IN DER„KABINE” WERDEN DEUTUNGEN ZWECKLOS!
4. Osteuropäisch-deutsches Festival für freies und universitäres Theater’Unidram’
Einer streckt uns die Zunge raus, er kniet, ist offenbar zugleich Hund und Mensch. Mechanisch wird eine Frau beschlafen, wieder erscheint der Kopf aus einer Klappe- interruptus. Danach sofort wieder alles von vorn.„degater 87“ spielt Kafkas „Ein Brudermord“. Permanent repetieren die drei Spieler, lauter und bizarrer werdend, den Text. Wie kann Theater heute gesellschaftlich authentisch funktionieren? So wie hier: Als sinnfällige Erfahrung des Absurden, als szenischer Absurdismus an sich. Wenn einer in jarryartigem Kasperltheater mit dem Messer auf den anderen einsticht, wenn der Mord zum Comic Strip wird und doch nicht gelingen will. Benötigt wird wenig, nur eine leere, schräge Fläche mit einem krachenden Auf- und Zuklappmechanismus und komisch grimassierende Gesichter.
Bei diesem Festival„Unidram“, das vom 25. bis 31. Mai dieses Jahres zum vierten Mal unter Beteiligung der Universität Potsdam stattfand, hatte Theater nichts mehr von einem selbstgefälligen Betrieb, der langweilige,‘fertige’ Produkte abliefert. Vielmehr wurde Theater in seinem eigentlichen Kern transparent, in seiner Materialität: als Entstehungsprozeß, als Vorgang. Darüber hinaus war angesichts der überraschenden Bildlichkeit gerade der nonverbalen Versuche, wie etwa„Moira“ vom Theatr Academia aus Warschau, eines zu lernen: Die These, daß nach der Avantgarde in unseren postmodernen Zeiten keine grundlegend neuen Theaterformen möglich wären, ist unzutreffend, im Gegenteil,
Da schaukelt ein Spiegel vor einem kahlgeSschorenen Mann, dessen ausgestreckte Arme an zwei Seilen gefesselt sind. Ist Allen Ginsberg wieder auferstanden? Er tritt offenbar im Multimedia- Panoptikum des„Theater Axe“ aus St. Petersburg auf. Die drei Herren, die in„Die weiße Kabine“ aufeinandertreffen, zünden sich permanent Zigaretten an, sie spannen Gummibänder über die tiefe, schlauchartige Bühne, verheddern sich, stolpern darüber, einer, völlig nackt, verdreht sich hinein. Eröffnet diese„Kabine“ den Blick in einen Kopf? Die Ungewöhlichkeit der Schwer beschreibbaren Vorgänge gibt dem Zuschauer Assoziationsfelder frei, stiftet Phantasien jenseits der Betulichkeit des üblichen vertschechowten Theaters. Es bleibt gleichsam der fremde Blick. Das visuell höchst unterhaltsame nonsense-Theater stellt Fragen, es sperrt sich gegen einordnendes Schubladendenken.
Wenn Theater die intellektuellen Muster, die wir in den Köpfen haben, verstört, dann wird €s zur emanzipatorischen Kraft. Das Wieder
Kein„event“, aber ein Ereignis: das 4. Osteuropäisch-deutsche Festival für freies und universitäres Theater„Unidram“ in Potsdam.
Foto: proma-Foto Agora
sehen mit„Theatr Novog O. Fronta“ bestätigt den starken Eindruck der athletischen Kraft einer Tanztheatergruppe, gegen die Johann Kresniks Volksbühnentheater wie ein biederkonservativer Dressurakt wirkt. Diese provozierende Formation ist ein Muß für Theaterinteressierte: Zirkus, Pantomime, Ekstase als lauter, bildkräftiger Hexensabbat im roten Licht. Zwei Stühle stehen im Zwielicht, zwei
Frauen bewegen sich wie in Trance, sie geraten in einen Kampf.„Schuller-Ercegovic“ aus Slowenien spielt ‚Weben, Samt und Einsamkeit“. Wenn eine Perlenkette endlich zernissen ist, umarmen sie sich. Theatralische Künstlichkeit ist im leeren Raum völlig beseitigt. Hier wird in 30 Minuten Stille die Zivilisationsgeschichte visualisiert— vom Archaischen zur Warengesellschaft, zur Utopie.
Thomas Pösl, der entdeckungsfreudige spiritus rektor des Unternehmens, will den Widerspruch provozieren. Theater soll„Katalysator“ für Ideen sein und durch die Begegnung, auch in den workshops,„intime Nähe“ herstellen, Produktivität als work in progress. Es geht um Grundsätzliches, um die Organisation von Theater als sozialem Raum. Die Frage sei erlaubt, was heute an Schauspielschulen eigentlich gelernt werden kann? Greift da der Virus der Stagnation wie in der Arbeit„Die Zeit“(HFF Konrad Wolf Potsdam, nach Botho Strauß„Die Zeit und das Zimmer") zu erleben? Die Konfrontation von mehr traditionellen Produktionen wie dem allzu selbstverliebt-eitel inszenierten Monolog„Affen denken mit dem Bauch“(nach Kafkas„Bericht für eine Akademie") mit Experimentellem belegt eindringlich, daß nur letzteres der Weg für ein Impulse setzendes Theater von Morgen sein kann. Und heutzutage, wenn die Abwickler ihre Sätze über Kultur absondern, ist immer Öfter die Rede vom‘event’. ‘Unidram'’ dagegen war ein Ereignis. Go on kids, do it! Axel Schalk
KONZERT IM AUSTRALIENZENTRUM
Das Australienzentrum A der Universität Potsdam lud kürzlich anläßlich des Besuchs des australischen Komponisten George Dreyfus (2.v.r.) in Deutschland zu einem gut besuchten Konzert mit Musik aus dessen Frühwerk ein. Der 1928 in Wuppertal geborene George Dreyfus konnte 1939 aus Deutschland gerade noch rechtzeitig mit dem einzigen jüdischen Kindertransport nach Australien entkommen. Dort gilt er heute als bedeutendster Komponist des Landes und ist insbesondere durch Filmmusiken zu Ruhm gelangt. Das von ihm für eine Fernsehserie komponierte Musikstück„Rush“ gilt gar als heimliche Nationalhymne Australiens. Nach Deutschland kehrte Dreyfus erstmals im Jahr 1955 im Rahmen eines Musikengagements als
Fagottist zurück. Hier ist er in den vergangenen Jahren durch die Uraufführungen seiner beiden in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Volker Elis Pilgrim entstandenen Opern„Rathenau”“ und„Die Marx Sisters“ einem größeren Publikum bekannt geworden. Für den Sommer 1997 ist die deutsche Erstaufführung seiner Kinderoper„The Takeover“ geplant. R.B./Foto: Fritze
PUTZ 5/97
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