LUST AN KUNST
Angehörige der Universität Potsdam vorzustellen, die künstlerisch arbeiten, teils professionell, teils„nebenberuflich“, ist das Anliegen der Reihe„Lust an Kunst“. Jene interessierten und engagierten Mitarbeiter und Studierenden sind aus einigem Antrieb und nicht zuletzt zum eigenen Vergnügen kulturell-künstlerisch tätig. Deutlich werden soll auch die Motivation für diese Arbeit.
„The English Drama Group presents...“ oder„An Evening of Comedy“ steht auf den handgefertigten Einladungszetteln an den Informationstafeln der Institute der Universität, wenn interessantes englischsprachiges Theater von Studenten für Studenten präsentiert wird. Die English Drama Group— vielen unter dem Kürzel EDG bekannt— hat ihren festen Zuschauerkreis gewonnen und das Interesse neuer Studierender geweckt. Zu danken ist diese universitäre Theaterarbeit Dr. Hiltrud Wedde.
Sie studierte zwischen 1956 und 1961 Anglistik, Amerikanistik und Germanistik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Danach war sie als Lehrerin in Brandenburg und Werder/ Havel tätig, bevor sie ab 1963 als Lehrerin im Hochschuldienst am damaligen Institut für Anglistik der Pädagogischen Hochschule zu arbeiten begann. Bevor Hiltrud Wedde 1980 auf sprachwissenschaftlichem Gebiet promovierte, hatte sie sich schon Ende der 60er Jahre wissenschaftlich mit Intentionen, Leistungen und Grenzen des Absurden Theaters beschäftigt. Ihre Theaterarbeit mit Studierenden begann 1983 mit der Lesung von Szenen eines Stückes der Amerikanerin Lillian Hellman. Der Erfolg und die Leidenschaft zum Theater luden zum Weitermachen ein. Heute stehen unter anderem in der Repertoireliste„Cloud Nine“,„Murder at the Vicarage“, ‚Walls“ sowie kurze Stücke von Ayckbourn und Pinter.
Wird ein neues Theaterstück erarbeitet, So erstrecken sich die Proben hierfür in der Regel auf ein, manchmal zwei Semester. Für die Akteure heißt das, ein nicht unbeträchtliches Lernpensum in der Fremdsprache zu absolvieren und dann im Rollenstudium einzusetzen. Gerade dieses, vom traditionellen akademischen Weg abweichende Aussprache- und Intonationstraining des Englischen erbrachte den Studierenden Zuwachs an fachlichem Können, wie auch eine Erweite
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Engagıert sich für englisches Theater an der Uni: Dr. Hültrud Wedde.
rung ihres Selbstbewußtseins. In der Probenarbeit, so Wedde, sei besonders die„kollektive Geburt von dramaturgischen Ideen“ hochinteressant.
Wurden in den 80er Jahren Klassiker wie Shakespeare oder Shaw aufgeführt, vereinfachte sich später der Zugang zu modernen Dramatikern über Kontakte zu Bibliotheken des British Council, des Amerika Hauses und des English-Seminars der FU Berlin. Hiltrud Wedde führt nicht nur Regie in ihrer knapp 20 Studierenden zählenden Group. Sie spielt auch selbst, z.B. in der Komödie „Mother Figure“ von Alan Ayckbourn, und bearbeitet Stücke.„Mother Figure“ wurde auf dem Theaterfestival europäischer Studententheatergruppen gezeigt. Seit 1991 ist die English Drama Group regelmäßig zum Festival of European Anglophone Student Theatre unterwegs. Gezeigt wurden u.a. die Aufführungen„Cloud Nine“ von Caryl Churchill,„Mary and Lizzy“ von Frank McGuinness. In den vergangenen Jahren präsentierte sich die EDG mehrfach zum traditionellen PODIUM, dem Ort studentischer kulturellkünstlerischer Selbstäußerungen an der Uni. Zum diesjährigen Universitätsfest Ende Juni trat die EDG mit drei kurzen Stücken von Harold Pinter auf. Fr./We.
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Drei JahrzehnteSpektakel gingen* seit 1994 erfolgreich über die Sommerbühne des Potsdamer Kabaretts Obelisk bei Bier und Gegrillte Nun folgt nach dem gefeierten 60er-Jahre-Happening ‚Wittstock für alle!“ der vierte Dekadenstreich— eine satirische Zeitreise durch die 70er Jahre„ABBA für Papa!“. Hits von den Les-Humphrie-Singers, Abba und Frank Schöbel bis Led Zeppelin und Nina Hagen sind dabei zu hören. In Erinnerung gerufen werden ebenso das legendäre Treffen von Brandt und Stoph in Erfurt, die Olympischen Spiele in München, die Weltfestspiele in Berlin, der Beginn der Honecker-Ära mit Aufschwung Ost und Intershop, Sparwassers Siegertor, die Biermann-Ausbürgerung, die Disco-Welle, Dieter Thomas Hecks Besuch in Ost-Berlin...
Vorstellungen bis 10. August 1997 täglich außer montags, 20.00 Uhr, sonntags, 19.00 Uhr, Hofgarten, Schopenhauerstr. 27, Potsdam. Die Karten zum Preis von 20,00 DM (auf allen Plätzen) können telefonisch unter 0331/901799 bestellt werden. KO
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VERDECKTER ANTISEMITISMUS
Lothar Mertens hat eine beachtliche Fleißarbeit geleistet. Für seine Publikation in der Reihe Haskala unter dem Titel„Davidstern unter Hammer und Zirkel“ hat sich der BoCchumer Sozialwissenschaftler zehn Jahre lang durch die Archive gekämpft. Aus diesem Fundus ist die erste geschlossene Chronographie des jüdischen Lebens in der DDR entstanden. Er zeichnet das Bild der zahlenmäßig unbedeutenden, aber im politischen Poker des Staates wichtigsten Minonität.
So sehr sich die DDR die jüdischen Gemeinden gewissermaßen hielt, um nicht den antifaschistischen Impetus zum bloßen Etikett verkommen zu lassen, so wenig konnte „man sie als gültiges Element der sozialistischen Gesellschaft akzeptieren“. Der„verordnete Antifaschismus“, so Ralph Giordano, war darum in bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit ein Etikettenschwindel. Denn nach der seit 1933 gültigen sowjetisch-kommunistischen Lesart galt der Faschismus als„offene terroristische Diktatur der am meisten chauvinistischen und(...) imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Der staatsdoktrinäre Antifaschismus, wonach für die„Shoa nur wenige imperialistische Großindustrielle“ verantwortlich waren, galt demnach als Freibrief, sich aus der nationalen Verantwortungsgemeinschaft und Geschichte auszuklinken.
Mit der selbstgezimmerten Formel vom„ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“ formulierte die DDR den Bruch mit der gesamtdeutschen Geschichte. Noch anläßlich eines Israel-Besuchs Anfang 1989 erklärte der Staatssekretär für KirCchenfragen, Kurt Löffler, daß„die DDR indirekt selbst ein Opfer der Nazis“ sei und„darum auch keine Verantwortung für den Holocaust zu tragen“ habe. Aus der Internierung und dem Blutzoll vieler Kommunisten in den Konzentrationslagern leitete die DDR das Exklusivrecht ab, von der nationalen Schuldgemeinschaft in die Opferrolle zu wechseln. Diese ideologische Quadratur des Kreises wurde zum Humus eines Antisemitismus, der auch seine Verfechter hatte: Eine ausgeprägte Neonazi-Szene, die der Filmregisseur Konrad Weiß 1989: auf mindestens 1.500 Personen schätzte. Vom Staat wurden neonazistische Umtriebe als Rowdytum bagatellisiert, weil diese Realität nicht in das antifaschistische Selbstbild paßte. Oder es wurden die Einflüsse westlicher Medien für das Verhalten der Jugendlichen verantwortlich gemacht. Doch für den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Peter Kirchner, war schon 1982 klar, daß der„Neonazismus in der DDR zum einen eine Konsequenz aus den Versäumnissen der DDR-Volksbildung und zum anderen der Ausdruck jugendlicher Frustration“ ist. Das jüdische Negativ
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PUTZ 5/97