Heft 
(1.1.2019) 05
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VOM LACHEN IM MITTELALTER

Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski hielt seine Antrittsvorlesung

Literaturgeschichte muß nicht die Anein­anderreihung von Werken, Autoren und Entstehungsdaten darstellen. Sie kann vielmehr auch für den weniger Eingeweih­ten amüsant, überraschend und abenteu­erlich sein. Dies bewies vor kurzem Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski, Professor für Germanistische Mediävistik/Ältere deut­sche Literatur im Institut für Germanistik und Dekan der Philosophischen Fakultät I, in seiner multimedial aufbereiteten An­trittsvorlesung. Er gab ihr den TitelDas Lachen, der Eigensinn der Dialog, die Montage. Prolegomena zu einer Literatur­geschichte komischer Widersprüche.

An zwei Beispielen erläuterte der Referent, wie eine Literaturgeschichte komischer Wi­dersprüche aussehen könnte. Zunächst wid­mete er sich der zu Beginn des Mittelalters entstandenenCena Cypriani. Der während des gesamten Mittelalters sehr erfolgreiche Text spielt in der modernen Literaturge­schichte eher eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich bei der Cena um die Schilde­rung eines Festes. Die Komik liege, wie häu­fig, in der Art und Weise, in der erzählt wer­de. Die Zubereitung des ersten Ganges beim Festmahl wird so geschildert:

Noach holte Wein, Hagar brachte einen Schlauch, Judas schaffte Silber herbei, Abraham zog ein Kalb herbei, Rahab band es an, Jesus reichte den Strick, Elija band die Füße des Kalbs zusammen, Petrus über­reichte das Schwert, Daniel zerschmetter­te das Kalb, Kain tötete es,[...]

Abschalom hängte es auf, Elija zog das Fell ab, Hermokrates öffnete den Bauch, Tobias hängte die Innereien auf, Herodes vergoß das Blut,[...] Jafet goß Wasser hinzu.... Bachorski fragte, worin der Reiz des schlicht erzählten, banalen Geschehens liegen könn­te, Das Fest bekomme seinen skurrilen Cha­rakter nicht in erster Linie durch das Aufein­andertreffen von Lebenden und Toten, einer imaginäre(n) Gemeinde der mehr oder we­niger Heiligen und der Patriarchen. Der Germanist liest den Text vielmehr als Zei­Chen eigensinnigen Umgangs mit dem Hei­ligen. Als literarische Strategien kämen Par­Odie, Kalauer, Satire, Verfremdung und Gro­teske zur Anwendung. Der Effekt dabei be­stehe in einerFamiliarisierung dessen, was Nicht nah und vertraut sein dürfe, sondern auf Distanz und Geheimnis seine überwälti­gende Macht gründe.

Der kleine aus dem 16. Jahrhundert stam­mende RomanDer Fincken Ritter diente Bachorski als zweites Beispiel. Darin be­Ychtet ein Ritter in der Ich-Form von seinen Abenteuern in fremden Ländern. Am Ende Stürzt er durch den Kamin in die Stube sei­

ner Mutter, die ihn dann zur Welt bringt. Der Handlungsaufbau ist konventionell wie ver­wirrend. Motive der Utopie des Schlaraffen­landes finden Verwendung. Die vertraute Welt steht auf dem Kopf: Bauern bellen, Hunde sind mit Spießen ausgerüstet und werden von Hasen gefangen. Noch chaoti­scher geht es zu, wenn die Zeit rückwärts läuft oder stockt, im Raum Orientierungen unmöglich sind. Kausalitäten lösen sich auf, wenn beispielsweise der im Baum gefange­ne Held nach Hause läuft, um eine Axt zu holen, mit der er sich selbst befreit.

Die beiden ausgewählten Texte stehen nach Auffassung Bachorskisin einem ei­gensinnigen Dialogverhältnis zum Macht­system, zum herrschenden Diskurs, seiner autoritären Selbstgewißheit und Geschlos­

senheit: Siekarnevalisieren',

Die diesjährige Jahrestagung des Ausschusses für Außenwirtschaftstheorie und-politik des Vereins für Socialpolitik fand im Mai dieses Jahres an der Universität Potsdam statt. Dem Ausschuß gehören die in diesem Bereich forschenden und lehrenden führenden deutsch­sprachigen Volkswirte an. Die Einführung bildete ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu neueren Außenhandelstheo­rien und deren Implikationen für die Wechsel­kursentwicklung(Prof. Dr. Dieter Bender, Bochum). Danach wurden insbesondere die Auswirkungen von Wechselkursrisiken auf den internationalen Handel und dazugehörig die Verhaltensweisen von oligopolitischen Unter­nehmen bei Wechselkursunsicherheiten disku­tiert. Folgerichtig ging es anschließend um die Glaubwürdigkeit verschiedener Formen der Währungspolitik und um aktuelle Fragen der Geld- und Währungspolitik in einer möglichen Währungsunion(Prof. Dr. Helmut Hesse, Landeszentralbankpräsident von Bremen,

Der Eigensinn ist nun aber nicht per se wit­zig. Er er scheint vwiel­mehr ebenso als Tragödie, als Wahnsinn, als Kohlhaserie und vieles mehr. Im Sinne des Vortrages ist das Lachen das Spezifikum des Eigensinns. In diesem Kon­text wäre der Eigensinn nicht nur derFo­kus der zu schreibenden Literaturge­schichte, sondern auch die Haltung, mit der man sich- möglicherweise- dem gewalt­tätigen Zurichtungsdruck des gängigen Wissenschaftsbetriebs entziehen kann, re­sümierte der Vortragende. B.E.

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Prof. Dr. Hans-Jürgen Ba­chorski Foto: Fritze

Niedersachsen und Sachsen-Anhalt). Dieses wiederum bereitete den Weg zu einer Diskus­sion des wirtschaftlichen Wachstums in einer diversifizierten offenen Volkswirtschaft sowie zum Nachdenken über das Subsidiaritätsprinzip und über Fragen des Wettbewerbs von(Steuer­ Sozial-, Arbeitsmarkt-)Systemen im Falle einer einheitlichen Währung(Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, München). Der Bezug zur universitären Lehre und Forschung wurde durch einen stark diskutierten Vortrag über aktuelle hochschul­politische Fragestellungen von Staatssekretär Prof. Dr. Friedrich Buttler aus dem Wissen­schaftsministerium während eines Empfanges durch die Landeszentralbank Berlin-Branden­burg in Potsdam gewahrt. Der Organisator der Tagung, Prof. Dr. Wilfried Fuhrmann aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, nutzte darüber hinaus die Gelegenheit, die Universität und den Standort Potsdam vorzustellen. Das Foto zeigt die Teilnehmer vor dem Neuen Palais, Text und Foto: W.F

PUTZ 5/97

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