungsfindung sicherlich ein sehr geeigneter Ort. Potsdam erscheint mir dagegen eher nachrangig.
PUTZ: In Berlin ist bereits ein konkreter Ausstellungsort genannt worden: die Gedenkstätte Deutscher Widerstand...
Kroener: Man muß sich sehr genau überlegen, ob man die Ausstellung in einen bestehenden Ausstellungskontext integrieren sollte. Ich halte es für problematisch, sie im Bereich der Gedenkstätte Deutscher Widerstand zu zeigen. Dadurch könnte bei vielen
Besuchern automatisch eine Reduzierung des Krieges auf Widerstand und Verbrechen herbeigeführt werden, und das sind nur Sektoren des Krieges. Wenn überhaupt eine Verbindung zu einer bestehenden Ausstellung sinnvoll wäre, dann zu der Topographie des Terrors. Hier scheinen mir am ehesten Verbindungslinien zu den Formen eines rasseideologisch orientierten Vernichtungskrieges gegeben zu sein. Am günstigsten wäre meiner Meinung nach jedoch die eigenständige Präsentation der Ausstellung in modifizierter Form.
Bernhard Kroener ist seit März dieses Jahres Professor für Militärgeschichte am Historischen Institut der Universität Potsdam. Foto: Fritze
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Von den mehr als 40 Mio. Bänden wissenschaftlicher Fachliteratur in Brandenburg und Berlin sind nur ca. 2,5% maschinenlesbar nachgewiesen. Eine Expertengruppe erarbeitete deshalb„Empfehlungen zur zukünftigen Struktur der Informationssysteme der wissenschaftlichen Bibliotheken des Landes Berlin unter Berücksichtigung der
wissenschaftlichen Bibl:
Brandenburg“. Diese
jotheken des Landes wollen die Wissen
schaftsstaatssekretäre der beiden Länder,
Prof. Dr. Erich Thies u Buttler, sowie Bibliothe
nd Prof. Dr. Friedrich ksfachleute mit einer
Steuerungsgruppe„Kooperativer Bibliotheksverbund Berlin-Brandenburg“ umsetzen. So sollen lokale EDV-Systeme installiert und individuelle Anforderungen der beteiligten Einrichtungen berüchsichtigt werden. Der Nachweis der Gesamtheit der Bestände und der gemeinsame Zugriff auf Fremddaten könnte durch eine Suchmaschine über das Internet erfolgen. mwfk
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