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(1.1.2019) 09
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SEXUELLE GEWALT AUCH UNTER JUGENDLICHEN VERBREITET

Barbara Krahe über eine von ihr geleitete Studie des Instituts für Psychologie

Eine Studie der Universität Potsdam hat im November für Aufsehen gesorgt. Wissenschaftler des Instituts für Psychologie hatten 304 weibliche und 256 männliche Jugendliche aus Berlin und Potsdam zum Thema sexuelle Aggressivität befragt. Dabei gab jede vierte Frau an, bereits mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. 6,3 Prozent davon erklärten vergewaltigt wor­den zu sein, bei 6,6 Prozent kam es zu einer versuchten Vergewaltigung und 12 Prozent berichteten von einer sexuellen Nötigung. Von den befragten Männern gaben 3,2 Prozent zu, mindestens einmal sexuelle Gewalt angewendet oder angedroht zu haben. Mit der Leiterin der Studie, Prof. Dr. Barbara Krahe, sprach PUTZ-Redakteur Michael Fischer.

PUTZ: Sind Sie von den erschreckenden Ergebnissen überrascht worden?

Krahe: Nein. Wir hatten eine Pilotstudie mit einer kleineren Stichprobe von jeweils 100 männlichen und weiblichen Jugendlichen durchgeführt, bei der die Ergebnisse ähn­lich aussahen. Zudem kannten wir die zahl­reichen Befunde von amerikanischen Wis­senschaftlern, die teilweise zu noch er­schreckenderen Ergebnissen gelangt sind. PUTZ: Gab es in Deutschland bereits Un­ersuchungen zum Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen?

Krahe: Ich kenne keine systematischen Stu­dien mit größeren Stichproben in Deutsch­and. Ich will nicht ausschließen, daß es ein­zelne Erhebungen gibt, zum Beispiel von städtischen Behörden. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es jedenfalls noch nicht.

PUTZ: Waren die amerikanischen Untersu­chungen Grundlage für ihre Studie? Krahe: Wir haben uns sehr stark daran ori­entiert. Die Jugendlichen wurden anonym befragt. Zudem haben wir nach dem Vor­bild amerikanischer Studien keine bewer­tenden Begriffe vorgegeben. Wir haben also nicht gefragt,Bist du schon einmal vergewaltigt oder genötigt worden, son­dern wir haben Verhaltensbeschreibungen vorgegeben. Zum Beispiel gab es die Fra­ge:Hat dich schon einmal ein Mann unter Androhung von Gewalt zum Geschlechts­verkehr gegen deinen Willen gezwungen. PUTZ: Wer sind die Täter?

Krahe: Die Täter kommen aus unterschied­

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Promovierte Germanistin und Sozialwissenschaftlerin

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Prof. Dr. Barbara Krahe

Foto: Tribukeit

lichen gesellschaftlichen Bereichen. Der Bildungshintergrund leistet keinerlei Erklä­rung für sexuelle Aggression. Wir konnten allerdings feststellen, daß Kindheitserfah­rungen eine erhebliche Rolle spielen. Durch die Familie vermittelte Minderwer­tigkeitsgefühle oder häufige Schläge von den Eltern führen zu erhöhten Agressionen. Kindheitserfahrungen spielen übrigens auch bei den Opfern eine große Rolle. Frau­en, die als Kinder sexuell mißbraucht wor­den sind, wissen oft nicht so recht, wo sie ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordern können. Sie lassen mehr mit sich geschehen und kommunizieren ihre Inter­essen weniger deutlich.

PUTZ: Was sind die konkreten Motive für sexuelle Gewalt?

Krahe: Beispielsweise Ärger oder Rachege­lüste. Die Männer, die sich häufig von Frau­en heruntergemacht und erniedrigt fühlen, haben auch erhöhte Agressionswerte. Zu­dem spielt die Bereitschaft sich gezielt zu enthemmen und über soziale Regeln hin­wegzusehen eine Rolle. Entscheidend sind auch die im Freundeskreis herrschenden Normen. Wenn die sexuelle Aktivität für das Ansehen bei den Freunden wichtig ist, steigt auch die Bereitschaft, sexuelle Hand­lungen mit Gewalt durchzusetzen.

PUTZ: Welche Möglichkeiten der Präventi­on gibt es?

Krahe: Prävention sollte bei den sogenann­tenPeer-Group-Normen, also den Stan­dards, an denen sich Gleichaltrige orientie­ren, und beim Kommunikationsverhalten ansetzen. Wir finden nämlich, daß gerade die Verschleierung von sexuellen Interes­sen, also nicht genau zu sagen, was man

möchte, riskant ist. Es gibt inzwischen eine Reihe von Ansatzmöglichkeiten für die Präventionsarbeit. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat zum Bei­spiel gerade die CD-RomLove Line her­ausgebracht, die zur Verwendung in Schu­len angeboten wird. Wir haben mit unserer Studie auch die Prävention und Interventi­on im Blick. Unsere Ergebnisse müssen je­doch zunächst an anderen Orten und von anderen Forschern verifiziert werden. PUTZ: Ihre Studie wird zunächst noch bis 1999 fortgesetzt. Wie soll es weitergehen? Krahe: Wir werden die Untersuchung auf die Opfererfahrungen von Männern aus­dehnen. Dabei geht es zunächst um homo­sexuelle Männer. Es gibt aber auch Anhalts­punkte dafür, daß heterosexuelle Männer zu Opfern von sexuellen Aggressionen durch andere Männer werden. In seltenen Fällen werden Männer von Frauen zu sexuellen Handlungen gezwungen, jedoch nicht durch den Einsatz körperlicher Mittel, son­dern durch verbalen Druck.

PUTZ: Welche Ergebnisse erwarten Sie? Krahe: Wir erwarten, daß auch in homose­xuellen Beziehungen Gewalt verbreitet ist. Über die genaue Größenordnung etwas zu sagen ist relativ schwierig, weil bislang kaum Daten vorliegen.

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PUTZ 9/97

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