ZWISCHEN BODENPREISEN UND WOHNGEBIETSPLANUNG Stadtentwicklung nach 1945 in Ost und West Teil eines DFG-Forschungsprojekts
Am Ende des Zweiten Weltkrieges schien das Schicksal Deutschlands besiegelt. Nach vier Jahren Luftkrieg durch die allijerten Bomberverbände und sechsmonatigen Bodenkämpfen glichen seine Großstädte Ruinenfeldern. Vier Fünftel aller Orte mit über 100.000 Einwohnern waren zerstört, fast acht Millionen Menschen obdachlos. Die Industrie lag nahezu vollständig am Boden, eine funktionierende Infrastruktur gab es nicht mehr. Etwa elf Millionen Soldaten befanden sich in Kriegsgefangenenschaft. Jene potentiellen Arbeitskräfte aber fehlten für den so dringend notwendigen Neuaufbau des Landes. Daß dieser vor allem in späteren Jahren recht unterschiedlich verlief, manifestierte sich auf mannigfaltige Weise. Mit den konkreten Entwicklungen der Städte in Deutschland nach 1945 in Ost und West setzten sich jetzt innerhalb eines breit angelegten, eher wirtschaftshistorisch dominierten DFG-Forschungsschwerpunktes auch Mitarbeiter um Prof. Dr. Klaus Schöler(Universität Potsdam) und Prof. Dr. Johannes Bröcker(TU Dresden) auseinander.
Quadratkilometer sowie eine Agrarquote von unter 50 Prozent.
Ausgangspunkt der Arbeit stellte zunächst das Problem dar, inwieweit sich aus dem Typus der Stadt möglicherweise ergebende Strukturen über die Zeit der Zentralverwaltungswirtschaft der früheren DDR erhalten haben und Neuentwicklungen dort anknüpfen können. Im Auge hatte man beispielsweise Industrie-, Verwaltungs-, Garnisons- oder auch Universitätsstädte. Das Ergebnis war eindeutig: derartige Strukturen ändern sich, üben heute keinen entwicklungsbestimmenden Einfluß aus. Viele weitere interessante Fakten kristallisierten sich überdies heraus. Dazu gehörte nicht zuletzt der der_Suburbanisierungsentwicklung.„Darunter ist die Verlagerung von zunächst Wohnbevölkerung ins Umland, langsames, vielleicht sogar negatives Wachstum der Kernstädte hinsichtlich ihrer Bewohner und schnelleres Wachstum des Umlandes zu verstehen“, erläutert der Inhaber der Professur für Volkswirtschaftslehre. Er und seine Mitarbeiter analysierten im einzelnen die Zeitperioden zwischen 1945-1970 und 1970-1987. Stattgefunden habe Subur
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Hohe Bodenpreise führten in Frankfurt/Main zum Bau zahlreicher Wolkenkratzer. Repro: Archiv
Konkret 100 Städte, davon 59 west- und 41 ostdeutsche bildeten den Gegenstand der Untersuchung.„Auf die Städte allein konzentrierten wir uns dabei allerdings nicht, eine Rolle spielten vielmehr ganze Stadtregionen. Nur die nämlich besitzen die eigentliche ökonomische Bedeutung. Jeweils existierende enge Verwaltungsgrenzen stellten für das Team somit keine Trennungslinie dar. Zu jeder Stadt zählte auch das Umland“, erklärt Schöler. Das jedoch bedurfte näherer Definition. Als Kriterium galt den Wissenschaftlern vorhandenes Pendeln von wenigstens 20 Prozent der Erwerbstätigen in die City, eine Bevölkerungsdichte von weniger als 500 Einwohnern pro
banisierung, so der aus Kiel an die Potsdamer Uni gekommene Ökonom, schon vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Zwangspause danach ergebe sich aus seinen Folgen. Zerstörte Innenstädte erlebten schließlich ihren Neuaufbau, aus allen Himmelsrichtungen kommende Zuwanderer fanden genau hier wieder Unterkunft.„Das war im wesentlichen bis 1970 in Ost- und Westdeutschland gleich“, konstatiert Schöler.
Unterschiede bestünden dagegen in späteren Jahren. Während westdeutsche Kernstädte plötzlich negative Wachstumsraten, ihr Umland ebensolchen Zugewinn verzeichneten, stellte sich diese Tendenz weiter östlich nicht ein. Dafür machen die Ex
perten zwei Gründe verantwortlich, den der im DDR-Staat üblichen starken Wohngebietsplanung, damit zusammenhängender vergleichsweise unmoderner Verkehrswe
Das Leipziger Uni-Hochhaus überragt die nledrige Bebauung des Stadtkerns. Repro: Archiv
ge, begrenzter individueller Motorisierung, vor allem aber, fast noch wichtiger, fehlende Bodenpreise.„Deren Regelungsmechanismus durch ihr Absinken vom Zentrum nach außen hin funktionierte damit nur in der Bundesrepublik.“
Zentrale Hochhausbauten existierten nichtsdestotrotz auf beiden Seiten.„In ostdeutschen Städten waren es häufig Prestigegründe, die dazu führten“, resümiert der Wissenschaftler. Die Uni-Hochhäuser in Leipzig oder Jena etwa seien keineswegs das Produkt ökonomischer Zwänge, sondern dienten ausschließlich zum Zweck städtebaulicher Akzentuierung. Niedrige Bebauung, mitunter sogar große Freiflächen bestimmten demnach häufig das vorherrschende Bild der DDR-Städte. Ob die nun künftig jene Entwicklung ihrer westdeutschen Pendants gleichsam im Zeitraffertempo nachholen werden, bleibt abzuwarten. Schöler jedenfalls zweifelt nicht daran.„Alle Anzeichen sprechen dafür. Der SuburbanisierungsSprozeß schreitet schon jetzt deutlich voran. Auch die Verlagerung der Handelsaktivitäten aus dem Zentrum ins Umland geschieht sehr augenscheinlich.“
In diesem Zusammenhang rät der Experte all denjenigen, die politische Verantwortung für Stadtentwicklung tragen, zu einem Blick in die USA. Suburbanisierung, stärker noch als in Deutschland ausgeprägt, besitze im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ eine bis in die 20er Jahre reichende Tradition. Ihre Bedingungen seien zwar andere, die dort bereits alltäglichen Konsequenzen dennoch gleich:„Die innersten Stadtkerne veröden, Handel findet statt, wo die Menschen auch wohnen— in den 10, 20 oder 30 Kilometer entfernten Vororten“, bemerkt er.„Ich glaube nicht, daß sich diese Erscheinung hier jemand ernsthaft wünscht.“ PG.
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PUTZ 5/97