Heft 
(1.1.2019) 05
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IN DERKABINE WERDEN DEUTUNGEN ZWECKLOS!

4. Osteuropäisch-deutsches Festival für freies und universitäres TheaterUnidram

Einer streckt uns die Zunge raus, er kniet, ist offenbar zugleich Hund und Mensch. Mechanisch wird eine Frau beschlafen, wieder erscheint der Kopf aus einer Klap­pe- interruptus. Danach sofort wieder al­les von vorn.degater 87 spielt Kafkas Ein Brudermord. Permanent repetieren die drei Spieler, lauter und bizarrer wer­dend, den Text. Wie kann Theater heute gesellschaftlich authentisch funktionieren? So wie hier: Als sinnfällige Erfahrung des Absurden, als szenischer Absurdismus an sich. Wenn einer in jarryartigem Kasperl­theater mit dem Messer auf den anderen einsticht, wenn der Mord zum Comic Strip wird und doch nicht gelingen will. Benö­tigt wird wenig, nur eine leere, schräge Fläche mit einem krachenden Auf- und Zu­klappmechanismus und komisch grimas­sierende Gesichter.

Bei diesem FestivalUnidram, das vom 25. bis 31. Mai dieses Jahres zum vierten Mal unter Beteiligung der Universität Potsdam stattfand, hatte Theater nichts mehr von ei­nem selbstgefälligen Betrieb, der langwei­lige,fertige Produkte abliefert. Vielmehr wurde Theater in seinem eigentlichen Kern transparent, in seiner Materialität: als Ent­stehungsprozeß, als Vorgang. Darüber hin­aus war angesichts der überraschenden Bildlichkeit gerade der nonverbalen Versu­che, wie etwaMoira vom Theatr Acade­mia aus Warschau, eines zu lernen: Die These, daß nach der Avantgarde in unseren postmodernen Zeiten keine grundlegend neuen Theaterformen möglich wären, ist unzutreffend, im Gegenteil,

Da schaukelt ein Spiegel vor einem kahlge­Sschorenen Mann, dessen ausgestreckte Arme an zwei Seilen gefesselt sind. Ist Allen Ginsberg wieder auferstanden? Er tritt offen­bar im Multimedia- Panoptikum desThea­ter Axe aus St. Petersburg auf. Die drei Her­ren, die inDie weiße Kabine aufeinander­treffen, zünden sich permanent Zigaretten an, sie spannen Gummibänder über die tie­fe, schlauchartige Bühne, verheddern sich, stolpern darüber, einer, völlig nackt, verdreht sich hinein. Eröffnet dieseKabine den Blick in einen Kopf? Die Ungewöhlichkeit der Schwer beschreibbaren Vorgänge gibt dem Zuschauer Assoziationsfelder frei, stiftet Phantasien jenseits der Betulichkeit des üb­lichen vertschechowten Theaters. Es bleibt gleichsam der fremde Blick. Das visuell höchst unterhaltsame nonsense-Theater stellt Fragen, es sperrt sich gegen einord­nendes Schubladendenken.

Wenn Theater die intellektuellen Muster, die wir in den Köpfen haben, verstört, dann wird s zur emanzipatorischen Kraft. Das Wieder­

Keinevent, aber ein Ereignis: das 4. Osteuro­päisch-deutsche Festival für freies und universi­täres TheaterUnidram in Potsdam.

Foto: proma-Foto Agora

sehen mitTheatr Novog O. Fronta bestätigt den starken Eindruck der athletischen Kraft einer Tanztheatergruppe, gegen die Johann Kresniks Volksbühnentheater wie ein bieder­konservativer Dressurakt wirkt. Diese provo­zierende Formation ist ein Muß für Theater­interessierte: Zirkus, Pantomime, Ekstase als lauter, bildkräftiger Hexensabbat im roten Licht. Zwei Stühle stehen im Zwielicht, zwei

Frauen bewegen sich wie in Trance, sie ge­raten in einen Kampf.Schuller-Ercegovic aus Slowenien spielt ‚Weben, Samt und Ein­samkeit. Wenn eine Perlenkette endlich zer­nissen ist, umarmen sie sich. Theatralische Künstlichkeit ist im leeren Raum völlig besei­tigt. Hier wird in 30 Minuten Stille die Zivi­lisationsgeschichte visualisiert vom Archai­schen zur Warengesellschaft, zur Utopie.

Thomas Pösl, der entdeckungsfreudige spiritus rektor des Unternehmens, will den Widerspruch provozieren. Theater sollKa­talysator für Ideen sein und durch die Be­gegnung, auch in den workshops,intime Nähe herstellen, Produktivität als work in progress. Es geht um Grundsätzliches, um die Organisation von Theater als sozialem Raum. Die Frage sei erlaubt, was heute an Schau­spielschulen eigentlich gelernt werden kann? Greift da der Virus der Stagnation wie in der ArbeitDie Zeit(HFF Konrad Wolf Potsdam, nach Botho StraußDie Zeit und das Zimmer") zu erleben? Die Konfron­tation von mehr traditionellen Produktionen wie dem allzu selbstverliebt-eitel inszenier­ten MonologAffen denken mit dem Bauch(nach KafkasBericht für eine Aka­demie") mit Experimentellem belegt ein­dringlich, daß nur letzteres der Weg für ein Impulse setzendes Theater von Morgen sein kann. Und heutzutage, wenn die Ab­wickler ihre Sätze über Kultur absondern, ist immer Öfter die Rede vomevent. Unidram' dagegen war ein Ereignis. Go on kids, do it! Axel Schalk

KONZERT IM AUSTRALIENZENTRUM

Das Australienzentrum A der Universität Potsdam lud kürzlich anläßlich des Besuchs des au­stralischen Komponi­sten George Dreyfus (2.v.r.) in Deutschland zu einem gut besuchten Konzert mit Musik aus dessen Frühwerk ein. Der 1928 in Wuppertal geborene George Dreyfus konnte 1939 aus Deutschland gera­de noch rechtzeitig mit dem einzigen jüdischen Kindertransport nach Australien entkommen. Dort gilt er heute als bedeutendster Komponist des Landes und ist insbesondere durch Filmmusiken zu Ruhm gelangt. Das von ihm für eine Fernsehserie komponierte MusikstückRush gilt gar als heimliche Nationalhymne Australiens. Nach Deutschland kehrte Dreyfus erstmals im Jahr 1955 im Rahmen eines Musikengagements als

Fagottist zurück. Hier ist er in den vergangenen Jahren durch die Uraufführungen seiner beiden in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Volker Elis Pilgrim entstandenen OpernRathenau undDie Marx Sisters einem größeren Publi­kum bekannt geworden. Für den Sommer 1997 ist die deutsche Erstaufführung seiner Kinder­operThe Takeover geplant. R.B./Foto: Fritze

PUTZ 5/97

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