Heft 
(1.1.2019) 04
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PUTZ 4/99

Titel

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg

Trainingsprogramme für Schüler mit Lernschwierigkeiten

Nicole sitzt, das Gesicht in die Hände gestützt, und grü­belt über einer Aufgaben­lösung. Sie soll nach Vorla­

gen Mosaiksteine zu Mustern|

legen. Sie zeigt sich verunsi­chert, ist überzeugt, den An­forderungen nicht gerecht werden zu können. Das lähmt ihren Willen, ihre Auf­merksamkeit, ihr Selbstver­trauen. Sie löst die Aufgabe schließlich mit Hilfen, die ei­gentlich nur in Ermutigun­gen bestanden. Die Freude über den Erfolg bleibt aus, weil sich das Mädchen keine oder vage, unerreichbare Zie­le stellte.

Dieses Kind gehört zu den Schülern einer Allgemeinen Förderschule, denen ein son­derpädagogischer Förderbedarf im Bereich des Lernens zuer­kannt wurde. Mit einigen die­ser Schüler aus vierten bis sech­sten Klassen arbeitete Prof. Dr. Gerald Matthes im Rahmen ei­nes durch die Deutsche For­schungsgemeinschaft geförder­ten Projektes zusammen. Dabei entwickelte und evaluierte er mit seinen Mitarbeitern Trai­ningsprogramme für die Lern­förderung bei lernbeeinträch­tigten Schülern.

Wir haben uns Kindern zuge­wandt, deren Perspektive in ei­ner geringen Teilhabe an der Leistungsgesellschaft besteht und die oft auch keinen befrie­digenden Anteil an ihrer Selbst­entfaltung haben werden, so der Professor für Psychologie im Institut für Sonderpädago­gik der Universität Potsdam, zur Zielgruppe der Untersu­chungen.

Intelligenz ist bei den ausge­wählten Schülern nicht die ent­scheidende Bedingung für die teilweise erheblichen Lern­rückstände. Beeinträchtigt ist bei ihnen insbesondere die Selbstregulation, also die wil­lentliche Steuerung des Han­delns. Sie lenken sich beim Lö­sen von Aufgaben schnell ab, Mißerfolgsbefürchtungen tre­ten in den Vordergrund.

Motivationstraining

Das Team um Gerald Matthes arbeitete mit insgesamt vier Pro­grammen: Training der Mo­tivation, Lernfähigkeitstraining,

unterrichtsintegrierte Förde­rung(individuelle Zielsetzung für jedes Kind). Hinzu kam ein Kontrollgruppentraining.

Die Wirkungen ihrer Program­me untersuchten die Potsdamer sowohl bei lernschwachenzö­gerlich-unsicheren als auch bei impulsiv-überhasteten Kin­dern. Rund 40 Probanden wur­den jeweils einbezogen.

Das Training der Motivation setzt auf die Förderung der Ziel­setzung, Selbsteinschätzung und Ursachenerkennung von Erfolg und Mißerfolg sowie auf Zufriedenheit. Das zu errei­chen, entwickelten die Wissen­schaftler verschiedene Aufga­ben. So soll der kreative Um­

Mit Schwächen auseinandersetzen

Um die Schüler zu realistischen Zielsetzungen zu führen, sollen

| sie befähigt werden, sich ge­Rechtschreiblerntraining und

danklich und gefühlsmäßig mit den eigenen Schwächen ausein­anderzusetzen.Das Kind ent­wickelt Widerstand, das mit Unzulänglichkeitsüberzeugun­gen in das Verhalten eingebun­den ist. Im Training lernt/es, die Abwehr aufgeben zu kön­nen, die gewöhnlich eintritt, sobald Forderungen die Schwä­chen berühren, erläutert Mat­thes. Dann ist das Kind besser in der Lage, sich Anforderun­gen lernbereiter zuzuwenden und sich der Lösung der Aufga­ben zu widmen.

Das Training enthält komplexe Übungsaufgaben. Die Kinder

| vervollständigen dabei vorge­

gebene Figuren, wie zum Bei­spiel Gesichter. Sie geben vor­

Fast alle Kinder basteln gern. Für Schüler mit Lernbeeinträchtigungen ent­wickelten Wissenschaftler der Uni Trainingsprogramme. So soll der kreati­ve Umgang mit verschiedenen Materialien ihre Phantasie anregen, ihren

Willen stärken und erreichbare Ziele vorgeben.

gang mit verschiedenen Mate­rialien beim Basteln die Hand­lungsregulation flexibilisieren und auflockern. Das erweist sich insbesondere bei den zögerlich­unsicheren Kindern als notwen­dig und effektiv. Die Kinder 1ö­sen beispielsweise Bastelaufga­ben, gestalten, regen ihre Phan­tasie an. Das Ergebnis ihrer Be­mühungen kann also weder richtig noch falsch sein.

Foto: Tribukeit

her an, in welcher Zeit sie das Geforderte schaffen können. Um sich nicht konkret ausein­andersetzen zu müssen, über­schätzen sie sich in der Regel aber. Nach und nach gelangen sie jedoch zu realistischen Ein­schätzungen ihrer Leistungsfä­higkeit.An einfach struktu­rierten Anforderungen probie­ren die Kinder aus, was im ein­zelnen von ihnen verlangt wird,

wie gut, wie schnell sie die Auf­gaben lösen können. Ziele; die ihre Kräfte herausfordern und das Handeln leiten, wer­den erprobt. Verhaltensweisen, die die Befähigung mit den ei­

| genen Kräften beinhalten, wer­

den probiert und ausgeformt. Die Trainerin spielt zum Bei­spiel beim Zielwerfen mit. Sie spricht über ihre Gedanken und Gefühle; schätztihre Lei: stungsfähigkeit absichtlich falsch ein, korrigiert sich, ver­sucht es erneut. In Gesprächen werden Lernergebnisse bear­beitet und die Aufmerksamkeit auf die neuen Erfahrungs­möglichkeiten gelenkt.

Überwindung von Entmutigung Metaphergeschichten sollen den Kindern neue Seiten ihres Lernerlebens erschließen und neue Sichtweisen anregen: Der Elefant Tom hat sich im Wett­kampf mit den großen Elefan­ten vorgenommen, Wasser so

| weit zu prusten wie die ande­

ren. Das gelingt ihm natürlich nicht. Also sucht er den Wett­streit mit den kleinen Elefan­ten. Auch das bringt ihm keine Freude, weil er ohne Anstren­gungen zum Sieger erkoren wird. Tom lernt also, seine Kräfte mit Gleichaltrigen zu messen, sich erreichbare Ziele zu setzen. Andere, ganz prakti­sche Übungen bauen Assozia­tionsketten zur Überwindung von Entmutigung auf: Fühlen eines Steines in der Tasche, der Kraft ausströmt und zur Beru­higung und Gedankensamm­lung anregt. Resümierend können die Pro­jektmitarbeiter feststellen, daß das motivationale Programm in vielfältiger Weise ermutigend wirkte und das Zielsetzungs­verhalten positiv beeinflußte. Diese Veränderungen führten zur besseren Realisierung gei­stiger Ressourcen. Auch vom Lernfähigkeitstraining profi­tierten die Kinder, weil sie Mit­tel der Auseinandersetzung mit Anforderungen erwarben. B.E.

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