MIT JÜDISCHER VERGANGENHEIT IN EINE EUROPÄISCHE ZUKUNFT
Tagung des Moses Mendelssohn Zentrums zur Sicherung jüdischen Kulturerbes
Am Ende des Jahrtausends rückt Europa als Ganzes zunehmend ins Blickfeld. Seine kulturellen Potenzen, insbesondere das allen Bürgern gehörende Erbe der Geschichte, Kunst und Literatur, könnten dazu beitragen, daß beim einzelnen die Sensibilität für ein europäisches Bewußtsein wächst. Jüdische Literatur, Geschichte, Philosophie und Kunst, denen zu allen Zeiten die europäische Dimension innewohnte, wäre für diese Aufgabe bestens geeignet. Voraussetzung ist allerdings, daß dieses Erbe stärker wahrgenommen und es in weiten Teilen Mittel-, Ost- und Nordeuropas, in denen die politische Öffnung viele Zugänge freigelegt hat, gesichert und erschlossen wird.
Erfreulicherweise ist vom einst reichen Jjüdischen Leben in Europa bis zur Shoah mehr geblieben, als nach 1945 zunächst erwartet wurde. Auch wächst das Bedürfnis, sich dieser Vergangenheit mit ihren reichen Dokumenten aller Art zu versiCchern. Dabei ist Eile angezeigt, denn manches Material liegt auf Böden und in Kellern, von anderem sind die verschlungenen Wege seiner häufigen Verlagerungen nicht bekannt, wieder anderes ist in den letzten Jahren gen Westen verkauft worden. Die Abschottung der staatlichen ArCchive hat den hier gelagerten Dokumenten dagegen häufig eine gute Beschaffenheit erhalten, doch ist der Zugang nicht einfach. Überhaupt wurde der Stellenwert deutlich, den persönliche Verbindungen in diesem Zusammenhang besitzen.
Dem„Methodischen Vorgehen bei der Sicherung schriftlicher, visueller und mündlicher Zeugnisse jüdischen Kulturerbes in Europa“ diente eine Tagung, die Anfang Mai zwanzig Wissenschaftler, Archivare, Museumsmitarbeiter und Privatpersonen aus zehn Staaten Europas in Potsdam zusammenführte. Mit finanzieller Unterstützung der Generaldirektion Information, Kommunikation, Kultur, Audiovisuelle Medien der Europäischen Kommission war es dem Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), dessen Bezeichnung„für europäisch-jüdische Studien“ selten in dieser Totalität mit einem Tagungsgegenstand korrespondierte, möglich, Gastgeber zu sein. Die Teilnehmer, deren Herkunftsländer vorgegeben waren, kamen aus Lettland, Litauen und Estland, aus Polen, Ungarn, Bulgarien, aus Österreich, Großbritannien, Belgien und Deutschland.
Der Wunsch nach einem Gedankenaustausch über Quellen jüdischen Lebens, deren Sicherung und Verwertung im Sin
ne eines Lernens aus der Vergangenheit für die Zukunft stand bei allen Teilnehmern ganz obenan. Insbesondere bewegte das Problem der schnellen Rettung von Zeugnissen die Vertreter der drei baltischen Staaten, so die Vierundsiebzigjährige Eugenia Gurin-Loov aus Tallin, Zweite Vorsitzende der dortigen Gemeinde, die zusammengetragene Exponate in ihrem Kleiderschrank aufbewahrt. ‚Was wird, wenn ich gehe?“, fragt auch Margers Vestermanis, Überlebender in Riga. Mühsam unterhält er mit Spenden und dem Geld aus Vorträgen in Deutschland seit einem Jahr in Riga ein kleines Museum und Dokumentationszentrum, dessen Existenz keinesfalls gesichert ist. Esfira Bramson, schon längst im Rentenalter, braucht bei ihrer Arbeit als Leiterin der Judaica-Abteiung der Litauischen Nationalbibliothek in Wilna ebenfalls personelle und materielle Hilfe.
In Potsdam standen den Gästen Experten aus dem Bundesarchiv, dem Brandenburgischen Landeshauptarchiv, dem Centrum Judaicum, den Universitäten Tübingen und Potsdam, der Fachhochschule Potsdam und aus dem MMZ zur Verfügung. Zunächst gab Dr. Joachim Schlör, in dessen Händen die Tagung lag, eine grundlegende, literarisch untersetzte Einführung in den Problemkreis. Dr. Elisabeth Brachmann-Teubner vom Bundesarchiv referierte über archivalische Quellen zur Geschichte der Juden in Europa, Dr. Eleonora Bergman aus Warschau stellte das Ringelblum-Archiv vor, und Martha Keil aus St. Pölten/Österreich vermittelte Wissen über die Aufnahme jüdischer Urkunden, die Bearbeitung hebräischer Quellen und Responsen. Zum Umgang mit mündlich überlieferten Zeugnissen sprachen Eva Lezzi und Cathy Gelbin, die am MMZ das „Archiv der Erinnerung“ betreuen, und Hans Cristian Siller von der Foundation Auschwitz. Weitere Vorträge befaßten sich u.a. mit Synagogen-Architektur(Dr. Saskia Rohde, Hamburg), mit einschlägigen, z.T. jiddischsprachigen Zeitschriften(Peter Varga, Budapest; Dr. Gennadi Estraikh, Oxford). Alle Gäste hatten Gelegenheit, ihre Institutionen, ihre Erfahrungen und ihre Sorgen vorzustellen und sich in Einzelfragen beraten zu lassen.
Die sehr intensive und ergebnisorientierte Abschlußdiskussion leitete der Präsident des Bundesarchivs, Prof. Dr. Friedrich Kahlenberg, was durchaus als Indiz für den Stellenwert der Problematik zu sehen ist. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß weitere Zusammenkünfte nötig seien und man ein Instrumentarium brauche. Man
kam u.a. überein, gemeinsam mit Experten vor Ort eine Bestandsaufnahme jüdischer Quellen in Ost- und Mitteleuropa sowie in den baltischen Staaten zu versuchen, wofür Mittel bei der EU beantragt werden sollen. Das MMZ, das sich insgesamt einer hohen Erwartungshaltung gegenübersah, wird sich in seinen Bemühungen auf die baltischen Staaten konzentrieren, wo Hilfe ebenso wie in Rußland und der Ukraine am nötigsten ist. Angestrebt wird eine Bündelung von Aktivitäten der einschlägigen Institutionen in Deutschland und die Gründung eines europaweiten Arbeitskreises„Jüdische Kultur in Europa“. Regine Derdack
JIDDISCHE BÜCHER JÜDISCHES LEBEN
Eröffnung der BercoviciBibliothek an der Uni
Wasserträger Gottes nannte Manes Sperber die Juden Osteuropas. Wörterträger Gottes könnte man Israil Bercovici nennen, dessen über Jahre gesammelte Jiddische Bibliothek nunmehr unter der Betreuung der Professur für Religionswissenschaft, die Dr. Karl Erich Grözinger innehat, an der Universität Potsdam steht.
Die Juden sind das Volk des Buches, und so können Jüdische Studien nicht ohne Bibliotheken arbeiten. Deshalb ist der Ankauf der wertvollen Privatbibliothek Israil Bercovicis durch die Universität von besonderer Bedeutung für
Lehre und Forschung. Foto: Tribukeit
„Blatt für Blatt, Buch für Buch“ hat dieser Mann als Student, als Redakteur, als Dramaturg des Jüdischen Staatstheaters Bukarest diese Bibliothek zusammengetragen. Sie half ihm, Texte für Matineen und Revuen zu schreiben, Dramen zu übersetzen, seine
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PUTZ 5/97