VOM LACHEN IM MITTELALTER
Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski hielt seine Antrittsvorlesung
Literaturgeschichte muß nicht die Aneinanderreihung von Werken, Autoren und Entstehungsdaten darstellen. Sie kann vielmehr auch für den weniger Eingeweihten amüsant, überraschend und abenteuerlich sein. Dies bewies vor kurzem Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski, Professor für Germanistische Mediävistik/Ältere deutsche Literatur im Institut für Germanistik und Dekan der Philosophischen Fakultät I, in seiner multimedial aufbereiteten Antrittsvorlesung. Er gab ihr den Titel„Das Lachen, der Eigensinn— der Dialog, die Montage. Prolegomena zu einer Literaturgeschichte komischer Widersprüche“.
An zwei Beispielen erläuterte der Referent, wie eine Literaturgeschichte komischer Widersprüche aussehen könnte. Zunächst widmete er sich der zu Beginn des Mittelalters entstandenen„Cena Cypriani“. Der während des gesamten Mittelalters sehr erfolgreiche Text spielt in der modernen Literaturgeschichte eher eine untergeordnete Rolle. Es handelt sich bei der Cena um die Schilderung eines Festes. Die Komik liege, wie häufig, in der Art und Weise, in der erzählt werde. Die Zubereitung des ersten Ganges beim Festmahl wird so geschildert:
„Noach holte Wein, Hagar brachte einen Schlauch, Judas schaffte Silber herbei, Abraham zog ein Kalb herbei, Rahab band es an, Jesus reichte den Strick, Elija band die Füße des Kalbs zusammen, Petrus überreichte das Schwert, Daniel zerschmetterte das Kalb, Kain tötete es,[...]
Abschalom hängte es auf, Elija zog das Fell ab, Hermokrates öffnete den Bauch, Tobias hängte die Innereien auf, Herodes vergoß das Blut,[...] Jafet goß Wasser hinzu...“. Bachorski fragte, worin der Reiz des schlicht erzählten, banalen Geschehens liegen könnte, Das Fest bekomme seinen skurrilen Charakter nicht in erster Linie durch das Aufeinandertreffen von Lebenden und Toten, einer „imaginäre(n) Gemeinde der mehr oder weniger Heiligen und der Patriarchen“. Der Germanist liest den Text vielmehr als ZeiChen eigensinnigen Umgangs mit dem Heiligen. Als literarische Strategien kämen ParOdie, Kalauer, Satire, Verfremdung und Groteske zur Anwendung. Der Effekt dabei bestehe in einer„Familiarisierung“ dessen, was Nicht nah und vertraut sein dürfe, sondern auf Distanz und Geheimnis seine überwältigende Macht gründe.
Der kleine aus dem 16. Jahrhundert stammende Roman„Der Fincken Ritter“ diente Bachorski als zweites Beispiel. Darin beYchtet ein Ritter in der Ich-Form von seinen Abenteuern in fremden Ländern. Am Ende Stürzt er durch den Kamin in die Stube sei
ner Mutter, die ihn dann zur Welt bringt. Der Handlungsaufbau ist konventionell wie verwirrend. Motive der Utopie des Schlaraffenlandes finden Verwendung. Die vertraute Welt steht auf dem Kopf: Bauern bellen, Hunde sind mit Spießen ausgerüstet und werden von Hasen gefangen. Noch chaotischer geht es zu, wenn die Zeit rückwärts läuft oder stockt, im Raum Orientierungen unmöglich sind. Kausalitäten lösen sich auf, wenn beispielsweise der im Baum gefangene Held nach Hause läuft, um eine Axt zu holen, mit der er sich selbst befreit.
Die beiden ausgewählten Texte stehen nach Auffassung Bachorskis„in einem eigensinnigen Dialogverhältnis zum Machtsystem, zum herrschenden Diskurs, seiner autoritären Selbstgewißheit und Geschlos
senheit: Sie‘karnevalisieren'“,
Die diesjährige Jahrestagung des Ausschusses für Außenwirtschaftstheorie und-politik des Vereins für Socialpolitik fand im Mai dieses Jahres an der Universität Potsdam statt. Dem Ausschuß gehören die in diesem Bereich forschenden und lehrenden führenden deutschsprachigen Volkswirte an. Die Einführung bildete ein Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zu neueren Außenhandelstheorien und deren Implikationen für die Wechselkursentwicklung(Prof. Dr. Dieter Bender, Bochum). Danach wurden insbesondere die Auswirkungen von Wechselkursrisiken auf den internationalen Handel und dazugehörig die Verhaltensweisen von oligopolitischen Unternehmen bei Wechselkursunsicherheiten diskutiert. Folgerichtig ging es anschließend um die Glaubwürdigkeit verschiedener Formen der Währungspolitik und um aktuelle Fragen der Geld- und Währungspolitik in einer möglichen Währungsunion(Prof. Dr. Helmut Hesse, Landeszentralbankpräsident von Bremen,
Der Eigensinn ist nun aber nicht per se witzig. Er er scheint vwielmehr ebenso als Tragödie, als Wahnsinn, als Kohlhaserie und vieles mehr. Im Sinne des Vortrages ist das Lachen das Spezifikum des Eigensinns. In diesem Kontext wäre der Eigensinn nicht nur der„Fokus“ der zu schreibenden Literaturgeschichte, sondern auch die Haltung, mit der man sich- möglicherweise- dem gewalttätigen Zurichtungsdruck des gängigen Wissenschaftsbetriebs entziehen kann“, resümierte der Vortragende. B.E.
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Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski Foto: Fritze
Niedersachsen und Sachsen-Anhalt). Dieses wiederum bereitete den Weg zu einer Diskussion des wirtschaftlichen Wachstums in einer diversifizierten offenen Volkswirtschaft sowie zum Nachdenken über das Subsidiaritätsprinzip und über Fragen des Wettbewerbs von(Steuer‚ Sozial-, Arbeitsmarkt-)Systemen im Falle einer einheitlichen Währung(Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, München). Der Bezug zur universitären Lehre und Forschung wurde durch einen stark diskutierten Vortrag über aktuelle hochschulpolitische Fragestellungen von Staatssekretär Prof. Dr. Friedrich Buttler aus dem Wissenschaftsministerium während eines Empfanges durch die Landeszentralbank Berlin-Brandenburg in Potsdam gewahrt. Der Organisator der Tagung, Prof. Dr. Wilfried Fuhrmann aus der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät, nutzte darüber hinaus die Gelegenheit, die Universität und den Standort Potsdam vorzustellen. Das Foto zeigt die Teilnehmer vor dem Neuen Palais, Text und Foto: W.F
PUTZ 5/97
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