Heft 
(1.1.2019) 05
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PUTZ 5/99

Titel

Ich fühle mich falsch am Platze.

Exil Palästina erfüllt Zweigs Erwartungen nicht

Unmittelbar mit ihrer Machtergreifung 1933 lassen die Na­tionalsozialisten keinen Zweifel mehr am kommenden Um­gang mit Andersdenkenden und vermeintlichen Gegnern: der Reichstag lodert in Flammen, erste Konzentrationslager ent­stehen, die SA vollführt ihr Mordgeschäft, vor der Berliner Universität brennen die Bücher. Arnold Zweig, mit dessen Verhältnis zum Judentum sich kürzlich auch das V. Interna­tionale Arnold-Zweig-Symposium am Potsdamer Moses Men­delssohn Zentrum(MMZ) beschäftigte, sondiert schon 1932 auf einer Reise mit seiner Frau Beatrice Palästina als Flucht­punkt nach einem möglichen Sieg Hitlers.

Die prophetische Mahnung Heinrich Heines in dessen Tra­gödieAlmansor(1823) vor Augen, daß dort, wo man Bü­cher verbrenne, am Ende auch Menschen brennen würden, erfolgt 1933 sein Weggang aus Deutschland. Zweig wählt be­wußt Haifa in Palästina als Asyl. Tief im deutschen Kultur- und Sprachraum verwurzelt,fällt ihm die Auswanderung schwer, vollzieht er sie nur aufgrund der jetzt herrschenden natio­nalsozialistischen. Diktatur, erläutert: Dr. Joachim Schlör aus dem MMZ.

Probleme bei der Eingliederung

Anders als viele Auswanderer aus Rußland oder Polen, die sich mit dem Land stärker iden­tifizieren können, stellt ihn die Eingliederung vor große Pro­bleme. Die nun eintretende Le­benssituation bringt Verände­rung. Seine zumindest noch bis Mitte der 30er Jahre vorhande­ne zionistische Haltung be­kommt Risse. Was geschieht, ist eine deutlichere Verankerung in der westeuropäischen Kultur und die Hinwendung zum So­zialismus.

Verlust der kulturell­

geistigen Inspiration

Der Künstler befindet sich in einer Zwiespältigkeit, die für so viele jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert charakteri­stisch ist. Als eines der Opfer des größten intellektuellen Exodus in der europäischen Geschichte, vermißt der Literat nun jenes für ihn so wichtige geistige Klima, das ihn vor 1933 umgab. Der Zionismus aber bietet für ihn nach wie vor

Momente der Identifikation, die Chance des Verlassens der Diaspora. Das Exil bleibt schwierig, befördert vermehrt Desillusionierung.De Vriendt kehrt heim, noch vor seinem Aufenthalt in Haifa veröffent­Kcht, bringt ihm zudem wenig Freunde ein. Die hier formu­lierte Absage an antiarabische terroristische Aktionen drängt ihn weiter an den Rand der Gesellschaft. Isolierung setzt ein.

Briefwechsel mit

Sigmund Freud

Seinen Gefühlen verleiht er Ausdruck, indem er in einem Brief an den von ihm hochge­schätzten Vertrauten Sigmund Freud am 1. September 1935 schreibt:Zum ersten stelle ich ohne Affekt fest, daß ich hier­her nicht gehöre. Und in an den gleichen Adressaten ge­richteten Zeilen vom 15. Fe­bruar 1936 heißt es:Ich füh­je mich falsch. am: TPlatze. Kleine Verhältnisse, noch ver­kleinert durch den hebräischen Nationalismus der Hebräer, die keine andere Sprache öf­fentlich zum Druck zulassen.... Deutschland werde ich in ein paar Jahren wieder offenstehen und mich dann gut brauchen können...

Keine Übersetzung

ins Hebräische

Im Autor gewinnt Unzufrie­denheit verstärkt Raum. Der Grund: Seine Bücher erschei­nen weiter deutschsprachig im bekannten Amsterdamer Exil­VerlagQuerido, Übersert­zungen gibt es sowohl in Lon­don als auch New York. Aber keines seiner Werke erscheint

Arnold Zweig wurde 1887 im schlesischen Glogau geboren, starb 1968 in Berlin. Viele seiner Werke entstanden unter dem Eindruck des Ersten Welt­krieges, in dessen Verlauf er auch ersten Kontakt zum Ostjudentum bekam.

in hebräischer Sprache, er ver­öffentlicht allerdings Essays in der von ihm mitgegründeten ZeitschriftOricnt. Dabei zählt der Deutsche zu denjeni­gen, die ihren Exilort hätten aussuchen können. So besteht etwa die Möglichkeit, in die Nähe Freundes Lion Feuchtwanger nach Amerika zu ziehen.

des

Neuanfang 1948

in Berlin

Arnold Zweig lebt bis 1948 in Palästina, bevor er über Prag nach Berlin gelangt. Hier er­warten ihn günstige Arbeits­bedingungen. Damit befindet er sich durchaus in guter Ge­sellschaft: Auch Exilanten wie

Bertolt Brecht, Friedrich Wolf

Foto: Arnold-Zweig-Archiv

oder Anna Seghersikehren nach Deutschland zurück. Was folgt, ist Ehre und Aner­kennung im späteren DDR­Staat.

Hier äußert sich Zweig nur noch selten zu Themen wie Ju­dentum, Zionismus, dem seit 1948 existierenden Israel, wohl auch um mögliche Kollisionen mit den herrschenden Macht­habern zu vermeiden. Es ge­lingt ihm nicht, sein BuchBi­lanz der deutschen Judenheit (1933) neu herausgeben zu las­sen.

Übrigens: Den Protest gegen die Aggression derherr­schenden Kreise Israels im Sechs-Tage-Krieg 1967 unter­P.G.

schreibt er nicht.

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