Theatergeschichte zu verfassen.„Sie war ihm zugleich Fluchtburg, wie er mir einmal bestätigte“— so der Mannheimer Kulturredakteur Joachim Hemmerle bei der bewegenden Eröffnung der Bercovici Bibliothek im Mai 1997, zu welcher auch die Witwe von Israil Bercovici, Dr. Mirjam Bercovici, aus Bukarest angereist war.„Und doch“, so fuhr Hemmerle fort,„hat ihn diese großartige Sammlung zugleich immer an etwas Schreckliches erinnert: daß er mit einer Sprache lebte und arbeitete, die keine normale Entwicklung aufweisen kann.“ Bercovicis Klage in seinem Gedicht„Wejtik“, „niemand zu haben, dem er ein jiddisches Gedicht vorlesen kann, sagt wohl viel über die Triebkräfte aus, die zum Zustandekommen dieser wunderbaren Sammlung führten. Das ist— Blatt für Blatt, Buch für Buch— aus den Trümmern dieses Jahrhunderts zusammengetragen.“ Den Notschrei dieses Jahrhunderts ließ die bekannte Berliner Sängerin Jalda Rebling, begleitet von Werner Apel, in dem jiddischen Lied von Schmerke Kaczerginski vernehmen: Soll schojn komen die ge’ ule.„Möchte doch die Erlösung endlich kommen!“
Die von Jalda Rebling gesungenen Lieder und die von dem Jiddisch-Übersetzer Andre Jendrusch vorgetragenen jiddischen Gedichte führten die Anwesenden in fast gespenstischer Weise in die Welt der ostjüdischen Kultur zurück— als ob dieser Bibliothek für eine Stunde Leben und Wirklichkeit eingehaucht worden wären.
Die Direktorin der Universitätsbibliothek, Barbara Schneider-Eßlinger, stellte den Gästen das bibliothekarische Umfeld der neuen Sammlung vor, während Prof. Dr. Karl Erich Grözinger einen Überblick über die Geschichte der jiddischen Sprache und Literatur gab und deren Bedeutung für die Potsdamer jüdischen Studien erläuterte. Eine kleine Ausstellung zu Leben und Werk von Israil Bercovicis rundete diese gelungene Bibliotheks-Eröffnung ab. KEG
RÖNTGENDIFFRAKTOMETER FÜR GEOWISSENSCHAFTLER
Mit einem Röntgendiffraktometer zur Bestimmung von kleinsten Kristallen wird die Laborausstattung des Instituts für Geowissenschaften der Universität Potsdam ergänzt. 351.000 DM hat das Brandenburger Wissenschaftsministerium für die Anschaffung des Forschungsgerätes zur Verfügung gestellt. Die Investition war vom WissenSchaftsrat empfohlen worden. Mit dem neuen Gerät sollen vor allem Tonminerale in Seesedimenten identifiziert werden. Derartige Untersuchungen ermöglichen unter anderem die Beschreibung junger tektonischer Bewegungen. Aufschlußreiche Daten über Gebirgsbildungen können so erfaßt werden. mcef
WANDLUNGSPROZESSE IM JUDENTUM DURCH DIE AUFKLÄRUNG Kongreß zu interdisziplinärem Forschungsprojekt
Zum Auftakt des Kongresses zu den„Wandlungsprozessen des Judentums durch die Aufklärung“ gab der Chor des Helmholtz-Gymnasiums Kostproben aus dem synagogalen Musikleben des 19.
Jahrhunderts zum Besten.
Die Aufklärung und die ihr folgende Emanzipation hat zu einer grundstürzenden Neugestaltung des Judentums geführt, die nur mit der Hellenisierung des Judentums in der Antike und dem Einfluß der griechisch-arabischen Philosophie im Mittelalter zu vergleichen ist. Bisher selbstverständliche jüdische Lebensund Glaubensformen wurden erschüttert und in Frage gestellt. Neue Paradigmen wurden gesucht. Eine Vielzahl traditioneller und neuer Akteure traten auf den Plan, um mit herkömmlichen und völlig neuen Mitteln ein neues Judentum zu„konstrujeren“— letzteres gilt in nicht geringerem Maße für die Gruppierungen, die als Orthodoxie oder Neoorthodoxie in die Geschichte eingegangen sind. Diesem Ringen, daß sich vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein vollzog, war ein von der Religionswissenschaft und den Jüdischen Studien der Universität Potsdam organisierter Kongreß vom 28. bis zum 30. Mai dieses Jahres gewidmet.
Die Teilnehmer der Debatten gehören zu einem seit etwa drei Jahren von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten interdisziplinären Forschungsprojekt, das an den Universitäten Hamburg, Potsdam, Aachen, Darmstadt, Mannheim, Bamberg und Stuttgart angesiedelt ist. Außerdem waren zwei Redner aus Israel geladen: Prof. Dr. Mordechai Breuer aus Jerusalem und Prof, Dr. Robert Liberles aus Beer Scheva. Die Einzelprojekte gehören
Foto: Fritze
der Religionswissenschaft, der Erziehungswissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte, Volkskunde und Germanistik an. Für das Potsdamer Treffen wurde zum ersten Mal auch die Musikwissenschaft hinzugezogen. Prof. Dr. Karl E. Grözinger hatte den Chor und das Vokalistenensemble des Potsdamer Helmholtz-CGymnasiums und den Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlins, Laszlo Pasztor, dafür gewinnen können, die tiefgreifenden Veränderungen im synagogalen Musikleben im letzten Jahrhundert vorzuführen. Die Potsdamer Musikwissenschaftlerin, Prof. Dr. Vera Cheim-Grützner, führte in das sehr beeindruckende Chorkonzert ein.
Die Themen der Tagung waren unter anderem das Verhalten von Reformern und Altgläubigen, deren Strategien und Methoden zur Erreichung ihrer Ziele, die Debatten um eine neue Synagogenarchitektur, die Suche nach neuer Identität durch das Medium der Chettoliteratur, die Rolle der jüdischen Ärzte und Hofjuden, der Wandel pädagogischer Konzepte am Beispiel der Berliner Freischule und die Auseinandersetzungen um das napoleonische‘decret infame’.
Die Tagung machte deutlich, wie diffus und in vielerlei gegensätzliche Richtungen die Erneuerungsdebatten zunächst liefen und wie erst nach und nach, oft in Reaktion, zunehmend auch als Prospektion sich deutlichere Konturen eines neuen Judentums abzeichneten, dessen wesentlichstes Merkmal die Pluralität und Multidimensionalität wurde. KEG
PUTZ 5/97
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