hindern, ein Studium aufzunehmen. Aus meiner Sicht ist es nicht wahrscheinlich, daß wir noch in diesem Jahrhundert zu den Gebühren in Deutschland kommen. PUTZ: In den sieben Jahren Ihrer Amtszeit haben Sie auch den Aufbau der ostdeutschen Hochschullandschaft begleitet. Wie lautet Ihre Bilanz? Erichsen: Ich sehe die ostdeutschen Hochschulen als vollwertige Mitglieder der Hochschulgemeinschaft und Hochschulgesamtheit in Deutschland. Das gilt für die Universitäten wie für die Fachhochschulen. Es ist allerdings nicht alles so gelaufen, wie ich mir das vorgestellt habe. Die Chance, das Bewährte zu erhalten und Neues aufzubauen, ist von den Hochschulen schon wegen des von innen kommenden Anpassungsdrucks nicht genutzt worden. Es kam noch hinzu, daß einige Organisationen im Westen das Heil darin sahen, den Osten nach dem Vorbild des Westens zu formen. Dabei war auch der Wissenschaftsrat nicht unbeteiligt. Das Überraschende für mich war, daß im Westen plötzlich überhaupt keine Diskussionen mehr über die Mängel des dort etablierten Systems stattfanden. Die waren über Nacht gewissermaßen verflogen. Erst jetzt ist es so, daß sich die Hochschulen in den jungen Bundesländern nach einer gewissen Konsolidierung fragen, ob man nicht doch das eine oder andere hätte bewahren sollen, oder ob man es jetzt nicht wiederaufnehmen und fortführen sollte.
MEHR CHARISMA FÜR DIE DEUTSCHEN UNIS
Peter Glotz eröffnete die Potsdamer Hochschulpolitischen Dispute
Der amerikanische Traum, so könnte man den Vortrag von Peter Glotz zusammenfassen, den er Ende Mai im Rahmen der von der Konzilsvorsitzenden, Prof. Dr. Meike Aissen-Crewett, initiierten Reihe„Hochschulpolitische Dispute“ im Audimax der Universität Potsdam hielt. Der Gründungsrektor der Universität Erfurt und langjährige Bildungspolitiker der SPD war gekommen, um das Spannungsverhältnis zwischen Standortfaktor und geistigem Raum in bezug auf die Universitäten zu erhellen.
Zu Beginn mußte er erst einmal seinen berühmt gewordenen Buchtitel von den„im Kern verrotteten“ Universitäten relativieren. Diese Aussage sei zu pauschal, auch wenn die Universitäten in ernster Gefahr seien. Ihr Dilemma bestehe vor allem in einem mangelnden Selbstbewußtsein, das eine Spätfolge des Bruchs sei, den die Universitäten nach 1945 hätten vollziehen müssen. Inwieweit dieser fällige Bruch nicht erst im Zuge der sogenannten 68er Bewegung erfolgte, blieb dabei ausgespart.
Peter Glotz diagnostizierte zum einen eine allgemeine Unterfinanzierung des Bildungssektors. Zum anderen würden die Universitäten zu einem Amt unter Ämtern verkommen und keine Rolle in der Gesellschaft mehr spielen. Es fehlten die Leute von Ein
DAS EU-INFOMOBIL KAM_
Einer nun schon sechsjährigen Tradition folgend, führte die Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland auch in diesem Sommersemester eine Infomobil-Tour durch. Über 10.000 Klometer Sollten dabei in der Zeit vom 28. April bis zum 7. Juli 1997 auf bundesdeutschen Straßen zurückgelegt werden. Insgesamt 40 Hochschulen standen auf dem Besuchsprogramm. Halt machte das Infomobil Ende April ebenfalls an der Universität Potsdam. Vor der Mensa auf dem Komplex 1 Am Neuen Palais hatten alle interessierten Studenten die Gelegenheit, Fragen zu stellen, Infomaterial mitzunehmen Oder erste Kontakte zu knüpfen. Wer wollte, konnte zudem— im Zeitalter von bits und bytes- auf einem eigens bereitgestellten Computer die Internet-Server der Europäischen Union nutzen. Auskunft erteilten diesmal Angela Joosten(Bildmitte) sowie Tobias Schäfer(4.v.r.) vom Infomobil-Team. Verstärkt wurden sie durch die Leiterin des Akademischen Auslandsamtes der Alma mater, Dr.
} Regina Neum(2.vr.). In den Gesprächen vor Ort standen nicht nur allgemeine und ganz konkrete
Probleme bei der Planung eines Auslandsaufenthaltes im Mittelpunkt, sondern ebenso die Binnenmarkt-Situation, der Verbraucherschutz oder der Euro. Besondere Aufmerksamkeit galt
wiederholt den europäischen Bildungsprogrammen SOKRATES/ERASMUS und LEONARDO,
ERASMUS fördert den Studentenaustausch innerhalb der europäischen Universitäten, LEONARDO dagegen den Praktikantenaustausch zwischen Hochschulen und Unternehmen. PG./Foto: Tribukeit
fluß, die Impulse an die Gesellschaft geben könnten. Die Universitäten seien kein Kommunikationsort mehr, sondern liefen Gefahr, in Spezlalistentum zu versacken. Heutzuta- 1 ge sei es für eine n universitäre Karriere nötig, sich weitgehend anzupassen. Unbequeme und kritische Stimmen hätten wenig Chancen. Als Beispiel führte er Jürgen Habermas an, der erst über Umwege eine Professur erhielt. Dieser Anpassungsdruck führe zu einem verengten Studium und sei eine Ursache dafür, daß das Potential der jungen Generation nicht ausreichend genutzt würde, so Peter Glotz.
Auch wenn er selbst die Bezeichnung „amerikanischer Traum“ zurückwies, kamen die positiven Gegenbeispiele für Glotz in der Regel von dort. So verwies er darauf, daß amerikanische Studierende sich mehr mit ihren Universitäten identifizieren und von diesen auch besser betreut würden. In den USA sei es etwa üblich, daß Studierende auch nach ihrem Studium noch von ihrer ehemaligen Universität zu Bällen eingeladen würden. Mit den besten Universitäten dort könne keine deutsche konkurrieren. Immerhin erwähnte er die Kluft zwischen den amerikanischen Spitzenuniversitäten und den Durchschnittseinrichtungen.
Die deutschen Universitäten bräuchten mehr Charisma, forderte er am Ende. Sie müßten in die gesellschaftliche Diskussion hinein. Nötig sei eine Wende in der staatlichen Finanzierung und die Erhebung von Studiengebühren. Außerdem müßten sich die Universitäten ihre Studierenden selbst aussuchen dürfen. Überhaupt, die Studierenden. Das war ein wunder Punkt in seinem Vortrag. Sie kamen bei ihm nur als Objekte im Gesamtbetrieb Universität vor. Sei es als Beitragszahler oder als Konsumenten von Lehrveranstaltungen, die diese danach netterweise ein bißchen evaluieren dürfen. Oder als Mäzene, die ihrer Uni ein Leben lang so verbunden bleiben, daß sie sie reichlich mit Spenden versehen und regelmäßig die Uni-Bälle besuchen. Das Charisma und die Impulse sollten von ihnen jedenfalls nicht ausgehen. Das scheint im Widerspruch zu stehen zu seiner Klage, daß die Studierenden zu angepaßt und zu karriereorientiert seien. Eine Universität, die ihre Studierenden nicht als Subjekte mit allgemeinen Mitspracherechten versteht, produziert halt nur angepaßte und karriereorientierte Absolventinnen und Absolventen. Florian von Alemann
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