PUTZ 5/99
Titel
„Ich fühle mich falsch am Platze.”
Exil Palästina erfüllt Zweigs Erwartungen nicht
Unmittelbar mit ihrer Machtergreifung 1933 lassen die Nationalsozialisten keinen Zweifel mehr am kommenden Umgang mit Andersdenkenden und vermeintlichen Gegnern: der Reichstag lodert in Flammen, erste Konzentrationslager entstehen, die SA vollführt ihr Mordgeschäft, vor der Berliner Universität brennen die Bücher. Arnold Zweig, mit dessen Verhältnis zum Judentum sich kürzlich auch das V. Internationale Arnold-Zweig-Symposium am Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrum(MMZ) beschäftigte, sondiert schon 1932 auf einer Reise mit seiner Frau Beatrice Palästina als Fluchtpunkt nach einem möglichen Sieg Hitlers.
Die prophetische Mahnung Heinrich Heines in dessen Tragödie„Almansor“(1823) vor Augen, daß dort, wo man Bücher verbrenne, am Ende auch Menschen brennen würden, erfolgt 1933 sein Weggang aus Deutschland. Zweig wählt bewußt Haifa in Palästina als Asyl. Tief im deutschen Kultur- und Sprachraum verwurzelt,„fällt ihm die Auswanderung schwer, vollzieht er sie nur aufgrund der jetzt herrschenden nationalsozialistischen. Diktatur“, erläutert: Dr. Joachim Schlör aus dem MMZ.
Probleme bei der Eingliederung
Anders als viele Auswanderer aus Rußland oder Polen, die sich mit dem Land stärker identifizieren können, stellt ihn die Eingliederung vor große Probleme. Die nun eintretende Lebenssituation bringt Veränderung. Seine zumindest noch bis Mitte der 30er Jahre vorhandene zionistische Haltung bekommt Risse. Was geschieht, ist eine deutlichere Verankerung in der westeuropäischen Kultur und die Hinwendung zum Sozialismus.
Verlust der kulturell
geistigen Inspiration
Der Künstler befindet sich in einer Zwiespältigkeit, die für so viele jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert charakteristisch ist. Als eines der Opfer des größten intellektuellen Exodus in der europäischen Geschichte, vermißt der Literat nun jenes für ihn so wichtige geistige Klima, das ihn vor 1933 umgab. Der Zionismus aber bietet für ihn nach wie vor
Momente der Identifikation, die Chance des Verlassens der Diaspora. Das Exil bleibt schwierig, befördert vermehrt Desillusionierung.„De Vriendt kehrt heim“, noch vor seinem Aufenthalt in Haifa veröffentKcht, bringt ihm zudem wenig Freunde ein. Die hier formulierte Absage an antiarabische terroristische Aktionen drängt ihn weiter an den Rand der Gesellschaft. Isolierung setzt ein.
Briefwechsel mit
Sigmund Freud
Seinen Gefühlen verleiht er Ausdruck, indem er in einem Brief an den von ihm hochgeschätzten Vertrauten Sigmund Freud am 1. September 1935 schreibt:„Zum ersten stelle ich ohne Affekt fest, daß ich hierher nicht gehöre.“ Und in an den gleichen Adressaten gerichteten Zeilen vom 15. Februar 1936 heißt es:„Ich fühje mich falsch. am: TPlatze. Kleine Verhältnisse, noch verkleinert durch den hebräischen Nationalismus der Hebräer, die keine andere Sprache öffentlich zum Druck zulassen.... Deutschland werde ich in ein paar Jahren wieder offenstehen und mich dann gut brauchen können...“
Keine Übersetzung
ins Hebräische
Im Autor gewinnt Unzufriedenheit verstärkt Raum. Der Grund: Seine Bücher erscheinen weiter deutschsprachig im bekannten Amsterdamer ExilVerlag„Querido“, Übersertzungen gibt es sowohl in London als auch New York. Aber keines seiner Werke erscheint
Arnold Zweig wurde 1887 im schlesischen Glogau geboren, starb 1968 in Berlin. Viele seiner Werke entstanden unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges, in dessen Verlauf er auch ersten Kontakt zum Ostjudentum bekam.
in hebräischer Sprache, er veröffentlicht allerdings Essays in der von ihm mitgegründeten Zeitschrift„Oricnt“. Dabei zählt der Deutsche zu denjenigen, die ihren Exilort hätten aussuchen können. So besteht etwa die Möglichkeit, in die Nähe Freundes Lion Feuchtwanger nach Amerika zu ziehen.
des
Neuanfang 1948
in Berlin
Arnold Zweig lebt bis 1948 in Palästina, bevor er über Prag nach Berlin gelangt. Hier erwarten ihn günstige Arbeitsbedingungen. Damit befindet er sich durchaus in guter Gesellschaft: Auch Exilanten wie
Bertolt Brecht, Friedrich Wolf
Foto: Arnold-Zweig-Archiv
oder Anna Seghersikehren nach Deutschland zurück. Was folgt, ist Ehre und Anerkennung im späteren DDRStaat.
Hier äußert sich Zweig nur noch selten zu Themen wie Judentum, Zionismus, dem seit 1948 existierenden Israel, wohl auch um mögliche Kollisionen mit den herrschenden Machthabern zu vermeiden. Es gelingt ihm nicht, sein Buch„Bilanz der deutschen Judenheit“ (1933) neu herausgeben zu lassen.
Übrigens: Den Protest gegen „die Aggression“ der„herrschenden Kreise Israels“ im Sechs-Tage-Krieg 1967 unterP.G.
schreibt er nicht.
13