MULTIMEDIA- WOHIN GEHT DIE REISE?
Internationale Entwicklung und„Startvoraussetzungen” an der Uni Potsdam
Multimedia im engeren Sinne, das sind anwendungsorientierte Kombinationen von medialen Formen, das heißt geschriebener und gesprochener Text, statische und bewegte Grafik, Fotos und andere Bilder, Geräusche, Musik- und Filmsequenzen, die auf autonom arbeitenden PC und in Datennetzen(insbesondere im World Wide Web des Internet) zum Einsatz kommen. Durch eine der Arbeitsweise des Computers entsprechende Umwandlung der verschiedenen medialen Formen in digitale Daten (Bilddateien, Klangdateien u.a.) entsteht die für Multimedia benötigte einheitliche technologische Plattform. Wesentliches Merkmal von Multimedia ist die dem Nutzer gegebene Möglichkeit, mit der Anwendung in interaktive Verbindung zu treten und die Auswahl der jeweils gewünschten medialen Form selbst zu steuern,
“ Graphik G..
Gestützt auf das Zusammenwachsen von Telekommunikations-, Computer-, Sachinformations- und Unterhaltungstechnik bzw. -technologie kommt es zur inhaltlichen Ausweitung und raschen Ausbreitung von Multimedia-Anwendungen. Die technologische Plattform vergrößert sich, die Grenzen zwischen den bisher getrennt agierenden großen Medienbereichen(Fernsehen, Rundfunk, Printmedien, Sprachkommunikation) verwischen immer mehr. Aus der einseitig gerichteten Verbindung vom Medium zum Empfänger(Zuschauer, Hörer, Leser) wird eine Kommunikation in beide Richtungen. Diese neuen Möglichkeiten interaktiven Handelns erlauben es dem Nutzer, seinen Status als passiver Empfänger von Informationen in den eines aktiven Teilnehmers am Kommunikationsgeschehen zu verwandeln,
die Informationen entsprechend ihrer Qualität auszuwählen und somit mehr Selbstbestimmung im Umgang mit den Medien zu erreichen. Auf der Basis der integrierten Medienbereiche und der komplexen Nutzung aller medialen Formen(Sprache, Bild, Ton, Film) bilden sich neue Formen menschlicher Tätigkeit heraus. In den Prozessen der Aus- und Weiterbildung sind sie als„Teleteaching“ und„Telelearning“, in der Produktions- und Dienstleistungssphäre als „Teleworking“ bzw.„Telearbeit“ bekannt.
An verschiedenen Universitäten Deutschlands wurden bereits Lösungsansätze für Multimedia-Anwendungen entwickelt. Vielerorts entstehen kleinere multimediagestützte Lernumgebungen, die für Studenten und Dozenten gleichermaßen von Nutzen sind. Beispielsweise können in medizinischen Fächern an virtuellen Versuchstie
WU
ren chirurgische Eingriffe geprobt werden. In den Fächern Informatik und Elektrotechnik werden auf dem Computer komplexe Schaltungen simuliert. Weltweite Computervernetzung erlaubt den Studierenden unterschiedlicher Universitäten und Länder die Teilnahme an gemeinsamen Kursen. Zum Beispiel können Studierende der Informatik und der Biochemie einen Kurs zum Biocomputing besuchen, der von einer Vielzahl Universitäten aus aller Welt gestaltet wird. In allen Fachrichtungen lassen sich per Electronic Mail Studienmaterialien(Skripte, Aufgabenstellungen, Computerprogramme) verschicken und diskutieren. Interessant sind multimediale Projekte, in denen Studierende und Lehrende gemeinsam die Inhalte einer Lernumgebung erarbeiten. Ein Beispiel liefert hierbei
der Bereich Psychologie an der Universität Gießen.
Schon in der nächsten Zukunft dürften Lehrangebote für Studierende kommerziell angeboten werden. Firmen wie Microsoft oder Warner Brothers planen, als weltweite Anbieter von interaktiven multimedialen Lehrmaterialien aufzutreten. Es wird erwartet, daß virtuelle Vorlesungen mit ihren Möglichkeiten zur Interaktivität, das heißt zur direkten Kommunikation zwischen Zuhörern und Vortragendem, die didaktische Qualität traditioneller Vorlesungen deutlich übertreffen. Wenn der Vorlesung nicht mehr „vor Ort“ beigewohnt werden muß, könnte es auch zu einer spürbaren Entschärfung des Problems überfüllter Hörsäle kommen. Die Universität Potsdam verfügt mit dem Auf- und Ausbau eines leistungsfähigen Computernetzwerkes bereits über gute technische Voraussetzungen für die Gestaltung multimedialer Lehr- und Lernumgebungen. Zur Koordinierung von Multimedia-Aktivitäten wurde ein UniversitätsBeauftragter eingesetzt, der sich bei seiner Tätigkeit auf eine„Konzeption zur Realisierung eines multimedialen Kommunikationsund Informationssystems an der Universität Potsdam“ stützen kann. Die Bereiche Umweltwissenschaften und Slavistik/Germanistik sind mit fachbezogenen Inhalten im ‚Virtual College“, einem Gemeinschaftsprojekt der Universitäten Berlins und Brandenburgs, vertreten.
Andere Fachbereiche zeigen jedoch noch zu wenige Bemühungen, Lehr- und Lerninhalte in multimediale Umgebungen einzubringen. Die Ursachen dieser Erscheinung liegen wohl weniger in einer grundsätzlichen Scheu vor den neuen medialen Formen als vielmehr in noch mangelnder Kenntnis der Möglichkeiten ihrer Nutzung und in der bisher nicht erfolgten Beantwortung der Frage: „Wer soll es denn machen?“ Letztere Frage ist vorrangig mit dem Zeitproblem verbunden. Zum Entwickeln multimedialer Umgebungen ist relativ viel Zeit erforderlich, die von den Fachwissenschaftlern, unterstützt von Spezialisten der ZEIK— der Zentralen Einrichtung für Informationsverarbeitung und Kommunikation an der Uni— aufgebracht werden muß. Um im Wettbewerb der deutschen Universitäten zu bestehen, sind an der Universität Potsdam umfassende Maßnahmen gefragt, mit denen die Eigenentwicklung multimedialer Lehr- und Lernprozesse gefördert, eine gezielte Nutzung der Erfahrungen und Resultate anderer Universitäten organisiert und das Anwenden künftiger kommerziell angebotener multimedialer Verfahren des Lehrens und Lernens vorbereitet wird. Eberhardt Gering
Seite 16
PUTZ 5/97