Heft 
(1.1.2019) 05
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Theatergeschichte zu verfassen.Sie war ihm zugleich Fluchtburg, wie er mir einmal bestätigte so der Mannheimer Kultur­redakteur Joachim Hemmerle bei der be­wegenden Eröffnung der Bercovici Biblio­thek im Mai 1997, zu welcher auch die Wit­we von Israil Bercovici, Dr. Mirjam Bercovici, aus Bukarest angereist war.Und doch, so fuhr Hemmerle fort,hat ihn die­se großartige Sammlung zugleich immer an etwas Schreckliches erinnert: daß er mit einer Sprache lebte und arbeitete, die kei­ne normale Entwicklung aufweisen kann. Bercovicis Klage in seinem GedichtWejtik, niemand zu haben, dem er ein jiddisches Gedicht vorlesen kann, sagt wohl viel über die Triebkräfte aus, die zum Zustandekom­men dieser wunderbaren Sammlung führ­ten. Das ist Blatt für Blatt, Buch für Buch aus den Trümmern dieses Jahrhunderts zu­sammengetragen. Den Notschrei dieses Jahrhunderts ließ die bekannte Berliner Sän­gerin Jalda Rebling, begleitet von Werner Apel, in dem jiddischen Lied von Schmerke Kaczerginski vernehmen: Soll schojn komen die ge ule.Möchte doch die Erlösung end­lich kommen!

Die von Jalda Rebling gesungenen Lieder und die von dem Jiddisch-Übersetzer Andre Jendrusch vorgetragenen jiddischen Ge­dichte führten die Anwesenden in fast ge­spenstischer Weise in die Welt der ost­jüdischen Kultur zurück als ob dieser Bi­bliothek für eine Stunde Leben und Wirk­lichkeit eingehaucht worden wären.

Die Direktorin der Universitätsbibliothek, Barbara Schneider-Eßlinger, stellte den Gä­sten das bibliothekarische Umfeld der neu­en Sammlung vor, während Prof. Dr. Karl Erich Grözinger einen Überblick über die Geschichte der jiddischen Sprache und Li­teratur gab und deren Bedeutung für die Potsdamer jüdischen Studien erläuterte. Eine kleine Ausstellung zu Leben und Werk von Israil Bercovicis rundete diese gelunge­ne Bibliotheks-Eröffnung ab. KEG

RÖNTGENDIFFRAKTOMETER FÜR GEOWISSENSCHAFTLER

Mit einem Röntgendiffraktometer zur Be­stimmung von kleinsten Kristallen wird die Laborausstattung des Instituts für Geowis­senschaften der Universität Potsdam er­gänzt. 351.000 DM hat das Brandenburger Wissenschaftsministerium für die Anschaf­fung des Forschungsgerätes zur Verfügung gestellt. Die Investition war vom Wissen­Schaftsrat empfohlen worden. Mit dem neu­en Gerät sollen vor allem Tonminerale in Seesedimenten identifiziert werden. Derar­tige Untersuchungen ermöglichen unter anderem die Beschreibung junger tektoni­scher Bewegungen. Aufschlußreiche Daten über Gebirgsbildungen können so erfaßt werden. mcef

WANDLUNGSPROZESSE IM JUDENTUM DURCH DIE AUFKLÄRUNG Kongreß zu interdisziplinärem Forschungsprojekt

Zum Auftakt des Kongresses zu denWandlungsprozessen des Judentums durch die Aufklärung gab der Chor des Helmholtz-Gymnasiums Kostproben aus dem synagogalen Musikleben des 19.

Jahrhunderts zum Besten.

Die Aufklärung und die ihr folgende Emanzipation hat zu einer grundstürzen­den Neugestaltung des Judentums ge­führt, die nur mit der Hellenisierung des Judentums in der Antike und dem Einfluß der griechisch-arabischen Philosophie im Mittelalter zu vergleichen ist. Bisher selbstverständliche jüdische Lebens­und Glaubensformen wurden erschüttert und in Frage gestellt. Neue Paradigmen wurden gesucht. Eine Vielzahl traditionel­ler und neuer Akteure traten auf den Plan, um mit herkömmlichen und völlig neuen Mitteln ein neues Judentum zukonstru­jeren letzteres gilt in nicht geringerem Maße für die Gruppierungen, die als Or­thodoxie oder Neoorthodoxie in die Ge­schichte eingegangen sind. Diesem Rin­gen, daß sich vom Beginn des 19. Jahr­hunderts bis in das frühe 20. Jahrhundert hinein vollzog, war ein von der Religions­wissenschaft und den Jüdischen Studien der Universität Potsdam organisierter Kongreß vom 28. bis zum 30. Mai dieses Jahres gewidmet.

Die Teilnehmer der Debatten gehören zu einem seit etwa drei Jahren von der Deut­schen Forschungsgemeinschaft finanzier­ten interdisziplinären Forschungsprojekt, das an den Universitäten Hamburg, Pots­dam, Aachen, Darmstadt, Mannheim, Bamberg und Stuttgart angesiedelt ist. Au­ßerdem waren zwei Redner aus Israel ge­laden: Prof. Dr. Mordechai Breuer aus Je­rusalem und Prof, Dr. Robert Liberles aus Beer Scheva. Die Einzelprojekte gehören

Foto: Fritze

der Religionswissenschaft, der Erzie­hungswissenschaft, Geschichte, Kunstge­schichte, Volkskunde und Germanistik an. Für das Potsdamer Treffen wurde zum er­sten Mal auch die Musikwissenschaft hin­zugezogen. Prof. Dr. Karl E. Grözinger hat­te den Chor und das Vokalistenensemble des Potsdamer Helmholtz-CGymnasiums und den Kantor der Jüdischen Gemeinde Berlins, Laszlo Pasztor, dafür gewinnen können, die tiefgreifenden Veränderungen im synagogalen Musikleben im letzten Jahrhundert vorzuführen. Die Potsdamer Musikwissenschaftlerin, Prof. Dr. Vera Cheim-Grützner, führte in das sehr beein­druckende Chorkonzert ein.

Die Themen der Tagung waren unter an­derem das Verhalten von Reformern und Altgläubigen, deren Strategien und Metho­den zur Erreichung ihrer Ziele, die Debat­ten um eine neue Synagogenarchitektur, die Suche nach neuer Identität durch das Medium der Chettoliteratur, die Rolle der jüdischen Ärzte und Hofjuden, der Wandel pädagogischer Konzepte am Beispiel der Berliner Freischule und die Auseinander­setzungen um das napoleonischedecret infame.

Die Tagung machte deutlich, wie diffus und in vielerlei gegensätzliche Richtungen die Erneuerungsdebatten zunächst liefen und wie erst nach und nach, oft in Reakti­on, zunehmend auch als Prospektion sich deutlichere Konturen eines neuen Juden­tums abzeichneten, dessen wesentlichstes Merkmal die Pluralität und Multidimensi­onalität wurde. KEG

PUTZ 5/97

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