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(1.1.2019) 05
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MIT JÜDISCHER VERGANGENHEIT IN EINE EUROPÄISCHE ZUKUNFT

Tagung des Moses Mendelssohn Zentrums zur Sicherung jüdischen Kulturerbes

Am Ende des Jahrtausends rückt Europa als Ganzes zunehmend ins Blickfeld. Seine kulturellen Potenzen, insbesonde­re das allen Bürgern gehörende Erbe der Geschichte, Kunst und Literatur, könnten dazu beitragen, daß beim ein­zelnen die Sensibilität für ein europäi­sches Bewußtsein wächst. Jüdische Lite­ratur, Geschichte, Philosophie und Kunst, denen zu allen Zeiten die europäi­sche Dimension innewohnte, wäre für diese Aufgabe bestens geeignet. Vor­aussetzung ist allerdings, daß dieses Erbe stärker wahrgenommen und es in weiten Teilen Mittel-, Ost- und Nordeu­ropas, in denen die politische Öffnung viele Zugänge freigelegt hat, gesichert und erschlossen wird.

Erfreulicherweise ist vom einst reichen Jjü­dischen Leben in Europa bis zur Shoah mehr geblieben, als nach 1945 zunächst erwartet wurde. Auch wächst das Bedürf­nis, sich dieser Vergangenheit mit ihren reichen Dokumenten aller Art zu versi­Cchern. Dabei ist Eile angezeigt, denn man­ches Material liegt auf Böden und in Kel­lern, von anderem sind die verschlunge­nen Wege seiner häufigen Verlagerungen nicht bekannt, wieder anderes ist in den letzten Jahren gen Westen verkauft wor­den. Die Abschottung der staatlichen Ar­Cchive hat den hier gelagerten Dokumenten dagegen häufig eine gute Beschaffenheit erhalten, doch ist der Zugang nicht ein­fach. Überhaupt wurde der Stellenwert deutlich, den persönliche Verbindungen in diesem Zusammenhang besitzen.

DemMethodischen Vorgehen bei der Si­cherung schriftlicher, visueller und münd­licher Zeugnisse jüdischen Kulturerbes in Europa diente eine Tagung, die Anfang Mai zwanzig Wissenschaftler, Archivare, Museumsmitarbeiter und Privatpersonen aus zehn Staaten Europas in Potsdam zu­sammenführte. Mit finanzieller Unterstüt­zung der Generaldirektion Information, Kommunikation, Kultur, Audiovisuelle Me­dien der Europäischen Kommission war es dem Moses Mendelssohn Zentrum (MMZ), dessen Bezeichnungfür europä­isch-jüdische Studien selten in dieser To­talität mit einem Tagungsgegenstand kor­respondierte, möglich, Gastgeber zu sein. Die Teilnehmer, deren Herkunftsländer vorgegeben waren, kamen aus Lettland, Litauen und Estland, aus Polen, Ungarn, Bulgarien, aus Österreich, Großbritannien, Belgien und Deutschland.

Der Wunsch nach einem Gedankenaus­tausch über Quellen jüdischen Lebens, deren Sicherung und Verwertung im Sin­

ne eines Lernens aus der Vergangenheit für die Zukunft stand bei allen Teilnehmern ganz obenan. Insbesondere bewegte das Problem der schnellen Rettung von Zeug­nissen die Vertreter der drei baltischen Staaten, so die Vierundsiebzigjährige Eugenia Gurin-Loov aus Tallin, Zweite Vor­sitzende der dortigen Gemeinde, die zu­sammengetragene Exponate in ihrem Klei­derschrank aufbewahrt. ‚Was wird, wenn ich gehe?, fragt auch Margers Vester­manis, Überlebender in Riga. Mühsam unterhält er mit Spenden und dem Geld aus Vorträgen in Deutschland seit einem Jahr in Riga ein kleines Museum und Dokumentationszentrum, dessen Existenz keinesfalls gesichert ist. Esfira Bramson, schon längst im Rentenalter, braucht bei ihrer Arbeit als Leiterin der Judaica-Abtei­ung der Litauischen Nationalbibliothek in Wilna ebenfalls personelle und materielle Hilfe.

In Potsdam standen den Gästen Experten aus dem Bundesarchiv, dem Brandenbur­gischen Landeshauptarchiv, dem Centrum Judaicum, den Universitäten Tübingen und Potsdam, der Fachhochschule Potsdam und aus dem MMZ zur Verfügung. Zu­nächst gab Dr. Joachim Schlör, in dessen Händen die Tagung lag, eine grundlegen­de, literarisch untersetzte Einführung in den Problemkreis. Dr. Elisabeth Brach­mann-Teubner vom Bundesarchiv referier­te über archivalische Quellen zur Ge­schichte der Juden in Europa, Dr. Eleonora Bergman aus Warschau stellte das Ringel­blum-Archiv vor, und Martha Keil aus St. Pölten/Österreich vermittelte Wissen über die Aufnahme jüdischer Urkunden, die Be­arbeitung hebräischer Quellen und Responsen. Zum Umgang mit mündlich überlieferten Zeugnissen sprachen Eva Lezzi und Cathy Gelbin, die am MMZ das Archiv der Erinnerung betreuen, und Hans Cristian Siller von der Foundation Auschwitz. Weitere Vorträge befaßten sich u.a. mit Synagogen-Architektur(Dr. Saskia Rohde, Hamburg), mit einschlägigen, z.T. jiddischsprachigen Zeitschriften(Peter Varga, Budapest; Dr. Gennadi Estraikh, Oxford). Alle Gäste hatten Gelegenheit, ihre Institutionen, ihre Erfahrungen und ihre Sorgen vorzustellen und sich in Ein­zelfragen beraten zu lassen.

Die sehr intensive und ergebnisorientierte Abschlußdiskussion leitete der Präsident des Bundesarchivs, Prof. Dr. Friedrich Kahlenberg, was durchaus als Indiz für den Stellenwert der Problematik zu sehen ist. Alle Teilnehmer waren sich einig, daß weitere Zusammenkünfte nötig seien und man ein Instrumentarium brauche. Man

kam u.a. überein, gemeinsam mit Exper­ten vor Ort eine Bestandsaufnahme jüdi­scher Quellen in Ost- und Mitteleuropa sowie in den baltischen Staaten zu versu­chen, wofür Mittel bei der EU beantragt werden sollen. Das MMZ, das sich insge­samt einer hohen Erwartungshaltung gegenübersah, wird sich in seinen Bemü­hungen auf die baltischen Staaten konzen­trieren, wo Hilfe ebenso wie in Rußland und der Ukraine am nötigsten ist. Ange­strebt wird eine Bündelung von Aktivitäten der einschlägigen Institutionen in Deutsch­land und die Gründung eines europa­weiten ArbeitskreisesJüdische Kultur in Europa. Regine Derdack

JIDDISCHE BÜCHER ­JÜDISCHES LEBEN

Eröffnung der Bercovici­Bibliothek an der Uni

Wasserträger Gottes nannte Manes Sper­ber die Juden Osteuropas. Wörterträger Gottes könnte man Israil Bercovici nen­nen, dessen über Jahre gesammelte Jid­dische Bibliothek nunmehr unter der Be­treuung der Professur für Religionswis­senschaft, die Dr. Karl Erich Grözinger innehat, an der Universität Potsdam steht.

Die Juden sind das Volk des Buches, und so können Jüdische Studien nicht ohne Bibliotheken arbeiten. Deshalb ist der Ankauf der wertvollen Privatbibliothek Israil Bercovicis durch die Universität von besonderer Bedeutung für

Lehre und Forschung. Foto: Tribukeit

Blatt für Blatt, Buch für Buch hat dieser Mann als Student, als Redakteur, als Dra­maturg des Jüdischen Staatstheaters Buka­rest diese Bibliothek zusammengetragen. Sie half ihm, Texte für Matineen und Revuen zu schreiben, Dramen zu übersetzen, seine

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PUTZ 5/97