Heft 
(1.1.2019) 04
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Kultur

PUTZ 4/99

Mord und Totschlag

Potsdamer bei Shakespeare-Marathon in Weimar

Da mußte Goethe vor Schreck sich gleich bei Schiller festhal­ten in ganz Weimar war Shakespeare los, und es gab kein Entrinnen! Furchtlos hingegen hatten sich Studen­ten und Dozenten der Uni­versität Potsdam am 24. und 25. April dieses Jahres an den Ort des Geschehens begeben und trugen ihren Teil zum Dichterfest bei.

Unter den Augen der bekränz­ten Poeten feierte die Deutsche Shakespeare Gesellschaft ihr 135jähriges Bestehen, und aus allen Teilen Deutschlands wa­ren studentische Theatergrup­pen angereist, die aus diesem Anlaß auf den Straßen und Plätzen der Stadt Shakespeares Werk lebendig werden ließen. Kaum ein Ort, wo keine Büh­ne, kein Schwertkampf oder Liebeswerben zu finden gewe­sen wäre. Und einen Ort gab es gar, an dem das Schauspiel fast kein Ende nehmen wollte: Im Othello Club. desShake­

Michael Hadrisch

Primär mache ich diese Art von Musik für mich selber, auch wenn ich auf der Bühne sitze, bekennt Michael Hadrisch, Jazzgitarrist und Lehramtsstudent in den Fä­chern Musik und Englisch an der Universität Potsdam. Und weiter sagt er zu seinem Spiel:Wenn es jemandem gefällt, ist das sehr schön, aber zweitrangig.

Hadrisch, Jg. 1974, ist in Ber­lin-Lichtenberg aufgewachsen und erarbeitete sich die Anfän­ge auf der Gitarre autodidak­

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Foto: Lieber

speares ereignete sich ein Ma­rathon besonderer Art. Zwei Tage lang, von früh morgens bis weit in die Nacht hinein, führten hier English Drama Groups von 24 deutschen und ausländischen Universitäten sämtliche Dramen Shake­speares in einer jeweils einstün­digen Fassung auf.

Auch die English Drama Group der Universität Potsdam betei­ligte sich daran. Sie erweckte die Tragödie desTitus Androni­cus, eines der frühen und un­bekannteren Shakespeare-Dra­men, zum Leben. Dem dicht gedrängt sitzenden Publikum eröffnete sich ein Reigen aus Demütigung, Haß, Intrige und Rache. Fast ließ sich vergessen, daß die Protagonisten dieses wahnwitzigen, traurigen Cre­scendos Römer und Goten sind. Mit 14 Morden ist diese Tragö­die Spitzenreiter in der Shakes­peareschen Kriminalstatistik. Und wenn auch nicht alle dieser Greulichkeiten in Szene gesetzt wurden, so blieb dennoch für

einige Akteure kaum Zeit für ein ausgedehntes Bühnenleben. Die | übrigen] itten oder mordeten sich einem furiosen Finale ent­S SS a, an dem selbst Hamlet

eschmack gefunden hätte. 7 oder nicht Schein das war für die beteiligten Studen­ten nicht die Frage. Bei diesem Shakespeare-Marathon gab es keine Leistungsscheine oder guten Noten, keine Plazierun­

gen und keine Lobreden. Was hingegen die lange Vorberei­tungszeit mehr als aufwog, wa­ren der Applaus des Publikums und die Erkenntnis, daß Feste dieser Art, die Dichtung aus dem Universitätskeller zu holen vermögen und zum allgemei­nen Vergnügen werden. Nicht nur in einer Stadt wie Weimar! Mirjam Szeczinowski, Studen­tin Anglistik/Amerikanistik

Die English Drama Group der Uni Potsdam beteiligte sich mitTitus Andronicus am Weimarer Shakespeare-Marathon. Von links nach rechts: Stephan Schmuck, Mirjam Szeczinowski, Kirsten Ehinger, Uwe Dittmar.

Foto: Tribukeit

Lust an Kunst

Heute vorgestellt: Michael Hadrisch

tisch. Von- 1991 bis 1995 besuchte er die Musikschule und ent­wickelte früh den Hang zum Jazz. Erste Erfah­rungen mit Rockbands in der Berliner: Szene sammelte er schon zu dieser Zeit. Seit 1995 studiert er an der Uni Potsdam, bei Gerd Zacher im Hauptfach Klassische Gitarre. Hadrisch konnte seine Jazzstudien inten­siv fortsetzen, als er 1997/98 als Austauschstudent an der Crane School of Music in Potsdam, New York(USA), weilte. Dort wurde er von Prof. Bret Zvacek in Jazztheorie und Jazzimpro­visation unterrichtet. Er spielte in der College-Big-Band und in mehreren Jazzcombos.

Vom Auslandsstudium zurück­gekehrt, gründete Hadrisch Trio- bzw. Duobesetzungen und spielt seitdem mit Patrick

Sagan(Baß), Martin Kautz (Drums) und Bastian Kozik (Piano) zusammen. Seit Ende 1998 ist er Lehrer für E-Gitar­re an der Musikschule Branden­burg und Mitglied des Landes­jugendjazzorchesters.

Zum Fundament seiner musika­lischen Arbeit rechnet der Stu­dent alle Richtungen des Main­stream-Jazz, er fühlt sich glei­chermaßen den Spielweisen des Swing, Latin, Bebop wie auch Cool-, Modal- und Soul-Jazz verpflichtet. Seine Vorbilder sind die Jazzgitarristen Jim Hall, Barney Kessel, Wes Montgo­mery, besonders aber Jimmy Bruno und Philip Catherine so­wie der Kontrabassist Niels Henning Orsted Pedersen. Ich halte Jazz für eine Lebens­aufgabe, in der man ständig dazulernt, nicht nur auf dem Instrument, sondern auch in der Interaktion zwischen Musikern

und Gesamtklang, zwischen An­geeignetem und Selbsterdach­tem. Seine Arbeit reflektiert Hadrisch kritisch, ‚er befinde sicherst auf den ‚ersten Me­tern einer lange dauernden Reise. Zwar sollen eigene Kom­positionen mit charakteristi­schen.Artikulationen, Sounds und Klangfarben ins Repertoire eingehen, die Orientierung am Mainstream, selbst an dessen Klischees, bleibt jedoch weiter­hin unverzichtbar. Hadrisch, der Berlin als Jazzhochburg ken­nengelernt hat, bedauert, daß es Nachwuchsmusiker äußerst schwer haben. Da in Potsdam keine spezifische Jazzszene exi­stiert und auch der Berliner Boom nicht durchschlägt, hält er Duo- und Trio-Besetzungen aufgrund räumlicher und finan­zieller Zwänge für angemessen und realistisch.

Dr. Thomas Freitag, PÖK