Heft 
(1.1.2019) 04
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PLAKATIVE GESTALTUNG IST NICHT AKZEPTABEL

Der Militärhistoriker Prof. Dr. Bernhard Kroener über die umstrittene Wehrmachtsausstellung

Mit der Wanderausstellung ‚Vernichtungskrieg- Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 hat das Hamburger Institut für Sozialforschung in der deutschen Öffentlichkeit eine beispiellose Kontroverse ausgelöst. Stadtparlamente, Landtage und der Bun­destag diskutierten über die Bilddokumentation, Historiker und Journalisten füllten wochenlang die Feuilletonspalten mit Debattenbeiträgen, und in München gingen 15.000 Gegner und Befürworter der Exposition auf die Straße. Seit Anfang 1995 ist die Dokumentation an 18 Orten gezeigt worden. Rund 50 weitere Einladungen aus dem In- und Ausland liegen den Organisatoren vor. Trotzdem wird bereits über die feste Einrichtung der Ausstellung diskutiert. Neben Berlin und Wünsdorf ist auch Potsdam weiterhin als Standort im Gespräch. Über die wissenschaftliche Bedeutung der Do­kumentation und mögliche Dauerstandorte sprach PUTZ-Redakteur Michael Fischer mit dem Potsdamer Militärhistoriker Prof. Dr. Bernhard Kroener.

PUTZ: Den Ausstellungsmachern wurde Hetze, ‚Verleumdung undDiffamierung der Wehrmacht vorgeworfen. Wie lautet ihre Beurteilung als Militärhistoriker?

Kroener: Als Historiker bin ich nicht bereit, polemische Etikettierungen wieDiffamie­rung undHetze zu akzeptieren. Die tref­fen die Aussage der Ausstellung auch nicht. Dennoch muß man konzeptionelle und me­thodische Bedenken anmerken. Wobei fest­zustellen ist, daß die Ausstellung im Kern wiedergibt, was in der historischen For­schung seit 20 oder 25 Jahren unbestritten ist.

PUTZ: Wo liegen ihre Bedenken?

Kroener: Einerseits läßt die Komposition der Dokumente zu wünschen übrig. Vieles wird unvermittelt dargestellt. Als Historiker möchte ich gerne wissen, in welchem Zu­sammenhang die gezeigten Bilder entstan­den sind. Wenn das Bild als historische Quelle ver­wendet wird, muß es auch historisch inter­pretiert werden. Das heißt: Ort, Zeit, Hin­tergründe und Personen müssen deutlich genannt werden. Zudem scheint mir die Reduzierung der Ausstellung auf den Ver­nichtungskrieg im Osten 1941 bis 1944 unangebracht. Man hätte auch Repressa­lien außerhalb des unmittelbaren Kriegs­geschehens darstellen müssen. Ergän­zend hätten Verbrechen im Rahmen des Rückzuges der Wehrmacht aus Italien und Frankreich thematisiert werden können. Darüber hinaus wäre mir wohler gewesen, wenn die Ausstellung ‚Verbrechen in der Wehrmacht statt ‚Verbrechen der Wehr­macht genannt worden wäre.

Die Verbrechen stellen nur einen Aspekt im Verhalten einer mehrere Millionen Menschen zählenden Gruppe dar. So wie der Widerstand nur von einer verschwin­dend kleinen Gruppe von Soldaten gelei­stet wurde, sind auch Verbrechen inner­halb der Wehrmacht nur von einer kleine­ren Gruppe im Verhältnis zur Gesamtzahl

der Soldaten verübt worden. Das müßte deutlich gemacht werden.

PUTZ: Obwohl die Exposition voraussicht­lich noch bis 1999 unterwegs sein wird, hat die Diskussion über eine feste Bleibe be­reits begonnen. Ist nach vierjähriger Wan­derschau eine ständige öffentliche Präsen­tation der Ausstellung überhaupt noch not­wendig?

Kroener: Eine Ausstellung, die sich mit den lange Zeit verdrängten Aspekten eines modernen, totalitären und industrialisierten Massenkrieges beschäftigt, wird auch im kommenden Jahrtausend von Interesse und womöglich auch notwendig sein. Ob sie dauerhaft in der jetzigen Form präsentiert werden sollte, wage ich zu bezweifeln. Da würde ich einen anderen konzeptionellen Zuschnitt wählen. Die plakative Gestaltung ist einfach nicht akzeptabel. Die mentalitäts­geschichtliche Dimension müßte deutlicher herausgearbeitet werden. Zudem sollten der zeitliche und der geographische Rah­men der Ausstellung erweitert werden.

PUTZ: Die Potsdamer Stadtverordnetenver­sammlung hat eine Dauerausstellung in der Landeshauptstadt vorerst abgelehnt. Wäre Potsdam ihrer Meinung nach als Standort für die Dokumentation geeignet?

Kroener: Berlin wäre als der damalige Kno­tenpunkt politischer und militärischer Ent­scheidungsfindung sicherlich ein sehr ge­eigneter Ort. Potsdam erscheint mir dage­gen eher nachrangig.

PUTZ: In Berlin ist bereits ein konkreter Aus­stellungsort genannt worden: die Gedenk­stätte Deutscher Widerstand...

Kroener: Man muß sich sehr genau über­legen, ob man die Ausstellung in einen be­stehenden Ausstellungskontext integrieren sollte. Ich halte es für problematisch, sie im Bereich der Gedenkstätte Deutscher Wider­stand zu zeigen. Dadurch könnte bei vielen

Besuchern automatisch eine Reduzierung des Krieges auf Widerstand und Verbre­chen herbeigeführt werden, und das sind nur Sektoren des Krieges. Wenn überhaupt eine Verbindung zu einer bestehenden Aus­stellung sinnvoll wäre, dann zu der Topo­graphie des Terrors. Hier scheinen mir am ehesten Verbindungslinien zu den Formen eines rasseideologisch orientierten Ver­nichtungskrieges gegeben zu sein. Am günstigsten wäre meiner Meinung nach jedoch die eigenständige Präsentation der Ausstellung in modifizierter Form.

Bernhard Kroener ist seit März dieses Jahres Professor für Militärgeschichte am Historischen Institut der Universität Potsdam. Foto: Fritze

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