Wissenschaft aktuell
PUTZ 4/99
Herauszukommen ist sehr viel schwerer Sekten und Psychokulte mit großer Anziehungskraft
Sektenwerber verzeichnen Konjunktur. Fachleute sprechen von mehreren Dutzend verschiedener Organisationen im Bundesgebiet. Allein in der Region Berlin agieren rund 20 Gruppierungen, manche im Auf- andere im Abwind begriffen. Konkrete Mitgliederzahlenangaben fehlen, die Schätzungen dazu gehen weit auseinander. Experten meinen jedoch, daß circa drei bis vier Prozent der Bevölkerung der Erscheinung positiv gegenübersteht. Aus sozialwissenschaftlicher Sicht beschäftigt sich auch PD Dr. Hartmut Salzwedel von der Universität Potsdam mit dem Phänomen.
„Die tradierte Vorstellung, nach der nur diejenigen in einen Psychokult, eine Sekte oder sek
tenartige Organisation geraten,| die psychisch labil oder durch|
bestimmte Ereignisse pessimistisch orientiert sind, gehört der Vergangenheit an“, so der Wis
senschaftler. Treffen könne es| eigentlich fast jeden. Schließlich
beobachte man einen großen
Einfallsreichtum hinsichtlich des|
Rekrutierens von Neuzugängen, ob per harmlos erscheinender Annonce oder als neuer Haus- oder Firmenbesitzer agierend. Der Zweck heiligt sozusagen die Mittel.
Das Geschäft mit der Angst Das Vorgehen hat System. Psychologisch geschickt ‚erfolgen
vorbereitende Gespräche mit|
den avisierten Zöglingen.„Man flößt ziemlich unverhohlen Angst ein oder verstärkt schon vorhandene“, konstatiert Salzwedel. Besteht sie in ausreichendem Maß, wird großzügig Hil
fe bei deren Beseitigung und|
Beförderung im Selbsterkennungsprozeß angeboten. Das Geschäft mit der Angst floriert.
Religiöser oder vermeintlich religiöser Wahn begleitet seit frühester Zeit die.
| von übertriebener Befürwor
tung bis strikter Ablehnung. Darüber hinaus bestimmen
| nach vorliegenden Dokumenten zwei weitere Analogien das Bild vorhandener Gruppierungen: im Umgang untereinander herrschen feste Regeln, ausge-| hend vom jeweils vorhandenen Status des Mitglieds. Ganz oben
Menschheit. Hier: Zeitgenössische Darstellung einer Hexenverbrennung.
Gleiches Muster So unterschiedlich die Organisa
tionen auch sein mögen, die|
Mechanismen gleichen sich. Es geht zuvörderst um Geld, viel Geld. In den Kassen der Gurus, Heilsbringer und sonstiger „Führer“ klingelt es kräftig. Ihre Jünger zögern nicht mit großzügigen Spenden. Aussteiger berichten von Zahlungen, die zur Aufgabe des eigenen Vermögens oder das der Familie führten. Fast ebensolchen Stel
lenwert besitzt der Umgang mit| der Sexualität, die Spanne reicht|
Abb. Repro
| auf der Liste deutlicher Über‚ einstimmungen jedoch steht das
allseits dominierende Prinzip einer kompletten Vereinnahmung durch die Organisation, beglei
viel geheimer zu“, erklärt der Uni-Mitarbeiter. Üblich seien nach seiner Ansicht begrenzte Einblicke in Teilhierarchien.
Kein Halt vor Kindern
Auch Kinder geraten in die Sekten-Falle.„Die schlimmsten Folgen ergeben sich für sie bei den Guruisten“ weiß Salzwedel. 'Thakar Singh, Guru in Indien, versammele etwa 250 Jungen und Mädchen um sich. Schon die Neugeborenen erlitten laut vorliegenden Erkenntnissen schwere Schäden. Sie bekommen in ein Ohr einen Silikonstöpsel gegossen, um so angeblich später besser meditieren zu können. Die größeren Kinder werden dann zur Dauermeditation von bis zu 20 Stunden gezwungen. Singhs Handeln hat nun die Justiz auf den Plan gerufen.„Die Vorwürfe reichen von Mißhandlung, Vergewaltigung bis hin zum Mord“, resümiert der Sozialwissenschaftler.
Ausstieg braucht Willen In einem zeigen sich die Beob
| achter der Materie einig: Der
tet von einer totalen Kontrolle|
aller Lebensbereiche der Betroffenen.
Nichtsdestotrotz existieren Unterschiede. Sie sind zum Beispiel ideologischer Natur, betreffen zudem Strukturfragen oder Aspekte der Konspiration.„In
einigen Fällen glaubt man die
Spitze des Unternehmens zu kennen, in anderen geht es sehr
Noch 2 Wohnungen frei
in einem renovierten 6-Familienhaus in Potsdam-Bornstedt, Potsdamer Straße 86
nur 3 km bis zur Universität und 3,5 km bis zur Fachhochschule
Ausstieg gelingt nur, wenn der Beteiligte es wirklich will. Salzwedel dazu:„Genau hier liegt aber das Problem, denn die Willenskraft der Leute ist gebrochen.“ Gelingt der Schritt, gibt es einige mehr oder weniger erfolgreicher Therapien.„Das allerdings ist die Ausnahme. Eher
| ist der Wechsel zu einer anderen
Organisation, einem anderen Kult festzustellen.“ P.G:
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