SEXUELLE GEWALT AUCH UNTER JUGENDLICHEN VERBREITET
Barbara Krahe über eine von ihr geleitete Studie des Instituts für Psychologie
Eine Studie der Universität Potsdam hat im November für Aufsehen gesorgt. Wissenschaftler des Instituts für Psychologie hatten 304 weibliche und 256 männliche Jugendliche aus Berlin und Potsdam zum Thema sexuelle Aggressivität befragt. Dabei gab jede vierte Frau an, bereits mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt geworden zu sein. 6,3 Prozent davon erklärten vergewaltigt worden zu sein, bei 6,6 Prozent kam es zu einer versuchten Vergewaltigung und 12 Prozent berichteten von einer sexuellen Nötigung. Von den befragten Männern gaben 3,2 Prozent zu, mindestens einmal sexuelle Gewalt angewendet oder angedroht zu haben. Mit der Leiterin der Studie, Prof. Dr. Barbara Krahe, sprach PUTZ-Redakteur Michael Fischer.
PUTZ: Sind Sie von den erschreckenden Ergebnissen überrascht worden?
Krahe: Nein. Wir hatten eine Pilotstudie mit einer kleineren Stichprobe von jeweils 100 männlichen und weiblichen Jugendlichen durchgeführt, bei der die Ergebnisse ähnlich aussahen. Zudem kannten wir die zahlreichen Befunde von amerikanischen Wissenschaftlern, die teilweise zu noch erschreckenderen Ergebnissen gelangt sind. PUTZ: Gab es in Deutschland bereits Unersuchungen zum Thema sexuelle Gewalt unter Jugendlichen?
Krahe: Ich kenne keine systematischen Studien mit größeren Stichproben in Deutschand. Ich will nicht ausschließen, daß es einzelne Erhebungen gibt, zum Beispiel von städtischen Behörden. Wissenschaftliche Untersuchungen gibt es jedenfalls noch nicht.
PUTZ: Waren die amerikanischen Untersuchungen Grundlage für ihre Studie? Krahe: Wir haben uns sehr stark daran orientiert. Die Jugendlichen wurden anonym befragt. Zudem haben wir nach dem Vorbild amerikanischer Studien keine bewertenden Begriffe vorgegeben. Wir haben also nicht gefragt,„Bist du schon einmal vergewaltigt oder genötigt worden“, sondern wir haben Verhaltensbeschreibungen vorgegeben. Zum Beispiel gab es die Frage:„Hat dich schon einmal ein Mann unter Androhung von Gewalt zum Geschlechtsverkehr gegen deinen Willen gezwungen“. PUTZ: Wer sind die Täter?
Krahe: Die Täter kommen aus unterschied
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Prof. Dr. Barbara Krahe
Foto: Tribukeit
lichen gesellschaftlichen Bereichen. Der Bildungshintergrund leistet keinerlei Erklärung für sexuelle Aggression. Wir konnten allerdings feststellen, daß Kindheitserfahrungen eine erhebliche Rolle spielen. Durch die Familie vermittelte Minderwertigkeitsgefühle oder häufige Schläge von den Eltern führen zu erhöhten Agressionen. Kindheitserfahrungen spielen übrigens auch bei den Opfern eine große Rolle. Frauen, die als Kinder sexuell mißbraucht worden sind, wissen oft nicht so recht, wo sie ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung einfordern können. Sie lassen mehr mit sich geschehen und kommunizieren ihre Interessen weniger deutlich.
PUTZ: Was sind die konkreten Motive für sexuelle Gewalt?
Krahe: Beispielsweise Ärger oder Rachegelüste. Die Männer, die sich häufig von Frauen heruntergemacht und erniedrigt fühlen, haben auch erhöhte Agressionswerte. Zudem spielt die Bereitschaft sich gezielt zu enthemmen und über soziale Regeln hinwegzusehen eine Rolle. Entscheidend sind auch die im Freundeskreis herrschenden Normen. Wenn die sexuelle Aktivität für das Ansehen bei den Freunden wichtig ist, steigt auch die Bereitschaft, sexuelle Handlungen mit Gewalt durchzusetzen.
PUTZ: Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es?
Krahe: Prävention sollte bei den sogenannten„Peer-Group-Normen“, also den Standards, an denen sich Gleichaltrige orientieren, und beim Kommunikationsverhalten ansetzen. Wir finden nämlich, daß gerade die Verschleierung von sexuellen Interessen, also nicht genau zu sagen, was man
möchte, riskant ist. Es gibt inzwischen eine Reihe von Ansatzmöglichkeiten für die Präventionsarbeit. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat zum Beispiel gerade die CD-Rom„Love Line“ herausgebracht, die zur Verwendung in Schulen angeboten wird. Wir haben mit unserer Studie auch die Prävention und Intervention im Blick. Unsere Ergebnisse müssen jedoch zunächst an anderen Orten und von anderen Forschern verifiziert werden. PUTZ: Ihre Studie wird zunächst noch bis 1999 fortgesetzt. Wie soll es weitergehen? Krahe: Wir werden die Untersuchung auf die Opfererfahrungen von Männern ausdehnen. Dabei geht es zunächst um homosexuelle Männer. Es gibt aber auch Anhaltspunkte dafür, daß heterosexuelle Männer zu Opfern von sexuellen Aggressionen durch andere Männer werden. In seltenen Fällen werden Männer von Frauen zu sexuellen Handlungen gezwungen, jedoch nicht durch den Einsatz körperlicher Mittel, sondern durch verbalen Druck.
PUTZ: Welche Ergebnisse erwarten Sie? Krahe: Wir erwarten, daß auch in homosexuellen Beziehungen Gewalt verbreitet ist. Über die genaue Größenordnung etwas zu sagen ist relativ schwierig, weil bislang kaum Daten vorliegen.
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E Inh. A.-K. Petters
PUTZ 9/97
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