PUTZ 4/99
Titel
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg
Trainingsprogramme für Schüler mit Lernschwierigkeiten
Nicole sitzt, das Gesicht in die Hände gestützt, und grübelt über einer Aufgabenlösung. Sie soll nach Vorla
gen Mosaiksteine zu Mustern|
legen. Sie zeigt sich verunsichert, ist überzeugt, den Anforderungen nicht gerecht werden zu können. Das lähmt ihren Willen, ihre Aufmerksamkeit, ihr Selbstvertrauen. Sie löst die Aufgabe schließlich mit Hilfen, die eigentlich nur in Ermutigungen bestanden. Die Freude über den Erfolg bleibt aus, weil sich das Mädchen keine oder vage, unerreichbare Ziele stellte.
Dieses Kind gehört zu den Schülern einer Allgemeinen Förderschule, denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf im Bereich des Lernens zuerkannt wurde. Mit einigen dieser Schüler aus vierten bis sechsten Klassen arbeitete Prof. Dr. Gerald Matthes im Rahmen eines durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes zusammen. Dabei entwickelte und evaluierte er mit seinen Mitarbeitern Trainingsprogramme für die Lernförderung bei lernbeeinträchtigten Schülern.
„Wir haben uns Kindern zugewandt, deren Perspektive in einer geringen Teilhabe an der Leistungsgesellschaft besteht und die oft auch keinen befriedigenden Anteil an ihrer Selbstentfaltung haben werden“, so der Professor für Psychologie im Institut für Sonderpädagogik der Universität Potsdam, zur Zielgruppe der Untersuchungen.
Intelligenz ist bei den ausgewählten Schülern nicht die entscheidende Bedingung für die teilweise erheblichen Lernrückstände. Beeinträchtigt ist bei ihnen insbesondere die Selbstregulation, also die willentliche Steuerung des Handelns. Sie lenken sich beim Lösen von Aufgaben schnell ab, Mißerfolgsbefürchtungen treten in den Vordergrund.
Motivationstraining
Das Team um Gerald Matthes arbeitete mit insgesamt vier Programmen: Training der Motivation, Lernfähigkeitstraining,
unterrichtsintegrierte Förderung(individuelle Zielsetzung für jedes Kind). Hinzu kam ein Kontrollgruppentraining.
Die Wirkungen ihrer Programme untersuchten die Potsdamer sowohl bei lernschwachen„zögerlich-unsicheren“ als auch bei „impulsiv-überhasteten“ Kindern. Rund 40 Probanden wurden jeweils einbezogen.
Das Training der Motivation setzt auf die Förderung der Zielsetzung, Selbsteinschätzung und Ursachenerkennung von Erfolg und Mißerfolg sowie auf Zufriedenheit. Das zu erreichen, entwickelten die Wissenschaftler verschiedene Aufgaben. So soll der kreative Um
Mit Schwächen auseinandersetzen
Um die Schüler zu realistischen Zielsetzungen zu führen, sollen
| sie befähigt werden, sich geRechtschreiblerntraining und
danklich und gefühlsmäßig mit den eigenen Schwächen auseinanderzusetzen.„Das Kind entwickelt Widerstand, das mit Unzulänglichkeitsüberzeugungen in das Verhalten eingebunden ist. Im Training lernt/es, die Abwehr aufgeben zu können, die gewöhnlich eintritt, sobald Forderungen die Schwächen berühren“, erläutert Matthes. Dann ist das Kind besser in der Lage, sich Anforderungen lernbereiter zuzuwenden und sich der Lösung der Aufgaben zu widmen.
Das Training enthält komplexe Übungsaufgaben. Die Kinder
| vervollständigen dabei vorge
gebene Figuren, wie zum Beispiel Gesichter. Sie geben vor
Fast alle Kinder basteln gern. Für Schüler mit Lernbeeinträchtigungen entwickelten Wissenschaftler der Uni Trainingsprogramme. So soll der kreative Umgang mit verschiedenen Materialien ihre Phantasie anregen, ihren
Willen stärken und erreichbare Ziele vorgeben.
gang mit verschiedenen Materialien beim Basteln die Handlungsregulation flexibilisieren und auflockern. Das erweist sich insbesondere bei den zögerlichunsicheren Kindern als notwendig und effektiv. Die Kinder 1ösen beispielsweise Bastelaufgaben, gestalten, regen ihre Phantasie an. Das Ergebnis ihrer Bemühungen kann also weder richtig noch falsch sein.
Foto: Tribukeit
her an, in welcher Zeit sie das Geforderte schaffen können. Um sich nicht konkret auseinandersetzen zu müssen, überschätzen sie sich in der Regel aber. Nach und nach gelangen sie jedoch zu realistischen Einschätzungen ihrer Leistungsfähigkeit.„An einfach strukturierten Anforderungen probieren die Kinder aus, was im einzelnen von ihnen verlangt wird,
wie gut, wie schnell sie die Aufgaben lösen können“. Ziele; die ihre Kräfte herausfordern und das Handeln leiten, werden erprobt. Verhaltensweisen, die die Befähigung mit den ei
| genen Kräften beinhalten, wer
den probiert und ausgeformt. Die Trainerin spielt zum Beispiel beim Zielwerfen mit. Sie spricht über ihre Gedanken und Gefühle; schätztihre Lei: stungsfähigkeit absichtlich falsch ein, korrigiert sich, versucht es erneut. In Gesprächen werden Lernergebnisse bearbeitet und die Aufmerksamkeit auf die neuen Erfahrungsmöglichkeiten gelenkt.
Überwindung von Entmutigung Metaphergeschichten sollen den Kindern neue Seiten ihres Lernerlebens erschließen und neue Sichtweisen anregen: Der Elefant Tom hat sich im Wettkampf mit den großen Elefanten vorgenommen, Wasser so
| weit zu prusten wie die ande
ren. Das gelingt ihm natürlich nicht. Also sucht er den Wettstreit mit den kleinen Elefanten. Auch das bringt ihm keine Freude, weil er ohne Anstrengungen zum Sieger erkoren wird. Tom lernt also, seine Kräfte mit Gleichaltrigen zu messen, sich erreichbare Ziele zu setzen. Andere, ganz praktische Übungen bauen Assoziationsketten zur Überwindung von Entmutigung auf: Fühlen eines Steines in der Tasche, der Kraft ausströmt und zur Beruhigung und Gedankensammlung anregt. Resümierend können die Projektmitarbeiter feststellen, daß das motivationale Programm in vielfältiger Weise ermutigend wirkte und das Zielsetzungsverhalten positiv beeinflußte. Diese Veränderungen führten zur besseren Realisierung geistiger Ressourcen. Auch vom Lernfähigkeitstraining profitierten die Kinder, weil sie Mittel der Auseinandersetzung mit Anforderungen erwarben. B.E.
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